Die mittelalterliche Buchmalerei des Abendlandes – Die karolingische Buchmalerei

Karl der Große, der Franke, erneuerte das weströmische Kaisertum, das drei Jahrhunderte zuvor die von Norden her einbrechenden germanischen Stämme zerschlagen hatten. Der König der Franken und Longobarden und Schirmherr der Römer wurde im Jahre 800 vom Papst zum Kaiser des Abendlandes gekrönt. Seine Hand reichte über den Norden, Westen und Süden Europas, und vom Morgenland kamen Fürsten, brachten Geschenke und huldigten ihm. In seinem Arm ruhte das Schwert der Christenheit.

Solcher Machtfülle, die auch vor Eingriff ins geistliche Gebiet nicht zurückschreckte, entsprach die Vereinheitlichung der kirchlichen Organisation. Karl vollendete auch hier das Werk Pipins. Die gallikanische Liturgie, ihre Texte und Melodien wurden abgeschafft und die römische Gottesdienstordnung eingeführt. Die Weltkirche trat dem universalen Imperium zur Seite.

Die Texte der Evangelienbücher, Psalterien, Sakramentarien, Missalien wurden unter Karls persönlicher Anteilnahme, der sich von griechischen und syrischen Klerikern beraten ließ, sorglich überprüft. ln den Klöstern schrieben die Mönche unablässig die heiligen Schriften ab. Im Gegensatz zu den vielen Schriftwandlungen der vorhergehenden Zeit wurde die große Unziale mit ihrem getragenen und feierlichen Rhythmus Ausdruck des neuen Geistes.

Der Buchmalerei stand Karl mit einiger Zurückhaltung gegenüber, was auf politische Erwägungen zurückzuführen ist, und zwar auf die Gegensätze zum griechischen Kaiserreich, in dem er einen Rivalen der eigenen Machtansprüche sah. Das von der griechischen Kaiserin Helene einberufene Konzil von Nicäa (787) hatte die Verehrung der heiligen Bilder angeordnet und Karl ließ nun von den Theologen seines Hofes diesen Beschluß bekämpfen, ohne sich aber auf die Seite der Bilderstürmer zu stellen. „Weder zerstören wir die Bilder, noch beten wir sie an“, lautete seine vermittelnde These.

Auf diese vorsichtige Haltung führt man es wohl mit Recht zurück, daß zu Karls Zeiten der Kreis der Bildthemen in den Handschriften ein sehr begrenzter ist und sich im wesentlichen auf die Darstellung des jugendlichen Christus, der Evangelisten, der Schöpfungsgeschichte, des Lebensbrunnens beschränkt. Erst unter den Söhnen und Enkeln erweitert er sich und umfaßt schließlich mit den Werken, die unter der Regierung Karls des Kahlen entstehen – der Codex Aureus in München und die Pariser Bibel Karls des Kahlen sind hier zu nennen, vor allem aber die wohl noch etwas später entstandene bilderreiche Bibel von St. Paul in Rom —, den ganzen Kreis des Alten und Neuen Testamentes.

ln dieser Zeitspanne — von Karls des Großen Regierungsantritt bis zum Tode Karls des Kahlen, zwischen den Jahren 768 also und 877, sind die entscheidenden karolingischen Handschriften entstanden. Die Stätten dieser Kunst waren neben der meist in Aachen weilenden Hofschule — deren Bedeutung umstritten ist — die großen Klöster der Benediktiner im nordöstlichen und nordwestlichen Frankreich und am Rhein: die von dem Angelsachsen Alkuin gegründete Abtei Tours vor allem, dann Metz, Reims, St. Denis, Corbie. Ausstrahlungen wirkten in St. Gallen, Fulda, Salzburg. (Die Schöpfungen der Klöster werden von der Wissenschaft — auf Grund stilistischer, vor allem auch paläographischer Merkmale zu einzelnen Schulen zu sammengefaßt und die touronische Gruppe, die Gruppe der Ada-handschrift und die nordfranzösische Gruppe unterschieden. Eine eindeutige Scheidung freilich ist nicht möglich, da die verschiedensten Strömungen ineinander übergehen.)

Die mannigfachen Elemente der vorhergehenden Epochen verschmelzen in diesen Handschriften zu einer durchaus neuartigen schöpferischen Klassizität. Im Ornament leben die Formeln der Antike — Palmette, Mäander, Akanthusblatt, Girlande, Herzblatt — und die geometrischen Bildungen der Iren auf. Der Osten, vor allem auch Syrien, gibt seinen Beitrag mit den Canonesbögen und einzelnen Bildmotiven, wie dem Lebensbrunnen; die heidnische Antike Dekorationsformen wie die umrahmenden Bordüren, die Vögel und Pflanzen in den Zwickeln der Bögen und Architekturstücke; die frühchristliche Plastik den Typ des jugendlichen Christus. Vor allem aber erweckte die Erinnerung an die frühchristliche Buch-und Mosaikmalerei einen neuen, malerischen Stil gegenüber den ornamentalen Stilisierungen irischer Handschriften. Im Vergleich mit den gänzlich unrealen irischen Abstraktionen bedeuten diese Formungen, man denke etwa an die Evangelisten des Wiener Schatzkammer-Evangeliars oder der Adahandschrift, eine erste freilich zugunsten der mittelalterlichen Idealität sich auswirkende Auseinandersetzung mit den Formproblemen der Antike und insofern mit der Wirklichkeit, und so hat man mit einigem Recht von einer karolingischen Renaissance gesprochen.

Der Stil beruht auf klassischer Symmetrie, die sich noch auf die Fältelung, mit der das Gewand die Linien des Körpers ausdrückt, erstreckt, auf zweidimensionaler Flächigkeit, die freilich nicht ganz der räumlichen Wirkungen entbehrt, auf einer dunklen und starken, mehr abgestimmten denn bunten Farbigkeit, die neben Gold und Silber kräftige und tiefe Töne, wie dunkles Grün, Rot und Blau bevorzugt. Der farbige Gesamtklang hat majestätische Fülle.

Der Sinn der Darstellung ruht jenseits aller Naturnachahmung im Ausdruck sakraler Stimmungen und Geschehnisse. Die sakrale Stimmung selbst ist immer irgendwie das Thema, einer besonderen Handlung bedarf es nicht. Nicht in der hastigen Bewegung der Körper oder in wechselnden Farbreizen werden Wandlungen der Gefühle und Handlungen wirksam; es genügt hierzu die langsame und feierliche Gebärde einer Hand und die eigenartig starre Stellung des Auges oder auch nur des Augapfels. Gott selber wird im Symbol der segnenden Hand dargestellt.

Diese Kunst ist nicht eklektisch, sondern synthetisch. Sie verschmilzt die ihr vielfach zuströmenden Anregungen zu einem Stil von feierlicher Monumentalität, und in dieser Verschmelzung heterogener Kunstformen zu einer neuen hierarchischen Idealität von höchster Ausdrücklichkeit, universalem religiösem Gefühl und klassischer Strenge liegt der eigentliche Sinn der karolingischen Buchmalerei. Dies ist das Gemeinsame, was die großen Werke der Epoche — neben den schon erwähnten seien das Perikopenbuch des Mönches Godescalc, die Evangeliarien von Soisson und Herbon, die erste Bibel Karls des Kahlen, das Evangelienbuch des heiligen Medardus von Soissons, das Sakramentar des Drogo, die Alkuinsbibeln in Bamberg, London, Zürich hervorgehoben — über Sonderheiten der einzelnen Klosterschulen hinaus, die sich zumal in den wechselnden Dekorationsformen äußern, aneinander bindet. In der sakralen Strenge liegt ebenso wie im malerischen Empfinden die stärkste Berührung dieser karolingischen mit frühchristlichen Handschriften, wie dem Evangelienbuch von Rossano und dem Codex Amiatinus.

Wie stark aber die Gefühlstriebe waren, die unter einer solchen hierarchischen und abgeklärten Ordnung der Welt wirkten, wird durch die visionäre Erfülltheit der Evangelistenbilder, etwa im Ebo-Evangeliar, und durch einige Federzeichnungswerke, wie die Trierer Apokalypse, den Sankt Gallener Goldenen Psalter, den Utrechtpsalter bezeugt. Die angstvollen und ergriffenen Worte, in denen der Psalmist den armen Kreis des menschlichen Lebens und das ewiglich währende Erbarmen des Herrn besingt, haben gerade in diesem letzten Werk eine bildliche Übersetzung gefunden, die das große Pathos der feierlichen Vorgänge und die letzte Verästelung der von furchtbaren Ängsten bedrängten menschlichen Seele in feinnerviger Impression und zugleich in einem von apokalyptischen Gesichten gewaltig bewegten Rhythmus mit unheimlicher Eindeutigkeit niederschreibt.

Text aus dem Buch: Die mittelalterliche Buchmalerei des Abendlandes (1922), Author: Pfister, Kurt.

Siehe auch:
Die mittelalterliche Buchmalerei des Abendlandes – Vorwort
Die mittelalterliche Buchmalerei des Abendlandes – Die frühchristliche und vorkarolingische Buchmalerei

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    30. Mai 2015

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