Die Mystik der alten Griechen – Vorrede

Die Philologie besitzt eine ausgesprochene Tendenz, sich isoliert zu halten, und sogar dem naturgemässen Bündnis mit der Linguistik kommt sie nur ungern entgegen. Dass nun Perioden der Isolierung, vermöge der Arbeitsteilung eintretend, zeitenweise für die Wissenschaften nützlich sind, mehr Vorteil als Nachteil bringen, lässt sich nicht leugnen. Gerade für die Philologie aber dürfte dieser Vorteil sehr gering, der Nachteil sehr gross sein, weil ihr Stoff — wenn wir von seltenen bibliothekarischen Funden und Schliemannschen Ausgrabungen absehen — keinem Wachstum unterliegt. Die Bearbeitung immer desselben Stoffes kann daher nur aufrecht erhalten werden durch immer detailliertere textkritische Untersuchungen und mikroskopische Analysen, die mehr und mehr abseits vom Interessenkreise der allgemeinen Bildung liegen. Dieses System ist leider auch auf den Jugendunterricht übergegangen, und darum wird auf unseren Gymnasien der Geschmack für die Klassiker nur selten in dem Grade geweckt, dass das Studium derselben eine liebe Beschäftigung auch der späteren Jahre bliebe. Und doch wäre das leicht zu erreichen, wenn man, statt uns zu Philologen zu erziehen, trachten würde, den Geschmack für Ästhetik, Kulturgeschichte und Linguistik aus den klassischen Quellen uns zu entwickeln.

Denjenigen Philologen nun, die nicht ganz in Textkritik aufgehen, müsste es ganz wünschenswert sein, wenn diese Isolierung nicht künstlich aufrecht erhalten würde, wenn Grenzberührungen mit anderen Wissenszweigen eintreten würden und so die Philologie neue Blutzufuhr bekäme, wenn nicht durch neuen Stoff, so doch durch neue Gesichtspunkte für den alten Stoff. Dies müsste sich um so fruchtbarer erweisen, je fremder der Philologie bisher jener Wissenszweig geblieben wäre, der den neuen Gesichtspunkt zu liefern hätte.

Einen solchen bisher vernachlässigten Gesichtspunkt möchte ich nun der Philologie in der Mystik liefern. Ich will in der vorliegenden Schrift den Nachweis fuhren, dass eine durch mystische Kenntnisse bereicherte Philologie Probleme zu lösen vermag, die ihr beim Mangel dieser Kenntnisse bisher unlöslich geblieben sind: der Tempelschlaf, die Orakel, die Mysterien und der Dämon des Sokrates. Dass dieselben für unser modernes Verständnis Rätsel sind, wird von den gewiegtesten Philologen zugegeben, und nur teilweise erleidet das eine Einschränkung, indem schon in der bisherigen Litteratur, wenigstens ausserhalb der philologischen Kreise, Andeutungen darüber sich finden, dass beim Tempelschlaf der Ägypter und Griechen medizinischer Somnambulismus getrieben wurde und die Priesterinnen der Orakel mit unseren hellsehenden Somnambulen sich vergleichen lassen. Dagegen ist die Erklärung des Sokratischen Dämons dem modernen Rationalismus nur dadurch scheinbar möglich geworden, dass er, statt an die deutlichen Berichte der Alten sich zu halten, das
Problem gefälscht hat, um sich die Erklärung leichter, ja allererst möglich zu machen. Bezüglich der Mysterien aber hat die Wissenschaft die Flinte ins Korn geworfen, auf eine Erklärung verzichtet, und die Philologen selbst haben die Hoffnung aufgegeben, eine solche zu finden.

Wer nun aber, vom Studium der Mystik herkommend, diese vier Probleme untersucht, wird keinen Augenblick anstehen, sie für erklärbar zu halten. Bei den Orakeln und dem Tempelschlaf handelt es sich in der That um Somnambulismus, die Mysterien werden sofort klar, wenn man sie in Verbindung mit dem modernen Spiritismus bringt, und der Dämon des Sokrates konnte nur darum seine Lösung nicht finden, weil man ihn nicht als ein Problem der transcendentalen Psychologie erkannt hat. Kurz, es ist leicht der Nachweis zu fuhren, dass die alten Griechen unsere moderne Mystik in allen ihren Zweigen gekannt haben: den Magnetismus, Somnambulismus und Spiritismus. Von diesem Nachweis wird allerdings zunächst nur ein kulturgeschichtlicher Gewinn abfallen, und die Frage bleibt noch immer offen, welchen Wahrheitsgehalt wir der Mystik zusprechen müssen. Für diese Frage, deren Behandlung nicht in diese Schrift gehört, muss ich den Leser auf meine „Philosophie der Mystik“ und „Monistische Seelenlehre“ verweisen. Von diesen grösseren Schriften habe ich die vorliegende nur darum abgetrennt, weil letztere, wenn jenen eingefügt, den Zusammenhang unterbrochen hätte, weil ferner die genannten vier Probleme unter sich Zusammenhängen, und weil sie einen grösseren Kreis von Interessenten voraussetzen lassen, wozu ausser den Mystikern auch noch die Philologen und Kulturhistoriker gehören. Durch das Studium auch jener Schriften dürfte dem Leser der Beweis verstärkt werden, dass in unserer modernen Mystik nur die alte wieder auflebt; er wird sich aber dort auch die Überzeugung holen, dass der Mystik allerdings ein grosser Wahrheitsgehalt zukommt, dagegen er hier nun sieht, dass ich mich für meine dort niedergelegten Anschauungen auf das schwerwiegende Zeugnis unserer philosophischen Lehrmeister berufen kann, welche der Mystik nicht nur den Glauben nicht versagten, sondern sie sogar sehr hoch schätzten.

Wenn ich die rätselhaften Mysterien mit unserem Spiritismus vergleiche, so bin ich mir allerdings bewusst damit eine Hypothese aufzustellen, die, schon weil sie zum erstenmal ausgesprochen wird, für paradox gelten muss. Indessen möchte ich den Zweifler doch schon hier in der Vorrede darauf aufmerksam machen, dass ich auf diese Hypothese durch die Berichte der Alten selbst gekommen bin, durch deren geheimnisvoll lautende Mitteilungen es wie moderner Spiritismus hindurchschimmert. In einer ganzen Reihe von Punkten ist die Identität der Phänomene gegeben, und für jeden, dem die Mystik bekannt ist, wird sich diese Hypothese von selbst einstellen, ohne dass er zu willkürlichen Gedankenoperationen greift.

Zugestandenermassen hat man bisher noch keinen Gesichtspunkt gefunden, der uns die Mysterien verständlich gemacht hätte. Der einzige noch nicht versuchte mystische Gesichtspunkt macht uns aber dieses grosse Rätsel sofort klar, und das allein schon dürfte für die Richtigkeit meiner Hypothese sprechen. Der Rationalist wird sagen, dass der Spiritismus auch dann ein Irrtum sein könnte, wenn er identisch wäre mit den Mysterien und so alt als diese. Das kann zugegeben werden; mir aber, der ich sehe, mit welcher hohen Verehrung die griechischen Philosophen von diesen Mysterien reden, kann es, da ich mich in so guter Gesellschaft weiss, nicht schwer fallen, den Zeitpunkt abzuwarten, bis unsere moderne Aufklärung sich genötigt sehen wird, vor den Thatsachen der Mystik die Segel zu streichen.

Schloss Mittersill im Pinzgau.

Dr. Carl du Prel

Text aus dem Buch:Die Mystik der alten Griechen (1888), Author: Du Prel, Karl Ludwig August Friedrich Maxmilian Alfred, freiherr.

Siehe auch:
Die Mystik der alten Griechen – Vorrede
Die Mystik der alten Griechen – Der Tempelschlaf.
Die Mystik der alten Griechen – Die Orakel.
Die Mystik der alten Griechen – Die Mysterien.
Die Mystik der alten Griechen – Der Dämon des Sokrates.

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