Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung

Die Bauten der modernen Ingenieurkunst sind neben ihren sonstigen Leistungen bewunderungswert wie kaum sonst Menschenwerk.

Sie stehen auf einer nie vorher erreichten Höhe vollendeter Technik. Ihre Mannigfaltigkeit und ihre vielfache und nachhaltige Auswirkung auf Handel und Wandel, auf das ganze menschliche Dasein macht sie zu ungewöhnlich bemerkenswerten Ausdrucksformen unserer Zivilisation. Einzelne unter diesen Werken und auch ganze Reihen von ihnen sind oder erscheinen ohne jeglichen Vorgang in der Menschheitsgeschichte; andere sind Schritt für Schritt aus rein handwerklich arbeitenden Zeiten entwickelt. Aber alle sind mit den Kulturproblemen der Gegenwart eng verknüpft, geben den Gestaltern von Bauwerken, jedem mit Empfinden für Außergewöhnliches und Schönes Begabten außerordentliche Rätsel auf. Unser Zeitalter wird in seinen Formerscheinungen durch sie geradezu bestimmend beeinflußt. Die bei diesen Werken nicht selten vorhandene unwandelbare Gesetzmäßigkeit, sichtbar in Zweck, Rhythmus und Kraft ausgedrückt auch bei vollständig neuen Baustoffen und Konstruktionen, kann eher als alles andere unsere von den Zeitgewalten erschütterten, befruchteten und vielfach auch verwirrten künstlerischen Kräfte auf den richtigen Entwicklungsweg weisen. Der Hochbau für Wohn-, Wirtschafts- und Verwaltungszwecke gibt bei noch so origineller Einstellung des Architekten in Kühnheit, Eigenart und Neuheit der Aufgaben nicht im entferntesten den Schaffenden so schwierige Rätsel auf wie der Ingenieurbau.

Aber längst nicht jeder zweckmäßige Ingenieurbau ist zugleich auch schön, obwohl für das Gegenteil kein zwingender Grund ersichtlich ist und sich die Beteiligten doch meist auch irgendwie um die ästhetische Seite der Frage bemühen, ja oft erkannt haben, daß es sich dabei eigentlich um Kulturfragen ersten Ranges handelt. In vielen Fällen scheint es zunächst sogar, als ob besondere Höhe der technischen Vollkommenheit nicht nur im Widerspruch zu einer gewissen natürlichen Schönheit steht, sondern sie sogar von vornherein und ein für allemal ausschließt. Aber der klare und schöne, gegebenenfalls bis zum Künstlerischen gesteigerte Ausdruck der einem Werk innewohnenden Eigenschaften ist ja sinnfälliger Beweis der denkbar besten Vollendung auch im Praktischen und Zweckmäßigen; abgeklärte Reife auf Grund gleichzeitigen Uberlegens und Erfüllens aller Erfordernisse Zeichen der erreichbaren Güte eines Werkes.

Solchen ursächlichen Zusammenhängen soll die vorliegende Arbeit nachgehen. Sie sucht durch entsprechende Hinweise und Anhaltspunkte mitzuhelfen beim Klarstellen der Voraussetzungen für ein nach jeder Richtung hin möglichst gutes Schaffen. Als Ziel schwebt vor, daß die Erkenntnis von der Möglichkeit und Notwendigkeit unumstößlicher und unentbehrlicher Grundlagen für gutes Gestalten, ohne die auch der Schöpfer der Ingenieurbauten nicht auskommt, allmählich Allgemeingut wird.

Unserem gesamten künstlerischen und kulturellen Schaffen mangelt seit Jahrzehnten die Einheitlichkeit der Grundlagen ebenso wie die der Ziele. Allerorts fehlt es an Klarheit über die Voraussetzungen und Gesetze alles künstlerischen Gestaltens. Daher die Unmöglichkeit, der rücksichtslosen Zerstörung und Verschleuderung unseres einst so reichen Kulturbestandes Einhalt zu gebieten; deshalb, trotz der unstreitig hervorragenden Bedeutung einzelner neuerer Kunstleistungen, das erschreckend geringe kulturelle Gesamtergebnis unseres gegenwärtigen Schaffens.

Das ist von allen Einsichtigen längst erkannt, und an eifrigem Bemühen, dem Übel abzuhelfen, hat es nicht gefehlt; das beweisen zur Genüge die beim Bauen bekundeten mannigfachen neueren Auffassungen vom guten Geschmack. Aber weder reiches stilistischesWissen und Können, noch spitzfindige ästhetische Auseinandersetzungen noch originelle Willkürlichkeiten genügten zur durchgreifenden Besserung. Es fehlte eben und fehlt zumeist heute noch ein gründliches Erkennen der sachlichen Erfordernisse für gutes und schönes Gestalten, ein klares Unterscheiden des Wesentlichen und Unwesentlichen und ein darauf sich aufbauendes, zugleich praktisches und künstlerisches Können.

Jede Bauaufgabe muß von Anfang an einheitlich nach allen Richtungen, wirtschaftlich, baulich und schönheitlich, bis aufs letzte durchdacht und demgemäß durchgeführt werden. Nur unter diesen Voraussetzungen kann ein Bau zu einem organischen und harmonischen Gebilde gestaltet werden, das allen Anforderungen in möglichst vollkommener Weise entspricht. Hierdurch erhält jeder, auch der einfachste Bau, gute Form und zugleich seinem Wesen und seiner Umgebung entsprechenden, überzeugenden Ausdruck. Darauf vor allem beruht die vortreffliche und trotz aller sonstigen Verschiedenheit durchaus einheitliche Wirkung der meisten alten Bauten, ein Eindruck, den wir für unser Bauschaffen wieder anstreben müssen. Dazu bedarf es keines besonderen Schmuckes und keiner Kunstformen, wohl aber eines sicheren künstlerischen Empfindens und eines durch Erfahrung gefestigten Könnens. Das ist, kurzgefaßt, die für alle Zeiten und Fälle gültige Grundregel alles guten Gestaltens, gleichviel, ob es sich um Wohn- und Wirtschaftsgebäude, um städtische oder ländliche Siedlungen, um Fabriken oder sonstige Ingenieurbauten handelt.

Durch die neuzeitliche technische und wirtschaftliche Entwicklung haben sich die Aufgaben des Ingenieurbaus seit Anfang des vorigen Jahrhunderts nach Zahl, Art und Umfang unendlich vervielfacht und zu zahlreichen, selbständigen, unter sich wieder grundverschiedenen Sondergebieten ausgebildet. Sie weichen in Wesen, Form und Abmessungen, vielfach auch in Material, Konstruktion und Ausführung von den herkömmlichen Hochbauten erheblich ab und erscheinen diesen gegenüber als eine Welt für sich. Der Gedanke lag nahe, diese Welt baue sich ganz unabhängig von den Hochbauten auf und unterliege daher auch nicht deren Gesetzen. Man hat denn auch für die neuen Ingenieurbauten als „voraussetzungslose Kinder der Gegenwart“ vollste Gestaltungsfreiheit — lediglich nach wirtschaftlichen und technischen Gesichtspunkten — beansprucht. Die sonst selbstverständliche Forderung, jedes Bauwerk schön zu gestalten und es harmonisch zur Umgebung und Landschaft abzustimmen, schien vielen unvereinbar mit der auf reinen Zweck einzustellenden Formung der Ingenieurbauten. Das betrübende Ergebnis tritt allerorten zutage.

Bei solcher Auffassung ist aber Wichtiges außer Acht gelassen. Aus früheren Jahrhunderten, selbst aus dem Altertum, besitzen wir ganze Reihen großer und kleiner Ingenieurbauten verschiedenster Art, die für ihre Zeit technisch mustergültig waren und nach Anlage, Form und Zusammenklang mit der engeren und weiteren Umgebung bis auf den heutigen Tag vorbildlich sind. Die neueren Ingenieurbauten sind zum guten Teil allmählich aus jenen und aus den damals allgemein üblichen Bauweisen entwickelt worden. Vor allem sind doch aber auch die neuen Ingenieurbauten ebenso wie die Hochbauten in Anlage, Gesamtform, Ausmaßen und Einzeldurchbildung an die Eigenschaften der Baustoffe und die aus diesen sich ergebenden Möglichkeiten ihrer handwerklich und technisch gutenVerarbeitung und der konstruktiv richtigen Ausführung gebunden. Schließlich sind auch diese „Zweckbauten“ Ausdruck unseres gesamten Schaffens, dessen Ziel es sein soll, „eine alle Äußerungen des menschlichen Geistes und Wirkens gleichmäßig durchdringende Kultur zu gewinnen“.

Ein derartiges Empfinden war zu Beginn der neuzeitlichen Entwicklung noch nicht tot. Damals herrschte noch durchweg anständige Baugesinnung, auch da, wo sich aus der Neuheit der Aufgabe und der konstruktiven Baustoffe besondere Schwierigkeiten ergaben. Diese folgerichtige Entwicklung endete, als die wirtschaftlichen und sozialen Umgestaltungen die handwerkliche und kulturelle Überlieferung und mit ihr das allgemeine Gefühl für natürliche Schönheit erstickten. Dazu trat später die langsam sich vollziehende völlige Trennung zwischen Architekten und Ingenieuren. Bei der weitgehenden Arbeitsteilung und der immer intensiveren Sonderfachausbildung vermochte der Einzelne kaum noch ausreichende Fühlung mit den dem seinigen nächstverwandten Arbeitsgebieten zu behalten; ganz zu schweigen von einem umfassenden Überblick über die Gesamtheit der Aufgaben, ihre vielfachen Wechselbeziehungen und ihre kulturelle Bedeutung.

Früher waren alle Aufgaben in einheitlichem Geist und mit annähernd gleichen Mitteln sachlich gut gelöst worden. Die großen Meister der alten Ingenieurkunst, wie Leonardo da Vinci, Dürer, Balthasar Neumann, Pöppelmann, C. F. Schlaun, hatten auf den verschiedensten Gebieten gleich Großes geleistet; sie waren vom Geist ihrer Zeit erfüllt und beeinflußten ihn aufs nachdrücklichste. Neben diesen schöpferischen Kräften kamen für die überwiegende Zahl der Bauten schlichte Namenlose in Betracht, die aus überliefertem, lebendig sich fortentwickelndem Können schufen. Ganz gleich aber, ob es sich um nur gefühls- und gewohnheitsmäßig gelöste oder um bewußt gestaltete, formvollendete Gebilde handelte, immer erscheinen sie naturnotwendig entstanden. Jetzt aber standen sich, mit verschwindenden Ausnahmen, einseitige Spezialisten gegenüber, formalistische Architekten und nur mathematisch rechnende, methodisch konstruierende Ingenieure. Ein gedeihliches Zusammenarbeiten war damit ausgeschlossen. Zwar bildete die Einstellung auf das Sonderfach eine wesentliche Grundlage für dessen raschen und gründlichen Ausbau. Aber die Frage, wie den aus der Spezialisierung notwendig entstehenden und zunehmenden Unstimmigkeiten im Gesamtschaffen zu begegnen sei, wurde immer brennender.

Schon 1907 forderte daher der Verband Deutscher Architekten- und Ingenieurvereine von diesen Gutachten ein über die Frage: Welche Wege sind einzuschlagen, damit bei Ingenieurbauten ästhetische Rücksichten in höherem Grade als bisher zur Geltung kommen? Man lehnte bereits einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Ingenieurbauten und Hochbauten hinsichtlich ihrer guten Gestaltung und Wirkung ab. Der Architekt sollte zur Erkenntnis der verborgenen und sichtbaren Schönheiten einer gesunden Konstruktion erzogen, der Ingenieur nicht mit stilistischer Formenlehre aufgehalten und verwirrt werden und „die Berechtigung der künstlerischen Tat neben und über der Konstruktion“ anerkennen. Ingenieurkunst und Architektenkönnen seien möglichst in einer Person zu vereinigen. Das Auge sollte geschult werden „für jenes unbewußte statische Formempfinden, ohne das auch der Ingenieur nicht auskommt trotz der immer weiter vervollkommneten Berechnungsmethoden“. Betont wurde,

„daß die ästhetische Befriedigung bei den Schöpfungen der Ingenieure in der ausgesprochenen Zweckmäßigkeit liegt, und daß das Maß der Befriedigung abhängt von dem Maße des Verständnisses des Beobachters für die Funktionen der einzelnen Teile des Bauwerkes“.

Man riet auch in der Folgezeit hin und her, wie weit, unter welchen Voraussetzungen, von welchem Augenblicke an der Architekt an Ingenieurwerken milzuwirken habe, ob beispielsweise bei Brückenbauten in schönen alten Städten dem Architekten die führende Rolle zufallen müsse und die Ingenieurkunst nur als „Korrektiv“ aufzutreten habe usw.

Man kam davon ab, die neuen Ingenieurbauten durch architektonische und romantische Verbrämung zu verschönern. Es befriedigten nicht mehr wie Ritterburgen oder Moscheen ausstaffierte Fabriken, üppige Ornamente im Jugendstil oder altnordische Drachen- und Bandverschlingungen an Eisenbriicken, Umschalthäuser wie Knusperhäuschen und Teepavillons oder wie Kirchtürme in Zwergformat u. dgl. m. Man gelangte nachgerade zu der Erkenntnis, daß für die Lösung der neuen Aufgaben unbedingt ein neuer sach- und sinngemäßer Ausdruck gefunden werden müsse. Nachdem die Stilkunst derart versagt hatte, schoß man wieder nach der anderen Seite über das Ziel hinaus. Die einen predigten „reine Zweckkunst“, andere sahen das Ideal in einem völlig freien Schaffen des Künstlers „aus eigener Kraft“, das für neue Aufgaben schon neue Formen finden werde.

Nicht alle Gebiete des Ingenieurbaus entwickelten sich im Ästhetischen gleichmäßig. Bei Maschinen, beispielsweise den Lokomotiven, Autos, Drehbänken, Schiffen, hat man oft, wenn auch keineswegs immer, besonders ausdrucksvolle, typische Lösungen gefunden; durchaus nicht allein aus der reinen, denkbar vollkommen herausgebildeten Zweckform, sondern mit gepflegtem Gefühl allmählich zäh erarbeitet. Diese innere Beziehung zu seinem Werk fehlt aber oft dem Ingenieur, namentlich, wenn es ans Bauen geht. Der Versuch, die Ingenieurbauten auch schön zu gestalten, ist oft nur ein Zugeständnis an die öffentliche Meinung. Wird er aber dem Architekten überlassen, so setzt man bei ihm das nötige Können auch auf diesem Gebiet voraus — und täuscht sich oft sehr darin. Auch der Architekt nimmt diese Aufgabe häufig auf die leichte Achsel. Dabei verlangen gute Körper- und Raumbildung, besonders im Zusammenhang mit der Umgebung, außergewöhnliche Erfahrung und Feingefühl für das Wesentliche. Z. B. eine Brücke, ein Wasserturm oder ein Kran, vollkommen praktisch und stabil konstruiert und gut ausgeführt, wirken unbefriedigend, beängstigend leicht oder plump oder unorganisch, wenn Zweck, Standfestigkeit bzw. Tragfähigkeit in Gesamtform und Einzelheiten nicht auch unserem, vielfach unbewußten statischen Empfinden entsprechend überzeugend zum Ausdruck kommt. Hierzu ist eine besondere künstlerische Durchdringung und Abstimmung der Zweckform notwendig. Innerhalb einer Reihe wirtschaftlich und technisch einwandfreier Möglichkeiten befriedigen oft nur einige oder eine einzige wirklich allseitig. Je zahlreicher und verschiedenartiger bei einer großen Gesamtanlage die dazugehörigen Baueinheiten und je mannigfaltiger die Zweckanforderungen bei ihrem Anordnen und Gestalten sind, desto höher sind natürlich die Ansprüche an künstlerisches Gefühl und Geschick.

Beides vorausgesetzt, läßt sich der Ausdruck wohl jeder Form durch sehr einfache Mittel wesentlich verändern. Gestalt und Wirkung eines Baus oder einer Anlage können also, vor allem durch die Art der Einzeldurchbildung, unabhängig von der Zweckmäßigkeit des Ganzen je nach dem Geschmack und Können des Entwerfenden völlig verschieden ausfallen. Nun ist es sehr wohl denkbar, daß ein gottbegnadeter Künstler, der auch über das nötige sachliche Können verfügt, ganz neue, besonders ausdrucksvolle, ja bahnbrechende Gestaltungsformen findet. Aber auch er fußt, und ganz besonders im Gestalten von Körper und Raum, naturgemäß auf der gesamten voraufgegangenen Entwicklung; er wird von ihr unwillkürlich, vielleicht unbewußt, gerade so gut beeinflußt, wie alles Schönheitsempfinden durch die gewohnten Eindrücke und die erlangte Erfahrung. Wie viele solcher Künstler hat es aber bisher gegeben, vor allem in neuerer Zeit? Wir müssen nur erst von manchem mit Jubel begrüßten grotesken Phantasiegebilde etwas Abstand gewinnen: dann wird manche Aufgeblasenheit, manche reklamehafte Pose offenbar werden. Nur der kann bauen, der zu konstruieren versteht, und Kunstwerke glücken nur dem, der die Konstruktion zu beseelen vermag.

Daß aber ungeahnte Formen sich folgerichtig und gleichsam von selbst ergeben, verraten Leistungen von Ingenieuren, die unbekümmert um Hin- und Herraten und Kunstästhetisiererei sachlich und mit natürlichem Empfinden arbeiten. Es sind bisweilen Werke von so klarer, packender, überzeugender Wirkung, daß die heutigen Architekten ihnen kaum Ebenbürtiges zur Seite stellen können. Man vergegenwärtige sich z. B. die schöne, überwältigend groteske Phantastik mancher Krane und Verladebrücken, die lediglich aus organisch entwickelter Konstruktion und vollster, auf den ersten Blick klar erkennbarer Zweckmäßigkeit erwächst und ebensowenig einer die Wirkung verstärkenden Zutat wie einer das Verständnis ermöglichenden Erklärung bedarf. In diesen Formen und Linien, die unwillkürlich an aufbäumende oder sprungbereite Vorweltungeheuer erinnern, liegt keine Effekthascherei, keine hineinge-heimniste Symbolik: es leben in ihnen wundersam uralte Vorbilder von Schöpfung und Menschenwerk auf. Alles in allem genommen fallen also die Ingenieurbauten, ob groß oder klein, außergewöhnlich oder typisch, Werke bedeutender oder untergeordneter Kräfte, nach Güte in Gestalt und Wirkung sehr ungleich aus. Die guten Lösungen sind vorerst noch meist glückliche Zufallstreffer. Die bisherige Entwicklung zeigte ja ganz deutlich, weshalb man zu keinem allseitig befriedigenden Ergebnis gelangen konnte: Es fehlte die einheitliche, durchaus folgerichtige, organische und harmonische Entwicklung des Ganzen wie aller seiner Teile und Einzelheiten, in Anlage, Konstruktion und Form, unter gleichzeitiger sach- und sinngemäßer Erfüllung aller in Betracht kommenden wirtschaftlichen, baulichen und schönheitlichen Anforderungen. Diese wenn auch schwer erreichbaren, aber unbedingt nötigen Erfordernisse stehen in innigstem Zusammenhänge und mannigfaltigsten Wechselbeziehungen zueinander. Das Erfüllen jeder einzelnen ist unerläßliche Voraussetzung für die volle Durchführbarkeit der anderen. So ist z. B. ohne die handwerklich und konstruktiv richtige Lösung, im Ganzen wie im Einzelnen, weder eine wirtschaftliche Herstellung, noch eine gute, sachgemäße und ansprechende Wirkung des Baues zu erreichen. Die unerläßliche Voraussetzung für letzteres, wie für das handwerkliche Gelingen, ist wieder die in jeder Hinsicht einfache, klare und ungekünstelte Form.

Bei der gegenwärtigen allgemeinen Notlage kann nun überhaupt, ganz besonders aber bei allen Nutzbauten, nur eine schlichte sachliche Schönheit in Frage kommen. Sie muß sich daraus ergeben, daß bei Wahl des Bauplatzes und der Werkstoffe, bei deren sachlichem Verarbeiten und beim einheitlichen, zweckentsprechenden Durchführen des Baugedankens in Grundriß und Aufbau unter steter Rücksicht auf engere und weitere Umgebung alle berechtigten Anforderungen sachlich und sinnfällig in einer unser natürliches Schönheitsempfinden befriedigenden Weise erfüllt werden. Dazu bedarf es keiner schmückenden Zutaten irgendwelcher Art, noch sonstiger, Anlage, Ausführung oder Benutzung verteuernder Maßnahmen. Vielmehr bildet eben die strikte Erfüllung des wirtschaftlich und technisch Notwendigen die verläßlichste Grundlage für gute Gestalt und Wirkung. Je einfacher und klarer daher das Ganze und alle Einzelheiten durchgebildet sind, und je augenfälliger in allem die Folgerichtigkeit und Zweckmäßigkeit zum Ausdruck kommt, desto besser wird auch die Wirkung sein.

Den schlagenden Beweis dafür, wie für die unvergängliche Wirkung solcher schlicht-sachlichen Schönheit, bilden die gut gestalteten alten Bauten, die ganz sicher in der Reihe der zeitgemäßen Entwicklung stehen und eben darum so überzeugend anmuten und so harmonisch mit allem Übrigen zusammenklingen. Darin, also nicht im Stilistischen und in allmählich entstandenen „romantischen“ Wirkungen liegt ihr unvergänglicher Wert als allzeit gültige und selbst für neue Aufgaben und andersgeartete Voraussetzungen nutzbare Vorbilder.

Um zu einem einheitlichen Schaffen in diesem Sinne zu gelangen, bedarf es der klaren Erkenntnis und sorglichen Beachtung der wesentlichen, für das gesamte Schaffen und Gestalten bis ins Kleinste ausschlaggebenden Gesichtspunkte. Steinmetz hat diese, im wesentlichen von den Aufgaben des Hochbaus ausgehend, in seinem Buch „Grundlagen für das Bauen in Stadt und Land“ (herausgegeben vom Deutschen Bund Heimatschutz im Verlag Callwey, München) planmäßig dargestellt. Knapp zusammengefaßt, und soweit sie den Ingenieurbau unmittelbar berühren, lauten sie etwa folgendermaßen:

1. In Anlage und Ausführung der Bauten ist dem Raumbedarf (Bauprogramm) und den wirtschaftlichen Erfordernissen einer zweckmäßigen und preiswürdigen Herstellung Rechnung zu tragen, ebenso

2. den Möglichkeiten einer handwerklich guten und konstruktiv richtigen Ausführung des Ganzen wie der Einzelheiten (Rücksicht auf die Verwendbarkeit, richtige Beanspruchung und volle Ausnutzung der Baustoffe, statisch richtige Anlage in Grundriß und Aufbau, folgerichtige und organische Entwicklung und Einstellung der Einzelheiten in das Gesamtgefüge).

3. Gleichzeitig sind aber auch das Ganze wie die einzelnen Teile einheitlich und harmonisch abzuwägen und zu gestalten, in Form und Farbe (Werkstoff) und in ihrem Zusammenwirken (unter sich und mit der Umgebung); nötig sind ferner vor allem gute Körper- und Raumgestaltung (in Form, Größe und Stellung), gute Größen-, Massen- und Flächenwirkung, richtiger Maßstab, logische und harmonische Zusammenhänge.

Nur die allseitige und gründliche (aufs Ganze wie auf alle Einzelheiten gerichtete) Überlegung dieser Erfordernisse (sowohl für das Äußere wie für das Innere) führt zu einem befriedigenden Bauergebnis und zu einjem einheitlichen, lebendigen Bauorganismus, bei dem neben dem Zweck auch die wesentlichen Aufgaben des Bauens selbst erfüllt sind: ein gesundes Baugefüge, das konstruktiv und statisch richtig angelegt und aufgebaut, stoff- und handwerksgerecht durchgebildet ist und diese Vorzüge auch klar zum Ausdruck bringt, eine klare, organische und harmonische Raumbildung im Innern und ebensolche Körperbildung im Äußeren.

Jeder Planung muß ein einheitlicher, führender Baugedanke zugrunde liegen, der sowohl in bezug auf Anlage, Aufbau und Konstruktion, als in der Körper- und Raumbildung einfach und ungekünstelt ist. Die natürliche Form muß durch allseitige, gründliche Überlegung und Durcharbeitung, bei der neben dem ausschlaggebendenWesentlichen immer auch die Einzelheiten bis ins Kleinste berücksichtigt sind, zu abgeklärter Reife und überzeugenderWirkung gebracht werden. Die einfache natürliche Form ist auch die erste und wichtigste Voraussetzung für das handwerkliche Gelingen und die gute Wirkung des Baus, und die gute handwerkliche Anlage und Durchführung ist wieder die unerläßliche Grundlage für die preiswerte Herstellung als auch für das gute Aussehen des Baus.

Baukörper: Die folgerichtige räumliche Gestaltung des Innern muß Grundlage sein für die körperliche Gestaltung des Äußeren; daher klare, geschlossene Form des Grundrisses und einheitliche Durchführung im Aufbau, so daß der Bau ein organisches, konstruktives Gerüst mit durchgehenden Tragwänden und Stützen und richtig übereinander geordneten Lasten und Öffnungen bildet. Dieser konstruktiven Einheit müssen alle, An-, Auf- und Einbauten in Größe, Konstruktion und Form ein-und untergeordnet werden. Die Gesamtform des Baus mit seinen Einzelheiten, seine Größe und Stellung und sein Zusammenhang mit der Umgebung und der Gestaltung und Aufteilung des Geländes sind für die Wirkung ausschlaggebend. Darum muß vor allem die Form sorglich gewählt und in Länge, Breite und Höhe abgestimmt werden, ebenso Größe und Form von Unterbau und Dach, besonders beim Giebelbau, bei dem der Unterbau nicht allseitig in derselben Höhe abgegrenzt ist (wie beim Walmdach) und durch die Giebelwand seine Form erhält. Bei kleinem und zugleich kurzem Baukörper ist ein Giebeldach meist häßlich und Walmdach vorzuziehen. Bei besonderen (zusammengesetzten, gebrochenen oder gebogenen) Dachformen ist das Abstimmen der aus Höhe und Neigung der verschiedenen Flächen sich ergebenden Dachformen zur Höhe, Breite und Tiefe des Baukörpers besonders wichtig. Das Dach muß in Konstruktion und Form organisch auf dem Unterbau aufsitzen.

An-, Ein- und Aufbauten usw. müssen in Größe, Form und Stellung zum Hauptbau abgestimmt sein und sich auch konstruktiv gut einordnen, z. B. in den Dachanschlüssen. Bei kleineren Bauten wirken An- und Aufbauten leicht unentschieden und zerklüftet; daher ist ihr Einbeziehen in die große, einfache Form konstruktiv, wirtschaftlich und schönheitlich vorteilhaft.

Raumbildung: Außer den Zweckmäßigkeitsanforderungen in bezug auf Art, Größe und Zusammenhang der Räume ist die gute Raumbildung, gute Beleuchtung (Seiten-, Oberlicht) und guter Zusammenhang der Räume von ausschlaggebender Bedeutung für die schöne Wirkung. Der Raum muß organisch und konstruktiv richtig entwickelt sein. Als Hohlkörper muß er in der Gesamtform und deren Größenverhältnissen richtig und wirksam gestaltet werden. Die klare Gesamtform und das gute Verhältnis aller Teile zueinander ist wesentlich von der Wahl des Konstruktionssystems und seiner organischen Durchbildung abhängig.

Die Grundfläche ist in einfacher Form und gutem Verhältnis zu wählen: quadratisch, ausgesprochen länglich rechteckig, wie zweimal so lang als breit, achteckig, rund, oval oder in klar zu übersehender zusammengesetzter Form. Die Raumabdeckung muß in gutem Verhältnis zum Raumaufbau (Höhe, Weite, Wandgliederung durch die Wandkonstruktion) stehen. Das gilt vor allem für die besonders geformten Decken, wie Wölb- und Kehldecken und für die offenen Dachbinderkonstruktionen. Durchbildung und Anordnung der baulichen Einzelheiten. Die sich aus der Eigenart der Baustoffe ergebenden Konstruktionsunterschiede müssen von vornherein bei der Anlage und dem Aufbau des Ganzen in Betracht gezogen werden. Größe, Form und Einstellung der Fenster in gleichzeitiger Überlegung der inneren Raumbildung als auch der äußeren Erscheinung; klare Ordnung der Fenster über- und nebeneinander (Achsen-, Reihen-, Gruppenwirkung, Rhythmus). Durch das Seiten-bzw. Oberlicht wird der gute Raumeindruck entscheidend beeinflußt. Gleichmäßige Verteilung des Lichteinfalls hebt den Raumeindruck, unbegründeter Wechsel in ihrer Anordnung und Größe schafft Zwielicht und zerstört die vielleicht in den Raumverhältnissen sonst erreichte gute Wirkung. Aufteilung und Durchbildung der Wände möglichst entschieden und niemals im Gegensatz zur Raumform. Die Einzelform muß dabei — dasselbe gilt für das Äußere des Baus — dem Material angepaßt und daraus entwickelt sein und sich dem Ganzen nach einem klaren Gedanken unterordnen. Andernfalls wirkt der Bau verworren und unharmonisch, auch wenn die Einzelformen an sich reizvoll sind. Gute Einzelformen können wohl Mängel der großen Form bis zu gewissem Grade verschleiern, aber niemals aufheben. Maßvolles Anwenden einfacher, neutraler Gliederungen (Lisenenteilungen, Bänder, Faschen) ist besser als ungeeignete Wiedergabe und Übertragung reicher alter oder neuer Stilformen und Motive.

Einstellung des Baus: Einbeziehen der Umgebungund Landschaft in den Baugedanken. Abstimmen der Zusammenhänge zwischen Baukörper, Geländegestaltung und Umgebung. Hiernach ist die Gesamt-form des Baukörpers in Grundform, Körper- und Massen-, Umriß- und Maßstabswirkung, im Anordnen, Durchbilden und Zusammensetzen der Bauteile und Einzelheiten der Umgebung harmonisch an- und einzupassen. Der Bau muß organisch mit ihr und dem Untergrund verwachsen sein und auch so erscheinen. Er darf also weder nach Form noch Einstellung als Fremdkörper anmuten. Daher vor allem entschiedene Einstellung des Baus: deutliches Allein- oder Zusammenwirken; ausgesprochene Zusammengehörigkeit (Anlehnung) oder Trennung von vorhandenen Gebäuden, Baugruppen, von Bäumen, Abgrenzungen, Höhenzug, Straße, Fluß usw.; übereinstimmende und zusammenhängende Achsen und Aufteilung bei Gebäude und Gelände (Anlage derZugänge.Wegeführung, Anpflanzung usw.).

Einfachste, entschiedene, ungekünstelte Form in der Landschaft noch wichtiger als im geschlossenen Ortsbild, um so mehr, je größer der Maßstab der Landschaft und der Überblick, je großzügiger die Aufgabe selbst. Vollständig andere Lösung (in Form, oft auch im Material) z. B. bei einer Brücke über ein Gebirgstal und eine solche in flachem Land. All diese Voraussetzungen sind am besten am Modell klarzustellen, das überflüssige Zutaten ohne weiteres bloßstellt und in seiner Körper- und Raumwirkung durch Schaubilder nicht erreicht werden kann.

Wesentlich ist ferner richtige Wahl guter und schöner Werkstoffe und die Anwendung schöner Farben. Taktvolles Anwenden und gutes Abstimmen sind auch bei letzteren dringend geboten. Auch der schlichteste Bau kann bei einheitlichem Befolgen der genannten Bedingungen als vollendetes Kunstwerk erscheinen.

Das sind also die wesentlichen Gesichtspunkte, nach denen alle Bauten gestaltet werden müssen; nicht nur Gebäude in landläufigem Sinne, wie Fabriken, Speicher, Kraftwerke, Umschalthäuser, Bahnhofshallen usw., sondern sinngemäß auch Gasometer, Wasser- und Leuchttürme, Brücken, Wehre, Stau-und Hafenanlagen, Krane, Fördergerüste, Leitungsmaste, Transportanlagen, Kanalbau, Straßenbau usw. Aus den z. T. völlig anderen Aufgaben, ganz anders gearteten Baustoffen und Konstruktionen als beim Hochbau ergibt sich kein grundsätzlicher Unterschied, von dem zwischen handwerklicher und technischer Durchführung abgesehen (vgl. später). Das Anwenden solcher Grundgesetze bedingt selbstverständlich Können. Den Nichtkönnern vermögen sie höchstens theoretisch das Geheimnis schönen Gestaltens zu entschleiern. Gerade der Ingenieur hat für die Schulung im Gefühlsmäßigen auf dem Grund der Sachlichkeit die beste Grundlage in seiner täglich angewandten Theorie und Praxis. Gerade von seinen Werken muß gelten:

„Überall ist das Ganze so organisiert, daß kein Hauch von Willkür übrig bleibt. . . Die offenbarte Gesetzmäßigkeit ist die höchste Form des Lebens“

(Wölfflin).

Die Richtlinien sinngemäß jeweils anzuwenden heißt nichts anderes, als alle aus der Art der Aufgaben, der Werkstoffe und der Konstruktionen sich ergebenden Erfordernisse und Möglichkeiten entsprechend wahrzunehmen. Hierfür in großen Zügen einige bezeichnende Beispiele.

Bis auf die neueste Zeit sind für alle Zwecke gleichmäßig als konstruktive Baustoffe hauptsächlich natürliches Gestein, Backstein und Holz verwendet worden, die fast ausschließlich durch Handarbeit zugerichtet und in rein handwerklichem Baubetriebe verarbeitet wurden. Aus der Struktur und Farbe dieser Stoffe und den mancherlej durch ihre natürliche Beschaffenheit und die Handarbeit bedingten Zufälligkeiten ergibt sich eine gute, lebendige Wirkung der Flächen. Zugleich sichert der Gebrauch bodenständiger Baustoffe von vornherein ein verwandtschaftliches Zusammenklingen mit der Landschaft, das in der Regel durch die Patina des Alters gesteigert wird. Aus wirtschaftlichen und vornehmlich auch volkswirtschaftlichen Gründen darf die sorgliche Pflege guter Handwerksübung neben der nicht an heimische Überlieferung geknüpften Spezialarbeit nicht abreißen.

Die Baustoffe Eisen und Zement dagegen, die uns erst das Zeitalter der Steinkohle voll erschlossen hat, und die gerade im modernen Ingenieurbau ihre Triumphe feiern, wirken an sich kalt und als völlig einheitliche und gleichmäßige Masse starr und leblos. Sie erscheinen zudem, wie andere künstliche Erzeugnisse, z. B. die Dachpappe — deren verständige Anwendung beim Ingenieurbau durchaus berechtigt ist —, dauernd als Fremdkörper in der Landschaft. Um so mehr muß bei ihnen von vornherein auf gute Ausführung und Formgebung Bedacht genommen werden. Aber auch das ist weit schwieriger als bei den altgewohnten Handwerksweisen. Diese wirken sich als geschlossener einheitlicher Vorgang von Anfang bis zu Ende auf der Baustelle aus. Das ist bei den neuen Ausführungsweisen, vor allem beim Eisenbau, überhaupt nicht oder mindestens nicht in gleichem Maße der Fall.

Die Eisenkonstruktionen werden aus dem in industriellem Großbetrieb vorgeformten Material in der Werkstatt — wiederum fast ausschließlich mit Maschinenarbeit — bis zur Montage fertig hergestellt, und zwar unter weitgehender Arbeitsteilung und unter sorgfältigster, mathematisch genauer Ausführung aller Einzelheiten nach den bis ins Kleinste der statischen Berechnung entsprechenden Werkzeichnungen. Auf der Baustelle selbst vollzieht sich zumeist nur die endgültige Zusammensetzung der in der Werkstatt fertiggestellten Teile zum einheitlichen Ganzen, gleichsam zwangsläufig. Gleichwohl sollte auf reges Mitdenken und Mitfühlen aller Beteiligten Wert gelegt werden, auch des einzelnen, erfreulicherweise oft lebhaft interessierten Facharbeiters, nicht zuletzt aus sozialen Gründen.

Die Betonbauten verlangen natürlich ebenso gut wie der Eisenbau sachlich geschulte und erfahrene Arbeiter und gestatten eine gewisse nachträgliche Oberflächenbehandlung (durch Stocken, Vorsatzbeton usw.). Aber der Arbeitsvorgang ist im wesentlichen doch ein mechanischer, nicht handwerklicher. Das nachträgliche Überarbeiten birgt wieder den Keim zum unsachlichen Vortäuschen anderer Stoffwirkungen oder zur gedankenlos schematischen Behandlung in sich.

Aus den eigentümlichen Eigenschaften der neuen Baustoffe, ihrer beliebig formbaren Masse und großen Härte und Tragfähigkeit, ergeben sich aber auch ganz neue, beim Hausbau überhaupt nicht fragliche Konstruktionsmöglichkeiten, wie weitgespannte flache Überdeckungen, Ersatz voller Mauerkörper durch Systeme schlanker Pfeiler und Stützen usw. und damit wieder neue Formen und Wirkungen. Deren spielende Leichtigkeit und erstaunliche Kühnheit aber widersprach zunächst vielfach dem gewohnten, auf die erprobten Stärken- und Massenverhältnisse des Stein- und Holzbaus eingestellten Empfinden. Es bedarf eines gewissen Umlernens, bis man zur richtigen ästhetischen Wertung der neuen Konstruktionen gelangt, obwohl man ohne weiteres von der tatsächlichen Verläßlichkeit der genau berechneten Konstruktionen überzeugt ist. Andrerseits sind aber auch bei den Konstruktionen selbst hier und da gewisse Zugeständnisse an unser statisches und schönheitliches Gefühl nötig. Die statischen Anforderungen müssen nicht nur tatsächlich, sondern auch in einer für unser Auge leicht erfaßbaren und völlig überzeugenden Weise erfüllt sein. Neben der vollen Klarheit des Aufbaus ist dazu nicht selten eine angemessene Verstärkung des Ausdrucks der Standfestigkeit, Tragfähigkeit usw. erforderlich; das läßt sich je nachdem erreichen durch Vergrößern der Abmessungen über das rechnungsgemäß Erforderliche hinaus oder sonstwie durch Hervorheben der entsprechenden Wirkung, durch besondere Linienführung und Umrißgestaltung, durch bestimmten Rhythmus wiederkehrender Teile u. dgl. m. Vor allem müssen die Eisenkonstruktionen, bei denen nicht geschlossene Massen, sondern nahezu körperlose Linien wirken, in diesen Linien um so einfacher, übersichtlicher und ausdrucksvoller geführt und geordnet und von allem verwirrenden Beiwerk freigehalten werden. Bei allen aus Stab- und Gitterwerk bestehenden Gebilden kommt aber ebensogut wie bei allen anderen Bauten in erster Linie die körperliche und räumliche Wirkung in Betracht. Das Auge muß es lernen, diese oft nur im konstruktiven Gerippe und im Umriß angedeuteten Körper- und Raumformen zu erfassen.

Daß jede bauliche Gesamtgestaltung, jede Körper- und Raumbildung von den aus den Eigenschaften des Werkstoffes sich ergebenden Konstruktionsmöglichkeiten abhängt, tritt beim Ingenieurbau viel stärker und augenfälliger hervor als bei den landläufigen Hochbauten. Bei letzteren wiederholen sich ständig die altgewohnten einfachsten Raum- und Körperformen, dieselben durch Rücksicht auf Wärmehaltung und Wohnlichkeit bedingten Ausführungsweisen, Wandstärken usw.; der bestimmende Einfluß der verschiedenen Werkstoffe kommt hauptsächlich in der Art der Oberflächenbehandlung, in der Einzelgliederung und in Form, Größe und Stellung der Wandöffnungen zum Ausdruck. Bei den Ingenieurbauten dagegen ergibt sich aus der Verwendung der verschiedenen Baustoffe der mannigfaltigste Wechsel in den Grundformen und im konstruktiven Gefüge, bei denen auch die gewohnten Maßstäbe mehr oder minder zurücktreten, die Konstruktionen aber vielfach unverhüllt bleiben und zu entscheidenden Gestaltungselementen werden.

Holz und Eisen stehen einander, abgesehen von der sehr verschiedenen Zug-, Druck- und Knickfestigkeit und der infolgedessen ganz verschiedenartigen Dimensionierung, insofern ziemlich nahe, als sich vielfach fast gleiche Konstruktionssysteme anwenden lassen und daher auch, namentlich bei Gitterträgern usw., ganz ähnliche Gesamtwirkungen ergeben. Das ist mit dem Vervollkommnen der statischen Berechnungsmethoden immer deutlicher geworden.

Die organische Gestaltung wird bei Ingenieurbauten nicht selten auch dadurch erschwert, daß verschiedene Baustoffe nebeneinander verwendet werden, und daß harmonische Oberleitung ins Gelände oder inniger Anschluß an Anlagen oder Bauteile aus anderen Stoffen zu schaffen sind. Audi hierbei ist vor allem vollkommene Klarheit und Sachlichkeit und möglichst einfache, natürliche und sinnfällige Lösung die Hauptsache. —

Die großen Gestaltungsformen (Körper- und Raumformen) sind keineswegs so mannigfaltig, wie vielfach angenommen wird. Ein Überblick über die gesamte Entwicklung seit altersher zeigt vielmehr, daß verhältnismäßig wenige wirkliche Grundformen zu allen Zeiten bei den verschiedensten Aufgaben stets wiederkehren und nur nach Werkstoff verschieden erscheinen und in den Einzelheiten und in der äußeren Gestalt dem besonderen Zweck und dem Zeitgeschmack entsprechend abgewandelt sind. Auch für die überwiegende Mehrzahl der völlig neuen, aus den neuen Aufgaben und Konstruktionsweisen des Ingenieurbaus entstandenen Gebilde lassen sich unschwer Vorläufer, ja ganze Reihen von solchen, unter den alten Bauten finden. Ganz ähnlich verhält es sich auch mit den Einzelformen, mit dem „Ausdrude der Funktionen“ in den Konstruktions- und Kunstformen.

„So wie die Natur bei ihrer unendlichen Fülle doch in ihren Motiven höchst sparsam ist, wie sich eine stetige Wiederholung in ihren Grundformen zeigt, wie aber diese nach den Bedingungsstufen der Geschöpfe und nach ihren verschiedenen Daseinsbedingungen tausendfach modifiziert, in Teilen verkürzt oder verlängert, in Teilen voll ausgebildet, in anderen nur angedeutet erscheinen, wie die Natur ihre Entwicklungsgeschichte hat, innerhalb welcher die alten Motive bei jeder Umgestaltung wieder durchblicken, ebenso liegen auch der Kunst nur wenige Normalformen und Typen unter, die aus uräitester Tradition stammen, in stetem Wiederhervortreten dennoch eine unendliche Mannigfaltigkeit darbieten und gleich jenen Naturtypen ihre Geschichte haben, — nichts ist dabei reine Willkür, sondern alles durch Umstände und Verhältnisse beding.“

(Gottfried Semper).

So werden ganz von selbst und mit zwingender Notwendigkeit gute Ingenieurbauten zu „typischen Lösungen“. Aber die Forderung ist zum vielfach mißverstandenen Schlagwort geworden. Auch sie können sich nur durchaus folgerichtig aus der allseitig vollendeten Erfüllung der besonderen wirtschaftlichen, baulichen und schönheitlichen Forderungen ergeben.

Durchaus typische Gebilde in diesem höheren Sinne sind aber auch beispielsweise die schon oben erwähnten, verblüffend phantastischen neuen Riesenkrane und ebensogut die mannigfachen Formen der alten Krane und Windmühlen. Sie werden zu Unrecht als besonders bezeichnende Beispiele altertümlicher Romantik und eigenwilligen grotesken Gestaltens angeführt und sind doch ganz sachlich aus Zweck und Konstruktion entwickelt, in Formen, die bis in die Einzelheiten mit zwingender Notwendigkeit aus den praktischen Erfordernissen (knappe Umhüllung des Werkgetriebes und des erforderlichen Arbeitsraumes, beste Ausnutzung der Windkraft in ihrer jeweiligen Stärke usw.) und aus der Ausführungsart entstanden sind, zugleich aber auch in außerordentlich schönen Formen. Gewiß sind sie für unsere modernen Wirtschaftsbegriffe größtenteils nicht mehr praktisch. Veralten aber die modernen Typen nicht ebensogut und obendrein ungleich rascher als jene?

Obwohl also die Ingenieurbauwerke wie alles bauliche Schaffen unwandelbaren Gesetzen unterliegen, auf die diese Ausführungen eindringlich hinweisen, lassen sich feste Regeln für den Einzelfall nicht aufstellen. Hier hat der Schaffende selbst das letzte Wort. Man kann und soll aber den Blick für das Notwendige schärfen und damit eine allgemeine Klärung der Grundlagen guten Gestaltens zu fördern trachten. Wird nun weiterhin versucht, an der Hand einiger der vorliegenden Beispiele den Zweck der Arbeit in diesem Sinn weiter zu veranschaulichen, so soll das — es sei deutlich unterstrichen — keine Kritik an diesen Werken bedeuten. Selbst noch so vorsichtig und sachlich geübt bliebe ihr Erfolg allein schon deshalb zweifelhaft, weil nicht alle Voraussetzungen für die jeweils gewählte Lösung bekannt waren. Es kann sich vielmehr nur um Hinweise und Anregungen handeln; damit sollen aber zugleich praktische Auslegungen und Nutzanwendungen des im Vorigen grundsätzlich Entwickelten gegeben und die Wege sinnfällig gemacht werden, auf denen sich die Gedankengänge der Entwerfenden bewegen. Vom wandelbaren Geschmack abhängige Bemerkungen waren dabei sorglichst zu vermeiden, um dem Gesagten einen möglichst bleibenden Wert zu verleihen. Derartige Hinweise, die nur beispielsweise auf andere Möglichkeiten der Lösung deuten und einen Austausch der grundlegenden Meinungen herbeiführen sollen, zeigen, wie oft durch kleine Änderungen wesentliche Gewinne zu erzielen sind. Besonders wichtig schienen sie da, wo aus Gedankenlosigkeit und im Grunde unverständlichem, jedenfalls überflüssigem Respekt vor Vorhandenem oder Üblichem entstandene bisher unüber-brückte Gegensätze und Widersprüche bei näherem Hinschauen und ruhigem Abwägen aller Möglichkeiten ohne weiteres offensichtlich werden.

Nicht nur die so betrachteten, sondern alle Beispiele des Buches sind aus einem reichen Bildstoff gewählt, den die Fachwelt dankenswerterweise zur Verfügung stellte. Die Auswahl bewegt sich in den modernen Fällen im allgemeinen weit über dem Durchschnitt des Geleisteten; sie darf also nicht als Querschnitt des Vorhandenen angesehen werden.

Siehe auch:

Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung : Vorwort
Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung : Zum Geleit
Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung : Speicher, Silos, Bunker
Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung : Baukörper
Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung : Leuchttürme
Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung : Wasserwirtschaft
Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung : Eiserne Kräne, Verladebrücken und dergleichen
Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung : Eisenbahnbrücken, Straßenbrücken, Fußgängerbrücken
Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung : Industrieanlagen
Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung : Hallenbauten
Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung : Gasbehälter, Flugzeug- und Luftschiffhallen, Kühltürme

Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung : Alte Krane
Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung : Wind- und Wassermühlen