Die Münchener Ausstellung, ein Ausdruck deutschen Kunstwillens


Beim Gang durch die große deutsche Kunstausstellung dieses Jahres in München fällt zunächst eines auf: der bildende Künstler von heute verzichtet im allgemeinen darauf, durch neue, eigenwillige Formen seines Ausdruckswillens überraschende Wirkungen zu erzielen. Während man in den Ausstellungen des vorigen Jahrzehnts alljährlich andere, immer bizarrere Ausdrucksformen antraf, durch die der Künstler unter allen Umständen aufzufallen suchte, halten sich die Plastiker und Maler der Gegenwart formell fast durchweg in traditionellen Bahnen.

Die künstlerische Neugestaltung liegt in unserer Zeit vor allem auf dem Gebiete der Architektur. Die Baukunst verkörpert am sichtbarsten die geistige Haltung des neuen Deutschland. Plastik und Malerei ordnen sich ihr unter. So ist es begreiflich, daß die monumentale Plastik, die ja am engsten mit der Baukunst verbunden ist, auch in der Münchener Ausstellung besonders stark zur Geltung kommt.



Brunnenfiguren, Gestalten für Gärten, Sportplätze und Anlagen, Tierplastiken für zoologische Gärten oder Gestüte, Arbeitergestaltcn vor Fabriken oder Eisenwerken führen den Beschauer von der Größe des Bauwerkes unmerklich zu dem Leben, der Arbeit in diesen Räumen.

Audi die Innenarchitektur ist auf die Unterstützung der Plastik und Malerei angewiesen, und so ist es wobl kein Zufall, daß ein Künstler, der vor allem auf dem Gebiete der Wandmalerei Bedeutendes leistete, wie etwa Fritz Erler, in der Ausstellung besonders stark vertreten ist, oder daß der Landschaftsmaler Werner Peiner zwei Wandteppiche ausgestellt hat.

Während sich die Baukunst und die monumentale Plastik und Malerei an die Gesamtheit des Volkes wenden und sein gemeinsames Leben zum Ausdruck bringen, gehören die Kleinplastik und ein Teil der Malerei den Einzelmenschen, den Familien.

Die Münchener Ausstellung zeigt, im Gegensatz zu vielen Ausstellungen der vergangenen Zeit, eine sehr große Anzahl von Bildern, die wir selbst gern besitzen und in unseren eigenen Räumen aufhängen möchten.

Die Gegenstände sind oft einfach und alltäglich, aber sie sprechen uns an in ihrer Schlichtheit und Sauberkeit: ein Stück heimatliche Landschaft, ein Kornfeld, eine Wiese, ein Bauplan oder ein Ausschnitt aus dem Arbeitsleben, das sind Dinge, die uns täglich begegnen und uns daher vertraut und nahe sind.

Die Liebe des deutschen Menschen zu Tieren und Blumen findet in Kleinplastiken, Aquarellen und Zeichnungen ihren feinsten Ausdruck.

Erfreulich ist auch das häufige Auftreten von Familienbildern neben Einzelporträts, ein Zeichen für den neu erwachten Sinn für Familienleben und Familientradition.

So bestellt der Wert der Münchener Ausstellung vielleicht weniger in künstlerischen Spitzenlcistungen einzelner großer Genies als in dem Ausdruck des künstlerischen Gesamtwillens unseres Volkes, der gesund, lebensbejahend und zukunftsfreudig ist.

Suse Harms.