Die Nordwest-Passage – Unter Eskimos und Indianern

Meine Polarfahrt auf der Gjöa 1903 bis 1907

Auf Ski und Schneereifen durch Kanada und Alaska

Elftes Kapitel


Als ich am einundzwanzigsten Oktober nachmittags auf der Insel Herschel eintraf, war noch nicht alles zu der bevorstehenden Postreise bereit. Die Kapitäne hatten mich gebeten, ein paar Tage früher einzutreffen, damit ich bei den Ausrüstungsvorbereitungen zugegen wäre und mit meinen Begleitern wegen des einzuschlagenden Weges beraten könnte. Wie früher auch ging ich an Bord der „Alexander“, wo ich mit gewohnter Gastlichkeit aufgenommen wurde. Auch Kapitän Mogg wollte mit der Expedition südwärts reisen, und die andern Kapitäne hatten ihn gebeten, die Oberaufsicht über die Postsendungen zu übernehmen; er war also mit andern Worten der Leiter der Expedition. Ich selbst aber sollte als eingeladner Gast dabei sein. Kapitän Mogg war ein alter Polarfahrer und hatte auch schon Schlittenexpeditionen zu Lande gemacht, wenn das auch allerdings jetzt schon eine Reihe von Jahren her war. Er legte den größten Eifer an den Tag und plagte sich redlich mit der Ausrüstung. Ich hatte allerlei Vorräte von der Gjöa mitgebracht, aber Kapitän Mogg fand deren Mitnahme durchaus nicht praktisch. Als Gast konnte ich natürlich nicht darauf bestehen, und ich beschloß daher, mein Urteil für mich zu behalten und mich ganz der Erfahrung des Führers zu über lassen. Nur bei einer Büchse Pemmikan von sechs Kilogramm Gewicht ärgerte ich mich, daß auch sie zurückgeschickt werden sollte, und ebenso über Kapitän Mogg selbst, der nicht glauben wollte, daß Pemmikan der beste Schlittenproviant sei, den es gebe. Doch gab ich auch hier nach; denn Kapitän Mogg schien geradezu einen Haß auf mein gutes Pemmikan geworfen zu haben. Es war ja sicher besser so, als wenn die Reise schon von Anfang an mit Uneinigkeit, Streit und Zank begonnen hätte. Für meine fünf Hunde hatte ich ungefähr auf einen Monat Pemmikan und Fischmehl bei mir. Mogg hatte für seine sieben Hunde getrocknete Fische. Aber schon jetzt zeigte es sich, daß er von dieser Ware keinen genügenden Vorrat unterbringen konnte. Da wir jedoch in drei Wochen bei den Indianern zu sein hofften, glaubten wir, wenn wir unser Hundefutter zusammen würfen, doch, bei etwas beschnittnen Rationen, auskommen zu können. Unser eigner Proviant bestand aus Bohnen und Speck, die zusammen gekocht und in gefrornem Zustand in angemessne kleine Rationen verteilt worden waren, ferner Weizenkakes, Reis, Zucker, Butter, Tee, Kaffee, Schokolade, Milch, Feigen, Rosinen und Spezereien. Dies war freilich eine viel reichhaltigere Proviantliste, als ich sie gewohnt war. Aber ich hatte doch meine stillen Zweifel, ob die Mannigfaltigkeit sich an Nahrhaftigkeit mit der einfacheren, die wir auf unsern Schlittenexpeditionen gehabt hatten, werde messen können. Außerdem hatten wir Zelt und Zeltstangen, Ofen, Lampe, Schlafsäcke und vieles andre Gute bei uns. Da wir wußten, daß wir unsre Schlitten nicht sehr lange würden gebrauchen können, sondern bei dem losen tiefen Schnee bald zu dem „Taboggan“, dem kanadischen Waldschlitten, übergehen müßten, schnallten wir zwei solcher Taboggane auf unsre Schlitten. Der Taboggan hat die Form eines zwölf Fuß langen Ski, der aber sechsmal so breit wie ein gewöhnlicher Ski und stark gebogen ist. Bei dieser Gelegenheit sah ich dieses Beförderungsmittel zum erstenmal und war sehr gespannt, wie es sich im Gebrauch bewähren würde.

Am dreiundzwanzigsten abends war alles zur Abreise bereit und die umfangreiche Post der Walfischfängerflotte unter Schloß und Riegel auf Moggs Schlitten untergebracht Die Eskimos und Mogg trugen Fellkleider wie die hier ansässigen Eskimos, ich warinNetschjilli-tracht. Manni klagte nach dem langen und anstrengenden Weg von KingPoint nach Herschel über Schmerzen in den Beinen und bat mich, ihn nach der Gjöa zurückkehren zu lassen. Gegen seinen Willen wollte ich ihn nicht mitnehmen; ich brachte ihn deshalb auf einem Schlitten unter, der am nächsten Tag nach King Point fahren sollte. Am letzten Abend versammelten wir uns alle in der Kajüte der „Alexander“. Kapitän William Mogg, unser Führer, war ein Mann von gewaltiger Leibesfülle, hatte aber einen kleinen Kopf und kurze, dünne Beine. Wenn er sich bewegte, machte es immer den Eindruck, als rolle er im Zickzack daher. Er war von Geburt ein Engländer, hatte aber seine Heimat schon sehr früh verlassen und endigte jetzt als Walfischfänger. Der Eskimo Jimmi bestätigte auch während der ganzen Reise den außerordentlich günstigen Eindruck, den ich gleich bei unserm ersten Zusammentreffen auf dem Eise von ihm bekommen hatte. Jimmis Frau hatte ich mir als ein recht junges, anziehendes Geschöpf vorgestellt. Aber Kappa sah mehr wie seine Mutter als wie seine Frau aus. Sie war mit einem Walfischfänger von dem Kotzebuesund nach Herschel gekommen und hatte da Jimmi getroffen, der ein Kagmallik-eskimo war. Die beiden waren sowohl auf der Insel Herschel als auf Fort Yukon gesetzlich getraut worden; es wäre ihnen also wohl schwer gefallen, sich scheiden zu lassen. Kappa sah in ihren mit Kaliko überzognen Fellkleidern aus wie eine kleine Heudieme. Ich schätzte sie auf vierzig Jahre; sie war aber in Wirklichkeit Mitglied der Postexpedition bedeutend jünger. Zwischen mir und Kappa entspann sich ein recht freundschaftliches Verhältnis, und ich betrachtete sie fast wie eine ältere Tante. Am vierundzwanzigsten, morgens um neun Uhr, standen wir alle fix unu fertig da. Nun konnte die Reise losgehen. Eine Menge Leute von den Mannschaften der verschiednen Schiffe hatten sich versammelt, dem Abgang der Post anzuwohnen. Ein leichter Nordostwind blies uns bei zwanzig Grad Kälte um die Ohren; aber da wir in südwestlicher Richtung reisen sollten, belästigte er uns nicht sehr. In fliegender Eile ging es über die glatte Schneedecke auf dem Eise dahin. Ich hatte fünf gut eingefahrne Hunde vor meinem Schlitten, der auch bedeutend leichter war als der andre, und so kam ich diesem bald voraus. Der andre Schlitten war mit sieben Hunden bespannt, die nicht alle gleich gut und auch nicht alle miteinander eingefahren waren. Sie machten ihren Führern, Kappa und Jimmi, recht viel Beschwer. Mogg war auf meinem Schlitten untergebracht. Das Fahren mit Hunden ist in diesen Gegenden so eingerichtet, daß der Führer vor dem Gespann herläuft und ihm den Weg zeigt. Wir fuhren zuerst der Ostseite der Insel entlang bis zu deren südlichstem Ende. Hier ging es über den schmalen Sund und dann auf das Festland. Der Schnee lag noch nicht gleichmäßig auf dem Erdboden; ab und zu sahen Grasbüschel daraus hervor. Ich zog meine Ski an, und da war ich aller Sorgen ledig. Die andern trugen kanadische Schneereifen. Die Schneereifen hier in Alaska sind breiter als die breiten kanadischen, und sie haben überdies eine umge-bogne Spitze, diebeim Gehen einegroße Hilfe ist. Ich habemitden kanadischen Schneereifen nie ordentlich gehen können, aber auf diesen hier bewegte ich mich mit Leichtigkeit.

Zuerst mußten wir über einen schwierigen Felsenrücken. Wir waren des Marschierer noch ungewohnt; so war das für uns alle ein schweres Stück Arbeit. Endlich waren wir droben, und dann ging es auf der andern Seite leichter wieder hinunter. Am Fuße des Hügels gelangten wir an das gefrorne Bett des Herschelflusses. Diesem Flusse sollten wir nun in seiner ganzen Länge folgen. Sein Delta war hier ein Chaos von Sandbänken und Kiesanhäufungen, und man konnte sich nur schwer hindurchfinden. Aber Jimmi und Mogg kannten die Gegend genau; sie waren ja schon oft auf der Renntierjagd hier gewesen. Es war hier auch eines der besten Gebiete für die Renntierjagd. Tausende und Abertausende von erlegten Renntieren sind im Laufe der Jahre von hier zu den Walfischfängern an die See hinuntergebracht worden. Und in diesem Jahre mußte die Jagd natürlich noch großartiger werden, da so viele schlecht verproviantierte Schiffe bei der Insel Herschel überwinterten. Weiter südlich wurde das Flußbett deutlicher und bestimmter. An vielen Stellen war das Eis glänzend hell, und mitten darin ragten Felsenspitzen draus hervor. Dieser Weg ruinierte meine Schlittenkufen. Aus Mangel an andrem Material hatten wir die Kufen mit galvanisiertem Eisen beschlagen müssen, und dies bewährte sich noch schlechter, als ich gefürchtet hatte. Die Beschläge wurden ganz losgerissen, so daß das Holz der Kufen splitterte, und das hielt die Hunde auf. Ich versuchte dem dadurch abzuhelfen, daß ich die Kufen mit einem Stein glättete; aber da es nicht mehr weit zum Rastplatze war, gab ich die Arbeit auf und versuchte, dem andern Schlitten, dessen Beschläge in bester Ordnung waren, nachzukommen, so gut es eben ging. Um halb fünf Uhr nachmittags erreichten wir die Bank im Flusse, die Jimmi als ersten Lagerplatz bestimmt hatte, weil er wußte, daß hier immer Treibholz zu finden war. Der erste Tag einer Schlittenreise ist immer der anstrengendste, und wir sehnten uns nach Ruhe. Um die notwendigen Vorbereitungen rasch zu erledigen, wurde das Aufstellen des Zeltes Kappa und Jimmi übertragen, denen Mogg half, der alles Notwendige aus dem Schlitten nahm, während ich Brennholz sammelte. An diesem Abend war das eine leichte Arbeit, da auf der Bank kleine, förmlich schon ge-spaltne Stücke verstreut lagen. Später war es nicht immer so leicht, das Holz für den Abend zu sammeln. Als ich fertig war, schloß ich mich den andern beim Errichten des Zeltes an, was hier in einer für mich unbekannten Weise vor sich ging — ja auch die Konstruktion des Zeltes selbst war mir ganz fremd. Dieses Zelt bestand aus dem Tuch und — achtzehn Zeltstangen. Der Platz wird zuerst so gut wie möglich vom Schnee befreit, und dieser wird als eine Mauer rund um das Zelt aufgehäuft. Dann werden die Stöcke in den Boden getrieben. Letztere sind eigentlich eher zu einem Halbkreis zusammengebogne Weiden. Zwölf von diesen Stöcken werden an der Langseite, sechs auf der Schmalseite des Zeltes gegeneinander gesteckt. Wenn sie hineingetrieben sind, werden sie gebogenundzusammengeschnürt, so daß jedesmal ein ganzer Bogen entsteht. Hierauf wird das Tuch darüber gezogen, und dann ist das Zelt fertig und hat die Form einer Heudieme oder einer Iglu. Dieses Zelt hat einen einzigen Vorteil: man kann die Stangen höher und niedriger zusammenbiegen und das Zelt also je nach Wetter und Wind einrichten. Aber in allen andern Be-

Ziehungen ist es auf einer Reise wie der unsern äußerst unpraktisch. Vor allem dauert es viel zu lange, bis so ein Zelt aufgerichtet ist. Dann muß man bei dem vielen Zusammenbinden, das nötig ist, die Handschuhe ablegen. Das Innere wird nie so hoch, daß man darin stehen kann. Unser Zelt war nie über vier und einen halben Fuß hoch. Nun, daran gewöhnten wir uns ja mit der Zeit. Aber dann der Transport! Es ist möglich, daß ein ganz zusammengenähtes Zelt schwerer zu verpacken ist als dieses leichte Tuch; aber auch das ist zweifelhaft. Aber nun die achtzehn Stangen, die alle, den Bogen nach außen, in die Höhe standen, und die, wenn sie endlich mit vieler Mühe auf dem Schlitten verpackt waren, diesen in ein Stachelschwein verwandelten, das sich unterwegs unaufhörlich festhakte. Jimmi war ein stiller Mann; aber so oft er diese achtzehn Zeltstöcke verpacken mußte, fluchte er auf englisch und in der Eskimosprache, daß es eine Art hatte! Ein gewöhnliches spitziges Zelt aus drei Stangen war diesem pilzförmigen weit vorzuziehen. Auf einer Landreise findet man außerdem sehr leicht eine Talsenkung oder sonst einen Schutz vor dem Wind, und damit wird der Wert des einzigen nachweisbaren Vorteils eines solchen Pilzzeltes aufgehoben. Jimmi und Kappa hatten allerdings große Übung in dieser Arbeit und konnten das Zelt in verhältnismäßig kurzer Zeit aufrichten. Mogg packte aus, was man zum Abendessen und für die Nacht brauchte, Kappa richtete das Zelt ein, und Jimmi machte Feuer an. Mogg war der Koch für den Abend. Mittlerweile knabberten wir alle an getrockneten Feigen, wovon jeder eine Handvoll erhalten hatte, und die während der Wartezeit herrlich schmeckten. Nachdem die Hunde gefüttert und die Schlitten für die Nacht gut verwahrt waren, klopften wir uns den Schnee von den Kleidern und gingen hinein. Der Platz war sehr beschränkt. Ich hatte den meinigen dicht beim Ofen an der einen Langseite; gerade vor mir lag Mogg. An der andern Langseite lagen Jimmi und Kappa. Ich mußte meine Beine geradezu zusammenklappen. Mogg drehte sich nur herum, wenn er etwas wollte, und die Eskimos waren durch lange Übung die reinen Schlangenmenschen geworden. Nach vollendeter Mahlzeit fielen wir alle in süßen Schlummer.

Morgens um halb fünf Uhr erwachte ich und sah mich um. Keiner von den andern schien sich vorerst um irgend eine Arbeit zu bekümmern. Ein regelmäßiges Schnarchtrio deutete vielmehr auf das vollständige Gegenteil. Ich nahm die Sache indes mit Ruhe auf und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Nach einer Weile erwachte Mogg; er sah zuerst auf seine Uhr und dann auf mich. Ich tat, als ob ich den Schlaf des Gerechten schliefe, und bald stimmte Mogg wieder in das Schnarchkonzert ein. Nach einer weiteren Viertelstunde erwachten die Eskimos. Sie wechselten flüsternd ein paar Worte miteinander und legten sich wieder zum Schlafen nieder. Meiner Berechnung nach mußte aber die Morgenarbeit zwei volle Stunden in Anspruch nehmen; wenn wir also bei einigermaßen guter Zeit fortkommen wollten, dann mußten wir jetzt damit anfangen. Meine Reisegefährten lagen unbeweglich da; so stand ich denn auf und machte mich ans Werk. Der behagliche Posten des Morgenkochs war offenbar dem „Gast“ zuerteilt. Jawohl, und ich mußte ihn auch die ganze Zeit über beibehalten. Es war wirklich recht gut, daß die Expedition einen Mann bei sich hatte, der bei Zeiten aus dem Schlafsack herausfinden konnte. Die Morgenarbeit war indes keine verwickelte Aufgabe. Man wärmte die Überreste vom vorhergehenden Abend; das war die Hauptsache. Während ich dies tat, hatte ich Zeit zum Nachdenken und zum Schreiben. Die andern schnarchten, daß das Zelt bebte. Als ich annähernd fertig war, weckte ich meine Reisekameraden, was geraume Zeit in Anspruch nahm; denn die Ofenwärme wirkte geradezu wie ein Schlafmittel auf sie. Aber schließlich kamen sie doch auf die Beine, und das Frühstück wurde eingenommen. Dann packten wir die Schlitten, brachen das Zelt ab und fuhren weiter.

Mehrere der älteren Schiffsoffiziere auf der Insel Herschel hatten gemeint, es sei noch etwas zu früh für unsre Reise. Sie hatten ihre Erfahrungen auf vielen solchen Schlittenreisen gesammelt und fürchteten, die Flüsse seien noch nicht ganz zugefroren. Wir sahen bald, daß sie recht gehabt hatten. Die Flüsse schlängelten sich in kurzen Windungen zwischen steilen Felsenpässen hin und waren an vielen Stellen noch offen; dadurch wurde der Durchgang äußerst schmal. Mit Freude begrüßte ich nach zwei und einem halben Jahre zum erstenmal wieder den Anblick von wirklichen Felsen. Die bis zu vierhundert Fuß hohen, steilen Ufer bestanden größtenteils aus Felsen, im Gegensatz zu den Erd- und Mooshügeln, die wir bisher gesehen hatten. Überdies sollten wir, wie ich wußte, an diesem Tag auch die Baumgrenze erreichen, und so schaute ich mich bei jeder Biegung des Wegs gespannt um. Und als sich endlich der erste Fichtenbaum auf einem Felsenhang vom Himmel abhob — ein sehr zerzauster und zer-blasener kleiner Weihnachtsbaum, der zu einer Felsenspalte heraushing — machte er einen wunderbaren Eindruck auf mich. Ja, nun waren wir aus der Polargegend heraus, waren auf heimatlichem, menschlichem Boden. Am liebsten hätte ich in diesem Augenblick alles im Stich gelassen und wäre auf den Felsen hinaufgeklettert, den gekrümmten Stamm zu umarmen und den Tannenduft einzuatmen — den Waldesduft — Waldesduft —! In dem engen Paß fuhren plötzlich scharfe Windstöße aus Süden daher, die Hunde, Schlitten und Menschen auf dem glatten Eise, wo man nicht festen Fuß fassen konnte, Umrissen. Das war im höchsten Grade ermüdend und hielt uns nicht wenig auf. Nachdem ich so den ganzen Tag vor dem Schlitten hergelaufen war, schmeckte mir an diesem Abend die Ruhe besonders gut. Wir hatten auf einer kleinen Landzunge einen herrlichen Lagerplatz mit einem Fichtenwäldchen davor gefunden. Eine schwere Arbeit war aber vorher noch das Sammeln des Brennholzes. Die Eskimos, die hier gewöhnlich vorüberkommen, holen da alles trockne Holzaus dem Walde, und man muß oft weit und breit suchen, bis man genug für eine Nacht findet. Ich nahm die Axt auf die Schulter, fühlte aber recht gut, wie sehr meine Beine den ganzen Tag angestrengt worden waren. Der Schnee zwischen den Tannen war tief, und ich konnte nur schwer vorwärts kommen. Ich hatte ja wohl meine Ski, mußte aber jetzt schon einsehen, welche Vorteile die eigentlichen Schneereifen hier boten. Man kann sie leichter an- und ausziehen, und in einem Gelände, wie dem, das ich vor mir hatte, kann man auf ihnen sich auch leichter drehen und wenden. Zu andern Zeiten wieder hätte ich freilich meine Ski nicht um viel Geld entbehren wollen. Die Eskimos in diesen Gegenden haben sehr oft Gelegenheit, Ski zu sehen. Bei den Überwinterungen auf der Insel Herschel vertreiben sich einzelne von den Mannschaften häufig die Zeit mit Skilaufen auf den Hügeln. Es waren öfters Norweger darunter, die den Eskimos einen Skilauf erster Güte zeigen konnten. Aber für den Gebrauch auf einer Reise wie der unsrigen hatten sie kein Vertrauen zu den Ski. Sie betrachteten sie häufig von allen Seiten, schüttelten aber doch bedenklich den Kopf. Ehe ich mich von meinen Reisegefährten trennte, hatten sie aber doch Achtung vor meinen Ski bekommen.

Am nächsten Tage wurden wir durch Wasser aufgehalten, das auf dem Eise stand. Es war nicht der offne Fluß, sondern Wasser, das oben über das Eis hinlief. Solche Überschwemmungen des Eises gab es häufig, selbst bei der stärksten Kälte. Wir marschierten weiter; schließlich wateten wir bis über die Knöchel im Wasser. Gegen Mittag mußten wir nachgeben und an Land gehen. Hier schlugen wir unser Lager in einem engen, rechts und links von hohen Felswänden eingeschlossenen Paß auf. Am Abend spannte ein prachtvolles Nordlicht sein zitterndes Farbenband von einem Felsengipfel zum andern. Am nächsten Tage war das Wasser gefroren, und mit einiger Vorsicht konnten wir unsern Weg fortsetzen. Jetzt umgab uns eine wilde zerrissene Natur mit mächtigen Schluchten, die von großen und kleinen Felsstücken angefüllt waren. Die Felsen reichten bis dicht an den Fluß hinab, waren aber sonst nicht besonders hoch. Sie wurden aber immer höher, je weiter wir kamen. In unmerklicher aber gleichmäßiger Steigung ging es über dem Flußbett empor. Am siebenundzwanzigsten vormittags passierten wir ein kleines Seitental, das sich nach Westen erstreckte. Hier glich die Landschaft plötzlich einer echten norwegischen Wald- und Berggegend. Das kleine Tal war dicht mit Fichten bestanden, und aus seiner Tiefe ragte ein gewaltiger schneebedeckter Bergkegel mindestens zweitausend Fuß hoch empor. Und wie in einem Märchen lagen drunten im Tal zwei Zelte, aus deren Schornsteinen friedlicher Rauch auf-stieg. An diesen Menschen vorüberzugehen, — davon konnte selbstverständlich keine Rede sein, und so wandten wir uns den Zelten zu. Die Leute könnten ja möglicherweise frisches Fleisch haben und es uns verkaufen wollen. Wir trafen die Eskimos bei der ersten Morgenarbeit. Die Eskimos sind meist keine frühen Vögel; sie ziehen den Tag lieber am Abend in die Länge. Mit gewohnter Gastlichkeit boten sie uns sogleich Tee und frisches Brot an. Dieses Brot backen die Eskimos im Handumdrehen. Mehl, Wasser und Backpulver werden in die Pfanne getan und zu einem herrlichen Polarkuchen gebacken. Mit etwas Sirup schmeckt es vortrefflich. Während des Tees erzählten sie uns, der Fluß sei weiterhin wieder offen, wir sollten nur über den Bergrücken und jenseits wieder aufs Eis hinunter. Sie waren in der Gegend gut bekannt und boten sich uns als Führer an, wenn wir bis zum nächsten Tag warten wollten. Dazu ließen wir uns leicht überreden. Diese Leute — vier an der Zahl, zwei Männer und zwei Frauen — waren auf der Jagd. Am Tage zuvor hatten sie ein Renntier und einige Wildschafe erlegt. Das Wildschaf ist ein sehr schönes Tier, glänzend weiß, mit spiralförmig geringelten Hörnern. Aber es ist wachsam und rasch wie der Blitz; deshalb ist es nicht leicht, es zu erlegen. Als der Schmaus zu Ende war, und die Jäger wieder aufbrachen, machten wir uns an das Aufstellen des Zeltes. Den übrigen Teil des Tages aßen wir uns hauptsächlich an dem frischen Fleisch satt, das wir uns eingetauscht hatten. Ich hatte vom ersten Augenblick an gewußt, daß die zugemessenen Portionen bei so harter Arbeit für einen Mann ungenügend wären. Deshalb benützte ich jede Gelegenheit — und so auch diese — mich durch eine so kräftige Unterläge wie nur möglich für die schmale Kost der kommenden Tage zu stärken. Jimmi hatte in Beziehung auf seinen Magen dieselbe Beobachtung gemacht und verfolgte denselben Plan. Kappa aß, wie alle Frauen, nur wenig, und Mogg hatte Magendrücken und aß gar nichts. Außerdem hatten wir eine schreckliche Last mit den Hunden, weil sie sich mit den fremden fortwährend balgten; wir mußten immer wieder hinauslaufen und sie auseinander jagen. Am Abend kehrten die Jäger mit zwei Renntieren zurück. Sie hatten ein Rudel von sechzehn Stück gesehen und erzählten, die Renntiere hätten den ganzen Winter über hier ihren Wechsel. Wir erhandelten eine große Keule, die wir in kleine Stücke zerschnitten und mitnahmen.

Der Weg über den Bergrücken am nächsten Tage war ein hartes Stück Arbeit. Er war steil und voller Wurzeln und Baumstümpfe, glücklicherweise aber war er weder sehr hoch, noch sehr breit, und nach viel Mühe und Beschwer standen wir endlich wieder drunten auf dem Flußeise. Vormittags elf Uhr erreichten wir das „Windloch“, einen berüchtigten, von jedermann nur mit Grausen genannten engen Paß zwischen fünfzehnhundert Fuß hohen Felswänden. Das ganze Eis war mit größeren und kleineren, von den Felsen herabgewehten Steinen übersät. Wer einen solchen Stein auf den Kopf bekäme, dem könnte das Lachen vergehen. Es stürmte jetzt auch gewaltig, und ich mußte mich platt auf das Eis legen, während die Hunde mit den Schlitten hoher di polter davonjagten. Unsre hier bekannten Eskimos nannten es ein „gemäßigtes“ Wetter für diesen Ort — und ich war nur froh, daß wir wenigstens kein „schlechtes“ getroffen hatten. Nach einiger Zeit stießen wir auf eine Eskimofamilie mit zwei Taboggan. Der Mann war ein guter Freund von Jimmi und in der Umgegend der Insel Herschel als einer der tüchtigsten Jäger wohlbekannt. Er hatte nicht weniger als sechzig Renntiere ringsum auf dem Felde zerstreut liegen und war nun auf dem Wege nach Herschel, sich Hilfe zum Hereinfahren zu holen. Es war erst ein Uhr mittags, als wir diesen Leuten begegneten, aber trotzdem beschlossen wir, hier mit ihnen zu rasten, das Lager aufzuschlagen — und ihr Fleisch zu versuchen. Jimmi und ich blinzelten uns hinter dem Rücken unsres Führers zu und freuten uns schon auf den Leckerbissen. Dies war das zweite Mal, daß mitten am Tage freiwillig Halt gemacht wurde, aber ich widersetzte mich nicht. Der Fluß war weiterhin an mehreren Stellen offen; es eilte also nicht mit dem Weiterkommen. Außerdem konnte es für Menschen und Hunde nur gut sein, wenn sie sich ordentlich satt essen durften; ja wenn wir etwas Extraproviant mit auf den Schlitten bekämen, wäre es noch besser. Mogg hatte einen ganzen Sack voll Tee mitgenommen, und der kam uns gut zustatten; denn die Eskimos verkaufen gern ihre unsterbliche Seele für ein Pfund Tee. Je weiter südwärts wir kamen, desto milder wurde der Charakter der Landschaft. Die Felsen rundeten sich und fielen sanft gegen das Flußbett ab. Der Schnee war hier auch fester, und wir hatten also auch guten Grund unter uns, während wir vor unsern Schlitten herliefen. Wir trafen eine Menge Renntierspuren, ab und zu sogar eine Wolfsspur. Der Wolf zieht, wenn er Futter genug findet, südlichere Gegenden vor; und das war in diesem Jahre der Fall. Wenn wir jetzt im Flußbett auf Oberwasser stießen, zogen wir unsre Wasserstiefel an und kamen so besser vorwärts.

Am dreißigsten erreichten wir die Quelle unsres Flusses, ein von großen Bergen umgebnes Becken; ich schätzte den höchsten dieser Berge auf ungefähr viertausend Fuß. Hier hatte die Eskimofamilie, mit der wir zuletzt zusammengetroffen waren, ein Depot errichtet. Diese Eskimos legen ihre Depots in etwas andrer Weise an als unsre Netschjilli-freunde. In Mannshöhe errichten sie eine Art Plattform auf vier Füßen, legen das Fleisch darauf und decken es mit Fichtennadeln gut zu. Dann kann Meister Reineke ruhig daher kommen und schnüffeln und daran hinaufspringen, so viel er will — er wird ebensoviel davon bekommen wie einst von den berühmten Trauben. Mogg zeigte mir einen Felsen, an dessen Fuß sich vor ein paar Jahren ein Roman abgespielt hatte. Eine Anzahl Leute von der Walfischfängerflotte hatten eine Verschwörung angezettelt und waren mit Schlitten, die mit Proviant, Waffen und Munition schwerbeladen waren, durchgebrannt. Einige Offiziere wurden mit einer Anzahl Eskimos ausgesandt, die Ausreißer aufzuhalten. Und dort auf dem Felsen waren sie eingeholt worden, gerade als sie sich Schneehütten gebaut hatten. Sie wurden aufgefordert, sich zu ergeben, antworteten aber nur mit Flintenschüssen, und das Gefecht begann. Zwei der Flüchtlinge wurden erschossen, zwei ergaben sich, und die andern flohen in den Wald. Man sollte meinen, sie wären da elendiglich zugrunde gegangen, mitten im Winter, ohne Nahrungsmittel, ohne Kleider. Aber fünf davon hatten nach unsäglichen Leiden doch Fort Yukon erreicht, die übrigen waren umgekommen. Wir überschritten das Becken und schlugen auf der andern Seite unser Lager- auf. Am nächsten Tag hatten wir nur einen zwei- bis dreistündigen Marsch zu machen, bis zu einer mit Fichten bestandnen Landzunge, wo wir anhielten und unsre Schlitten wieder mit dem Taboggan vertauschten. Wir machten uns sogleich ans Umladen. Ich hätte nie geglaubt, daß ich alle meine Sachen auf einem so kleinen Taboggan unterbringen könnte, und es wäre mir auch nie gelungen, wenn ich ihn allein hätte packen müssen. Aber Jimmi brachten das Kunststück zustande. Einen Taboggan richtig zu packen, ist nämlich wirklich eine Kunst. Die Ladung darf nicht zu hoch sein, denn dann fällt der Schlitten um, sie darf aber auch nicht zu breit sein, denn dann steht sie auf den Seiten über und hält den Taboggan auf. Sie muß also niedrig und schmal sein, und das gibt eine sehr umständliche Packerei, wenn man vielerlei bei sich hat. Nach hinten muß er überdies etwas schwerer gepackt sein. Unsre Schlitten wurden an zwei Bäume gelehnt, und auch noch andre Gegenstände wurde zurückgelassen, die wir entbehren zu können meinten. Auf dem Rückwege wollten wir sie dann wieder mitnehmen. Auf dem Flusse hatten ‚wir die Grenze zwischen Kanada und Alaska überschritten.

Schon früh am Nachmittag waren wir mit unsrer Arbeit fertig, und dann pflegten wir im Zelt mit großem Wohlbehagen der Ruhe. Es war ein schöner Abend; wir hatten den ganzen Zeltboden mit frischen, grünen Fichtenzweigen bestreut, und im Ofen brannte und knisterte lustig das dürre Holz. Irgend ein Topf stand immer über dem Feuer; Wasser konnte man nie genug bekommen. Wir hatten Spielkarten bei uns, und Jimmi und Kappa waren leidenschaftliche Spieler. Sie kannten eine unglaubliche Menge verschiedner Spiele, von denen ich nicht das geringste begriff, bei denen sie sich aber königlich ergötzten und wie die Kinder schrieen und jauchzten. Wenn es allmählich warm wird — und es kann in so einem Zelt recht warm werden — über dreißig, ja bis zu vierzig Grad — ist es immer am besten und auch am behaglichsten, wenn man die Fellkleider auszieht, weil sie sonst leicht feucht werden. Unser Anstandsgefühl verbot uns, uns ganz auszukleiden, und so behielten wir das Hemd an, obgleich das eigentlich auch noch hätte ausgezogen werden sollen. Aber Kappa mußte ja zu dem schönen Geschlecht gerechnet werden. Mitten an der Decke hing eine Laterne, die eine heimelige Helle verbreitete. Mogg und ich schrieben in unsre Tagebücher. Von Jimmi und Kappa lernte ich etwas, was ich auf keiner Schlittenreise getan hatte — nämlich, mich jeden Morgen zu waschen. Wenn ich es vergaß, kam Kappa gleich mit Wasser und Seife herbei. Sie selbst konnten es sich merkwürdigerweise gar nicht denken, daß sie den Tag beginnen könnten, ohne sich vorher gewaschen zu haben. Am nächsten Morgen um acht Uhr zogen wir weiter. Jimmis Kenntnis des Weges war hier zu Ende. Aber wir gingen getrost vorwärts. Die Berge, die vor uns lagen, sollten nach der Karte neuntausend Fuß hoch sein. Ich erlaube mir in aller Untertänigkeit, diese Angabe auf höchstens fünftausend herabzusetzen. Schon am dritten November standen wir auf dem Gipfel an der Wasserscheide zwischen den Flüssen, die südwärts strömen, und denen, die sich ins Eismeer ergießen. Da oben herrschte vollständige Hochgebirgsnatur, aber die Baumgrenze war auf keiner Seite weit unterhalb des Gipfels. Sehr stürmisch konnte es da droben wohl nicht sein, denn der Schnee war lose und tief, und unsre Hunde mußten sich mühselig hindurcharbeiten; die meinigen besonders plagten sich jämmerlich, weil mein Taboggan aus Fichtenholz nur schlecht gearbeitet war und bald wie eine Egge hin und her schwankte. Der andre Taboggan war aus Birkenholz und glatt wie Eis. Die Marschordnung bildete sich in folgender Weise: an der Spitze Kappa oder Jimmi, um den Weg zu zeigen und den Hunden die Spur auszutreten, dann Mogg, der als Dampfwalze figurierte — er rollte vorwärts und machte immer eine gute Bahn. Alle drei trugen Schneereifen und traten eine gerade breite Spur für den Taboggan aus. Hinter ihnen kamen die Hunde mit dem ersten Taboggan und dann ich mit dem meinigen. Da sah ich, wie gut die gebräuchlichen Hundegeschirre sind; die Hunde sind gezwungen, im Gänsemarsch zu ziehen und der Spur zu folgen, ob sie wollen oder nicht. Dies ist für den, der hinterher kommt, von größter Wichtigkeit.

Oben auf der Höhe hatten wir eine kleine Talsenkung vor uns und waren sofort überzeugt, daß dieser Weg an den Porcupine führen mußte; und wenn wir diesen erst erreicht hatten, dann waren wir geborgen. Es ging jäh ins Tal hinab, aber der Schnee war weich, und ich freute mich auf eine lustige Schlittenfahrt. Ich spannte also die Hunde los, setzte mich auf meinen Taboggan und fuhr getrost bergab. Aber ich hatte die Rechnung ohne die Hunde gemacht. Als sie den Taboggan hinabsausen sahen, stürzten sie vor, um ihre Plätze wieder einzunehmen. Voraus kamen sie mir, aber ihre Plätze erlangten sie deshalb doch nicht. In wilder Eile taumelten wir die Bergwand hinunter — Taboggan, Hunde und ich, holter di polter — bis wir im Tale unten von selbst anhielten. Ich hatte den größten Teil des Abstiegs unter den Hunden und unter dem Schlitten gemacht und war wütend über die dummen Tiere, die mir meine Schlittenfahrt verdorben hatten. Ich stand auf, klopfte mir den Schnee von den Kleidern, schaute mich um und erblickte Mogg, der auf einem andern Weg heruntergekommen war, in einer kleinen Entfernung; er hielt sich den Bauch vor Lachen. Auf dem Berggipfel droben aber lagen Kappa und Jimmi und wollten sich vor Lachen ausschütten. Ich wollte schon meinen Zorn an den Hunden auslassen und sie ordentlich durchwalken — aber schließlich konnte ich nicht anders: ich mußte mitlachen. Die Eskimos waren klüger als ich mit ihrem schweren Taboggan. Auf jeder Seite faßte einer von ihnen an, und so fuhren sie ganz vergnüglich herunter. Das kleine Tal erstreckte sich zuerst in südöstlicher Richtung und lief dann in gerader Linie südwärts — dann verlor es sich wieder im Hochgebirge. Es hatte also keine große Ausdehnung. Aber gerade vor uns stand die Sonne hell am Mittagshimmel und zeigte uns den Weg. Wenn wir direkt darauf zugingen, so müßten wir ohne Zweifel jenseits des Gebirges an den Porcupine gelangen. Wir peilten also die Sonne und zogen vergnügt weiter. Jetzt hatten wir die Wahl zwischen zwei Pässen. In solchen Fällen sind die Eskimos von unschätzbarem Nutzen. An den gewöhnlichen Formationen erkennen sie sogleich, wo man am leichtesten vorwärts kommt. Diesmal waren indes Jimmi und Kappa geteilter Meinung, aber die Kappas klang am überzeugendsten, und Jimmi gab schließlich der weiblichen Beredsamkeit nach. Jimmi hatte aber doch recht gehabt, wie sich später herausstellte, was natürlich Kappa nicht zugeben wollte. Oben auf dem Gebirge wurde es allmählich empfindlich kalt. Wir hatten kein Thermometer bei uns; aber dem Schneegestöber nach schätzte ich die Temperatur auf über dreißig Grad. Wir machten uns jetzt schon früh am Morgen, solange es noch dunkel war, auf den Weg; ab und zu spendete uns ein Nordlicht eine zauberhafte Beleuchtung. Jetzt bereute ich oft, daß ich nicht auch eigentliche Schneereifen mitgenommen hatte. In dem hohen Schnee sanken die Ski oft tief ein, auch blieben sie gerne an Weidengebüschen oder an großen Grasbüscheln hängen. Übrigens sind die Taboggane für diese Gegend nicht sehr praktisch; sie überschlagen sich beständig und rufen eine Menge Scheltworte und Zornausbrüche hervor.

Am vierten endlich stießen wir auf ein wirkliches Flußbett Es war allerdings nicht breit — nur eine Bachrinne —, aber auf beiden Seiten durch hohe Ufer scharf abgegrenzt In gestrecktem Galopp liefen die Hunde dahin. Bald aber zeigte es sich, daß der Bach sehr viele Windungen machte, und daß wir den Weg bedeutend abkürzen könnten, wenn wir quer über Land führen. Am nächsten Tag erreichten wir dann ein großes, breites Flußbett. Es war der Coleen-fluß — wie wir später herausfanden – einer der vielen Nebenflüsse des Porcupine. Die Bahn war hier ausgezeichnet: mit ein paar Zoll Schnee auf dem Eise. Und hier konnte ich zeigen, was man mit Ski zu leisten vermag. Mogg, der auf seinen Schneereifen mühselig übers Gebirge hatte traben müssen, weil die Hunde ihn nicht vorwärts gebracht hatten, durfte sich jetzt ruhig auf meinen Schlitten setzen — auf dieser Bahn hätten meine Hunde die doppelte Last ziehen können —, und dann gings los! Jimmi war an der Spitze, aber die Schneereifen glitten nicht von selbst weiter wie meine Ski, und bald sauste ich an ihm vorüber.

„Na, Jimmi, was sagst du jetzt zu den Ski?“ Bald war ich weit voraus. Ganz ohne Gefahr war diese Fahrt auf dem Eise indessen doch nicht. Teils war der Fluß offen, was man nicht immer aus der Ferne wahrnehmen konnte, teils war die Eisdecke sehr dünn, und wenn man nicht sehr gut aufpaßte, konnte man da leicht einbrechen. Die hohen, spitzigen Felsengipfel blieben immer weiter hinter uns zurück; endlich verschwanden sie, und wir gelangten in einen großen Wald. Die zwei bis drei ersten Stunden am Morgen waren für die Menschen und für die Hunde immer am schwersten, besonders aber für die Hunde. Da waren sie noch starr und steif vom vorhergehenden Tag, und überdies waren sie am Morgen auch faul. Aber Jimmi machte sie bald geschmeidig, und dann ging es wie geschmiert. Wir hatten übrigens die Rationen der Hunde schon etwas beschneiden müssen, und das machte sich bald geltend. Sie wurden mager, und ihre Kräfte nahmen ab. Unser eigner Proviant reichte noch für ein paar Tage, das heißt, wenn wir so vorsichtig damit umgingen wie bisher. Am siebenten November, nachmittags um halb drei Uhr, machte Jimmi plötzlich Halt; sein scharfer Blick hatte etwas Ungewöhnliches auf dem Eise entdeckt. Er lief darauf zu und rief: Indianerspuren!

Seine Stimme hatte einen freudigen Klang. „Jetzt ist bald alle Sorge vorbei!“ schien sie sagen zu wollen. „Jetzt dürfen wir uns bald alle miteinander so recht satt essen!“ Wir verfolgten die Spuren und gelangten nach kurzer Zeit an ein Blockhaus. Ich war aufs äußerste gespannt. Nun endlich war also die Stunde gekommen, wo ich die wirklichen Indianer sehen würde, die während meiner Knabenjahre meine Phantasie so oft mit aufregenden Bildern erfüllt hatten. Ich erwartete wirklich, die Tür aufgehen und einen kupferroten Mann mit Federn im Haarschopf erscheinen zu sehen, der mit geschwungnem Tomahawk und mit dem Rufe: „Hugh!“ auf uns losstürzte.

Oder vielleicht läge er auch auf der Lauer hinter einem der Bäume im Walde…… Die Tür ging auf, und heraus trat ein ganz friedlicher Mann, in einem schwarzen Anzug, mit einem schwarzen Hut auf dem Kopfe. Er blieb ruhig stehen und sah uns an. Wir begrüßten ihn freundlich in englischer Sprache, und ebenso freundlich antwortete er, gleichfalls englisch. Kurz darauf kam auch die Frau zu uns heraus. Alles dieses hätte ebensogut auf einer Fußreise in Telemarken vor sich gehen können; diese Leute sahen genau aus wie norwegische Gebirgsbewohner. Wir blieben zwei Tage bei ihnen und fütterten während dieser Zeit uns und die Hunde ordentlich heraus. Um Tee und Licht verkauften sie uns gefrorne Fische und etwas Elchfleisch. Am zehnten zogen wir in demselben Flußbett weiter; da und dort zeigten sich jetzt Birken, und auch andres deutete darauf, daß wir in südlicher Richtung weiter drangen. Am Nachmittag des zwölften stießen wir auf die Spuren von einem Taboggan und Schneereifen; wir folgten ihnen, bis es dunkel wurde. Dann schlugen wir unser Lager auf und folgten am nächsten Morgen wieder diesen Spuren. Aber dann verloren wir sie in dem aufsteigenden Nebel. Gegen zehn Uhr vormittags meldete Jimmi, er sehe eine Blockhütte am Ufer, und sein Adlerblick hatte ihn nicht getäuscht In der Hütte fanden wir zwei weibliche Wesen vor. Aber da fühlte ich mich in meinen Kindheitserinnerungen tief gekränkt. So konnten doch unmöglich die „Squaws“ der tapfern Mohikaner, ja nicht einmal die der hinterlistigen Irokesen ausgesehen haben! Der einen von diesen Weibern hing die Unterlippe auf die Brust herunter, die andre machte einen schiefen Kopf und sah uns mit bösem Blick an. Zwei abschreckende Vogelscheuchen waren es. Die Begrüßung zwischen ihnen und unsrer Kappa war aber überströmend herzlich; sie lachten und schwatzten und schnatterten durcheinander, wie nur alte Weiber schnattern können. Keines verstand von dem, was die andern sagten, auch nur ein einziges Wort. Für Tee und Kakes handelten wir ein Bündel getrocknete Fische von ihnen ein. Der Mann der einen und der Sohn der andern waren vor zwei Tagen zu einem Händler gereist, der seinen Sitz am Porcupine hatte. Die freundlichen Damen erklärten uns zu unsrer großen Befriedigung: wenn wir den Spuren der Männer folgten, könnten wir den Weg bedeutend abkürzen und zwei Tage sparen. Die mit dem bösen Blick begleitete uns, um uns auf die Spur zu leiten. Nur mit der größten Anstrengung gelangten wir den Berg hinauf bis zum Walde hin, wo die Spur zu erkennen war. Mehrere Male mußten die Taboggane ganz in die Höhe gehoben werden. Aber nachdem wir oben angelangt waren, wo unsre Führerin uns verließ, erwies sich die Spur als wirklich sehr gut, und nun ging es rasch vorwärts. Hier im Walde mußte ich die praktischen Geschirre der Hunde noch mehr loben. Wenn jeder Hund seinen eignen Zugriemen gehabt hätte, wäre unweigerlich jeder nach einer andern Seite an die Bäume gerannt und hätte sich festgefahren, so aber und in einer gut ausgetretnen Spur war das Fahren mit dem Taboggan ein Kinderspiel. Jetzt brauchte ich nicht mehr vor den Hunden herzulaufen, um sie anzufeuern und zu leiten; es ging alles von selbst, ich lief nur voraus, um mich den Eskimos, die vor mir waren, zuzugesellen. Mogg lag auf dem Schlitten und sang und trällerte. Die allgemeine Stimmung war höchst vergnügt infolge der Gewißheit, daß wir spätestens in einer Woche Fort Yukon erreicht haben würden. Als ich die Eskimos eingeholt hatte, hörte ich unsern stillen Jimmi jauchzen und jubilieren, während sich Kappa am Taboggan festhielt und einen Freudensprung um den andern machte.

Am vierzehnten abends witterten die Hunde Menschen und Nahrung; sie liefen wie noch nie. Es ging ziemlich steil bergab; aber die Hunde jetzt aufzuhalten, davon konnte keine Rede sein. Ich lief auf Ski voraus; die vielen Erdhügel und Baumstümpfe, über die ich hinwegsauste, ließen mich für die Schlitten hinter mir erzittern. Endlich war der Porcupine und die kleine Indianerkolonie erreicht, wo die oben erwähnten Händler wohnten. Der arme Mogg kam zuletzt an; er hatte sich nur mit Mühe und Not auf dem Taboggan festhalten können, und auf meine Nachfrage sagte er, er habe durchaus keine Gelegenheit gehabt, die interessante Waldlandschaft zu bewundern. Um nicht die schrecklichsten Balgereien zwischen unsern und den Hunden der Indianer zu riskieren, schlugen wir unser Zelt in einiger Entfernung von der Indianerniederlassung auf. Der Händler entpuppte sich selbst als ein Indianer. Er war ein Prachtexemplar von einem Manne, sechs Fuß hoch, mit dunkeim Haar und einem kühnen Knebelbart. Er trug einen schwarzen Anzug mit einem Streifen aus weißem Fuchspelz um den Hals. Sein Laden war nicht besonders reich ausgestattet; etwas getrockneter Lachs, — das war alles. Er meinte, wir könnten den noch übrigen Teil des Weges nach Fort Yukon in vier Tagen zurücklegen. Wir kauften Lachs bei ihm und fütterten uns und die Hunde ordentlich damit. Am nächsten Tage verabschiedeten wir uns von dem braven John Albert — so hieß er — und zogen weiter. Wären wir in der Gegend bekannt gewesen, dann hätten wir unsern Weg bedeutend dadurch abkürzen können, daß wir da und dort quer über Land gefahren wären. So aber mußten wir die ganze Zeit dem gewundnen Flußbett entlang ziehen. Wir kamen an verschiednen Blockhütten vorbei, die aber unbewohnt waren. Es muß sehr viel Hasen in diesen Gegenden geben; oft war die Schneedecke ganz durchzogen von Hasenspuren, und ab und zu fanden wir einen Hasenkadaver — wahrscheinlich hatten wir einen Raubvogel in seiner Mahlzeit verscheucht. Wenn die Hunde einen solchen Leckerbissen witterten, fuhren sie wie besessen drauf los. Natürlich bekam dann nur der erste die Beute, aber das lernten die andern nie. Unverdrossen jagten sie jedesmal wieder in erneuter Hoffnung darauf los; selbst der Dicksack Fix, der letzte im Gespann, rannte so toll, daß fast das Geschirr zerriß. Fix war der Hund, den ich von jenen Hunden zurückbehalten hatte, die mir Atangala einst mit der ersten Post nach Ogchioktu gebracht hatte. Während meines Aufenthalts in Eagle City später wurde er so fett, daß ich ihn zurücklassen mußte. Er konnte dem Schlitten nicht mehr folgen, selbst dann nicht, wenn er nur hinterdreinsprang. Am achtzehnten trafen wir wieder auf frische Spuren, und da sie auf dem Lande weiter führten, folgten wir ihnen. Am Nachmittag wurden die Hunde plötzlich alle ganz aufgeregt. Sie mußten irgend etwas gewittert haben, und zwar etwas ganz Besondres, sonst wären sie nicht so gelaufen. Um fünf Uhr sahen wir ein Haus, und nach einer halben Stunde waren wir bei den Indianern in Salmon Creek. Wir erregten einen ganzen Aufruhr, als wir ankamen. Eins fiel mir zuallererst auf; daß nur ein einziger Mann da war, aber ein ganzer Haufen Weiber. Wie ich später hörte, waren alle Männer nach Fort Yukon unterwegs, wo sie Geschäfte abschließen wollten. Der „alte Thomas“ war allein zurückgeblieben. Er lud uns ins Haus ein und erzählte, er habe schon öfters denselben Weg gemacht wie wir, und schließlich kam es heraus, daß er und Mogg alte Bekannte von der Insel Herschel waren. Wir wurden mit einer beispiellosen Gastfreundschaft beherbergt. Das eine Zimmer, in dem schon fünf Menschen wohnten, wurde ausgeräumt, damit wir da hausen könnten. Es waren zwei Öfen vorhanden, die beständig brannten. Der alte Thomas war ein merkwürdiger Mann. Er sprach vier Sprachen — englisch, französisch, die Eskimo- und die Indianersprache — und wußte gar viel von seinen mannigfaltigen Reisen zu erzählen. Mogg, der gegen Eskimos und Indianer gutmütiger war als gegen seine eignen Stammesgenossen, schenkte ihm von allem, was er hatte: ein wenig Tabak, Tee, Zündhölzer und so weiter. Bei unsrer Abreise am nächsten Morgen erklärte der Alte Mr. Mo gg für einen Engel. Ich tat ihm nicht kund, wie weit ich mit dieser Beurteilung übereinstimmte.

Die Gastfreundschaft, die uns geschenkt worden war, hatten die Hunde sich ohne weitres genommen. Gott mag wissen, auf welche Weise! — sie hatten das Depot gestürmt und sich so gründlich darin verlustiert, daß sie sich am nächsten Morgen nicht rühren konnten. Wir hätten Fort Yukon eigentlich noch an demselben Abend erreichen sollen, aber die Hunde waren so überfressen, daß sich alle raschen Bewegungen von selbst verboten. Wir mußten also noch einmal das Zelt aufrichten. Am nächsten Vormittag begegneten wir vier Indianern mit Tabogganen. Es waren die Männer der Kolonie auf dem Heimweg. Sie nahmen sich prächtig aus in ihren perlengestickten Kleidern; die Hundegeschirre aus Seehundfell waren auch gestickt und mit Schellen verziert. Diese Leute verlangen übrigens ungeheure Preise für ihre Kleider. Ich fragte einmal nach dem Preis einer Juppe: es wurden fünfunddreißig Dollar dafür verlangt. Alle Arten von Kleidungsstücken sind sehr teuer in Alaska. Am zwanzigsten November, nachmittags um halb ein Uhr, erreichten wir Fort Yukon. Es liegt an dem steilen Flußufer, wo sich der Porcupine mit dem Yukonfluß vereinigt. Als Festung oder Fort machte es auf mich nicht gerade einen imponierenden Eindruck. Zwei weiße Handelsleute wohnten hier, und ich muß da den tüchtigen und sehr liebenswürdigen Mr. Jack Karr nennen. Sonst besteht die Kolonie aus einigen dreißig Indianerhütten. Das Geschäft der Handelsleute besteht im Eintauschen von Pelzwerk, das die Indianer ihnen bringen. Es ist auch eine Schule und eine Missionsstation da. So ungern ich es tat, aber hier mußte ich meine liebe Netschji 11 itracht ablegen. Sie war der Gegenstand allzu großer und allzu scherzhafter Aufmerksamkeit vonseiten der zahlreichen Dorfjugend, die, wo ich ging und stand, in großer Zahl hinter mir her lief. So erfreut ich war, am Ziel meiner Wünsche angekommen zu sein, so wartete meiner auf Fort Yukon doch eine große Enttäuschung. Ich hatte gehofft, hier eine Telegraphenstation zu finden. Aber leider befand sich die nächste Telegraphenstation erst in Eagle City, zweihundert Meilen südlicher, weiter flußaufwärts. Da war nun nichts zu machen. Mein Ziel war, mich mit der Heimat in Verbindung zu setzen, und wenn ich das erreichen wollte, mußte ich also bis Eagle City Vordringen.

Jimmi und Kappa blieben zurück. Kappa war von der Reise ziemlich angegriffen und mußte ausruhen. Mogg und ich warben einen Indianer als Führer an, der uns für den nächsten Teil des Yukonflusses unentbehrlich war. Der Fluß ist voller Inseln; diese bilden ein ganzes Netz von Sunden und Kanälen, die man kennen muß, um sich hindurchzufinden, und der Postverkehr war noch nicht so regelmäßig eingerichtet, daß eine genügend sichre Spur ausgetreten gewesen wäre. Die von Fort Yukon abgehende Post hat ihren Endpunkt in Circle City. Dort wird sie von einem andern Postführer übernommen, der sie weiter südwärts befördert. Die ganze Postverbindung zwischen Fort Yukon über Eagle nach Dawson City wird von vier Führern besorgt, die Schlitten und Hunde und — zwischen Eagle und Dawson — auch Pferde benützen. Die Entfernung von Yukon bis Dawson wird von den Postführern auf dreihundert Seemeilen geschätzt. Als wir in Yukon ankamen, war von meinem Taboggan nur noch die Hälfte übrig. Von den vier Brettern waren zwei vollständig abgenützt. Ich mußte mir deshalb in Yukon von einem Indianer einen neuen kaufen. Die Taboggane waren jetzt nur leicht beladen, da wir weder ein Zelt noch sonstige Ausstattung brauchten. Das wenige, was wir mitführten, hatte ich auf meinem Taboggan, der Führer Charlie hatte seinen eignen, und auf diesem war Mogg untergebracht. Mit Windeseile ging es auf dem Fluß dahin. Charlie setzte unverkennbar seinen Ehrgeiz darein, zu zeigen, was ein Indianer leisten könne; er führte den Zug an und lief aus Leibeskräften vor den Hunden her. Aber bei der jetzt so geringen Last und mit der großen Übung waren meine Hunde ganz unüberwindlich: sie hielten sich dicht hinter Charlies Taboggan, und dann kam ich auf meinen Ski. Mr. Charlie gewann keinen Vorsprung vor uns. Am Abend erreichten wir eine für die Postführer errichtete Blockhütte. Sie war sehr warm und behaglich und hatte zwei Räume, einen für den Taboggan, den andern für die Menschen. In diesem waren zwei Betten, zwei Stühle, ein Tisch und ein Ofen. Die mit frischen Fichtenzweigen belegten Bettstellen waren nach der langen Tagereise von achtundzwanzig Meilen außerordentlich einladend. Am nächsten Tage kamen wir an einer kleinen Hütte vorüber, worin ein Holzfäller wohnte. Natürlich mußten wir ihn begrüßen, und wir trafen in Mr. Lee Prevost einen ganz seltnen Menschen. Er schien mit allen guten menschlichen Eigenschaften begabt zu sein und wußte uns durch seine Persönlichkeit und seine großartige Gastfreundschaft so für sich einzunehmen, daß wir zur Nacht bei ihm blieben. Am sechsundzwanzigsten erreichten wir Circle City. Hier verabschiedeten wir uns von unserm Führer, und zwar ohne Bedauern. Er hatte sich als ein vorlauter, eingebildeter Mensch entpuppt, dessen hauptsächliches Bestreben gewesen war, uns zu zeigen, daß er von der Mission den Unterschied zwischen Weißen und Farbigen habe verstehen lernen. Aus diesem Grunde benahm er sich höchst dumm und unangenehm. Ja, ein guter Unterricht kann oft eine schlechte Wirkung haben. Circle City ist eigentlich ein ganzes „Städtchen“. Die Beweise dafür waren Tanzhaus und Wirtshaus, sowie Schlägereien nach dem Vergnügen und betrunkne Menschen. Hier erfuhren wir zu unsrer großen Freude, daß der Postführer, Mr. Harpar, gerade am nächsten Morgen südwärts ziehen sollte. Welch ein Vorteil für uns! Da konnten wir in seiner Begleitung reisen. Die Postführer in Alaska sind tüchtige Schlittenführer. Sie haben nur die allerbesten Hunde, die aber sehr verschieden von den Polarhunden und in der Regel kurzhaarig und hochbeinig sind. In dem tiefen Schnee sind die langen Beine gut, und da die Hunde in Häusern übernachten, brauchen sie den dicken Pelz nicht.

Von Circle City an weiter südlich trifft man die sogenannten „Roadhouses“, kleine Blockhütten, wo man „Kost und Logis für Reisende“ findet. Sie liegen dem Fluß entlang, mit ungefähr zwanzig Meilen Abstand. Gewöhnlich haben die Blockhütten drei Zimmer: Gastzimmer, Küche und ein Stübchen für den Besitzer. In ersterem werden so viel Leute untergebracht, wie überhaupt zum Übernachten angekommen sind. Wenn nicht Betten genug da sind, muß man die Lagerstatt mit andern teilen; man ist ja in solchen Gegenden, wo man den ganzen Tag unterwegs war und dann todmüde in ein solches Haus kommt, nicht so besonders heikel. Für uns, die wir aus den nördlichen Gegenden kamen, waren diese „Hotels“ wahre Wunder an Komfort und Eleganz. Aber sie waren auch teuer. Der Schlafplatz kostete einen Dollar — ob man allein schlief oder nicht —, jede Mahlzeit anderthalb Dollar. Für einen vollen Tag brauchte man nach deutschem Gelde seine fünfundzwanzig Mark. Aber in Alaska sind die Preise fabelhaft hoch, und wenn Gold in der Nähe gefunden wird, dann steigen sie ins Unerschwingliche. Daran sind natürlich die Kosten des schwierigen Transportes schuld. In Fairbanks am Tananafluß wurden, nachdem der letzte große Goldfund gemacht worden war, für ein paar Schneeschuhe vierzig, und für einen Hund fünfzig Dollar bezahlt. Selbst diese Preise sind aber verschwindend klein im Vergleich zu denen, die damals in Klondyke bezahlt wurden, als die letzte Goldwut dort ausgebrochen war. Von einem zuverlässigen Gewährsmann habe ich gehört, es seien damals zweitausendfünfhundert Dollar für ein Hundegespann geboten worden, und dieses Angebot nicht angenommen worden. Und dementsprechend waren auch alle andern Preise. In großer Spannung näherte ich mich jetzt Eagle City. Endlich sollte ich in direkte Verbindung mit der Heimat treten können und erfahren, wie es in meinem Vaterland aussah. Jetzt bogen wir um die letzte Landzunge, und dann waren es nur noch zwei Meilen! Eagle City liegt vor uns, der Rauch steigt blau und dunkel zum Schneehimmel empor. Welch ein wunderbarer, entzückender Gedanke: in wenigen Stunden stehst du in Verbindung mit deinen Lieben! Als wir Eagle City erreichten, verließen wir das Eis und fuhren in die Stadt hinein, um uns sofort nach der Telegraphenstation zu begeben. Sie lag in der Nähe von Fort Egbert. In Fort Egbert lagen zu der Zeit zwei Kompagnien des dritten Infanterieregiments. Die Offiziere nahmen uns aufs herzlichste auf, und ich konnte mein hochwichtiges Telegramm abschicken. Es war auch die allerhöchste Zeit, denn kurz nachher zerriß die Leitung infolge der strengen Kälte. Ich blieb zwei Monate in Eagle City und wartete auf die Post von Hause. Diese Zeit steht mit vielen lieben, schönen Erinnerungen in meinem Gedächtnis. Ich wohnte bei Mr. Frank N. Smith, dem Vorstand der großen Handelsgesellschaft «The Northern Commercial Company“. Wir haben ein Sprichwort, das heißt: «Die Gäste machen einem zweimal eine Freude: wenn sie kommen und wenn sie gehen“. Aber im Hause von Mr. Smith merkte ich nicht das geringste von solchen Gedanken. Während ich jetzt so lange nachher diese Zeilen niederschreibe, schicke ich dieser Familie in Gedanken einen warmen, aufrichtigen Dank aus tiefstem Herzen. Am dritten Februar zog ich wieder gen Norden. Mit allen meinen Postsachen von Hause, mit Briefen und Zeitungen beladen, freute ich mich, rasch zurückzukommen. Auch auf der Rückreise hatte ich reichlich Gelegenheit, die große Gastfreundschaft in Alaska kennen zu lernen. Mr. Jack Carr in Fort Yukon, dessen Gast ich drei Tage lang war, tat alles, mir den Weg übers Gebirge zu erleichtern. Großen Dank schulde ich auch Mr. Daniel Cadzow in Ramparthouse am Porcupine. An diesem letzten Verbindungspunkt mit der Zivilisation verbrachte ich noch gute Tage, ehe ich wieder den Gang ins Gebirge antrat. Mit innigem Dank gedenke ich auch der kühnen Postführer auf dem Yukonfluß; sie haben mir immer und überall mit Rat und Tat beigestanden.

Dann ging es weiter und weiter nordwärts. Die Peitsche knallte, und die Hunde zogen an, nordwärts — zu der Gjöa und zu meinen Kameraden!

Text aus dem Buch: Die Nordwest-Passage, meine Polarfahrt auf der Gjöa 1903 bis 1907 (1908), Author: Amundsen, Roald; Klaiber, Pauline.

Siehe auch:
Die Nordwest-Passage- Einleitung
Die Nordwest-Passage – Dem Eismeer entgegen
Die Nordwest-Passage – In jungfräulichem Fahrwasser
Die Nordwest-Passage – Der erste Winter
Die Nordwest-Passage – Zum Pol
Die Nordwest-Passage – Sommer
Die Nordwest-Passage – Der zweite Winter
Die Nordwest-Passage – Die Menschen um den magnetischen Nordpol
Die Nordwest-Passage – Abschied vom Gjöahafen
Die Nordwest-Passage – Die Nordwest-Passage
Die Nordwest-Passage – Der dritte Winter

2 Comments

  1. […] Siehe auch: Die Nordwest-Passage- Einleitung Die Nordwest-Passage – Dem Eismeer entgegen Die Nordwest-Passage – In jungfräulichem Fahrwasser Die Nordwest-Passage – Der erste Winter Die Nordwest-Passage – Zum Pol Die Nordwest-Passage – Sommer Die Nordwest-Passage – Der zweite Winter Die Nordwest-Passage – Die Menschen um den magnetischen Nordpol Die Nordwest-Passage – Abschied vom Gjöahafen Die Nordwest-Passage – Die Nordwest-Passage Die Nordwest-Passage – Der dritte Winter Die Nordwest-Passage – Unter Eskimos und Indianern […]

    19. Januar 2016

Comments are closed.