Die Kunst und ihr Publikum

Ich habe von den Schwierigkeiten gesprochen, die die neue Kunstentwicklung dem Laien bereitet. Ich habe versucht, mich in seine Lage zu setzen. Ich habe angeführt, was zu seiner Entlastung spricht, wenn er nicht sogleich mit seinem Verständnis einer neuen Kunstwendung folgt. Dies alles ausgehend von der Beobachtung, daß die innere Bereitschaft des Publikums, dem künstlerischen Fortschritt zu folgen, viel größer, viel herzlicher ist als die Künstler oft annehmen; daß an der Störung des Einvernehmens zwischen Künstler und Publikum auch die Künstler ihr Teil Schuld haben. Freilich nicht ihr Schaffen, denn das steht unter höherem Zwang; sondern die Schroffheit ihres Urteils über laienhafte Verständnislosigkeit, die hochfahrende Überlegenheit, mit der sie dem zögernden, unentschiedenen Verhalten des Laien vor der Neuerung oft begegnen. Es wird freilich nicht möglich sein, jeden Konflikt zwischen der vorandrängenden Kunstentwicklung und dem nachfolgenden Laienverständnis zu beseitigen. Eine Spannung zwischen beiden wird von Zeit zu Zeit immer wieder eintreten.

Es liegt etwas Naturgesetzliches in diesem Gegensatz. Aber eben deshalb, weil höherer Zwang diesen Gegensatz immer wieder erzeugt, muß der Mensch stets das Seine tun, ihn zu mildern oder doch vor Ausartung zu bewahren. Normalzustand der Natur ist im Geistigen wie im Physischen der Krieg; Aufgabe des Menschen ist es, zu versöhnen. Künstler und Publikum haben sich bei ihren Konflikten neuerdings zu lieblos dem Stolz, der Abneigung, der Verachtung überlassen. Künstler glaubten ihre Sache nur vertreten zu können, indem sie weiten Laienkreisen blindes Vorurteil und hämische, gewollte Selbstverblendung vorwarfen. Laien glaubten sich künstlerische Neuerungen nur erklären zu können, indem sie sie als bewußten Bluff, als geistige oder gar moralische Verirrungen hinstellten. Menschen aber sollten wissen, daß es immer schlecht um eine Sache steht, die zu ihrer Erklärung oder Verteidigung den Gegner als einen Schurken oder als einen Entarteten oder als einen Idioten betrachten muß. Ich behaupte jedenfalls, daß man in der Kunst sehr gut ohne diese verdächtigen Hilfsmittel auskommen kann.

Nachdem gesagt ist, was zu Gunsten des Laien spricht, möge besprochen werden, was seinem Kunsturteil am häufigsten als Mangel anhaftet. Ich setze dabei einen Laien voraus, der überhaupt Verhältnis zur Kunst, Lust am Schönen, Ehrfurcht vor geistigem Wert, sinnliche Empfänglichkeit für Form hat.

Da ist es denn eine Frage, die der vorandrängenden Kunst in hundert Gestalten vorgelegt zu werden pflegt: Weshalb gibt es in der Kunst Entwicklung? Weshalb geht es von Giotto zu Raffael, von Grünewald zu Rembrandt? Weshalb verläßt Rembrandt selbst den meisterlichen Stand seiner ersten „Anatomie“, um zum „Saul“, zur „Judenbraut“ überzugehen? Wenn Mozart und Bach Gipfel aller Musik sind, weshalb dann Wagner und Schönberg? Wenn der Louis XV-Sessel ein Urbild an Schönheit und Zweckmäßigkeit ist, weshalb dann Stühle von Bruno Paul und Van de Velde? Man kann diese Frage fein fassen und sehr grob, aber sie bleibt immer der Kernpunkt aller Abwehr gegen neue Wendungen in der Kunst.

Irgendwie fühlt der Laie, wenn er die Kunst neue, ungebahnte Wege einschlagen sieht, Befremden darüber, daß sie nicht auf dem Standpunkte der Kunst von gestern stehen geblieben ist. Er weiß zwar und erkennt als notwendig an, daß in der exakten Wissenschaft, in der Technik kein Stillstehen stattfindet. Er nimmt es als unausweichlich hin, wenn Chemiker und Physiker Entdeckungen machen, die das ganze bisherige Weltbild der Wissenschaft umstoßen. Wenn aber Van Gogh wichtiges zum rhythmischen Ausdruck der modernen Seele entdeckt; wenn der Expressionismus, um wieder menschliche und religiöse Fragestellungen in die Kunst zu bringen, die genießerische wörtliche Wiedergabe der Naturvorlage peinlich flieht — dann empfindet der Laie Befremdung, als fehle diesem Vorgang Zwang und Müssen. Er sieht die ungeheuere Zumutung, die ihm der Künstler stellt, und meint, ausgesprochen oder unausgesprochen: wenn Jahrzehnte und Jahrhunderte mit einer mir geläufigen Kunstanschauung ausgekommen sind, so hätten sich doch auch diese Neuerer dabei genügen lassen können. Er sträubt sich, die Notwendigkeit der Neuerung anzuerkennen. Sie scheint ihm irgendwie willkürlich. Er hat immer gehört, daß es sich in der Kunst um Aufsuchung des Schönen handle. Er sieht das Schöne in der ihm geläufigen Kunst. Er sieht das Gegenteil von Schönem in der Neuerung. Daher sein Wehren, daher seine Empfindung: Dies ist nicht notwendig.

Hier setzt ein, was dem Laien von Künstlers Seite gesagt werden muß.

Es handelt sich in der Kunst nicht um Schönheit schlechthin, sondern um diejenige Schönheit, die sich ergibt aus der jungen, unmittelbaren Auseinandersetzung eines bestimmten Zeitalters und Menschen mit der einen und ewigen Welt. Kunst ist vor allem Ausdruck. Das heißt, sie ist Gestaltung aus ganz bestimmten, einmal gegebenen, unabänderlichen Voraussetzungen heraus, die von Epoche zu Epoche wechseln. Sie ist Beziehung eines Veränderlichen zu einem Ewigen; Darlebung eines bestimmten Weltgefühls, einer bestimmten Weltanschauung, einer umschriebenen Zeitstimmung, einer gegebenen Kunstanschauung. Mozart konnte aus seiner Zeit heraus in seiner Weise musizieren: göttlich frei, himmlisch heiter, wohnend in einem unzerstörbaren Glück. Heute kennen wir das nicht, denn unsere Zeit ist tragisch belastet, irdisch schwer, in ihrem Lebensgefühl schuldvoll und gehemmt. Lind so gibt es in jeder Epoche nur einen Weg, das Ewige der Kunst auszusprechen: den Weg der Zeitkunst.

Die Zeit schenkt ihre Liebe und Kraft jedesmal nur einer bestimmten Kunstweise. Sie stattet diese mit dem höchst parteiischen Vorrecht aus, daß sie allein Ausdrucksträgerin ist und daß außerhalb ihrer alles Ohnmacht, Geschmäcklertum, Epigonentum sein muß. Jede Zeit ermächtigt eine bestimmte Auslese von Gedanken und ästhetischen Anschauungen, das Höchste an Gebilde zu verwirklichen. Die Entwicklung der Kunst bewegt sich zwangläufig mit der umsturzreichen Entwicklung des Menschengeistes. Nur ein Träumer, nur ein Mensch, der keine Ahnung von dem Lebensgehalt der Kunst hat, vermag den Gedanken zu denken, daß die Kunst unergriffen bleiben müsse von all dem wissenschaftlichen, technischen, sozialen, geistigen Umsturz, den wir im 19. Jahrhundert sich vollziehen sahen.

Der oft gehörte Einwand, es handle sich in der Kunst nicht um Richtung, sondern um Qualität, stützt nur, was hier gesagt wird. Es ist das offenbare Geheimnis alles Kunstwerdens, daß überwundene Kunstweisen keine Qualität mehr hervorbringen können; wenigstens nicht Qualität im letzten, tiefsten Sinne von künstlerischer Lebensenträtselung. So gibt es heute, zehn Jahre nach Entthronung des Impressionismus, freilich noch Impressionisten. Sie arbeiten weiter, vielleicht nicht schlechter als früher. Aber als Bewegung ist der Impressionismus ausgeschöpft. Zur Not und zum Drang des Augenblicks hat er nichts Enträtselndes oder Erlösendes mehr zu sagen.

Er ist historisch geworden, wie die Realisten oder die Nazarener historisch geworden sind. Die Zeit aber, der Moment Leben, den unsere heutige Sonne bescheint, spricht nicht mehr durch seinen Mund; er hat sich ein anderes Sprachrohr geschaffen, weil ihm das alte nicht mehr tauglich war. Der Impressionismus hat Ewiges hervorgebracht aus der Begeisterung über dem Problem der Luft, des Lichtes, des vertieften, sinnlichen Naturgefühls. Nie vorher floß Landschaft so üppig und paradiesisch frisch in den Bannbezirk des Goldrahmens wie in dieser Zeit. Heute haben die Probleme des Impressionismus ihren Entwicklungswert, ihre Triebkraft, ihre Zeitbedeutung, ihre weltanschauliche Wichtigkeit verloren.

Heute handelt es sich brennend darum, den Menschen, sein Gefühl, sein Leiden und Zweifeln, seine Begeisterungen und Frömmigkeiten, als Maß aller Dinge wieder in den Mittelpunkt des Weltbildes zu rücken. Es ist ein anderes Wollen, ein anderes Müssen da, und dieses prägt der Expressionismus aus. Er flieht die treue Schilderung der Natur, weil er gerade das Nicht-Natürliche, den Menschen und seine ganze ungeheure fremdartige Geistwelt, heraussteilen will. Er ist die äußerste Reaktion gegen die sinnlich-geistige Naturfrömmigkeit des Realismus, Naturalismus, Impressionismus. Und nur aus der Heftigkeit dieser Reaktion heraus kann sein fast verzweifeltes Wehren gegen Naturversklavung richtig verstanden werden. Es mag sein, daß er mit diesem Wehren weit übers Ziel schießt. Es ist sogar sicher, daß er dies tut. Aber dies eben ist die Weise, in der die Menschheit sich überhaupt entwickelt: Das Pendel schwingt stark nach der einen Seite; es muß ebenso stark nach derandernschwingen.bis Zeiten kommen, da es sich ruhiger um die gesetzgebende Schlichtheit der Senkrechten bewegt.

Das Ideal ist selbstverständlich, daß die Kunst die Menschen- und Geistwelt darstelle in inniger Angeschmiegtheit an die seiende Natur- und Körperwelt. Es ist ganz sicher Art eines innerlich verstörten Zeitgeistes, diesen heftigen Krieg gegen äußere Naturform zu führen. Aber erst Zeiten, die innerlich befriedet und ruhiggeworden sind, können diesen Krieg aufgeben. Diesen Zeiten eines ruhigeren, tief frommen und gesättigten Lebensgefühls nähern wir uns gewiß.

Aber der Weg zu ihnen kann nicht schwindelhaft übersprungen oder auf Fausts Wunschmantel zurückgelegt werden. Er muß redlich gegangen werden, Schritt für Schritt, Etappe nach Etappe. Wer das Ziel will, muß auch die Etappe wollen. Das gilt im Künstlerischen wie im Zeitpsychologischen. Künstlerisch kommen wir her von Epigonentum und von geistfremdem Naturalismus. Wir müssen schrittweise den Weg zur Vergeistigung gehen, und auf diesem Weg ist der Expressionismus eine der letzten und wichtigsten Etappen. Zeitpsychologisch kommen wir her von einer grenzenlosen Depossedierung des Menschen aus seinem geistigen Erbe. Denn Naturwissenschaft und Technik haben uns Materialismus und geistige Barbarei gebracht, haben den Menschen zum Fremdling gemacht inmitten einer Welt, die nur ihm gehört. Wir reißen diese Welt geistig nun wieder an uns, mit heftigen Gebärden, und eine wichtige, entscheidende Phase dieses Kampfes um die geistige Welteroberung ist der Expressionismus.

So müssen diese Dinge verstanden werden. Und deshalb gilt es für den Laien, mit dem Künstler jederzeit zum Umschwung bereit zu sein. Denn der Künstler steht unterm Zwange der Zeit wie der Laie. Der Künstler arbeitet für uns alle, wenn er kühn vorandringt, auch für den, der ihn meint ablehnen zu können. Geben wir ruhig zu, daß wir gegenwärtig noch nicht in einer Zeit leben, da eine Kunst von breiter, umfassender Volkswirkung möglich ist. Daran ist der Künstler so wenig schuld wie der Laie, der ihn kritisiert. Oder beide zugleich. Das Muß der Zeit steht über uns allen. Wir wissen solange von der Kunst nichts, als wir sie nicht begreifen als wesentliche, unaufhörliche Umwälzung. Wollen wir am Werden der Kunst teilnehmen, so müssen wir uns klar sein, daß dies ein Teilnehmen an einem Bewegen, an einem Entwickeln ist. Kunst ist Leben, und Leben wechselt von Einatmen zum Ausatmen, vom Steigen der Woge zu ihrem Sinken, Zielen entgegen, die wir ahnen und erwünschen können, die aber nur dann sich verwirklichen, wenn sie von allen herangelebt werden in einer ungeheuren Zusammenfassung der edelsten Kräfte.

Heinrich Ritter.

Bildverzeichnis:
Gaston Béguin-Frauen-Kleinplastik
Gaston Béguin-Le Locle
Gaston Béguin-Le Locle-Rückseite
Gaston Béguin-Mädchen-Kleinplastik