Die mittelalterliche Buchmalerei des Abendlandes – Vorwort

Dieses Buch umgreift ein Jahrtausend abendländischer Kunst. Es hebt an mit den Fragmenten frühchristlicher Buchmalerei, führt von ihnen zu den phantastischen Eingebungen fränkischer und irischer Mönche, leitet von hier zu den feierlichen Evangelienbüchern der Karolinger und Ottonen, den zarten, spitzbogigen Legenden der Gotik und mündet in jene um das Jahr 1400 entstandenen naturerfüllten Stundenbücher aus, die der Jugend der Brüder van Eyck zugehören, und in denen das Mittelalter sich zu Ende neigt.

Solchen tausendjährigen Kreis umfassen zu wollen, wird Vielen als Vermessenheit erscheinen. Denn was bisher an Arbeiten vorliegt — in einer Anmerkung am Schlüsse des Werkes wird eine kurze Übersicht über die Literatur gegeben —, beschränkt sich auf die Herausgabe einzelner wertvoller Handschriften oder auf eine Zusammenfassung kleinerer und größerer Gruppen. Und auch dies wurde in selbstgewählter Beschränkung auf ikonographische, liturgische, allenfalls stilgeschichtliche Betrachtung oder eingeordnet nach Ort und Zeit der Entstehung dargeboten.

Solche Arbeit ist wertvoll und notwendig, aber es ist offenbar, daß sie — ihrer Zielsetzung entsprechend — am Rande des Kreises stehen bleibt. Für die Mönche, die die Miniaturen malten, war naturgemäß der liturgische oder ikonographische Inhalt und der „Stil“ ihres Werkes kein außerhalb seiner selbst bestehender Wert, sondern Ausstrahlung der seelischen Kraft, die sie erfüllte. So soll über die Einstellung und die Ergebnisse der Wissenschaft hinaus — die natürlich nicht übersehen werden, aber nicht als Ziel und Selbstzweck gelten sollen — hier ein erstes Mal der Versuch gewagt werden, das Schaffen dieses Jahrtausends als Ausstrahlung religiöser Visionen zu deuten.

In diesem Sinn soll hier die Buchmalerei als Ausdruck der Ganzheit des katholischen Mittelalters begriffen werden.

Es bedarf wohl keiner Versicherung, daß ein solcher Standpunkt, wie er eine rein historische Betrachtung ablehnt, so auch jene anmaßend modische, die die Miniaturen als artverwandt dem zeitgenössischen Kunstschaffen, als „expressionistisch“ proklamiert hat. Die Maßlosigkeit, die in solchem Anspruch liegt, bedarf kaum einer Zurückweisung.

Dem Künstler unserer Zeit werden diese Blätter dargeboten, nicht als Vorbild, sondern als Mahnung, ein weniges von der demütigen und feierlichen Größe, die sie erfüllt, in sich zu erneuern. Und obwohl hier keine spezifisch kunstwissenschaftlichen Untersuchungen geboten werden wollen, ist es vielleicht auch für den Wissenschaftler, der sich in einzelne Teilgebiete vertieft hat, von Wert, einmal den Vorübergang des Ganzen zu erleben. (Zumal der Bilderteil neben beispielhaften Denkmälern auch eine Anzahl wenig bekannter Blätter bringt.) Und schließlich ist es an der Zeit, die Vielen, die heute einen Weg zum Absoluten suchen, und die man zu häufig an die Erzeugnisse später und zweifelnder Jahrhunderte wies, vor die wie das Himmelsgewölbe unerschüttert ruhende Ewigkeit der mittelalterlichen Welt zu führen.

Wenn ich in früheren Büchern Verlebendigungen von Problemen und Persönlichkeiten des ausgehenden Mittelalters und der Renaissance („Die Brüder van Eyck“, „Die primitiven Holzschnitte“, „Der junge Dürer“, „Holbein“, „Bruegel“), des Barock („Herkules Segers“, „Rembrandt“), der Gegenwart („Marees“, „Van Gogh“, ’,Deutsche Graphiker der Gegenwart“) geben wollte — immer sollte dabei das Kunstwerk als Ausdruck des Weltbildes der Einzelnen und der Epochen begriffen werden —, so sollen diese Seiten jenseits aller modischen Einstellung ein Bekenntnis zum katholischen Mittelalter sein; wobei ich von der Überzeugung durchdrungen bin, daß nur, wer sich mit dem Glauben und Denken dieser Welt zu identifizieren vermag, von ihrem Wesen ein weniges umfaßt.

Möchten die Hinweise, die hier gegeben werden, dazu beitragen, daß die Ehrfurcht vor diesen feierlichen, weiteren Kreisen fast unbekannten Dokumenten abendländischen Glaubens und Formens geweckt und gestärkt wird.

Text aus dem Buch: Die mittelalterliche Buchmalerei des Abendlandes (1922), Author: Pfister, Kurt.

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