DIE GEISTESBILDUNG IM DEUTSCHEN BAROCK

Wie die Grundlagen der deutschen Barockkunst, so beruhen die der höfischen und aristokratischen Bildung dieser Zeit auf der Kultur der höfischen Kreiseltaliensund Frankreichs.Um 170a wurde dasFranzösischedie offizielle Umgangssprache der deutschen Höfe. In Wien und München herrschte daneben das Italienische. Die lateinische Sprache diente zu Staatsschriften diplomatischen und genealogischen Charakters, zu Inschriften der Festtrophäen, der fürstlichen Grabmäler, die von eigenen Hofhistoriographen abgefaßt wurden. Das Verhältnis der Fürsten zur antiken Literatur, Geschichte und Mythologie ging nur so weit, als sie darin ein Mittel zu ihrer eigenen und zur Verherrlichung ihres Hauses sahen. Sie alle lassen sich als antike Heroen darstellen: Leopold I. (Abb. 1) und sein Nachfolger, der Große Kurfürst und Friedrich I., August der Starke (Abb. 8) und Max Emanuel. So erscheinen sic nicht nur in den Götterfestzügen, sondern auf Gemälden, auf Denkmälern und in Statuetten. Der rauschende Stil dieser römischen Barockhelden auf den trabenden oder dem en Courbette aufbäumenden rams-nasigen Pferde offenbart das Ideal, das sich der Barock von „der Römer Zeiten“ und „der Antiquen ihrem Gout“ zurechtgemacht hat. Aus dem gleichen Pathos sind die allegorischen Darstellungen der antiken Götterwelt geboren, die jetzt die Decken der Schlösser verherrlichen — die von den Malern der Berliner Akademie gemalten Decken der Paradekammern König Friedrichs I. im Berliner Schloß sind das beste Beispiel —, aus demselben Pathos die Götter und Helden der italienischen Oper, die in Wien von Metastasio gedichtet wurden. Und die bald tragischen, bald lyrischen Gestalten der griechischen und römischen Geschichte, der französischen Tragödien und Romane sowie in den heißbegehrten flandrischen und französischen gewirkten Bildteppichen gesellen sich hinzu. Man suchte nur sich selbst in der Antike. Weitaus am höchsten standen in der allgemeinen Schätzung die schweren und dramatisch bewegten spätrömischen Gruppen, der Laokoon, der Farnesische Herkules, der Apoll von Belvedere, die Mediceische Venus, der Gladiator, der Zentaur und der Faun, die in den päpstlichen Gärten immer wieder bewundert und studiert werden. Sie finden sich bereits in malerischer Umstilisierung in den Kupferstichen von Joachim Sandrarts teutscher Akademie, einem Werk, das für die Vermittlung des römischen Barock und der römischen Altertümer grundlegend wurde. Wir finden Gipsabgüsse dieser römischen Werke z. B. auch in der Berliner Akademie zur Zeit Schlüters. Erst damals begannen in Deutschland eigentliche Antikensammlungen sich von den Kunst- und Wunderkammern des 17. Jahrhunderts loszulösen. In Berlin entstand die Sammlung Friedrichs I., in Wien die des Prinzen Eugen, in Dresden die Augusts des Starken, wozu 1723 der Grundstein durch den Ankauf der brandenburgischen Sammlung gelegt wurde. Allein das wissenschaftliche Interesse trat vor dem dekorativen Interesse in den Hintergrund, was allein schon durch die barocken Ergänzungen der Torsi dargetan wird. Nicht das antike Rom, sondern das Rom des Barock, wie es die Stiche des Falda und später des Piranesi darstellen, beschäftigt die Phantasie der Gesellschaft und der Künstler. Hier, in dem Rom des 17. Jahrhunderts, in dem Rom Urbans VIII., Innozenz X. und Alexanders VII. Chigi, in dem Rom des Bernini und Borromini liegen die Quellen für so viele deutsche Gedanken dieser Zeit. Die Reise nach Rom gehört zur Ausbildung der Fürsten, Edelleute und Künstler, die etwas auf sich halten. Von Rom und anderen Mittelpunkten des italienischen Barock übernehmen unsere Höfe die italienische Oper, die italienische Musik und italienische Karnevals- und Festgebräuche, die während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine tiefgehende Einwirkung auf die Kultur der deutschen Gesellschaft ausgeübt haben. Noch Friedrich der Große sendet seinen Baumeister Knobelsdorff und seinen Kapellmeister Graun nach Rom und Venedig, um für die neubegründete Berliner Oper Sänger, Tänzer und Musiker anzuwerben.

Neben der italienischen Kunst- und Geistesströmung gewinnt seit rund 1700 die französische höfische Kultur zusehends an Einfluß. Von Paris und Versailles geht namentlich die elegantere Lebensform aus. An den Hof des Sonnenkönigs reisen die jungen Prinzen und ausgesuchte Künstler, um den neuesten Geschmack in allen Dingen der feineren Lebensführung, der Etikette, der Mode wie des Bau- und Gartenwesens zu studieren, Ludwig XIV. wurde vorbildlich für das in strenger Steigerung geregelte Hofzeremoniell. Wie der König speiste, wie er empfing, wie er aufstand und zu Bette ging, wurde nachgeahmt. Am stärksten ist die Berührung mit seinem Hofe bei Max Emanuel von Bayern und seinem Bruder Joseph Clemens, dem Kölner Kurfürsten und Erbauer der Schlösser Bonn und Poppelsdorf, die beide in Paris in der Verbannung gelebt hatten. Man versteht es, daß die großen Pariser Schloßbaumeister de Cotte und Boffrand die Berater des Geschmacks dieser und einer Reihe anderer deutscher Fürsten wurden. Der Wiener Hof unter Karl VI. stand stärker unter der Einwirkung der spanisch-italienischen Etikette, wie denn auch die Wiener Baukunst von der französischen weniger berührt worden ist. Besonders empfänglich zeigten sich dem französischen Geschmack gegenüber die Damen. Wir finden die Neigung bereits bei der Gemahlin Friedrichs I.. Sophie Charlotte. Auch Sophie Dorothea hat entgegen ihrem bäuerischen Gemahl, Friedrich Wilhelm I., der französischen Bildung gehuldigt. Sie hat die Neigung dafür auch ihren Kindern Friedrich und Wilhelmine eingepflanzt. Die Überlegenheit der französischen Geisteskultur über die deutsche war in der Tat bedeutend. Eben hatten Dichtung und Philosophie in Frankreich ihren Höhepunkt erreicht. Die Sprache hatte eine unübertreffliche Klarheit gewonnen. Was konnten wir den Geistesheroen des Siede de Louis Quatorze, was den Racine, Corneille, Moliere, la Fontaine, Fenelon, Bossuet, in deutscher Sprache an die Seite stellen? Gegen das große französische Theater erschienen die Schauspiele des Gryphius und anderer Deutscher des 17. Jahrhunderts wie Hanswurstiaden. Die deutsche Dichtung hatte sogar gegenüber der Zeit des Opitz, des Angelus Silesius und des Grimmelshausen an Kraft und Ausdruck verloren. Den Höfen diente sie neben dem Lateinischen zur Verzierung und Verherrlichung der großen Feste. Ausführliche Beschreibungen in bombastischer Sprache, von Kupfern begleitet, wurden von den bestallten Hofpoeten herausgegeben. Am brandenburgisch-preußischen Hofe wirkten in diesem Sinne Canitz und Besser: der letztere ging nach Friedrichs I. Tode an den Hof Augusts des Starken, wo ihm Johann Ulrich von König folgte. Die Schöpfung von Königs Muse ist das Gedicht „August im Lager“, worin das von August dem Starken seinen Gästen Friedrich Wilhelm I. und dem Kronprinzen Friedrich 1730 bei Radewitz gegebene Lustlager besungen wird. Pietsch feierte den Sieg Karls VI. über die Türken bei Belgrad, und Günther den Kriegsruhm des Prinzen Eugen in langen Oden. Bedeutsamer ist die Wirksamkeit der Hofhistoriographen. In ihren Arbeiten zur Geschichte der Dynastien ist eine Fülle historischer, genealogischer und pragmatischer Forschung aufgespeichert, die heute noch der Geschichtswissenschaft reichen Stoff liefert. Drei der trefflichsten Köpfe des deutschen Barock sind hier zu nennen: Puffendorf, der Geschichtsschreiber des Großen Kurfürsten, Thomasius und Leibniz (Abb. 10), der die Geschichte des Hauses Braunschweig-Lüneburg zu bearbeiten hatte. Auch sie mußten sich fast ausschließlich des Lateinischen bedienen. Leibniz schrieb daneben auch Französisch. Die Bestrebungen der beiden letzteren Männer, dem Deutschen Eingang in die Gelehrtenwelt zu verschaffen, blieben zunächst noch „unvorgreiffliche Gedanken“. Für den Hof war die Wissenschaft dienstbarer Geist. Die Freundschaft Leibnizens mit Sophie Charlotte, die er mehrmals in dem Schlosse Charlottenburg besuchte, und der die Theodice gewidmet ist, ist eine der wenigen Ausnahmen. Der Gelehrte wünscht sich wiederholt von Hannover nach Paris oder London, da er niemanden findet, mit dem er sich besprechen kann. „Es ist hier zu Lande nicht hofmännisch,“ sagt er, „sich von gelehrten Dingen zu unterhalten.“ „Als er begraben wurde,“ berichtet sein Schüler Eckardt, „war das einzige zu verwundern, daß, da der ganze Hof ihm zu Grabe zu folgen invitiert war, außer mir kein Mensch erschienen, so daß ich dem großen Mann die letzte Ehre einzig und allein erwiesen.“ Im Mittelpunkt der Interessen der höfischen Gesellschaft standen andere Dinge; neben der Diplomatie und dem Staatswesen das Militär, die Jagd, die festliche Geselligkeit und damit zusammenhängend die Baukunst und die Gartenkunst.

Ganz besonders sticht in dem höfischen Leben die mit höchster Kunst ausgebildete Etikette hervor. Es wird mit äußerster Peinlichkeit bei den Staatszeremonien jeder Schritt, jede Geste beachtet. Der Zutritt zu den Audienzgemächern des Fürsten führte durch eine Flucht von Vorzimmern, die eine stufenweise Steigerung der Würde und des Prunks einhielten. Bei Besuchen fremder Fürstlichkeiten wird jedesmal genau verzeichnet, wie weit der Gastherr den Fremden entgegengeht, ob er sie, was wohl nur bei kgl. Hoheiten geschah, vor dem Schloßaufgang im Ehrenhofe, ob er die ‚Ankommenden an der Treppe oder erst in seinen Gemächern empfing. Bei der Zusammenkunft Karls VI. mit Friedrich Wilhelm I. bei Karlsbad wird die Einrichtung getroffen, daß die beiden hohen Herren zugleich von beiden Seiten in den Saal treten, damit kein Rangunterschied zum Ausdruck kommt. Die Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth erzählt in ihren „Memoires“, dem zweifellos geistvollsten deutschen Werk dieser Gattung, welche Schwierigkeiten beim Besuch des markgräflichen Paares am Hofe des Fürstbischofs Karl Friedrich von Schönborn in Pommersfelden die Etikettefragen bereiten. Es wird mit dem Zeremonienmeister lange vorher hin- und hergestritten über die Anrede, die dem Fürstbischof zukommt, ob „Hoheit“, „Euer Gnaden“ oder nur „Euer Lieben.“ Nachdem dieses glücklich vorüber, kommt es dennoch zu den üblichen Rangstreitigkeiten zwischen den reichsgräflichen Schwestern des Fürstbischofs und den Damen des markgräflichen Gefolges. Es herrscht eine allgemeine Sucht nach Titelerhöhungen, nach Orden und nach glänzendem Prunk. Dem Hof-, Militär- und Beamtenadel strebten die edlen und patrizischen Geschlechter der großen Reichsstädte nach. Auch die emporgekommenen reichen Familien des Kaufmanns- und Gewerbestandes gaben ihrer Lebensführung den vornehmen Anstrich der höfischen Gesellschaft. Ohne Kenntnis der gesellschaftlichen Verhältnisse ist die barocke Schloßarchitektur nicht zu verstehen. Ganz merkwürdig mutet uns die Beobachtung an, daß die kunstvolle Etikette von den Zeitgenossen selbst so häufig als ein Zwang empfunden wird, dem sie sich dennoch wie einer höheren Macht beugen. Fast stets kommt es bei den großen Empfängen und Krönungsfesten zu Ohnmachtsanfällen der gefeierten Fürsten. Die Last der Perücken und der goldgestickten Staatsgewänder trug das Ihrige dazu bei. So flüchtet sich denn der prunkliebende Max Emanuel in seine Klause im Nymphenburger Park, und Kaiser Karl VI., der auf strengste spanische Etikette hielt, fühlte sich am glücklichsten auf der Jagd mit wenigen Freunden. Ein Mann, wie Friedrich Wilhelm I., war geradezu ein ausgesprochener Feind allen Prunkes, der Galanterie und der französischen Bildung. Er trug stets die blaue Uniform des Potsdamer Garderegiments und saß am liebsten mit Jagdgenossen in seinen Jagdschlössern Stern bei Drewitz und Königswusterhausen. Es leben eben trotz der fremden Bildungstünche die eingeborenen Kräfte auch in dem Barockzeitalter fort. Ein Beweis ist auch die Liselotte von der Pfalz, die den Bruder Ludwig XIV. heiratete, aber inmitten der französischen Hofgesellschaft ihr urwüchsiges Naturell bewahrt. Das gilt in viel höherem Maße von den breiten Schichten des Volkes, des kleinen Bürgertums und des Bauernstandes1). Unbekümmert um die Courtoisie und Mode der höheren Stände ging die breite Masse des Volkes ihre alltägliche Bahn fort. Eine überragende Stellung in der Geistesbildung dieser Kreise kommt, wie wir später zeigen werden, damals noch der Kirche zu. Welch ein starker Strom ungebrochener nationaler Kraft wirkte noch in den Volksbüchern, in den Wander- und Kriegsliedern, wie im ,,Prinz Eugenius der edle Ritter“, in Sinn- und Kernsprüchen, in Sitten und Hausrat des Volkes weiter! Es ist allerdings nicht zu leugnen, daß durch die Vorherrschaft der fremden Bildung in den höheren Schichten eine in vollem Sinne volkstümliche Kunst und Kultur, wie im Zeitalter Dürers, außerhalb der Kirche erschwert wurde. Es liegt in diesen Zuständen teilweise auch die Quelle für die tiefe Kluft zwischen den Gebildeten und dem Volke. So sagt Herder zur Kennzeichnung dieser Epoche: ,,Mit wem man Deutsch sprach, der war ein Knecht, ein Diener. Dadurch also hat die deutsche Sprache nicht nur den wichtigsten Teil ihres Publikums verloren, sondern die Stände selbst haben sich dergestalt in ihrer Denkart entzweit, daß ihnen gleichsam ein zutrauliches gemeinschaftliches Organ ihrer innigsten Gefühle fehlt. Ohne eine gemeinsame Landesund Muttersprache, in der alle Stämme als Sprossen eines Baumes erzogen werden, gibt es kein wahres Verständnis der Gemüter, keine gemeinsame patriotische Bildung, keine innige Mit- und Zusammenempfindung, kein vaterländisches Publikum mehr.“

Und doch hat sich auch damals das unverwüstliche und so starken Gefahren der Überfremdung ausgesetzte eingeborene Gefühl unseres Volkes behauptet. Am stärksten gestaltet es sich in der Baukunst. In ihr vereinigen sich Vornehme und Volk zu gemeinsamer Arbeit. Ein einheitlicher Pulsschlag ist den besten Schöpfungen gemeinsam. Viele der großen Baumeister und Bildner steigen aus der Tiefe des Volkes, aus dem Maurer-, dem Zimmerer-, Stukkatoren- und Tischlerhandwerk empor. Damals kamen auch stetig und langsam aus dem kleinen Handwerkerstande Fabrikantenfamilien auf, wie unter den Garnbleichern, Färbern und Waffenschmieden im Bergischen und unter den Webermeistern Sachsens, die den Grund zur Blüte der Industrie in der Spätzeit des Jahrhunderts legten. Endlich ist noch der großen Chemiker der Barockepoche zu gedenken, unter denen Tschirnhausen und Böttger, die Erfinder des Porzellans, und Kunkel, der Verbesserer der Glasfabrikation, hervorragen. Es ist doppelt bewunderswert, daß gerade aus dem phantastischen Brauen und Brodeln dieser Adepten- und Goldmacherküchen so viele sachliche Ergebnisse hervorgegangen sind. Am hellsten aber erleuchtet den Eingang des Jahrhunderts der Genius des Leibniz. Er ist der tiefste und reichste Geist des deutschen Barock, fast bedrängt von seiner allumfassenden Gelehrsamkeit und dem rastlosen Forscherdrang. Die mathematischen und logischen Ideenreihen des Des Cartes und die Erfahrungen der englischen Philosophen und Naturwissenschaftler vereinigen sich in seinem System. Die beseelte Monade und die prästabilierte Harmonie seines Weltbildes bezeichnen eine ähnliche Bereicherung und Erweiterung der Gedanken des Barock, wie sie auch die Baukunst auf deutschem Boden vollzieht. Als die dritte im Bunde gesellt sich zu ihnen die deutsche Musik des Barock, die in Händel und Bach gipfelt.

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung
ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS
POLITISCHER UND SOZIALER ZUSTAND DEUTSCHLANDS IM ZEITALTER DES BAROCK