Die Kreuzzüge

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Um noch mehr Ansehen zu gewinnen, veranstaltete das Papsttum die Kreuzzüge. Dem Rufe Urbans II. folgend, setzte sich eine Schar französischer und flämischer Ritter unter Gottfried von Bouillon in Bewegung. Sie eroberten 1099 Jerusalem.

Nach diesen ersten Kreuzzügen erfolgten noch mehrere andere. Der bedeutendste war der, an dem Kaiser Friedrich I., nach seinem roten Barte Barbarossa genannt, teilnahm. Der Zug fiel in die Jahre 1189—1192. Der Kaiser selbst, der sein Heer auf dem Landwege durch die Balkanhalbinsel und Kleinasien führte, ist nicht an das Ziel seiner Wünsche gelangt. Er starb an einem eiskalten Bade im Kalykadnos, der das Taurusgebirge durchströmt. Bei den anderen Kreuzfahrern brach Zwietracht aus. Der englische König, der den Seeweg genommen hatte und der auf der Fahrt nach dem heiligen Lande die Insel Zypern erobert hatte, verletzte durch sein herausforderndes Benehmen den König von Frankreich und den Herzog Leopold von Österreich. Das Unternehmen scheiterte und Richard Löwenherz wollte über Deutschland heimkehren, ward aber unterwegs entdeckt und auf den Befehl Albrechts I., der Barbarossa auf dem Throne nachgefolgt war, gefangen und auf den Trifels, in der Nähe von Landau verbracht. Er konnte sich erst durch eine ungeheuere Summe lösen. Ist dann in England bald darauf gestorben.

Neben den Zügen gegen die Mohammedaner gingen solche gegen die Heiden. Der deutsche Norden, Lübeck, Schweden und Dänemark, sowie die Askanier, deren bedeutendster Albrecht der Bär, fochten mit den Slawen, Litauern und Finnen an der Ostsee und zwischen Havel und Weichsel. Allen Kreuzzügen aber gegen auswärtige Feinde gingen solche gegen innere parallel. Innozenz III. rief zur Vernichtung der Ketzer, besonders der Albigenser in Südfrankreich, auf. Seit 1230 entfaltete sich die schreckliche Inquisition.

Die Kreuzzüge stellen die letzten Ausläufer der Völkerwanderung und einen Höhepunkt westöstlicher Wechselwirkung dar.

Durch die Vermittlung, die schon seit Jahrhunderten die Araber, besonders in Sizilien und Spanien ausübten, wurden viele Dinge der mohammedanischen Kultur nach Europa übertragen.

Gleich von Anfang an war der Islam selbst von christlichen Einwirkungen nicht frei. Danach nahm er vieles von Byzanz an: Kriegführung, Verwaltung, Baukunst und Wissenschaft. So war schon ein gewisser Ausgleich und eine rege Wechselwirkung vor den Kreuzzügen vorhanden. Die Bekanntschaft mit Papier, den Ziffern, dem Kompaß und dem Druck, die von Ost- und Südasien kam, hat ebenfalls mit den Kreuzzügen nichts zu tun gehabt. Dagegen wurde zweifellos der schon vorhandene Austausch der Gedanken, Einrichtungen und Kunstformen durch die Kreuzzüge befördert und beschleunigt. Andrerseits wurden die Gegensätze schroffer. Die tödliche Feindschaft zwischen Islam und Christentum ist nicht die Ursache, sondern nur das Ergebnis der Kreuzzüge. Die Träger der Kulturbeziehungen waren denn auch weniger die Kreuzfahrerheere und die Massen der über das Meer strömenden Pilger aller Nationen, die alljährlich zweimal zu Zehntausenden, namentlich von Genua, Venedig und Marseille, ostwärts segelten, als die in den eroberten Teilen ansässig gewordenen Ansiedler, unter denen die Franzosen weit überwogen, demnächst die Italiener und anfangs auch die Normannen stark vertreten waren. Sie alle haben durch denVerkehr mit ihrer Heimat dieser morgenländische Bräuche, Einrichtungen und Anschauungen zugeführt. Der Umfang dieser Einwirkungen wird namentlich aus der Sprache erkennbar, da mit den entlehnten Sachen zugleich die siebezeichnenden Wörter mit in die abendländische Sprache aufgenommen wurden. Diese betreffen namentlich Ausdrücke aus dem Gebiet des Handels und der Seefahrt (Admiral, Arsenal, kalfatern, Korvette u. a. m.), dann aber auch das Hausgerät (Sofa, Matratze, Karaffe usw.), Musikinstrumente u. a. Ferner sind auf diesem Wege orientalische Naturprodukte überhaupt zuerst oder wenigstens allgemeiner im Westen eingebürgert: Sesam, Johannisbrot, Zucker, Pistazie, Limone, Aprikose usw. Das gilt von einer gleichen Anzahl im Orient heimischer Manufakturen, wie Baumwolle, Kattun, Musselin (aus Mossul), Damast (aus Damaskus), namentlich aber von dem Gebrauche und der Herstellung von Teppichen, mit denen auch arabische Farbstoffe und Farbenamen entlehnt wurden. Begreiflicherweise erstreckte sich diese Nachahmung namentlich auf Pracht und Kleidung (Stoffe aus Kamelhaar, Kaftan, Burnus, Joppe) und gewisse Moden in der Körperpflege, wie den Gebrauch von Schminken und Spiegeln bei den Damen, das Aufkommen des Barttragens bei den Männern, das Baden und anderes mehr. Auch gewisse Luxusgegenstände bürgerten sich infolge dieser Entwicklung aus dem Osten im Westen ein, wie Prunkwaffen, zum Sprechen abgerichtete Vögel und Brieftauben. Gewisse heraldische Formen wie die Helmdecken und die in der Heraldik übliche Zeichnung der Tiere und Kreuze sind ebenfalls orientalischen Ursprungs. Besonders lehrreich für diesen ganzen Austauschprozeß ist, daß der Name der vielberufenen und allgemein gefürchteten Mörderbande der Assassinen im nördlichen Syrien (eigentlich Haschischim, d. i. Haschischraucher), von den Franzosen in assassin als Bezeichnung des Mörders überhaupt beibehalten ist, und der Name einer besonderen in und um Ascalon gebauten Zwiebelart, ascalonessa, noch heute in der Form von Schalotte unseren Hausfrauen geläufig ist.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes