Die ewigen Dinge sind da wo wir ihnen dienen

Das Wertvollste im Menschenleben sind die stillen, heiligen Stunden. Sie sind ja die Brunnenstube aller gefunden, starken, kristallklaren, schöpferischen Gedanken, Worte, Taten. Aus diesen Untiefen quillt und treibt das Schöpferische, Gute, Edle heraus.

GOETHE

Der hier veröffentlichte kurze Auszug aus dem Roman „Das Angesicht des Kaisers“ von Otto Gmelin führt uns in das Jahr 1243 zurück und blättert ein Kapitel der Weltgeschichte auf, das den erbitterten Kampf des deutschen Kaisertums gegen Rom und den weltlichen Machtanspruch des Papstes umfaßt. Friedrich der II. von Hohenstaufen, der bedeutendste Kaiser des Abendlandes, zugleich deutscher König und Herrscher von Sizilien und Jerusalem, entfaltet nochmals die Macht des abendländischen Imperiums zu letztem und höchstem Glanze. Er war der umfassendste Geist seiner Epoche und trug als Herold der Reichsidee ein Jahrhundert in sich. Die Päpste seiner Regierungszeit mißtrauten ihm und waren von seiner strahlenden Souveränität unheimlich berührt. 1239 mar er zum zweiten Male in den Bann getan. Inzwischen schrieb man das Jahr 1243. Papst Gregor IX. war dahingeschieden. Kurz vor der Wahl des neuen Papstes erscheint Kardinal Fiesco, der spätere Innozenz IV., beim Kaiser in Grosselo, und es entspinnt sich folgendes schicksalhafte Gespräch:

Der Kardinal Fiesco wurde von einem Würdenträger empfangen und in das weite, bunt bemalte, mit Teppichen belegte Gemach geführt, in dem der Kaiser auf seinem kostbaren, erhöhten Sessel saß.

Links vor ihm stand Petrus von Vinea, der Justitiar. Nach einleitenden Worten und Entgegnungen fragte der Kaiser, was den Kardinal herführe. Wie er höre, sei es nicht ein Auftrag des Kollegiums. Der Kardinal schien einen Augenblick zu überlegen, begann mit einem höflichen Lücfieln, wie die Kaiserliche Majestät wisse, stehe das Kollegium vor der Wahl eines päpstlichen Herrn; ehe die Verhandlungen begönnen, sei es von Bedeutung, die Stellung der Kaiserlichen Majestät zu einigen Fragen zu kennen. Deshalb sei er gekommen. Hierauf erinnerte der Kardinal den Kaiser an die früheren Verhandlungen, betonte, duli er als Vizekanzler Gregors dieses nicht leichte Geschäft doch gerne übernommen, da er in der Einheit der geistlichen und weltlichen Macht das Heil der Welt erblicke. Er habe mit Befriedigung feststellen können, daß die Kaiserliche Majestät dasselbe Ziel verfolgt habe; die beredte Überzeugung der Kaiserlichen Majestät habe ihn oft so bewegt, dall er an der Kurie und beim Heiligen Vater fast als der Anwalt der Kaiserlichen Majestät angesehen worden sei. Es sei bekannt, daß seine Stellung nicht leicht gewesen, daß er, um dein Frieden zu dienen, oft die kaiserliche Partei ergriffen und vielleicht manchmal zu warm die kaiserlichen Angebote vertreten habe. Doch sei es mit der Überzeugung geschehen, daß die Kaiserliche Majestät das Gute wolle und die wahren Rechte der heiligen apostolischen Kirche nicht antaste. Vielleicht habe auch eine persönliche Achtung der Kaiserlichen Majestät zugrunde gelegen, deren Gast und Freund zu sein ihm manchmal vergönnt gewesen sei. An all dies habe er sich erinnert, jetzt, wo die Wahl eines Statthalters Christi nahe bevorstehe. Er wisse, daß er einen entscheidenden Einfluß auf das Kollegium der Kardinale ausübe, darum sei er gekommen, die Kaiserliche Majestät selber zu fragen, wie sie sich die Gestaltung der künftigen Beziehungen zum Apostolischen Stuhl denke. Was die Kaiserliche Majestät jetzt äußere, bleibe zwischen ihnen vertraulich; er gelobe, daß kein Mensch von ihm etwas über diese Unterredung und die Äußerungen der Kaiserlichen Majestät erfahre. Doch er hoffe, so dem Frieden dienen zu können.

Der Kardinal schwieg. Der Kaiser ließ einige Augenblicke verstreichen, ehe er antwortete: Die Anfrage erfreue ihn. Als Unterhändler, der für seinen Standpunkt stets Verständnis gezeigt, dessen klaren Geist er kenne, habe er den Kardinal geschätzt. Er antworte daher gerne und ohne Rückhalt: Lösung vom Bann sei erstes Erfordernis des Friedens.

Der Kardinal nickte, lächelte: Es käme nicht auf diese Dinge an, nicht auf Bedingungen. Darüber werde man sich einigen können. Vielleicht sei es möglich, die Wahl der Kardinäle so zu lenken — mit Gottes Hilfe! —, daß der Kaiserlichen Majestät und der apostolischen Kirche in gleicher Weise gedient sei. Auf die Grundsätze käme es an. Es sei nicht zu verkennen, daß man vor einer grundsätzlichen Stellungnahme stehe. Viel hänge von den Entscheidungen ab. Die Kirche selber sei gefährdet, der Glaube sei vielfach erschüttert.

Der Kaiser schien aufzuhorchen. Sein Auge lag fest auf dem Kardinal. Er betonte, daß er die Ketzergesetze der Kurie unterzeichnet und in vielen Fällen ihnen gemäß gehandelt, er selber habe dem Reich erst Ketzergesetze gegeben. Worauf der Kardinal mit einem Aufleuchten in den Augen: Dies seien Staatsmaßnahmen. Was tiefere Einsicht schauen lasse, was der Staatsmann vor den Völkern aussprechc, seien zwei Dinge. Auch Gott sei tiefer, als es der Torheit der Völker erscheine. Es sei bekannt, daß des Kaisers Vernunft weiter reiche, daß er die Schriften der Alten studiert habe. Auch Ungläubige standen ihm nah. Die Kirche werfe der Kaiserlichen Majestät nicht ohne greifbare Gründe ketzerische Gesinnung vor. Er sei hier nicht im Auftrag der Kirche. Aber bekannt sei, daß des Kaisers Handlungen nicht der Anhaltspunkte entbehrten, aus denen zu schließen sei, daß ihn der Glaube nicht binde.

Der Kaiser folgte ernst, aufmerksam den Worten des Kardinals. Als dieser schwieg, erwiderte er:

„Unsere Handlungen sind aus Unserem kaiserlichen Amt. Wo sie imvollkommen sind, ist es Unserer Person nicht ganz gelungen, dieses Amtes Dienst zu tun. Doch nur dies Amt ist der Boden.“

Der Kardinal nickte: Gewiß verstehe er so die kaiserliche Haltung. Doch hier eben stecke die Frage: Zwei Kräfte könnten keine Einheit werden. Der Person in ihrer Schwäche sei die Vernunft Stütze, aber dieselbe Vernunft sei gefolgt vom Zweifel. Nichts sei gegen Zweifel geschützt, Gott selber habe ihn mit der Vernunft gegeben. Auch an des Amtes Hoheit könne er sich wagen, der sonst nur der heiligen Kirche Säulen wanken mache.

Die Augen des Kaisers zuckten auf: Das Amt sei ins Herz gelegt wie andere Gewißheit. Der Zweifel komme wohl, doch er könne die Gestalt ewiger Dinge nur wandeln, nie vernichten. Fiesco schwieg, sah in das Angesicht des Kaisers. Es war frei und fast strahlend von der Helle eines Gedankens. Vorsichtig, langsam sagte Fiesco:

„Wer einmal die Ungewißheit menschlicher Dinge aus der Vernunft erkannt hat, fällt gläubig der Gnade zu Füßen, die die Kirche ihm bietet, oder er stürzt in den Ozean des Nichts.“

Einen Augenblick war Stille. Petrus von Vinea sah beinahe zitternd den kaiserlichen Herrn an. Der Kardinal stand, mit kleinen Augen lauernd. Auf einmal erhob sich der Kaiser; mit einer leichten Gebärde der Hand sagte er wie triumphierend:

„Herr Kardinal, ohne Glauben zu leben ist keinem Menschen möglich. Die ewigen Dinge sind da, wo wir ihnen dienen. Seht diese Welt, hat sie nicht Ordnung in allen Dingen? Wir wollen versuchen, die Ordnung zu mehren. Davon hat der Kaiser sein Amt. Das ist Gottes Wille.“

Es entstund eine feierliche Stille, der Kaiser schritt mehrmals durch den Raum, stand dann einige Schritte vor dem Kardinal, sagte:

„Wir gründen Uns auf Uns selbst und auf Gott in Uns. Wir können nicht anders als sein, was Wir sind. Wir müssen dem übermächtigen Gebot gehorchen. Erwählt hat Gott Unsere Person und erhoben über die Reiche. Unser Geist hat zu wachen und zu schützen, zu ordnen und zu gründen. Unsere Person ist Unser Amt und das Amt die Person.“

Abermals war Stille. Die Worte des Kaisers hallten in den Herzen nach. Unbeugsame Stärke und die ungezwungene natürliche Hoheit klang aus ihrem Ton. Sie fühlten es wie eine Gewißheit, aber sie begriffen es nicht. Fiesco und Petrus stunden mit gesenktem Haupt, wagten nicht aufzuschen. Dem Kardinal sank der Kopf zwischen die Schultern, diese rückten zusammen, der Rücken bog sich. Fast ohne. Willen stieß er zweimal hervor: „Aber woher? Aber woher?“

Des Kaisers Majestät stand frei. Ein Licht, vom Sonnentag draußen ein Widerschein, glänzte und seine rötlichen Locken. Sein Auge war durchdringend, doch klar.

„Warum fragt Ihr immer wieder von neuem? Wißt Ihr es nicht, fühlt Ihr es nicht? Wie könnt Ihr leben, wie Euer Werk tun? Wehe dem, der es verliert, wenn ihm hinter dem Zweifel nicht der Glaube ersteht. Er wird vergehen und ein Nichts sein, ehe er gestorben ist.“

Petrus blickte scheu. Die Wirrnis flatterte verzweifelt in ihm. Fieseo fand den Blick der Majestät nicht. Er stürzte, stürzte den Sturz der Verdammten, endlos, unter ihm war nur Abgrund. Petrus sah ihn wie einen Besiegten, Stürzenden, sein entfärbtes Gesicht, seinen von Schmerz und Hohn verzerrten Mund, aber es war ihm, als würde er mitgerissen. Auf einmal hob Fiesco das Auge, er begegnete dem Blick des Justitiars, es war wie ein Einverständnis, wie ein Bündnis der Kreatur gegen das Unbegreifliche. Aber dann dröhnte es noch einmal über sie, daß jeder wieder zitternd allein war:

„Daß die Zeit erfüllet werde, haben Wir von Gott Unser Amt.“

Die Stille wölbte sich über die drei Menschen. Die Zeit rauschte donnernd über sie hin. Das Schicksal stand vor ihnen. Der Kardinal faßte sich zuerst. Als sei dies nicht von Bedeutung, sprach er von der Politik, begann von den Friedensbedingungen des Kaisers. Das Gespräch zog sich hin, wurde sachlich, ergab nicht viel Neues. Der Kaiser und Petrus von Vinea setzten noch einmal fest, was man forderte, wie man den Frieden dachte, was man bot. Fiesco war manchmal zerstreut, fragte manches zweimal. Nach einer Stunde saß er wieder auf dem Pferd. Sein Hirn schien zu sieden, sein Herz fieberte, die Welt um ihn war ein verschwommener Traum.

Der Kaiser blickte Petrus an:

„Was wollte er?“

Petrus versuchte, das Lächeln des Kaisers zu erwidern:

„Die Probe, Majestät. Ich fürchte, er wird der Feind Eurer Majestät.“

Der Kaiser nickte:

„Kleine Menschen vertragen keine Helle, sie verdorren darin.“

Petrus sagte, fast als wolle er den Kardinal entschuldigen:

„Er sucht…“

Aber der Kaiser:

„Warum bei Uns? Warum bei anderen? Wir wollen Uns bereit halten.“ Der Kaiser ging.

Petrus stand allein, stürzte in den Stuhl, vergrub die Hände im Gesicht, „kleine Menschen“, murmelte er immer wieder.

Die Einzelnen Abschnitte zur Deutschen Geschichte:
Germanen der älteren Bronzezeit (um 1600 v.Chr)
Theoderich der Große
Hermann der Cherusker (Arminius)
Die Krone des Heiligen Römischen Reich
Karl der Große
Sachsenherzog Widukind
Otto der Große
Kaiser Heinrich II.
Siegel Otto des Großen und Heunrichs IV.
Der Bamberger Reiter
Heinrich der Löwe
Kaiser Friedrich I. (Barbarossa)
Rudolf von Habsburg
Kaiser Maximillian I.
Kaiser Karl V.
Martin Luther
Albrecht Wallenstein, Herzog von Friedland
Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst
Prinz Eugen
Friedrich der Große
Kaiserin Maria Theresia
Kaiser Josef II.
Erzherzog Karl von Österreich-Teschen
Andreas Hofer
Das letzte Aufgebot (1809)
Freiherr vom und zum Stein
Gebhard Leberecht Fürst von Blücher
Gerhard von Scharnhorst
Ernst Moritz Arndt
Der Wiener Kongreß
Kaiser Wilhelm I.
Otto von Bismarck
Reichspräsident Hindenburg
Der Berliner Kongreß
Krieger vom Grabmal des Unbekannten Soldaten
Conrad von Hötzendorf
Heldenfriedhof der Tiroler Kaiserjäger am Pordoijoch in den Dolomiten
Erich Ludendorff
Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler
Großdeutschland entsteht!

Landkarten Deutsche Geschichte:
Die germanische Weltherrschaft zur Zeit des Theoderich
Das Reich Karls des Großen
Das Heilige Römische Reich auf der Höhe seiner Macht : Deutschland um 1197
Die Auflösung des Heiligen Reiches um 1500
Der Kampf um das Zweite Reich
Das deutsche Sprachgebiet in Europa