Die Marienburg


Im Mittelpunkt der Geschichte der Kolonisation unsrer Ostmark sehen wir die stolze Marienburg stehen. Nachdem der im Jahre 1190 vor Akkon im fernen Orient von dem jungen Herzog Friedrich von Schwaben gestiftete „Orden der deutschen Ritter oder Herren“ in den Kreuzzügen manches kriegerische Missgeschick erlitten hatte, war es dem Orden nur erwünscht, als sich ihm die Möglichkeit einer anderen Kulturtätigkeit bot. Es war der Herzog Konrad von Masovien, der im fruchtlosen Kampf mit den heidnischen Preussen seine Zuflucht zu dem Deutschen Ritterorden nahm.

Den ersten entscheidenden Sieg erfocht der Orden im Jahre 1234 an der Sirgune, wodurch dem Orden die ganze Landschaft Pomesanien als Siegespreis zufiel. Bald schritt der Orden zu einer systematischen Erorberung des Landes, das von den Preussen mit zäher Tatkraft verteidigt wurde. Der Orden erkannte, dass die Eroberung nur möglich wurde, wenn man das Land mit einem Netz von Burgen überspannte. Besonders die Weichselgegend erhielt starke Befestigungen, zahlreiche Burgen wurden von dem Orden erbaut, so zu Thorn, Althaus, Kulm, Graudenz und Marienwerder; Ordensgründungen, aus denen sich heute zum Teil stattliche Städte entwickelt haben. Im Jahre 1274 gründete der Landmeister Konrad von Thierberg bei dem allpreussischen Dorfe Allyem ein Ordenshaus, das sich an den hohen, dichtbewaldeten Nogatufern erhob. Das neue Ordenshaus stellte man unter den Schutz der Jungfrau Maria, aus welcher Tatsache auch der Name Marienburg herzuleiten ist. Wie stets, folgte dem deutschen Ritter der Handwerker und Bauer als Kolonist; an der Südostseite des Ordenshauses wurden die ersten deutschen Kolonisten angesiedelt, die sogleich mit ihrer Kulturarbeit begannen.



Später wurde das zur Stadt erhobene Dorf Allyem, das nunmehr den Namen Marienburg führte, durch den Landmeister Mangold von Sternberg mit Mauern und Gräben umzogen, auch schuf der Genannte eine künstliche Wasserleitung, die das Trinkwasser über sechs Meilen an die Burg führte, von Süden über Täler und Höhen, Flüsse und Seen laufend.

Von hervorragendem wirtschaftlichen Nutzen waren die in nahezu sechsjähriger Arbeit durch den Landmeister Meinhard von Querfort unter unsäglichen Mühen vollendeten Nogatdämme, wodurch weite, bisher unwirtliche Flächen für den Ackerbau gewonnen wurden. Das wirtschaftliche Aufblühen des der Kultur erschlossenen Lahdes veranlasste endlich den Deutschen Ritterorden, der nach seinen Niederlagen in Palästina Venedig als Sitz erwählt hatte, diesen im Jahre 1309 nach dem preussischen Ordensland zu verlegen. In machtvoller Weise entwickelte sich nun der Ordensstaat, dessen Herrschaft bald von der Oder bis zum Finnischen Meerbusen reichte, überall die Segnungen einer friedlichen Kultur verbreitend. Die Städte des Deutschen Ordens blühten auf, der Bauer erschien mit seinen Feld- und Walderzeugnissen auf dem städtischen Markt, allerorts errichtete die Hansa Kontore und Niederlassungen, so Handel und Wandel kräftig fördernd. Unter der langen Herrschaft des Hochmeisters Winrich von Kniprode (1352—1382) brach dann das goldene Zeitalter des Ordens an, dessen Herrschaft sich inzwischen über ganz Estland bis Riga ausgedehnt hatte. Die Marienburg war der herrlichste Fürstensitz des Nordens geworden. Im Ordensland hatte ein kräftiger Bauernstand blühende Felder, Auen und Dörfer geschaffen, der Handwerker fand einträgliche Beschäftigung, und in den Städten fand sich ein arbeitsames Bürgertum. Die kluge und weise Staatskunst der stolzen Ritterrepublik hatte so dem Lande glänzende Finanzen geschaffen, die den Ankauf ganzer Provinzen, wie Estland, gestatteten.

Aber wie so oft, stand hier der höchsten Blüte ein schneller Verfall bevor. Der Reichtum des Ordens führte zu Verschwendungen, innere Zwistigkeiten unter den Ordensrittern waren die Folge, aber das grösste Unglück für den Orden war doch, dass nicht mehr nach alter Sitte der Ordensritter in den Kampf zog, sondern dass man bezahlte Söldner hierfür nahm. Wieder einmal führten alte, leidige Grenzstreitigkeiten zwischen dem Orden und den Polen zu einem Kampfe; die feindlichen Heere standen sich bei Tannenberg in Ostpreussen gegenüber, wo es am 14. Juli 1410 zur Schlacht kam. Als der Tag sich dem Abend zuneigte, war das Schicksal des Ordens besiegelt. Das Ordensheer war vernichtet; der Hochmeister in tapfrer Gegenwehr gefallen. Eine kleine Schar rettete sich unter Heinrich von Plauen, Komtur von Schwetz, in die stark befestigte Marienburg, die nun in heldenhafter Weise verteidigt wurde. Mehr als zwei Monate berannte der hartnäckige Feind die Burg, die um die Marienburg gelagerteStadt war längst niedergebrannt, aber tapfer verteidigten sich die Ordensritter, so dass der Feind sich schliesslich zum Abzug, ohne sein Ziel erreicht zu haben, entschloss. Dennoch war der langsame Verfall des Ordens nicht mehr aufzuhalten. Die ständigen und langwierigen Kriege erschöpften die Geldmittel des Ordens, durch die dadurch hervorgerufenen hohen Steuerlasten wurde die Stadt- und Landbevölkerung des Ordensgebietes unwillig und dadurch zur Stellungnahme gegen den Orden getrieben, Die Unterhaltung des Söldnerheeres verschlang ungeheure Summen; Darlehen mussten von befreundeten Fürsten aufgenommen werden. So lieh der Kurfürst von Brandenburg, Friedrich der Zweite, im Jahre 1454 dem Orden die Summe von 40 000 Gulden, wofür der Orden als Pfand die sogenannte Neumark, also das Land östlich von der Oder und nördlich von der Warthe, hergab. Die ganze wirtschaftliche Lage des Ordens Hess es als ausgeschlossen erscheinen, dass er jemals diese Summe hätte zurückzahlen können. Zuletzt musste den aus Deutschland gerufenen Söldnern sogar das Ordenshaus verpfändet werden.

Nicht genug dieser Schmach, schlossen am 7. Juni 1457 die gewissenlosen Söldnerführer mit den Polen einen Vertrag, nach welchem dem Feinde für eine elende Summe die stolze Marienburg, die Krone des Ordens, verkauft wurde. Am genannten Tage mussten sich die Tore der nie bezwungenen Burg dem Polenkönig Kasimir zum feierlichen Einzug öffnen. Der Hochmeister des einst so mächtigen Ordens verlegte jetzt seinen Sitz nach Königsberg in Ostpreussen. Seltsam war, dass nur die wehrhafte Marienburg durch diesen verräterischen Kauf gefallen war; die Stadt selbst hielt dem verhassten Feinde noch lange stand. Nahezu drei Jahre währte dieser heldenmütige Kampf der Stadt Marienburg, die als einzige dem Orden treu geblieben war, bis dann endlich am 6.August 1460 durch Verrat auch sie in die Hände der Polen fiel. Der tapfere und kühne Bürgermeister Bartholomäus Blume musste seine Heldentat mit dem Tode büssen. Blume wurde mit noch zwei treuen Bürgern hingerichtet. Noch heute ehrt in der südwestlichen Ecke des Schlosses eine gotische Spitzsäule das Andenken dieses heldenhaften Mannes.Im Jahre 1525 entschloss sich der Orden unter seinem Hochmeister Albrecht, milden treugebliebenen Ostpreussen den Anschluss an Brandenburg und die Hohenzollern zu suchen, wodurch das nach so vielen Kämpfen errichtete und begründete Deutschtum der Ostmarken vor dem Slaventum gerettet wurde. Die weitere Geschichte der Ordensburg ist nicht erfreulich. Im 30 jährigen Krieg wurde die Marienburg durch die Schweden mehrfach geplündert. Brand und Blitz arbeiteten weiter an dem Zerstörungswerk. Friedrich der Grosse liess der Stadt Marienburg wohl jegliche Förderung angedeihen, zeigte für die Burg selbst jedoch nur wenig Interesse. Das Schlimmste geschah jedoch im Jahre 1803, als man aus den vorhandenen Ueberresten der Burg ein Kriegsmagazin zu erbauen beschloss.

Das Hochschloss hatte man bereits in diesem Sinne umgebaut, im Mittelschloss war die Zerstörung fast bis zum grossen Rittersaal vorgeschritten, als durch einen Aufruf des Freiheitsdichters Schenkendorf dem unseligen Beginnen ein Halt geboten wurde. Nach den Freiheitskriegen, als durch die deutschen Gaue wieder der alte germanische Geist zog, sollte der alten Marienburg auch ihr geschichtliches Recht werden. König Friedrich Wilhelm III. verfügte am ersten Weihnachtsfesttage 1815 den Wiederaufbau der alten Ordensburg. Zuerst wurde der westliche Flügel des Mittelschlosses in Angriff genommen und nach zehnjähriger Bauzeit getreu der geschichtlichen Ueberlieferung fertiggestellt. Dann erfuhr der Weiterbau allerding mannigfache Unterbrechungen, bis Kaiser Wilhelm I. im Jahre 1882 das Hochschloss wiederherstellen liess. Wie bekannt, widmet auch unser Kaiser der Wiederherstellung sein vollstes Interesse; immerhin dürfte der Aufbau der alten Ordensburg bis zur Vollendung noch etwa acht Jahre beanspruchen. Wiedererbauer ist zurzeit der hochverdiente Baurat Steinbrecht. Wer je die prächtigen, weihevollen Räume des alten Ordensschlosses geschaut hat, wer durch die wuchtigen Hallen der feierlichen Ordenskirche in stummer Andacht gewandelt ist, der wird die Erhabenheit dieser grossen historischen Stätte in ganzer Reinheit erfassen. Vor der Marienburg, dem unerreichten Meisterwerk der Gotik, tut sich uns der Geist des künstlerisch schöpferischen Mittelalters auf. Die Fluten der reissenden Nogat rauschen noch immer an der alten Ordensburg vorüber So weit das Auge reicht, blühende Fluren und Felder und gewerbereiche Städte. So wird vor uns das Werk deutscher Kolonisation lebendig, die in zäher, unermüdlicher Arbeit, vom Mittelalter ihren Ausgang nehmend, den Osten unsres Vaterlandes dem Deutschtum eroberte.

Dr.Paul Martell

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