Die iranische Lichtreligion

Statt etwas von der Geschichte der arischen Vergangenheit und Kultur zu hören, lernte unsere Jugend in den Schulen bis zu unseren Tagen herab in der Biblischen Geschichte die Vergangenheit des jüdischen Volkes kennen und hörte dabei widerwillig von Dingen, die ihr unbegreiflich blieben und bleiben mußten, weil sie uns blutfremd sind. Und so kam es, daß Friedrich Nietzsche in seinem Buch „Also sprach Zarathustra“ den Namen der größten Persönlichkeit der arischen Überlieferung als herrenlos aufnehmen und als Schlagwort für seine Weltanschauung benutzen konnte, welche das gerade Gegenteil dessen ist, was Zarathustra Spitama gelehrt und gefordert hat. Denn niemand außer einigen Spezialisten wußte damals von dem großen Reformator der iranischen Religion viel mehr als den Namen.

„Während Nietzsche jenseits von Gut und Böse steht, vom einen aus immer über das andere hinauskommen, stets neue Werte erobern und alte verlachen will, gibt der Mazdaismus den Begriffen Gut und Böse feste, aus der Gesinnung und den Bedürfnissen des iranischen Volkes bestimmte Inhalte, so daß von jedem Dinge Wesen und Tun klar ist, zu welcher Seite es gehört, und wie der Mensch, der den Sieg des Cuten will, sich dazu verhält. Für Nietzsche sind Wahr und Falsch verrückbare Werte, ja es ist ihm höchste Weisheit, zu erkennen, wie sehr sie das sind; für den Mazda-jasna, den Verehrer des Ahura Mazda und den Feind des bösen Ahriman, ist die Wahrheit das einzig Wesentliche, die Lüge der Kern alles Übels. Nietzsche stellt den einzelnen alseinzigen in die Mitte der Welt, die nun einer ins Göttliche gesteigerten Willkür ausgeliefert wird; der Mazdajasna hingegen verlangt vom einzelnen Gemeinsinn und restloses Eintreten für das Gute und Wahre aus freier, sittlicher Wahl.“

Um den Unterschied der iranischen Hochlandsreligion von der semitischen Tieflandsreligion zu erfassen, vergegenwärtigen wir uns vorerst das Wesen der sumerischen und babylonischen Kulte. Als Belohnung ihrer Gottesfurcht, ihrer Tempelbauten und ihrer Verwaltung des Staates erhofften sich die Sumerer außer Nachruhm ein langes Leben, eine beständige Regierung, Gehorsam der Untertanen, Reichtum, Macht und Zufriedenheit, vor allem aber ein langes Leben. Die babylonischen Könige waren schon einen bedeutsamen Schritt weiter. Sie rühmten sich in ihren Inschriften nicht mehr sosehr ihrer Tempelbauten, sondern verweisen auf die großen Gebiete, die sie unter die Einheit des Staates gebracht hatten, daß sie fremde Pflanzen und Tiere in ihr Land verpflanzt und Städte gegründet, Gärten und Bewässerungsanlagen angelegt haben. Im übrigen aber flüchten sie aus ihren Zweifeln und ihrem Schuldbewußtsein gegenüber der Gottheit zu den Freuden des Lebens. Eine endgültige Einsicht könne der Mensch ja doch nicht erreichen. Der Genuß des vergänglichen Lebens blieb daher ihr letzter Trost „Was mich, Sarrukin, anbelangt, der diesen Palast bewohnt — ein Leben langer Tage, Gesundheit, frohen Mut und fröhlichen Sinn möge er (Assur) zu meinem Schicksale bestimmen; es möge hervorgehen aus seinem strahlenden Munde. Die reiche Habe der Feinde, die Gaben der Menschen, den Reichtum der Weltgegenden, die Erzeugnisse der Berge und Meere, so viele ich darinnen auf gespeichert habe … möge ich genießen.“ Das Nationalepos der Babylonier von den Taten und dem vergeblichen Suchen des Gilgamesch nach dem ewigen Leben spiegelt die Weltanschauung der Babylonier wider:

Gilgamesch, warum rennst du herum?
Das Leben, das du suchst,
wirst du doch nicht finden.
Als die Götter die Menschen schufen,
Haben sie den Tod den Menschen auferlegt
Und das Leben in ihren Händen behalten.
Du, Gilgamesch, fülle deinen Bauch,
Tag und Nacht freue du dich,
Täglich mache ein Freudenfest;
Tag und Nacht sei ausgelassen und vergnügt.
Sauber mögen deine Kleider sein;
Rein sei dein Kopf, wasch dich mit Wasser.
Schau auf den Kleinen, der deine Hand ergreift,
Dein Weib freue sich in deinem Schoße …

Ob die in der Literatur überlieferte Grabschrift des Sardanapal nun wahr ist oder eine boshafte Erfindung der griechischen Historiker, jedenfalls gibt sie das Wesen der babylonischen Lebensweisheit wieder:  „Iß, trink, ergötze dich, denn nur das verlohnt sich.“ Cicero hielt den Spruch voll Entrüstung eher eines Ochsen würdig als eines Königs. Wer aber zählte dann die Ochsen, die von Sardanapal bis heute die gleiche Einstellung zum Leben hatten?

Mehr verwundert uns die Grabschrift, die eine Ägypterin ihrem Manne setzte:

„O mein Genosse, mein Gemahl! Höre nicht auf zu trinken und zu essen, trunken zu sein, der Liebe der Frauen zu genießen, Feste zu feiern. Folge deinen Wünschen bei Nacht und bei Tage. Gönne den Sorgen keinen Raum in deinem Herzen. Denn das Totenreich ist ein Land des Schlafes und der Finsternis.“

Neben diesem Glauben an fast völlige Vernichtung gab es auch in Ägypten sehr trostreiche Lehren von dem Fortleben der Seele nach dem Tode. Mächtiger aber und verläßlicher als die Götter schienen dem Volke doch zumeist die Zauberkundigen, die mit ihren Amuletten und Zaubersprüchen auch die Götter täuschen und ihren Klienten den Himmel ergaunern zu können vorgaben. Darf man aus solchen vereinzelten Inschriften auch nicht gleich auf die Völker als Ganzes schließen, so geht aus ihnen jedenfalls der Mangel einer geschlossenen, sittlichen Weltanschauung hervor, die ihr Leben bestimmt hätte.

Die iranische Hochlandsreligion war vor dem Auftreten Zarathustras ein Zweig der den Indoariem gemeinsamen Kulte, eine Verehrung der kosmischen Mächte, der „Planeten“ und „Elemente“, also von Sonne, Mond und Sternen, Erde, Feuer und Wasser. Kulte dieser Art treffen wir zuerst um 1500 v. d. Zw. bei den ersten arischen Ankömmlingen auf kleinasiatischem Boden und später bei den arischen Indem. In beiden Ländern, bei den indogermanischen Schichten der Hettiter und Mitanni und bei den Indem, wurde ein höchster Gott, Dyausch pitar, ein vergöttlichter Pater familias, und mehrere kosmische Machthaber, wie Mitra, Varuna, Indra und andere verehrt. Über ihre ursprüngliche kosmische Funktion hinaus waren sie bereits zu Hütern der rechtlichen und sittlichen Ordnung avanciert, ganz besonders Mitra, der Walter der „Weltordnung“ und Beschützer der Verträge und Bündnisse.

Eine zuverlässige Quelle über den Stand der iranischen Religion etwa fünfzig Jahre nach dem Auftreten Zarathustras besitzen wir im Berichte Herodots, der um 460 Westiran besuchte. Der Vater der Geschichtsschreibung berichtet (I, 131), daß die Perser seit alter Zeit die Sonne, den Mond, die Erde, das Feuer, das Wasser und die Sterne verehrten. Sie „huldigen der Sitte, auf die höchsten Gipfel der Berge zu steigen und dort dem Zeus Opfer darzubringen, wobei sie den ganzen Kreis des Himmels Zeus nennen“. Dieser Zeus ist der oben genannte indoarische Gott Dyausch, dessen Lichtcharakter nun besonders betont erscheint.

Zarathustras Name ist Herodot noch unbekannt, und die persischen Priester nennt er immer Magier. Er schildert also als persische Religion gerade den von Zarathustra bekämpften Devakult und hebt die ebenso bekämpften Unsitten der „magischen“ Perser, die Trunksucht, die Aussetzung der Leichen, Tieropfer, Tiervernichtung und Hundekult, als allgemein verbreitet hervor. Daraus erhellt, daß die Reformen des Propheten in der magischen Priesterschaft und im Volke Westirans noch nicht Fuß gefaßt hatten und auf den König und die Hofkreise beschränkt geblieben waren. Für die Achämeniden war Ahura Mazda der „Weise Herr“, seit der Annahme der reformierten Lehre des Zarathustra durch den ostiranischen König Vischtaspa, Hausgott und erwählter Protektor ihres Herrschertums. Erst nach dem Besuch Herodots, in der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts, mußten die Magier mehr und mehr ihren Widerstand gegen die Reformen Zarathustras aufgeben. Daraus erklärt sich die starke Mischung der zoroastrischen Lehre mit magischen Traditionen im jüngeren Awesta.

Die Einstellung der arischen Inder und Iranier zum Leben basierte auf dem obersten Prinzip einer Weltordnung (urtam). Erste Pflicht des Menschen war es, dieser Weltordnung gemäß zu leben. So wird es noch in der Bhagavatgita, dem berühmten Lehrgedicht, das eine Episode des indischen Nationalepos Mahabharata bildet, gefordert. „Wer, ohne die Vorschriften des Gesetzes zu beachten, nach eigenem Belieben handelt, der gelangt nicht zur Vollkommenheit, nicht zur Seligkeit, nicht zum höchsten Ziel. Darum sei das Gesetz dir zur Richtschnur bei der Feststellung dessen, was zu tun und was nicht zu tun ist. Das Werk, das du in den Vorschriften des Gesetzes angeordnet findest, sollst du hier (auf Erden) tun“ (Garbe).

Der oberste Herr dieser sittlichen Weltordnung war nach der Lehre des Zarathustra Spitama „Ahura Mazda“, der „Weise Herr“. Um in der diesseitigen Welt zu wirken, bedient sich die in ihm personifizierte Göttliche Weisheit (Sophia) geistiger Kräfte, die von ihm ausstrahlen und deren wichtigste der Heilige Geist ist. Dieser bekämpft den Geist des Bösen, der vom Anfang an in der Welt ist. Hier liegt der scheinbare Dualismus der Lehre des Zarathustra, der jedoch kein wirklicher ist, da beide Kräfte dem Ahura Mazda untergeordnet sind und die Bekämpfung des Bösen nur eine Nebenfunktion des Heiligen Geistes ist. Mit dieser ethischen Lehre des arischiranischen Reformators befinden wir uns mit einem Schlag auf christlich-europäischem Boden, es ist eine Lehre unseres Blutes und das Christentum hat sie von Iran übernommen. Der für die Geschichte der Menschheit bedeutsame Schritt von der sumerischen und semitischen Weltanschauung zur arischen wurde von Zarathustra getan. Die Erkenntnis, daß diese Welt nicht die beste aller Welten sei, die sich dem iranischen Menschen besonders deutlich fühlbar machte, drängte zur Annahme eines Bösen Prinzips.

Aus der Tätigkeit dieser beiden Prinzipien konnte der Prophet die Schöpfung des Kosmos und seiner Elemente, des Lichtes, der Finsternis, des Wassers, der Erde und der Pflanzen, erklären, die alle vom Guten Geist geschaffen wurden, während der Böse sie zu zerstören sucht. Diese Lehre auf den Menschen anwendend, der ja beide Kräfte in sich wirksam fühlt, konstruierte Zarathustra den praktisch-ethischen Teil seiner Religion und zog daraus die Konsequenzen für den Pflichtenkreis des iranischen Ackerbauers und Viehzüchters. An die Seite des Guten Prinzips treten in dieser Welt sechs ethische Abstraktionen als assistierende Kräfte und bilden mit Ahura Mazda eine heilige Sieben: die Wahrheit oder sittliche Rechtsordnung, der gute Sinn oder die gute Gesinnung, die Herrschaft oder das Reich, und zwar das diesseitige und jenseitige, die Unsterblichkeit, die Vollkommenheit, das Heilsein oder die Frömmigkeit. Diese Abstraktionen heißen die Ahura oder Herren und werden mit dem obersten Prinzip als „Mazda und die Ahura“ zusammengefaßt. Später wurden sie Amescha Spenta, die Unsterblichen Heiligen, genannt und wurden Schutzgottheiten der Elemente, Tiere und Menschen. Die wichtigste Abstraktion auf der Seite des Bösen ist der Drug, die Lüge oder schlechte Gesinnung. Der Wettstreit der beiden, das stoffliche Dasein, Natur und Menschen erfüllende Mächte sind als Kampf gedacht, aus dem später der Mythus vom Streit der Götter und Dämonen entstand. Dieser Kampf spielt sich bekanntlich in jedem Menschen ab. Im Menschen selbst liegt daher die Verantwortung, er selbst muß die Wahl zwischen Gut und Böse treffen, seinen Weg wählen …

Diese Betonung des freien Willens und der persönlichen Verantwortung für ein Leben der guten Gedanken, Worte und Werke trennt die zarathustrische Lehre von der orientalischen Welt und stellt sie an die Seite Griechenlands und der arischen Welt des Abendlandes. Die Entwicklung der ethischen Persönlichkeit, nicht deren Auslöschen wird als Ziel gesetzt Die gute Gesinnung, das Recht und die Wahrheit, die fromme Andacht, die richtige Herrschaft, die Vollkommenheit und Ganzheit, mit der man sich einer Aufgabe widmen soll, der Gehorsam gegenüber den Forderungen des Guten und die aus der Befolgung aller dieser Forderungen sich ergebende Unsterblichkeit sind die ethischen Gebote für den Menschen. Ein geordneter, seßhafter Lebenswandel unter einer guten Herrschaft einsichtsvoller Fürsten gilt als das beste Tun, daher predigte Zarathustra Abkehr vom Nomadentum. Denn der Nomade war der Erbfeind des Bauern, Anhänger der Lüge und des schlechten Tuns, der das Vieh stahl und sich an den Leuten des Viehzüchters vergriff. Sie raubten das Gras von den Weiden und erhoben die Waffen gegen die Bauern. Zarathustra wurde so ein Reformator der iranischen Gesellschaftsordnung.

Die Grundlage seines Systems bildet die Seelenlehre. Er nahm eine Lebenskraft, Vitalitätsenergie an, die mit dem Leib vereinigt erst das körperliche Leben, das physische Dasein ergibt. Dieser Lebensodem ist aber noch nicht die Seele, die sich vielmehr als ein geistiges Prinzip dem Körper gesellt. Außerdem wurde noch ein denkendes Ich, die Instanz der menschlichen Willensentscheidung und ein Verstand, Geisteskraft und die Einsicht oder Erkenntnis angenommen. Der Prophet unterschied also auch auf seelischem Gebiet eine Anzahl abstrakter Kräfte. Allen jenen, die den rechten Weg einschlagen und sich für das rechte Tun entscheiden, winkt schon auf Erden reicher Lohn und Segen, sie erreichen das „Beste Dasein“, während den Anhängern des Drug das „Schlechteste Dasein“ in Aussicht gestellt wird. Für sich selbst erwartet Zarathustra als Lohn zehn Stuten, einen Hengst und ein Kamel, einen bescheidenen Wohlstand also. Segensvolle Fülle verspricht er dem pflichtgetreuen Viehzüchter und Bauern und seinen Beschützern, den guten Herrschern oder Gaufürsten seiner Zeit. Die Fortsetzung der Belohnung erfolgt im Jenseits, wo dem Guten ein zweites, geistiges Leben im Himmel, dem Schlechten in der Hölle bevorsteht. Himmel und Hölle sind für den Propheten seelische Zustände, die auch nach Beendigung des physischen Lebens weiter bestehen. Sie gipfeln für den Guten im Weiterleben im geistigen Sinn, für den Bösen im Nichtleben, dem wirklichen Tod. Die endgültige Scheidung aber von Guten und Bösen wird durch ein Seelengericht besorgt. Diese Abrechnung findet in einer ganz kaufmännischen Weise statt, die ein geordnetes Rechnungswesen der iranischen Stämme zur Zeit des Propheten voraussetzt. Nur wenn die Summe der guten Taten die der schlechten überwiegt, wird der Mensch des ewigen Heils teilhaftig, sonst verfällt er der Verdammnis und damit dem Nichtleben.

Man wird schwer eine zweite Religion finden, die so folgerichtig organisch aus den Gegebenheiten des Bodens und den Bedürfnissen eines Volkes herausgewachsen ist und zu einem vollkommenen, sozialen System von höchster Ethik ausgebaut wurde wie die zarathustrische. Sofern sie die Seßhaftigkeit predigt, preist und belohnt, war sie eine wirkliche Bauernreligion und fand deshalb auch Anhängerschaft bei den ostiranischen Stämmen. Anderseits ging sie weit über den beschränkten Bauemverstand hinaus und entbehrte jene Äußerlichkeiten, die das einfache Volk anziehen, wie Aufzüge, Zeremonien und Heiligenkult. Einen Feuerkult und Feuertempel hat es in der Religion Zarathustras nicht gegeben, ebensowenig die dafür notwendige Priesterschaft Daher hatte diese reine Lehre von einer die Welt regierenden göttlichen Weisheit ebensowenig Bestand wie später die reine Lehre Gautama Buddhas oder Christi. Ein Kern von ihrem hohen Idealismus aber hat sich in Iran trotz aller späteren Entstellungen durch die Priester und trotz des Islam und der fremden Eroberer des arischen Landes bis heute erhalten, und wer das Glück hat, in Yäzd Vertreter der Parsenreligion kennenzulernen, sieht sich den ethisch höchststehenden Menschen Asiens gegenüber. Es wäre also ganz falsch, die Lehre Zarathustras mit der Lehre Irans zu identifizieren, in der sie nur eine, wenn auch bedeutsame und reinigende Phase bildete.

Die arische Weltordnung, das urtam, von dem wir oben sprachen, ist viel älter als Zarathustra, war alte arische Volksethik. Wir finden sie daher nicht nur, wenigstens teilweise, in den religiösen Texten der Iranier, dem Avesta (d. h. „Text“), sondern auch in den indischen Veden. Noch aus einer so späten Fassung der indoarischen Tradition, wie der Bhagavatgita, können wir die Grundlagen der indoiranischen Weltordnung ablesen. Dort verkündet im 16. und 17. Gesang der Gott Krischna dem Helden der Pandavas, Ardschuna, sehr viel davon. Er verlangt von ihm Furchtlosigkeit, Reinheit des Innern, Beharrlichkeit, Freigebigkeit, Selbstbeherrschung, Opfer, Redlichkeit, Wahrhaftigkeit, Entsagung, Ruhe, Nichtverräterei, Milde, Schamhaftigkeit, Stetigkeit, Energie, Nachsicht, Entschlossenheit, Lauterkeit, Wohlwollen, Demut und manches andere.

Alle diese guten Eigenschaften, die heute genau so erwünscht sind wie damals, sind jedoch schon ethische Ableitungen einer mehr urtümlichen Weltordnung, der zunächst eine Opferordnung entsprach. Das Opfer war nicht mehr eine ausschließlich von den Priestern besorgte Bestechung oder Bußgabe für die Gottheit, wie bei den Nichtariern, sondern eine festliche Veranstaltung, an welcher die Götter, ferner die Ahnen und der Stamm nach Abstufung seiner Geschlechter und Familien teilnahmen. Ein gemeinsames Mahl und mimische Aufführungen des Mythos, der selbst wieder die Weltordnung verkörperte, fanden statt. Das Mahl wurde über dem heiligen Feuer gar gekocht und berauschender Homatrank wurde nach bestimmtem Ritus getrunken, alles gemäß der Opferordnung. Der Altar, auf dem die Opfer dargebracht wurden, ist zugleich der heilige Herd des Stammes und Sinnbild der Rechtsordnung. Weltordnung, Festordnung und Rechtsordnung sind eins. Auch das Feuer am Herd ist heilig und wird bei der Begründung des Hausstandes feierlich entzündet, wie wir aus den brahmanischen Vorschriften der indischen Arier wissen. Nach altem indischen Brauch spendete der Hausvater täglich ein vierfaches Opfer:

1. an sämtliche Götter; 2. an die Eltern und Manen; 3. an die Heroen, aus deren Verehrung sich der Begriff des Vaterlandes entwickelt hat, und 4. an die Gäste und Hilfsbedürftigen. Nach alter, persischer Auffassung ist die Beobachtung dieser Opfer eine Pflicht der Dankbarkeit. Wenn sie jemand undankbar sehen, berichtet Xenophon (Paid. I) von den Persern, obgleich er Dank erweisen könnte, bestrafen sie ihn streng. Sie meinen nämlich, die Undankbaren würden auch die Götter vernachlässigen, ferner die Eltern, das Vaterland und die Freunde. Auch pflege Undankbarkeit von Schamlosigkeit begleitet zu sein, wie überhaupt gerade sie zu allen Schändlichkeiten verleite. Der griechische Heerführer und Historiker des fünften Jahrhunderts v. d. Zw. bestätigt also die indoarische Tradition als auch in Iran geltend. An diese vier religiösen Gebote schlossen sich fünf Gebote der Lebensführung, woraus sich die folgenden neun arischen Gebote ergeben: 1. Ehrung des Gottes, 2. der Eltern, 3. des Vaterlandes, 4. der Gastfreunde, 5. der Reinheit, 6. Verbot der Schändung, 7. Verbot des Mordes und 8. des Diebstahls, 9. Gebot der Wahrhaftigkeit und Treue. Die auffallende Ähnlichkeit mit den biblischen „Zehn Geboten“ erklärt sich aus der Entlehnung der arischen Reihe seitens der Bibelverfasser.

Neben dieser altarischen Tradition, die die Inder mit den arischen Iraniern und anderen arischen Völkern gemeinsam hatten, fragen wir nun ater nach den Opfern der späteren avestischen Iranier. Darüber geben uns die Yascht, die hymnenartigen Opferlieder des Avesta, Aufschluß.

Es sagte der Herrscher Mazda zu Spitama Zarathustra: „Verwalte das Amt des Herrn und des Ausstrahlers des Lichtes des Heils! Dem Mond sowohl, wie der Wohnstätte und der Opfergate bringen wir Opfer dar, auf daß sich mir die das Siegesfeuer (hvarnah) besitzenden Sterne gesellen und voran der Mond. Sie teilen den Männern das Siegesfeuer zu. Ich will opfern dem Zuteiler der Wohnstatt, dem Sterne Tischtriya (Sirius, dem Regenstem), mit Opfergaten.“ (Yascht, 8, 1). Nach Yascht 8 bringt Tischtriya den Regen dadurch hervor, daß er in den „breit buchtigen See“ springt, so daß dieser überflutet. „Wenn nun die Gewässer ausströmen, Spitama Zarathustra, aus dem breitbuchtigen See, und das von Mazda gespendete Siegesfeuer, dann treten die mächtigen Fravaschi (die Schutzgeister) der Besitzer des ,Lichtes des Heils‘ vor, viele, viele Hunderte, viele, viele Tausende, viele, viele Zehntausende, alle das heilige Wasser suchend für ihre Verwandtschaft, für ihr Dorf, für ihren Gau, für ihr Land, also redend: ,Soll unser Land herunterkommen und vertrocknen?'“ (Yascht 13, 65/6). „Die Fravaschi sind ursprünglich die Sterne, als solche zugleich Spender des Regens und des Zeugungsfeuers wie des Siegesfeuers, also Besitzer des Reichtums und Kämpfer. Sie sind mächtig und rings leuchtend, und müssen Mazda zu Hilfe kommen, der durch ihren Reichtum und durch ihr Siegesfeuer den Himmel über der Erde gestützt hat, deren Reichtum und Siegesfeuer das Quellwasser laufen, die Pflanzen wachsen, die die Wolken schwemmenden Winde wehen, die Frauen empfangen und gut gebären, Söhne empfangen läßt, besonders solche, die zu siegreichen Disputanten werden; deren Reichtum und Siegesfeuer den Lauf der Sonne, des Mondes und der Sterne ermöglicht (Yascht 13, 14 — 16). Sie verleihen ihren Verehrern ein leuchtendes Siegesfeuer und damit Sieg, Reichtum, Gesundheit, unverletzliche Kraft, unverwundbare Leiber, echte, leuchtende, gelehrte, in der Versammlung beredte, kriegstüchtige Nachkommenschaft (Yascht 13,134)“.

In diesen aufschlußreichen Stellen der avestischen Yascht wird Zarathustra von Ahura Mazda als Verwalter und Ausstrahler des Heilslichtes eingesetzt. Die iranischen Lichtgötter erscheinen, die ausstrahlenden, ferner die Vorstellung von einem Siegesfeuer (hvarnah), einer mystischen, schöpferischen Kraft, zeugend und strahlend, die bei den sie besitzenden Herrschern als Gloriole sichtbar werden kann. Das Siegesfeuer wohnt nicht nur den himmlischen Lichtgöttern und dem himmlischen See in ne, sondern auch den irdischen Gewässern, namentlich dem Hamun-See in Sistan und seinen Zuflüssen, die die Helmund-Landschaft befruchten. „Zu ihm (dem Hamun-See) fährt hin, sich mit ihm zu vereinigen, der Hätumant (das ist der mit Dämmen versehene Heim und), der Besitzer des Reichtums, der Besitzer des Siegesfeuers, welcher leuchtende Wellen leuchten läßt, der viele Überschwemmungen aus sich niederströmen läßt. Ihm gesellt sich des Rosses Kraft, gesellt sich des Kameles Kraft, gesellt sich des wehrhaften Mannes Kraft, gesellt sich das königliche Siegesfeuer. Und in ihm befindet sich, o Besitzer des ,Lichtes-des-Heils, Zarathustra, so viel königliches Siegesfeuer, daß es hinreichen würde, hier die nichtarischen Völker auf einmal hoch (zu überfluten) und wegzuspülen. Dann werden sie dort hinfahren, indem sie Hunger und Durst verspüren, indem sie Frost und Hitze verspüren.

Das ist das königliche Siegesfeuer, welches die arischen Völker und das fünf Eigenschaften besitzende Rind beschützt zur Hilfe für die Männer, welche das ,Licht des Heils‘ und das den Mazda-Opferern eignende Erkenntnislicht besitzen.“ (Yascht 19, 67—69, Hertel). In Yascht 15, 56 verspricht der Wind dem Zarathustra: „Wenn du mir Opfer darbringst, so wül ich dir Worte künden, von Mazda gespendete, Siegesfeuer enthaltende, heilende, so daß dich nicht überwinden soll der finstere Geist, der viele tötende, nicht der Zauber und der Besitzer des Zaubers, nicht ein Deva und auch kein Sterblicher.“ Das avestische Siegesfeuer hatte aber auch die magische Kraft wirklicher Feuerwirkung. Durch Fluchformeln beschworen, ward es ausgesendet „zwischen die Erde und den Felsen“, damit es verbrenne und entferne den finsteren Geist samt seinen Geschöpfen, den Besitzer der bösen Geschöpfe, den viele tötenden … Die Texte sind also Feuer, welche die Mächte der Finsternis verbrennen, und diese Wirkung beruht auf ihrem Gehalt, insbesondere an hvarnah, „Siegesfeuer“.

Die in diesen Opferliedern stets wiederkehrende Offenbarung des Ahura Mazda an Zarathustra ist eine rhetorische Formel der nachzarathustrischen Texte. Die hymnische Verherrlichung des Lichtes und Feuers aber, in allen möglichen Arten, ist altarisch. Die Anschauung, daß Feuer die Welt umgibt und bis in jedes Einzelwesen hinein durchdringt, ist aller Wahrscheinlichkeit nach schon indogermanisch. „Indogermanisch ist auch die Gleichsetzung des Feuers mit dem Verstand, der Weisheit, Vernunft und Klugheit, und mit der Kraft. Die indogermanischen Verkörperungen des Lichthimmels sind zugleich Gewittergötter, Spender des Regens und des Feuers und Verkörperungen der höchsten Weisheit und Macht. Ihre Gegner sind die Mächte der Finsternis. So ist auch der Dualismus schon indogermanisch und nicht etwa erst zarathustrisch.“ Die Lehre des Zarathustra gründet sich auf die arische Weltanschauung, ist aber mehr Philosophie als Religion. Der Prophet behielt die alte Anschauung vom Himmelsfeuer, das zugleich im Menschenherzen brennt und geistige Fähigkeiten, Willen, Kraft und Macht verleiht, ebenso bei wie seine Verkörperung, den Himmelsgott. Diesen aber entkleidet er aller naturalistischen Attribute, und läßt ihn nur als die Verkörperung der Weisheit und der Macht gelten. „Mazda“, der Verstand, hat nach Zarathustra die Welt geschaffen und regiert sie. Er wirkt durch mehrere andere Wesen, denen er als ahura, „Herrscher“, übergeordnet ist. Die wichtigsten von ihnen sind manah, „das Denken“, und khschathra, die „Herrschaft“, „Regierung“, letztere teils kosmisch, teils irdisch-politisch gedacht. Man unterscheidet zwischen einem „guten“ und einem „schlechten Feuer“. Das gute Feuer ist zugleich Herzensfeuer, ebenso wie das indische brahman Himmel- und Herzensfeuer ist.

Denn auch hier gelten, wie in allen alten Weltanschauungen, die Entsprechungen zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos. Das Himmelslicht, hvarnah, das Sonne und Mond spenden, besiegt die Devas, die Mächte der Finsternis, bricht die Macht des von ihnen gesendeten Winters und bringt den Wohlstand zurück. Denn der Reichtum der Arier beruhte auf ihren Viehbeständen. Wenn aber das Hvarnah sogar die unsterblichen Mächte der Finsternis, die nicht nur Nacht und Winter, sondern auch Krankheit, Tod und alle übrigen Übel verursachten, besiegte, so mußte es erst recht gegen die sterblichen Feinde wirksam sein. Deshalb wohnte es in den arischen Königen und Kriegern. Durch sie brachte es Beute und Herrschaft. So kam Hvarnah zur Bedeutung „Siegreiches Himmelslicht“, Siegesfeuer. Es bezeichnet aber auch das Himmelsfeuer, das die Fruchtbarkeit und damit den Reichtum gewährleistet.

Wie immer diese mystische Kraft nun in den avestischen Texten genannt wurde, ob Zarathustra sie Xschathra, das jüngere Avest sie Hvarnah, die Inder sie Brahman nennen, jedenfalls ist sie die allen arischen Religionen gemeinsame Zentralkraft, in welcher diese in Religionsphilosophie ausmünden und gipfeln. Keine andere Religionsphilosophie seither ist über die Erkenntnis dieser Schöpferkraft, dieses in allen Geschöpfen der Natur brennenden Feuers, dieser nie endenden Zeugungskraft hinausgekommen, die wir Gott nennen.

Deutsche Mythology:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz
Deutsche Mythologie – Götterbilder
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Der Anfang der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt