Die oberschlesische Tragödie

Einzug der deutschen Truppen in Oberschlesien, fand am 20. Juni in Kreuzburg unter grossem Jubel der Bevölkerung statt. — Dr. Menz begrüsst als Vertreter der Stadt Kreuzburg die deutschen Truppen. — Das geschmückte Bismarck-Denkmal.

Der letzte Akt der oberschlesischen Tragödie hat sich am 20. Juni vollzogen. Als symbolischer Ausdruck der Besitzergreifung von Kattowitz durch die Polen fand der Einmarsch der polnischen Truppen unter Führung des Generals Czepitzky statt. Dank einem kräftigen Druck offizieller und nicht offizieller Stellen hatte der Einmarsch das Gepräge eines grossen Festaktes. Vereine aller Art zogen duch die mit Fahnen und Girlanden geschmückten Strassen. Bezeichnenderweise aber trugen die Häuser der Stadt nur sehr wenig Festschmuck und aus freiwilliger Entschliessung waren Verzierungen nur in ganz geringem Umfange angebracht worden. Vor dem Stadttheater, dessen Inschrift „Deutsches Wort, deutsche Art“ durch ein polnisches Waffenschild verdeckt war, fand die Parade und der Festgottesdienst statt.

Kattowitz steht nunmehr also im Zeichen des Weissen Adlers und wir lassen nun folgen, was der oberschlesische Berichterstatter der Voss. Ztg. über die ganze Bitterkeit des Erlebnisses meldet, die dieser Uebergang einer rein deutschen Stadt in polnische Hände bei jedem Deutschen auslösen muss:

Zur Stunde läuten in Kattowitz und allen Orten der Umgegend die Glocken den Einmarsch der polnischen Truppen ein. Es ist selbstverständlich, dass die neuen Herren Mittel gefunden haben, den Einzugsfeierlichkeiten einen äusserlich farbenprächtigen Rahmen zu geben. Diese Angelegenheit, die wenig mit nationaler Gesinnung, mehr aber mit einer Begabung, finanziellen und sonstigen Wünschen einen gewissen politischen Nachdruck zu verleihen, zu tun hat, braucht darum nicht lange aufzuhalten. Man könnte etwa in einem Gesamteindruck sagen: die Regie klappte. Herzlicher und ungekünstelter war die Teilnahme auf dem Lande. Dort träumt die polnische Bevölkerung des Industriebezirks wohl wirklich so etwas wie einen Einzug der Befreier. Sie wird eher, als die zu Triumphpforten aufgestapehe Kohle verbraucht ist, ein schmerzliches Erwachen erleben.

Die eigentliche verwaltungstechnische Uebergabe ist ohne jede äussere Kundgebung vonstatten gegangen. Hier freilich vermochte die Regie nicht so trefflich zu arbeiten. Der Güterverkehr ist vollständig gesperrt und die Bahnhöfe sind mit Wagen vollgestopft. Die Züge trafen mit erheblichen Verspätungen ein und der Telephonverkehr ist nur bei grosser Geduld möglich.

Die Stimmung der Bevölkerung in diesen ausserordentlichen Stunden zu zergliedern, ist schwierig, da die deutschen Kreise mit ihren Meinungsäusserungen naturgemäss vorsichtig zurückhalten. Keinesfalls dürfen aus dem äusseren Gebahren, etwa aus dem Flaggen auch deutscher Häuser, irgendwelche Schlüsse gezogen werden. Diese bunten Kundgebungen sind meistens auf eine Weise erreicht worden, die in geschickter Ausnutzung der verschiedenen Abhängigkeiten einem Zwange gleichsteht.

Im Handel haben diejenigen Firmen, die drrch ihre Geschäfte nicht notwendig an Oberschlesien gebunden sind, es vorgezogen, nach Deutschland überzusiedeln. Die verbleibenden Geschäftshäuser verhalten sich abwartend. Die Uebergangszeit wird zunächst eine lebhafte Nachfrage nach Waren aller All bringen. Bereits am ersten Tage der Grenzöffnung nach Polen, ergoss sich eine Invasion Käufer in die Städte, alles irgendwie Verwertbare aufzukaufen. Du weitere Zukunft liegt im Dunkeln. Wahrscheinlich wird eine Umstellung notwendig werden, die von Breslau weg sich nach Krakau als der kommenden Handelszentrale orientiert. Die deutschen Kaufleute sind bereit, Interessengemeinschaften einzugehen, fühlen sich aber in Gefahr, durch eine ins Masslose gehende Gründerwut, die schon dem Fieber kalifornischer Goldsucher ähneltt, die reellen Grundlagen zu verlieren.

In der deutschen Arbeiterschaft ist der Pessimismus viel stärker. Die Gewerkschaften haben einen grossen Rückgang erfahren, da die vorangegangenen gewalttätigen Eingriffe eine starke Abwanderung nach Deutschland verursachten. In den Betrieben und Hütten herrscht vielfach Unordnung, da , die polnischen Betriebsräte Arbeitseinstellungen erzwingen. Die von den Organisationen erlassenen Aufrufe sind über eine deklamatorische Bedeutung nicht hinausgekommen. Die ursprünglich bestehende Hoffnung auf Verständigung wenigstens mit den polnischen Sozialisten ist gänzlich fallen gelassen. Vielleicht lebendiger als in anderen Berufskreisen hat die deutsche Arbeiterschaft nur den Wunsch, möglichst schnell Polen zu verlassen, ohne dass Gegenvorstellungen noch irgendwie Aufnahme finden.

Die deutsche Fahne über Kreuzburg.

Man wird sich in Kattowitz jetzt nicht länger aufhalten als unbedingt nötig. In dieser von deutschem Fleiss geschaffenen und, wie man weiss, auf deutschen Fleiss auch weiterhin noch angewiesenen Stadt, schmerzt jede weiss-rote Fahne, jeder klirrende Schleppsäbel doppelt schwer. Man flieht in deutsches Land, dorthin, wo die Hemden Gewalten endgültig hinausgezogen sind und zum ersten Male nach zweieinhalb Jahren die deutsche Fahne wieder wehen darf. Wie, um den Irrsinn der Genfer Entscheidung noch einmal besonders deutlich zu machen, wechselt der Zug trotz schnurgeraden Schienenstranges vom polnischen Gebiet ins deutsche, vom deutschen wieder auf das polnische, um dann erst endgültig in deutsches Land zu kommen. In Lubliniz zwingt ein längerer Aufenthalt zum Aussteigen, und man wird es sich wieder bestätigen: eine Stadt, in der kein Wort Polnisch fällt, in der aber nicht einmal in der Umgegend eine polnische Industriebevölkerung aufzutreiben wäre, ist seinem natürlichen Heimatlande geraubt.

In Kreuzburg endlich das andere Bild.

Der Bahnhof ist festlich geschmückt. Die deutschen Fahnen wehen aus, allen Fenstern und Fensterluken, und eine unabsehbare Menchenmenge bildet Spalier: die Reichswehr wird erwartet. Man spürt es aus den umherschwirrenden Gesprächen, man fühlt es aus dem Mienenspiel heraus: hier wird wirklich ein Befreier erwartet. Die in unendlich grösserer Zahl als im Kattowitz ausgehängten Fahnen und Girlanden hat keine widerwillige Hand angebracht. In Kreuzburg, da im Vorjahre der Kopf eines ruhmreichen, deutschen Widerstandes gegen die polnischen Aufständischen war, erwartet gleichsam der Kamerad den Kameraden. Plötzlich traten die Truppen, die bereits in de Nacht aus Stettin eingetroffen waren, zum Marsch durch die Stadt an. Unendliche Jubel empfängt sie. Blumen über Blumen schneien von den Fenstern und von den Dächern auf die Ankömmlinge herab, und als Juhelchor steigt, immer stärker anschwellend, das Lied „O Deutschland hoch in Ehren“ die von der gesamten Bevölkerung umsäumten Strassen hinan.

Bis spät in die Nacht hielt der Jubel an. Die Truppen wurden von der Stadt festlich bewirtet, und es war wie ein Sehnen und Armerecken, das durch die Bürgerschaft ging. Das Gefühl der persönlichen Freiheit, Freiheit zu Aufbau und Gerechtigkeit, ist wieder entstanden. Hier sind Ketten einer wirklichen Fremdherrschaft gebrochen.

Siehe auch:
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Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
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Wie das alte Österreich starb
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