Die Kunst und die Gesellschaft – Vorwort

Eine Arbeit, die vor Jahren unter dem Sammeltitel „Der nackte Mensch in der Kunst aller Zeiten und Völker“ im Rahmen eines einzigen großen Buches erschien, wird, in zwei Bände zerlegt, neu veröffentlicht. Text und Bildermaterial sind unverändert geblieben. Umarbeitungen, die sachlich geboten sind, mögen späteren Jahren Vorbehalten bleiben. Die Aufteilung des Gesamtwerkes in zwei Bande ergab sich indes von selbst aus der Gliederung des Themas, wie es hier behandelt wurde. Gleichzeitig erschien diese Aufteilung im Interesse der äußeren Handhabung und im Interesse des verarbeitenden Lesers zu liegen. Der erste Band versucht in zwei Teilen eine Soziologie bildender Kunst. Der zweite Teil hat es mit rein ästhetischen und im engsten Sinne kunstgeschichtlichen Gesichtspunkten zu tun. Je nach der eigenen Einstellung wird der Leser die soziologische Systematik oder die kunstgeschichtliche Darstellung und die ästhetische Würdigung heranziehen. Da jeder der beiden Bände von seinem bestimmten Ausgangspunkt das der Erörterung zugrunde gelegte kostbare Kardinalthema der Kunstgeschichte — die Darstellung der menschlichen Gestalt — textlich wie in Abbildungen nach dem gesamten historischen Umfang behandelt und da die Gedanken, die der einen Hälfte Bezug auf die andere geben, schon in jeder Hälfte zur Ausrundung eines Ganzen streben, können die Bände unabhängig voneinander gelesen werden. Vielleicht wird — woran mir besonders gelegen wäre — die Teilung auch bewirken, daß der von manchem Kritiker bisher überhaupt kaum wahrgenommene soziologische Teil des Buches, der es unternimmt, der Wissenschaft der Kunstgeschichte einen neuen Horizont zu zeigen, allgemeiner gesehen wird. Nicht als ob dies Unterfangen endgültig geglückt wäre; doch handelt es sich immerhin um Wert oder Unwert einer skizzierenden Absicht und vielleicht auch der Anfänge einer Methode.

Brüssel, im Herbst 1916.

Text aus dem Buch: Die Kunst und die Gesellschaft (1916), Author: Hausenstein, Wilhelm

8 Comments

Comments are closed.