Die Grosse Berliner Kunst-Ausstellung

Über die große Berliner Kunstausstellung schreiben, ist für den ernsten Kritiker, handelt es sich nicht um Sonderabteilungen, selten eine Freude, und die Mühe, einigermaßen gewissenhaft — der Ausstellungsbesucher macht sich von der Arbeit kaum eine Vorstellung — aus den 2500 Nummern das Akzeptablere herauszunehmen und zu werten, ist ihm kaum zu vergelten. Begnügen sich die meisten doch mit einer Aufzählung von Namen, die durch die stets gleichen Redensarten in Zusammenhang gebracht werden. Ein größeres Publikum wird nicht leicht verstehen, warum der Kunstkenner an dem dort Gebotenen keinen Gefallen findet — die Bilder sind doch alle so schön — und hält eine Ablehnung für die Folge eines Parteistandpunktes, von dem aus nun diesen Künstlern Unrecht geschehe.

Doch dem ist durchaus nicht so, und wir sind nichts weniger als einseitig, denn wir schätzen die gute Kunst jeder Richtung, neben Cezanne z. B. unseren Oberländer. Der Grund aber für die Ablehnung des Kenners und den Beifall des Laien ist da zu suchen: es ist heute nichts seltener, als die Erziehung des Auges; daher noch weniger gute Kritiker als gute Maler. Spielt ein Musiker einen falschen Ton, so hört dies jeder Musikalische heraus, er braucht sonst garnicht allzuviel von Kunst zu verstehen; setzt aber der Maler einen „falschen Ton“ auf die Leinwand, — am Lehrter Bahnhof ist dies die Regel — so sehen es die wenigsten. Und weil sie es nicht sehen, — was wäre auch schwieriger? — bleiben diese Bilder für sie doch schön. In der Musik ist es ja das gleiche: den Unmusikalischen entzückt die Melodie, auch wenn sie noch so unrein gespielt wird.

Er kennt den Unterschied nicht. Zwischen den Bildern am Lehrter Bahnhof und dem, was wir unter Kunst verstehen, klafft daher der gleiche Unterschied, wie etwa zwischen der Tannhäuser-Ouvertüre, die im Sommer bei Kroll gespielt wird, und der, die wir vom philharmonischen Orchester unterMucks Leitung im Winter im Opernhaus hören. Nun ist es ganz selbstverständlich, daß wir nicht von jedem Orchester solche Meisterleistung verlangen können und daß es viele gibt, die sich mit der Darbietung bei Kroll begnügen, daran erfreuen.

Nur darf man dem Kenner nicht verargen, wenn er der Ansicht ist, die Maler am Lehrter Bahnhof zögen aus der Natur nicht mehr heraus, verdeutlichten ihren Eindruck nicht reiner und zwingender, wie etwa der Dirigent und seine Leute bei Kroll es der Komposition des großen Musikers gegenüber vermögen. Das Motiv ist in beiden Fällen das gleiche, der Unterschied liegt in der Behandlung. Daß beide Veranstaltungen in unserer Zeit nicht zu umgehen sind, sehen wir sehr wohl ein, und solange es Akademien gibt, die ein Gros von Malern heranziehen, wird es Ausstellungen wie die „Große Berliner“ geben. Man geht aber fehl, wenn man behauptet, daß wir ungerechte Anforderungen stellen; wir begnügen uns im Gegenteil mit dem schlichtesten Bild, sofern es ein reines Kunstwerk ist.

In diesem Falle liegt es aber anders, nämlich genau so wie in der Musik: ein Volkslied von einer Bauerndirn rein und ausdrucksvoll gesungen (oder auch ein moderner Gassenhauer von einem Kabarettisten), ist für ein empfindliches Ohr bessere Kunst als eine schlecht gespielte Wagnerouvertüre; in den Bildern am Lehrter Bahnhof handelt es sich aber zumeist um eine Kunstgattung dieser Art, und wenn ein renegatischer Berliner Kunstkritiker, für den früher in einseitigster Weise nur der Leibl-Liebermann-Kreis existierte, sich heute auf seiten der „Großen“ schlägt und behauptet, dort beginne die „ Ideenmalerei “ wieder, das Handwerk sei diesen nicht Selbstzweck, so beweist er damit nur, daß seine früheren Urteile mehr auf der Schärfe seines Ohres als der Erziehung seines Auges beruhten.

Dieser Art Ideenmalerei gab es am Lehrter Bahnhof stets, und in der Kammer der nach Hunderten zählenden Refüsierten wird sie wohl neun Zehntel ausmachen. Wir dagegen haben am Lehrter Bahnhof von jeher nach den vereinzelten schlichten, anspruchslosen Leistungen gesucht und diese gern herausgestellt vor die Arbeiten jener, die nicht wissen, daß sie den Aufgaben, die sie sich wählen, garnicht gewachsen sind, daß sie diese Themata, die nach der Kraft des Genies rufen, mißhandeln, wie eine Dorfkapelle die 9. Sinfonie.

So ist es im Grunde nicht Sache des Kenners, über derartige Ausstellungen zu urteilen — wie gesagt, wer aus der Berliner Oper kommt, hört das gleiche Stück nicht gern noch einmal in einem Provinz-Theater, und doch erfreuen sich dort Hunderte daran —; es ist eine Sache des großen Publikums, je nach dem Geschmack des einzelnen, sich das Seine auszusuchen. Hier fragt jeder: „Was stellt es dar?“; schon gut, auch wir sind für, nicht gegen den Stoff; nur vergesse man nicht, daß nur die reinsten, stärksten und oft schlichtesten Mittel dem Stoff seine eigensten Geheimnisse entlocken, ihn zum Reden bringen. Von diesem Standpunkt aus sind wir gerade gegen das, was hier als Ideenmalerei auftritt, da sie zumeist von solchen gepflegt wird, die dem Einfachsten die Zunge nicht zu lösen vermögen, und entscheiden uns für einen Teil der Landschaftsmalerei, die in diesem Jahre vornehmlich in den Düsseldorfer Sälen die Höhe eines anerkennenswerten Durchschnitts erreicht.



Es kann den Düsseldorfer Künstlern garnicht hoch genug angerechnet werden, daß gerade sie, die so lange im Ruf der gemalten Histörchen und Anekdötchen standen, alles derartige aus ihren Räumen verbannten, auf die oben erwähnte mißverstandene „Ideenmalerei“ größtenteils verzichten und sich als in einem unmittelbaren, frischen und gesunden Verkehr mit der Natur einführen. Ich möchte hier an erster Stelle die beiden kleinen Landschaften von Ernst Hardt nennen; besonders die „Im Sonnenschein“, in der mit bemerkenswerter Sicherheit und Einfachheit des Striches und Klarheit und Bestimmtheit unaufdringlicher Töne das Motiv belebt wird. Neben ihm könnte noch auf manches andere Bild aus den Düsseldorfer Sälen gewiesen werden. Wende ich mich nun gar zu der „Sonder-Kollektion“ von Gerhard Jansen — der besten unter den heurigen —, so müßte ich sagen : der Mann ist so talentvoll, daß seine Art mir schon einen anderen Maßstab in die Hand zwingt, einen, der sich bald gegen ihn richten würde ; doch dann wäre ich genötigt, den Standpunkt dieses Berichtes überhaupt zu verlassen: Jeder Gegenstand zwingt uns den Grad der Beurteilung auf. So wird der Ausstellungsbesucher bald erkennen, daß er es in diesen Bildern, neben wenigen anderen, mit dem Ausgereiftesten zu tun hat, dem er hier begegnet.

Die Ausstellung am Lehrter Bahnhof ist in diesem Jahr reizloser als sonst wohl, weil anregende retrospektive Veranstaltungen fehlen. Die Abteilung „Städtebilder“ vermag jene nicht zu ersetzen. In ihr bemerkten wir einiges von Thoma, Trübner, Schönleber, das der Erwähnung wert wäre. Im ersten großen Skulpturensaal dominieren zwei Figuren von Metz-ner; doch nicht nur, daß sie hier das Niveau los in der Farbe, wie konventionell in Auffassung und Arrangement, ein rechterAkademielehrer-lmpressionismus.

Als geistig und im Vortrag verwandte, d. h. aus demSinne einer volkstümlichenDenkarther-vorgegangene Arbeiten wären die „Bretonischen Typen“ von Jvan Thiele, die „Einholung der Braut“ von O. H. Engel und die „Schwälmer Jungen“ von Thielmann zu nennen. Früher begegnete man nicht ohne Vergnügen noch ähnlichen Bildern von Bantzer und Winter, die diesmal fehlen. Es ist gesunde Volkskunst, sachlich und echt innerhalb der Grenzen solcher Begabungen gehalten, wie in der Literatur etwa die Dichtungen des Pastors Frenssen. Man sieht diese Kunst jedenfalls lieber als einen verlogenen und hohlen Impressionismus.

Das ausgesprochene Gegenteil solcher Künstler, bei denen gesundes Empfinden, sichere Charakter-Beobachtung und ein schlichtes, aber hinreichendes Können in schönem Gleichgewicht einander die Balance halten, ist Arthur Kampf.

Bei ihm steckt alles im Handwerk; aber das eigentümliche ist, daß dieses hin und wieder jene Grenzen erreicht — und zwar dort, wo es mit den geringsten Mitteln arbeitet, nur mit der wie im Fluß hingeschriebenen Kontur —, da das Resultat jenem der vollendeten Meisterschaft der geistigen Schöpfung ähnelt, gleichkommt: ich denke hier an die Rückenlinie des Frauenaktes in Rotstift. Je mehr Kampf gibt, je weiter er nach dem Innern zu ausführt und plastisch ausfüllt, je akademischer wird er, zumal in den „Studienköpfen“, aus denen er den Modellcharakter nicht herausbringt. Dieser Rotstiftakt aber gehört zu dem wenigen, das man besitzen möchte. — Die Figur eines jungen „Fechters“ steht ihm nahe.

In einem der großen vorderen Seitensäle findet sich unter den Berliner Kollektionen ein aus 7 Riesen-Leinwanden sich zusammensetzender Zyklus: „Lebensgeschichte einer Borsig-Lokomotive“ von Paul Meyerheim, die ein klares Beispiel davon gibt, was man in den 70 er Jahren in Berlin unter Realismus verstand. Malerisch ist das Bild „Schmieden eines Treibrades“ wohl das gelungenste. Von unserer Ansicht aus wäre es dem Beschauer anzuraten, derartige Arbeiten mit verwandten Menzels zu vergleichen, um zu einem klaren Schlüsse und Urteil überWert und Lösung einer solchen Aufgabe zu gelangen. Nach der anderen Seite hin aber könnte er auch zur Taxierung von früheren und heutigen Begabungen, nämlich um die heutigen nicht zu überschätzen, was so leicht geschieht, daran denken, was diese nur der Zeitströmung verdanken und dazu die geistesverwandten Secessionisten Baluschek und Brandenburg in Betracht ziehen.

Ich möchte diesen Bericht nicht schließen, ohne auf das in einem der Hauptmittelsäle hängende Porträt von Fritz Pfuhle, dem Schöpfer der „Blauen Madonna“, zu weisen, in dem herbin der Farbe, sachlich in derZeichnung, und ausdrucksvoll eine junge Dame dargestellt ist. Es könnte natürlich noch eine Reihe von Künstlern mit dem gleichen Recht hier angeführt werden, doch eingehender können wir uns in diesem Jahre mit der Ausstellung nicht befassen.

RUDOLF KLEIN.

Bildverzeichnis:
Albert Maennchen-Tanzende Mädchen
Arthur Kampf-Zeichnungen
Arthur Kampf-Zeichnungen-Frau
Jvan Thiele-Bretonische Typen
Oskar Frenzel-Mittag
Theodor Bohnenbeger-Knabe auf Shetland-Pony

Siehe auch:
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Waldemar Rösler
Franz Hoch
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Lebenswerte der Kunst
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
III. Deutsche Kunstgewerbe-Ausstellung
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem