Die Nordwest-Passage

Meine Polarfahrt auf der Gjöa 1903 bis 1907

Einleitung

Von jener Zeit an, wo die alten Phönizier beim Morgengrauen unserer Kultur sich an den Küsten des Mittelmeers entlang gleichsam vorwärts tasteten, bis auf den heutigen Tag sind wißbegierige Männer über unbekannte Meere und durch dunkle Wälder immer weiter vorgedrungen. Bisweilen langsam und mit einem hundertjährigen Stillstand dazwischen, bisweilen aber mit Riesenschritten, wie damals, wo die Entdeckung Amerikas und die großen Weltumschiffungen die Erdkugel selbst aus dem Nebel des Unbekannten und des Vorurteils befreiten.

Sicherlich sind viele Entdeckungsreisende nur von der Sehnsucht nach den Reichtümern getrieben worden, die sie in unbekannten Ländern und Meeren zu finden hofften, ja man kann von den meisten Endeckungsreisen behaupten, daß sie ohne die Grundlage von materiellen Zielen und Erwartungen gar nicht zustande gekommen wären.

Über allen den Forschungen aber, die ihren Weg nach dem ewigen Eise unter den Polen nahmen, ruht von jeher nicht allein der ihnen eigene hohe, reine Glanz von weißen Schneefeldern und wunderbaren Himmelerscheinungen, sondern auch ein Glanz von wahrem, ungetrübtem Idealismus. Wenn man die ausschließlichen Fischfangexpeditionen (denen übrigens die Polarforschung zu großem Danke verpflichtet ist) ausschließt, darf man wohl ruhig annehmen, daß selbst der überspannteste Phantast den Weg nach dem Polareis niemals in der Hoffnung eingeschlagen hat, dort goldene Berge zu finden.

Im Dienste der Wissenschaft sind sie ausgeführt worden, die unzähligen und unablässigen Sturmläufe gegen den schlimmsten „Böig“1, der dem menschlichen Forschungsdrang jedesmal den Weg versperrt hat: das tausend- und abertausendjährige Eis, jene breite und feste Mauer um die Geheimnisse des Nordpols.

1) Ein gespenstisches Ungeheuer des Nordens, das sich dem Wanderer als ein unsichtbares, kaltes, schleimiges Etwas um die Füße legt.

Aber trotz aller tragischen Geschicke, die so viele entmutigt und unverrichteter Sache umkehren ließen, sind die Angriffe immer und immer wieder aufgenommen worden und werden bis auf den heutigen Tag erneut. Und diese unermüdliche Ausdauer hat, wenn sie den Böig auch nicht überwinden konnte, ihn doch gezwungen, einen Spalt zu öffnen, durch den man tief in seine Geneimnisse hineinsehen konnte.

Eine gewaltige Spalte wurde in die Eismauer geschlagen, als Nordenskjöld die Nordostpassage ausführte und damit das Festland Asiens dem Griff des Böig entriß. Schon ein Menschenalter früher hatten John Franklin und die Franklinexpeditionen die Gewißheit mit heimgebracht, daß sich dem ganzen Lande der nordamerikanischen Küste entlang ein Streifen offnen Meeres befinde; und gar mannigfaltig sind die andern Breschen, die mutige und geniale Polarforscher geschlagen haben in ihrem Bemühen, die Welt aus dem geheimnisvollen Dunkel über dem Norden zu befreien; große Opfer sind auch dafür gebracht worden, und ganz besonders für die Nordwestpassage. Wohl keine Tragödie des Polareises hat die Menschen so tief ergriffen wie die von John Franklin und seinen Leuten. Keine hat sie so erschüttert, aber auch keine zu einer so erbitterten Wiederaufnahme des Kampfes angespornt.

Man wußte: es gab einen Seeweg nördlich um Amerika; aber man wußte nicht, ob Schiffe hindurchkommen könnten, und noch niemand war je von Osten nach Westen hindurchgefahren. Diese ungelöste Frage ließ die Sache nicht zur Ruhe kommen, hauptsächlich aber einen nicht: den Mann, dessen Seele seit seinen Kindertagen von dem großen Drama der Franklinexpedition erfüllt gewesen war. Gerade wie einst die „Vega“ die ganze Passage nach Osten gemacht hat, so genügte auch die Kunde von jenem Streifen offenen Meers gegen Westen allein nicht: sie mußte vorher in ihrer ganzen Länge von einem und demselben Schiffskiel durchzogen werden. Und die kleine „Gjöa“ war das Schiff, dem dieses Los zuteil wurde. Das hätte die Gjöa sich nicht träumen lassen, als sie auf der Rosen dal-Werft zu Hardanger als Heringjacht gebaut wurde. Obgleich dort in den Fjorden so mancherlei geträumt wird!

Und auch er hätte es sich nicht träumen lassen, der künftige Schiffsführer, als die Berichte über John Franklin zum erstenmal seine acht- bis neunjährige Phantasie gefangen nahmen. Obgleich eine Knabenphantasie gar mancherlei träumt! Der dreißigste Mai 1889 wurde wahrlich ein Merktag in der Phantasie von vielen norwegischen Jungen! Jedenfalls wurde er in der meinigen ein Merktag! Es war der Tag, wo Fridtjof Nansen von seiner Gröndlandreise zurückkehrte. An jenem sonnenhellen Tage kam der junge norwegische Skiläufer den Fjord von Christiania heraufgezogen, die hohe, schlanke Gestalt umflossen von dem Glanze der Bewunderung aller Welt über die Tat, die er ausgeführt; hatte — die tollkühne, die unmögliche Tat! Der Mai feierte sein schönstes Lenzfest im Fjord, die Stadt feierte mit, das Volk feierte mit …. Ich selbst ging an jenem Tag mit klopfendem Herzen zwischen Flaggen und Hurrarufen dahin. Alle meine jahrelangen Knabenträume waren zu stürmischem Leben erwacht. Und zum erstenmal ging es wie ein klares bebendes Flüstern durch meine tiefsten Gedanken:

„Wenn du die Nordwestpassage zustande bringen würdest!“

Dann kam das Jahr 1893. Und Nansen zog aufs neue hinaus. Und mir war, als müßte ich mit! Aber ich war zu jung. Meine Mutter bat mich, daheim und bei meinen Studien zu bleiben. Und so blieb ich. Dann starb meine Mutter. Eine Zeitlang kämpfte meine Liebe zu ihr einen schweren Kampf, ob ich ihrem Wunsche treu bleiben solle. Aber dann konnte ich nicht anders. Nichts konnte meinen Drang, dem Ziel meiner alten und einzigen Sehnsucht nachzujagen, unterdrücken; ich warf mein Studium über Bord und beschloß, die notwendigen langen vorbereitenden Studien in Angriff zu nehmen, die für den Polarforscher durchaus unerläßlich sind. Im Jahre 1894 fuhr ich mit der alten „Magdalene“ als Leichtmatrose von Tönsberg aus auf den Seehundsfang im Eismeer. Dies war meine erste Begegnung mit dem Eise — und sie gefiel mir! Die Zeit verging, und meine Ausbildung machte Fortschritte. In den Jahren 1897 bis 1899 fuhr ich als Steuermann mit der belgischen antarktischen Expedition — unter Adrien de Gerlachs Leitung — nach den südlichen Eisregionen. Und während dieser Zeit reifte mein Plan: Ich wollte den Traum meiner Kindheit von der Nordwestpassage mit dem wissenschaftlich an und für sich viel wichtigeren Ziel verbinden, die gegenwärtige Lage des magnetischen Nordpols festzustellen.

Sogleich nach meiner Rückkehr vertraute ich meinen Plan meinem Freunde Axel S. Steen an, dem zweiten Direktor am meteorologischen Institut. Ich wußte ja selbst nicht, ob die Ziele, die ich mir gesteckt hatte, von genügender Bedeutung seien. Aber er überzeugte mich rasch, daß dies der Fall war; und mit einem Empfehlungsbrief von Steen reiste ich nach Hamburg, um meinen Plan dort der größten zeitgenössischen Autorität in bezug auf Erdmagnetismus vorzulegen, nämlich dem Geheimrat Professor Dr. G. von Neumayer, damals Direktor der deutschen Seewarte. Während ich diesem liebenswürdigen alten Herrn meinen großen Plan entwickelte, nahm sein Interesse beständig zu, und am Ende strahlte er geradezu vor Entzücken. Unter seiner persönlichen Leitung erhielt ich dann auch eine Zeitlang Unterricht an der deutschen Seewarte.

Und dann kam endlich der große Tag, wo der Plan Fridtjof Nansen vorgelegt werden sollte. Ich glaube, Mark Twain ist es, der einmal von einem Menschen erzählt, der so winzig war, daß er zweimal durch eine Tür gehen mußte, bis man ihn sehen konnte. Aber die Unbedeutenheit jenes Menschen ist gleich Null im Vergleich mit meines Nichts durchbohrendem Gefühle, das mich an jenem Morgen beherrschte, wo ich in Nansens Villa Lysacker stand und an die Tür seines Arbeitszimmers klopfte.

„Herein!“ rief eine Stimme von innen. Und dann stand ich von Angesicht zu Angesicht dem Manne gegenüber, der seit einer Reihe von Jahren als etwas — Übermenschliches, hätte ich beinahe gesagt — vor mir gestanden hatte, dem Manne, der Taten vollbracht hatte, die jede Fiber in mir erzittern ließen. Von diesem Augenblick an war die Gjöaexpedition für mich etwas Wirkliches geworden. — Nansen hatte meinen Plänen seinen Beifall gespendet. Aber damit war ja noch nicht alles getan. Zu einer Polarexpedition gehört in erster Linie — Geld. Und Geld hatte ich leider nicht viel. Was ich besaß und zu eigen hatte, genügte gerade für ein Schiff und die wissenschaftlichen Instrumente. Und so blieb mir nichts andres übrig, als mich auf die Wanderschaft zu begeben und zu allen denen zu gehen, die sich möglicherweise für das Unternehmen interessieren könnten. Das war ein Spießrutenlauf, den ich nicht noch einmal machen möchte!

Ich habe viele lichte und gute Erinnerungen an jene Zeit — an Männer, die mich aufmunterten und mich nach Kräften unterstützten. Aber ich habe auch andre Erinnerungen — an Leute, die sich für beträchtlich klüger hielten als ihre Mitmenschen und das Recht zu haben meinten, alles zu tadeln und zu bekritteln, was andre unternahmen oder unternehmen wollten. . . . Aber weg mit den alten düstern Erinnerungen, wir wollen bei den lichten verweilen! Professor Nansen war auch auf diesem Gebiet ebenso unermüdlich wie auf allen andern. Desgleichen haben mir meine drei Brüder manches liebe Mal bei der schweren Arbeit geholfen. Die wissenschaftlichen Instrumente waren das erste, was ich mir anschaffte. Dann kam das Schiff an die Reihe.

Meine Wahl fiel auf eine in Tromsö beheimatete Jacht „Gjöa„. Sie ist im Jahre 1872, wie schon oben bemerkt, auf der Rosendal-Werft zu Hardanger gebaut worden. Der Besitzer war der Schiffer Asbjörn Sexe von Haugesund. Viele Jahre lang war das Schiff zum Heringsfang der Küste entlang verwendet und dann in den achtziger Jahren an den Kapitän H. C Johannesen in Tromsö verkauft worden; nun fuhr es seit einer Reihe von Jahren im Eismeer. Auf diesen Fahrten war es nicht geschont worden und hatte einmal ums andre Gelegenheit gehabt, sich als eine ungewöhnlich gut gebaute Jacht auszuweisen. Als ich im Jahre 1901 die »Gjoa“ gekauft hatte, ließ ich sie für eine Sommerfahrt ins Eismeer ausrüsten, um eine Probe mit ihr zu machen und sie behandeln zu lernen. Ich war nie vorher an Bord einer Jacht gewesen und stand der Behandlung eines solchen kleinen Schiffes vollständig fremd gegenüber.

Die Fahrt fiel zu meiner größten Zufriedenheit aus, die „Gjöa“ erwies sich allen Lagen vollkommen gewachsen und hielt sich ausgezeichnet. Trotzdem mußten natürlich noch eine Menge Verbesserungen angebracht werden, ehe sie ihre bevorstehende große Reise antreten konnte. Auf der Tromsöer Schiffswerft wurden die meisten von diesen Arbeiten ausgeführt, und ich schulde der Werft meine größte Anerkennung für die außerordentliche Gewissenhaftigkeit, mit der alles getan worden ist Im Mai 1902 hißte die Gjöa ihre Flagge und sagte ihrem langjährigen Heimatort Tromsö Lebewohl. In Tront-heim nahm ich Aufenthalt, um in der dortigen mechanischen Werkstatt von Isidor Nielsen alle notwendigen Schmiedearbeiten an Bord machen zu lassen. Die Petroleumbehälter wurden nach der Form der Jacht gebaut. Unser kleiner Motor, in allen Teilen leicht zu handhaben und praktisch — 13 P. S. nach dem Typ »Dan“ — wurde durch eine Transmission mit allem, was getrieben werden konnte, in Verbindung gesetzt. Er wurde unser aller Liebling an Bord. Wenn er nicht lief, war es gerade, als sei uns ein guter Freund abhanden gekommen. Ich kann ruhig sagen, daß wir unsere glückliche Fahrt durch die Nordwestpassage zum großen Teil unserer. ausgezeichneten kleinen Maschine zu verdanken haben. Im Frühling 1903 legte die Gjöa an der Framnäs-Brücke in Christiania an, um die ganze Ausstattung und Verproviantierung einzunehmen. Die großen, gleichmäßig gebauten Proviantkisten wurden wie Bauklötze in ihre Schachtel gepackt. So fein wurde alles gemacht, daß wir an Bord der kleinen Gjöa Lebensmittel und sonstige Ausrüstung für fünf Jahre unterbringen konnten.

Bei der so überaus wichtigen Arbeit der Verproviantierung stand mir Herr Professor Sophus Torup mit seiner unschätzbaren Hilfe zur Seite. Alle unsere Konserven, die im Oktober 1902 fertig waren, wurden von ihm geprüft und untersucht. Unser ganzer Pemmikan, sowohl für die Menschen als auch für die Hunde, wurde von Sergeant Peder Ristvedt unter Professor Torups Oberaufsicht hergestellt, desgleichen auch das Fischmehl.

Im Mai 1903 lag dann die Gjöa zur Abfahrt bereit vor Anker, und alle Teilnehmer an der Expedition waren versammelt.

Diese Teilnehmer waren:

1. Premierleutnant Godfred Hansen, geboren zu Kopenhagen 1876. Er war der erste Offizier der Expedition. Während seiner Dienstzeit in der dänischen Marine hatte er mehrere Fahrten nach Island und den Färöer gemacht, und er interessierte sich lebhaft für die Polarforschung. Er war Navigationsoffizier, Astronom, Geolog und Photograph.

2. Anton Lund, erster Steuermann, geboren zu Tromsö 1864. Er war schon viele Jahre als Schiffsführer und Harpunierer im Eismeer gefahren.

3. Peder Ristvedt, geboren zu Sandsvär 1873, hatte als Assistent schon an der Probefahrt der Gjöa im Jahre 1901 teilgenommen; er war unser Meteorologe und erster Maschinist.

4. Helmer Hansen, zweiter Steuermann an Bord,

geboren in Vesteraalen im Jahre 1870, war schon viele Jahre lang im Eismeer gefahren.

5. Gustav Juel Wiik, geboren zu Horten 1878. Er hatte seine Ausbildung an dem magnetischen Observatorium in Potsdam erhalten und war mein Gehilfe bei den magnetischen Beobachtungen; er war der zweite Maschinist.

6. Adolf Henrik Lindström, geboren zu Hammerfest 1865, der Koch der Expedition. Er hatte als Koch an der zweiten Eorschungsreise der „Fram« teilgenommen.

Eine Zeitlang hatten wir noch Geldsorgen. Erst im Juni war alles geordnet. Jetzt konnten wir an Bord unserer kleinen Jacht gehen und die Fahrt mit der Gjöa beginnen, um, den Spuren unserer Vorgänger folgend, unsere Aufgabe im Dienst der menschlichen Wissenschaft zu beginnen.

Die Nordwest-Passage, meine Polarfahrt auf der Gjöa 1903 bis 1907 (1908), Author: Amundsen, Roald, Klaiber, Pauline.

Siehe auch:
Die Nordwest-Passage- Einleitung
Die Nordwest-Passage – Dem Eismeer entgegen
Die Nordwest-Passage – In jungfräulichem Fahrwasser
Die Nordwest-Passage – Der erste Winter
Die Nordwest-Passage – Zum Pol
Die Nordwest-Passage – Sommer
Die Nordwest-Passage – Der zweite Winter
Die Nordwest-Passage – Die Menschen um den magnetischen Nordpol
Die Nordwest-Passage – Abschied vom Gjöahafen
Die Nordwest-Passage – Die Nordwest-Passage
Die Nordwest-Passage – Der dritte Winter
Die Nordwest-Passage – Unter Eskimos und Indianern
Die Nordwest-Passage – Schlittenreise nach Kong Haakon Vll.-Land
Die Nordwest-Passage – Schluß

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