Die Not ruft den Erneuerungswillen des Volkes wach.

Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.

Dem Volke blieb der Verfall auf allen Lebensgebieten nicht verborgen. Die neuen Räume im Osten hatten viele Bauern, Handwerker, Kaufleute und Ritter aufgenommen, denen das Leben daheim zu eng geworden war. In dieser Zeit wurde auch zu Hause der Wert des Menschen und seiner Arbeit geschätzt.

Bauern fordern Gerechtigkeit.

Nun war es mit der Ostsiedlung vorbei. Der Bauernjugend war damit der Weg in die Freiheit versperrt; Lasten, Druck und Not in der Heimat aber wuchsen höher und höher. Bald waren die Bauern die Ärmsten im Volk.

Da steht der Acker in voller Frucht und wartet der Sense. Aber durch den Roggen braust die wilde Hirschjagd des Grafen und vernichtet die Ernte. Ein höhnischer Peitschenhieb zwingt den armen Kunz zur Demut. Da drängen alle Hände auf dem Hofe Zinn Einfahren, aber der Bauer und die Seinen müssen mit krummem Rücken Schlehen und Pilze sammeln oder Schneckenhäuser, damit die Edelfrau Garn wickeln kann. Und wenn die Frucht in der Scheune ist, dann steht der Klosteramtmann auf dem Hofe und holt sie wieder heraus als „Zehnten für die Kirche“. Was aber Ritter und Pfaffen dem Bauern nicht nahmen, das entriß ihm der Jude durch seinen Zinswucher. Der Bauer mußte sich selbst Recht schaffen. Von Verzweiflung getrieben stand er auf im Lande. Auf die Fahnen setzte er seinen Schuh, den „Bundschuh“, und die Inschrift: „Nichts denn die Gerechtigkeit Gottes.“ Aber ihr Kampf um das Recht wurde blutig erstickt. Im Süden ereilte den „Bundschuh“ dies Los, im Norden mußten es die „Stedinger“ erfahren,

Unruhen in den Städten.

Handel und Gewerbe der Städte litten gleichfalls Not. Ihnen hatte die Hanse nicht nur Macht und Ansehen, sondern auch guten Absatz ihrer Waren im Auslande und reichlichen Verdienst gebracht. Nun war die Macht der Hanse dahin, den Handel nach dem Südosten aber schnitten die Türken ab. Nach der Entdeckung Amerikas gingen Handel und Verkehr in deutschen Landen noch mehr zurück. Die Handwerker mußten feiern, der Tagelohn sank tiefer und tiefer, Not und Elend schlichen durch die Gassen. Das Volk murrte und verlangte Abhilfe vom Rat der Stadt. In vielen Städten kam es zu blutigen Unruhen der Wollenweber, Beckenwerker, Knochenhauer, Walker und anderer Gewerke.

Der Ruf der Ritterschaft nach Reichsreform.

Auch die Ritterschaft blieb von dem allgemeinen Niedergang nicht verschont. Vergeblich versuchten sich viele Herren durch Gewalt auf Kosten der Bauern und Bürger zu retten. Vergebens mißbrauchten sie ihr Ritterschwert zu Raub und Plünderung. Die Waffe wurde ihnen aus der Hand geschlagen. Den Kugeln der neuen „Donnerbüchsen“ hielten weder ihre Panzer noch ihre Burgmauern stand. „Landsknechtsheere“, vom Kaiser und den Fürsten angeworben, triumphierten über die Ritter. Ihre Bedeutung und ihre Reichsfreiheit sahen die Ritter hauptsächlich durch die geistlichen und weltlichen Landesfürsten bedroht. Sie forderten eine Reichsreform, die sich gegen die Übergriffe der Kirche und der Fürsten richtete; eine starke Kaisermacht war ihr Ziel. Ulrich von Hutten war ihr Rufer im Streit. Er klagte: „Kein Leben ist mühseliger als das auf unseren Burgen. Die Bauern, die unsere Fluren, Weinberge, Wiesen und Wälder bebauen, sind äußerst arm. Das Wenige, was wir von ihnen erhalten, wird unter drückenden Sorgen erworben. Zum Schutze müssen wir uns einem mächtigen Fürsten unterwarfen, mit großen Kosten viele Pferde und zahlreiches Gefolge unterhalten.“ In mutigen Streitschriften trat Hutten gegen alles Undeutsche, Unfreie und Unwahre auf und rief: „Wer hat Mut genug, mit Hutten für des Vaterlandes Freiheit zu sterben?“

Um Geistes- und Glaubensfreiheit.

Der Verfall der katholischen Kirche hatte die Kämpfer für Geistes- und Glaubensfreiheit seit langem ermutigt. In Deutschland war der Mönch Eckhart um 1300 der erste, der einen Glauben aus deutschem Herzen suchte und verkündete.

In seiner stillen Klosterzelle in Köln saß Meister Eckhart tief über Bibel und Bullen gebeugt. Er sann und sann. In seiner Brust stritten die Gefühle. Was sagen diese lateinischen Brocken und Formeln dem deutschen Volke? Ganz anderes wüßte er ihm zu sagen aus seinem Herzen heraus. Und dann ging er entschlossen aus seiner Zelle, trat auf die Kanzel und predigte aus deutschem Herzen mit deutschen Worten. Hei, das klang anders als das lateinische Pfaffengeplärr, das keiner verstand! Da lief das Volk herzu, in Köln, in Erfurt und wohin er kam. Eine große Gemeinde deutscher, gläubiger Menschen sammelte sich um ihn. Der Papst erkannte die Gefahr. Eckhart wurde angeklagt und nach seinem Tode als „Ketzer“ verurteilt. Doch seine Gedanken lebten und wirkten im deutschen Volke weiter.

Auch andere standen auf, der Gelehrte Wiclcf in England, der Tscheche und Deutschenhasser Hus in Prag. Auf einem Konzil in Konstanz wurde Hus als Ketzer verurteilt und verbrannt. Da fielen seine fanatischen Anhänger, die Hussiten, über die Deutschen in Böhmen und Mähren her, um sie zu vernichten. Sie verwüsteten auch die benachbarten deutschen Länder, soweit sie konnten. Mit dem Kampf um geistige Freiheit hatten die Schandtaten dieser Mordbrenner nichts mehr zu tun.

Ohne Führung kein Erfolg.

Dem Volkswillen fehlte auf allen Gebieten die Führung. Ohne überragenden Führer wurden die Bauern immer wieder niedergeworfen. Die Zünfte schlug man aufs Haupt, und auch die Ritter konnten mit ihrer Reichsreform nicht durchdringen. Wohl versuchte Kaiser Maximilian I. (der letzte Ritter) die Sehnsucht aller nach einer Erneuerung des Reiches zu erfüllen. Nach endlosen Verhandlungen kam seine Reform 1495 zustande. Sie brachte eine Neueinteilung des Reiches in Kreise, setzte ein Reichskammergericht ein, gebot Landfrieden und versuchte, den „gemeinen Pfennig“ als erste Reichssteuer einzuführen. Aber auch Maximilian war nicht der gewaltige Mann, den ein solches Werk verlangte. Gegen Macht und Eigensucht der Fürsten konnte er sich nicht durchsetzen.

Der Mann, der dem deutschen Volk zu dieser Zeit in Staat und Wirtschaft fehlte, erstand ihm auf dem Gebiet des Glaubens und der Kirche. Hier nahm Martin Luther, der Reformator, den Kampf auf und trieb ihn mächtig v orwärts. Für das deutsche Volk war es ein Unglück, daß sich seine gewaltige, allumfassende Emeuerungsbewegung dadurch zum einseitigen Glaubensstreit entwickelte. Demi von jetzt ab ging es nicht mehr in erster Linie um Volkstum und Reich, sondern um Christentum und Bibel, um Papst und Kirche.

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal
Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen
Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.

2 Comments

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    21. Juni 2017

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