Die Paläste und Tempel der Assyrier

Sechshundert Jahre vor der Zeitwende wurde Ninive zerstört und Assyrien ausgelöscht als Weltreich. An der Spitze einer starken Armee von Medern, Persern und Babyloniern nahm Kyaxares, der Mederkönig, die Stadt nach kurzer Belagerung ein, schleifte ihre Mauern, zerstörte ihre Paläste und verließ sie als Trümmerhaufen. Assyrien wurde dem Mederreich einverleibt, um nie mehr wieder als selbständiger Staat in der Geschichte eine Rolle zu spielen. Die Prophezeiung des Propheten war erfüllt.

Eineinhalb Jahrtausende hatte das Reich gedauert und zweimal hatte es sich zum Weltreich aufgeschwungen und über Westasien geherrscht. Tukulti-Ninib hatte 1275 Babylonien erobert, Assurnasirpal (885 — 860) die Grenzen des Reiches geweitet und Salmanassar II. (860—825) hatte sich aufgeschwungen zum Herrn von Westasien. Die Israeliten mußten die Oberhoheit ihres Erbfeindes anerkennen. Tiglath-Pileser III. 1(745 — 727) machte die Verluste seiner Vorgänger wieder wett und trieb jüdische Stämme in die Gefangenschaft. Salmanassar IV. (727— 722) belagerte Samaria, die Hauptstadt des nördlichen Königreiches Israel, und Sargon (722—705) eroberte und entvölkerte es, schlug die Ägypter, verkleinerte Babylonien und bekriegte Elam. Sanherib (705—681) unterwarf das unbotmäßige Babylonien nochmals, schlug die Ägypter, führte Krieg in Palästina, machte Hezekiah von Judäa zum Untertan und zerstörte endlich Babylon im Jahre 689. Esarhaddon eroberte 872 Unterägypten, und Asurbanipal (668 bis 626) bekriegte das wiederum trotzende Nilland abermals, plünderte 666 Theben, seine Hauptstadt, und unterwarf Elam völlig. Damit war der Höhepunkt von Assyriens Macht erreicht. Von nun an ging es abwärts. Ägypten und Lydien schüttelten das lästige Joch wieder ab, und vom Osten her bedrängten die Meder das Reich. Kurz nach Asurbanipals Tode schlug Kyaxares die Assyrer und belagerte Ninive zum erstenmal. Durch eine Skytheninvasion in Schach gehalten, vereinigte er sich bald darauf mit den Babyloniern, zerstörte Ninive und gliederte Assyrien ins Mederreich ein, während Babylonien dem Nabupolasar, einem assyrischen General, zufiel, der eine neue Dynastie gründete.

Die Zerstörung Ninives war freilich nicht so vollständig, wie Lukian sie übertreibt, wenn er Merkur zu Charon sagen läßt: „Mein guter Fährmann, Ninive ist so zerstört, daß man nicht sagen kann, wo es gestanden hat, keine Spur ist übriggeblieben.“ Die Ausgrabungen haben gezeigt, daß recht viel übriggeblieben war. Auch war es nicht in einem Tag erbaut worden von einem assyrischen Despoten, der seine Kriegserfolge durch Gründung einer neuen Residenz dokumentieren wollte, sondern war schon uralt, bevor es eine assyrische Provinzstadt geworden war. Schon die Stadt der akkadischen Zeit, im 3. Jahrtausend, stand auf fünf Schichten von Kulturschutt. Schon König Hammurabi, um 1930, erwähnt den berühmten Ischtartempel, der auf einem Hügel in der Stadtmitte stand, den Tempel der allverehrten großen Göttin des Zweistrom landes, die auch Nin hieß und der Stadt den Namen gegeben hatte. In der Amarnazeit, Mitte des 14. Jahrhunderts, gehörte Ninive zum Reich der hettitischen Mitanni.

Erst später wurde es von den Königen von Assur, der ältesten Hauptstadt, dem aufblühenden Königreiche einverleibt. Aber es blieb noch Jahrhunderte eine unbedeutende Stadt. Erst unter König Sanherib, um die Wende vom 8. zum 7. Jahrhundert, begann seine Glanzzeit. Sanherib hatte Babylon zerstört und wollte Ninive zur ersten Stadt des Orients erheben. Unter seinen Nachfolgern wurde sie die „Erhabene Stadt“.

Hundert Jahre hat Ninive als die schönste und vielleicht größte Stadt des Orients die Welt mit Staunen und Schrecken erfüllt. Von hier aus zogen die siegreichen Heere und die tributfordernden Boten durch die Welt. Sie war der Mittelpunkt des Handels. „Ninives Kaufleute sind zahlreicher als die Sterne des Himmels.“ Sie wurde eine Hochschule chal-däischer Weisheit. Assurbanipal gründete in seinem Palast eine Bibliothek der babylonischen Literatur, aus deren Schätzen noch heute die babylonisch-assyrische Geisteswelt erforscht wird. Heute noch kennt jedes Kind, das die Biblische Geschichte gelesen hat, Ninive, während ihre Vorgängerinnen Assur und Kalchu unbekannte Namen geblieben sind. Selbst die Ausgräber der assyrischen Städte um 1850, Botta, Place und Layard, kannten ihre Namen kaum, sondern nur die volkstümlichen Bezeichnungen ihrer Schutthügel Kelle Shergat und Nimrud. Der erstgenannte Hügel ist das Grab der ältesten Residenz Assyriens und liegt vierzehn Wegstunden südlich von Ninive am rechten Tigrisufer, während Kalchu unter dem Hügel Nimrud nur drei Stunden Pferdegalopp südlich von Mosul am linken Tigrisufer, nahe der Mündung des Oberen Zab, gelegen ist. Kalchu hatte zuerst um 1300 Assur als Residenz abgelöst und wurde es wieder unter Assurnasirpal und seinen Nachfolgern. Auch Sargon residierte dort, bis er sich in Ninive seine eigene Residenz baute, die 706, ein Jahr vor seiner Ermordung, eingeweiht wurde.

Die Morgenröte des Zeitalters der Ausgrabungen leuchtete vor rund hundert Jahren über dem Zweistromlande auf. Die an den Erzählungen der Bibel entzündete Phantasie wurde durch die expansive Fernsehnsucht der Romantik zu Forschungen angetrieben, und langsam begannen sich die Schleier des historischen Dunkels von den weiten Steppen und Wüsten Mesopotamiens zu heben, bis die drei- und mehrtausendjährigen Tellen, die Schutthügel der versunkenen Städte ihre Geheimnisse restlos enthüllten. Wohl stehen wir heute im Zenith dieser Auferstehung der altasiatischen Kulturen, allein das Ende der Entdeckungen ist noch nicht abzusehen. Chicago, Philadelphia, New York und Berlin unterhalten in Syrien, Kleinasien und Mesopotamien ständige Expeditionen; erst vor zwei Jahrzehnten wurde das Indusland mit seinen überraschenden Aufschlüssen einer fünftausend Jahre alten Kultur in diesen Kreis mit einbezogen, und vor wenigen Jahren machte sich die chinesische Regierung daran, ihre ältesten Kulturzentren aus dem Sand zu heben. Unsere Zeit ist mitten am Werk. —

Die ersten wissenschaftlich wertvollen Nachrichten von den ihr nur durch die Bibel bekannten Städten Babylon und Ninive erhielt die westliche Welt durch C. J. Rieh, der schon mit neun Jahren mit dem Studium der orientalischen Sprachen begonnen hatte und bereits mit vierzehn bei der chinesischen Sprache angelangt war. Nach mehrjährigem Dienst in Indien wurde der Vierundzwanzigjährige zum Konsulenten der East Indian Company in Bagdad ernannt und berichtete über seine Reisen in den Ländern des alten Babylonien und Assyrien sowie über seine Untersuchungen der Ruinenhügel in zwei Büchern.

Er starb schon im Alter von nur 33 Jahren 1820 an der Cholera. Als Pionier der Ausgrabungen machte sich M. Botta, der als französischer Konsul in Mosul stationiert war, einen Namen. Im Jahre 1842 schnitt er den Hügel von Kujundschik im Bereiche des alten Ninive mit dem Spaten an, ging jedoch bald nach Khorsabad, einige Meilen nördlich von Mosul, über, wo es ihm gelang, einen Palast Sargons (722— 705) freizulegen. Eine daraufhin von den Franzosen ausgerüstete Campagne wurde von Victor Place geleitet, der 1851 bis 1855 die Ausgrabung von Khorsabad fortsetzte. Die ursprüngliche Stadt hieß Dur Scharrukin nach ihrem Begründer Sargon. Die vier Ecken der Stadtmauer waren nach den vier Kardinalrichtungen orientiert und die Mauern von acht Riesentoren durchbrochen, deren jedes nach einer assyrischen Gottheit benannt war. Der eigentliche Held aber dieser heroischen Epoche der Ausgrabungen in Mesopotamien wurde Sir Austin Henry Layard, der 1845, zwei Jahre nach Bottas erster Expedition, den Spaten zuerst am Hügel von Nimrud, dem alten Kalchu, einsetzte. Auch diese Stadt war auf einem Plateau erbaut. Die Ausgrabung des Palastes Assurnasirpals (885 — 860), des bedeutendsten der sieben Paläste der einstigen Residenz, ward der größte Erfolg von Lavards erster, die Freilegung von Sanheribs Palast in Kujundschik der Ruhm seiner zweiten Expedition. Layard war nicht nur ein ausgezeichneter Archäologe und Ausgräber und ein erfolgreicher Diplomat, sondern auch ein ausgezeichneter Schriftsteller, dessen Enthusiasmus für Natur und Kunst, vorgetragen in einem klassischen Stil, auch heute die Lektüre seiner Bücher genußreich macht. Ihm selbst gebührt das Wort der Einführung in das Reich seiner Lebensarbeit.

„Im Herbst 1839 und im Winter 1840 war ich durch Kleinasien und Syrien gewandert und hatte kaum einen durch die Tradition geheiligten Ort oder eine durch die Geschichte gereihte Ruine unbesucht gelassen. Mich begleitete ein Mann, der nicht weniger lernbegierig und enthusiasmiert war als ich selbst. Wir kümmerten uns beide gleich wenig um Beraubung aller Bequemlichkeiten und achteten beide keine Gefahr. Wir ritten allein; unsere Waffen waren unser einziger Schutz, unser Felleisen hinter dem Sattel war unsere Garderobe, und wenn nicht die Gastfreundlichkeit der Bewohner eines turkomanischen Dorfes oder eines arabischen Zeltes uns dieses Geschäftes über hob, warteten wir unsere Pferde selbst ab. Auf diese Art von nutzlosen Luxusartikeln nicht belästigt und frei von dem Einflüsse der Meinungen und Vorurteile anderer, mischten wir ins unter das Volk, nahmen ohne Zwang seine Gewohnheiten an und genossen unverkürzt die Vergnügungen, welche so neue Szenen und an Abwechslung gesellschaftlicher Verhältnisse so reiche Orte notwendig gewähren müssen.

Mit den innigsten Gefühlen der Dankbarkeit und mit Vergnügen denke ich an jene glücklichen Tage zurück, wo wir frei und unbeachtet in der Morgendämmerung die bescheidene Hütte oder das gemütliche Zelt verließen und, nach Gefallen herum wandernd, ohne uns um Entfernung oder Stunde zu bekümmern, uns bei Sonnenuntergang unter einer altersgrauen Ruine, in der ein wandernder Araber seine Hütte aufgeschlagen, oder in einem verfallenen Dorf, das noch einen wohlbekannten Kamen trägt, befanden …

Kleinasien und Syrien hatte ich durchreist, die alten Sitze der Zivilisation und die durch die Religion geheiligten Orte gesucht. Nun fühlte ich ein unwiderstehliches Verlangen, in die Gegenden über den Euphrat hinaus vorzudringen, welche Geschichte und Tradition als den Geburtsort der Weisheit des Westens bezeichnen. Die meisten Reisenden haben, nachdem sie die am gewöhnlichsten besuchten Teile des Orients durchwanderten, dieselbe Sehnsucht, den großen Fluß zu überschreiten und die Gegenden zu erforschen, welche von den Grenzen Syriens auf der Landkarte durch die ungeheure leere, weiße Stelle, welche sich von Aleppo bis an die Ufer des Tigris erstreckt, getrennt sind. Über Assyrien, Babylonien und Chal-däa schwebt noch ein tiefes Dunkel. An diese Namen ketten sich große Nationen und düstere Schatten der Geschichte großer Städte; gewaltige Ruinen, mitten in Wüsten, durch ihre Öde und den Mangel einer bestimmten Gestalt jeder Beschreibung von seiten des Reisenden Hohn sprechend; die Überreste großer Völkerstämme wandern noch durch das Land — in Erfüllung der Vorherkündigungen der Propheten —, durch die Ebenen, die die Juden wie die Heiden als die Wiege ihres Stammes ansehen. Nach einer Reise durch Syrien wenden sich die Gedanken natürlich nach Osten, und ohne die Überreste von Ninive und Babylon besucht zu haben, ist die Pilgerreise unvollständig.

Am 18. März verließ ich mit meinem Begleiter Aleppo. Noch immer reisten wir ohne Führer, ohne Diener. Der Weg durch die Wüste ist zu allen Zeiten unausführbar, ausgenommen für eine zahlreiche und wohlbewaffnete Karawane, und er bietet keinen interessanten Gegenstand dar. Wir zogen die Reise über Bir und Urfa vor. Von dieser letzten Stadt aus reisten wir durch die niedrigen Gegenden am Fuße der kurdischen Gebirgshügel, ein wenig bekanntes, an merkwürdigen Überresten reiches Land … Am 10. April trafen wir in Mosul ein.

Während unseres kurzen Aufenthaltes in dieser Stadt besuchten wir die großen Ruinen am östlichen Ufer des Flusses, welche man allgemein für die Ruinen von Ninive gehalten hat. Wir ritten auch in die Wüste und untersuchten den Hügel Kalah Schergat, eine ungeheure Ruine, die am Tigris, etwa 50 Meilen von seiner Vereinigung mit dem Zab liegt. Auf der Reise dahin hielten wir in dem kleinen Dorfe Hamum Ali, um welches herum noch Spuren einer Stadt aus dem Altertum zu finden sind, unser Nachtlager. Von dem Gipfel einer künstlichen Anhöhe aus übersahen wir eine weite Ebene, von der wir nur durch den Fluß getrennt waren. Eine Reihe erhabener Erdhügel, von denen einer in pyramidaler Form die anderen überragte, begrenzte diese Ebene im Osten. Über dieselbe hinaus ließ sich der Lauf der Gewässer des Zab nur unbestimmt angeben. Seine Lage aber macht seine Identifizierung leicht Es war die Pyramide, welche Xenophon beschrieben hat, in deren Nähe die Zehntausend ihr Lager aufgeschlagen hatten: die Ruinen um sie herum waren dieselben, welche der griechische General vor zweiundzwanzig Jahrhunderten sah und welche schon damals die Ruinen einer alten Stadt waren. Obgleich Xenophon einen Namen, den eine fremde Völkerschaft aussprach, mit einem dem griechischen Ohre vertrauten verwechselt und den Ort Larissa genannt hatte, deutet die Tradition doch noch den Ursprung der Stadt an, und die Gründung derselben dem Nimrud zueignend, dessen Namen die Ruinen jetzt noch tragen, verbindet sie ihn mit den ersten Ansiedlungen des Menschengeschlechts.

Kalah Schergat war wie Nimrud eine assyrische Ruine: eine ungeheure formlose Masse, jetzt mit Gras überwachsen und nirgends eine Spur der menschlichen Hand zeigend, außer wo die Winterregen in ihre meist senkrechten Seiten Klüfte gewaschen und dadurch den Inhalt bloßgelegt hatten. Einige wenige Bruchstücke von Tongeräten und mit Inschriften versehene Backsteine dienten als Beweis, daß seine Erbauung dem Volke zuzuschreiben sei, das die Stadt erbaut hatte, von welcher Nimrud die Überreste sind. Unter den Arabern war eine Sage im Gange, daß unter den Ruinen noch aus schwarzen Steinen behauene seltsame Figuren vorhanden seien; aber während des größten Teiles des Tages, an dem wir mit der Durchforschung der Erd- und Backsteinhaufen, welche einen bedeutenden Strich Landes am rechten Ufer des Tigris bedecken, beschäftigt waren, haben wir vergeblich darnach gesucht.

Wenn der Reisende über den Euphrat ginge, um solche Ruinen in Mesopotamien und Chaldäa zu finden, wie er sie in Kleinasien und Syrien hinter sich ließ, so würde er vergeblich suchen. Die Stelle der anmutigen, das dichte Laub der Myrte, Stechpalme und des Oleanders überragenden Säule, die stufenweise steigenden Terrassen des Amphitheaters, welche eine sanfte Anhöhe bedecken und die dunkeln, blauen Gewässer einer einem See ähnlichen Bai überschauen; die Stelle des reich ausgehauenen, von üppigen Pflanzen halb versteckten Kamieses oder Kapitells vertritt hier der formlose, düstere Erdhaufen, der wie ein Hügel über die sonnverbrannte Ebene sich erhebt; gelegentlich nur sind Töpferzeugfragmente und die ungeheure Masse von Backsteinwerk durch die Regengüsse des Winters bloßgelegt. Er hat das Land verlassen, wo die Natur noch jetzt lieblich ist, wo er im Geiste den Tempel und das Theater wieder aufbauen kann und dabei noch halb im Zweifel ist, ob sie einen angenehmeren Eindruck auf die Sinne machen würden als die Ruine vor ihm. Für die wüsten, rohen Haufen, die er jetzt erblickt, ist er außerstande, eine Gestalt anzugeben. Jene, von deren Werken sie Überreste sind, haben, gerade entgegengesetzt denen der Römer und Griechen, keine sichtbare Spur ihrer Zivilisation und Künste hinterlassen: ihr Einfluß ist seit langer Zeit verschwunden. Je mehr Vermutungen er aufstellt, desto unbestimmtere Resultate stellen sich ihm dar. Die Szene um ihn herum ist der Ruinen, die er betrachtet, würdig: überall nur Verwüstung und Einöde. Ein heiliger Schauder folgt der Verwunderung; denn hier ist nichts, was das Gemüt beruhigen, zum Hoffen leiten oder sagen könnte, was vergangen ist. Diese ungeheuren Erdhaufen Assyriens machten einen stärkeren Eindruck auf mich, veranlaßten mich zu ernsterem Nachdenken und Überlegen als die Tempel von Balbek und die Theater Joniens.“

Diese der deutschen Ausgabe von Layards einst berühmtem Buch „Niniveh and its Remains“ entnommene Schilderung zeigt uns den Mann und die Stätten seines Wirkens. In klassischer Weise schildert er den Übergang von den Ländern im Bereich des Mittelmeers mit seinen freundlichen Ruinen antiker Baukunst in die endlosen Wüsten und Steppen Asiens und erweckt in allen seinen Nachfolgern bis heute Erinnerungen, die trotz mancher Entbehrungen und Abenteuer niemand missen möchte.

Erst 1842 kam Layard auf einer Reise nach Konstantinopel, wo er in diplomatischem Dienst stand, wieder nach Mosul. Seine unablässigen Bemühungen um Erlaubnis und Mittel für seine geplanten Ausgrabungen hatten bisher geringen Erfolg gehabt. Die Erfolge Bottas in Khorsabad, wo er erst nur zögernd auf den Rat eines Bauern hin einen Schacht in den Hügel hatte treiben lassen, um schon in geringer Tiefe eine mit reliefierten Platten verkleidete Mauer zu finden und damit das erste assyrische Gebäude zu entdecken, das seit dem Fall des assyrischen Reiches gefunden wurde, dieser Erfolg vermehrte Layards Begierde, auch selbst Assyriens Ruinen auszugraben. Erst 1845 wurden ihm von Sir Stratford Canning, dem englischen Gesandten am Bosporus, die Mittel für seine erste Kampagne zur Verfügung gestellt. Am 8. November desselben Jahres fuhr er auf einem Floß von Mosul tigrisabwärts, um am Hügel von Nimrud sein Glück zu versuchen. Ein in die Seite des Hügels eingeschnittener Laufgraben führte bald zu einer Mauer mit Inschriften und Stücken von Reliefplatten.

Nun wußte Layard, daß der Hügel Bauten enthielt. Schon am nächsten Tag war ein Gemach freigemacht, dessen Wände mit einem drei Meter hohen Sockelfries aus Orthostaten, vertikal gestellten Steinplatten, verkleidet waren. Bald erkannte man diese Art von Wandverkleidung als die übliche Dekoration des unteren Drittels der assyrischen Wände, deren oberer Teil nur verputzt und mit Malerei geschmückt wurde. Ende November fand man die ersten reliefierten Platten mit zwei horizontalen, durch einen Inschriftfries getrennten figuralen Friesen, die, wie sich bald zeigte, die Feldzüge und Belagerungen von Städten, die Bautätigkeit und Jagden der assyrischen Könige schilderten. Jedes große Museum besitzt heute einige solcher mit Basreliefs geschmückten assyrischen Orthostaten. Die Besucher werfen ihnen einen flüchtigen Blick zu und gehen daran vorüber, ohne sich die Mühe zu nehmen, sie wirklich beschreibend zu betrachten und so im Bilderbuch einer vergangenen Kultur zu lesen. Für Layard und seine Zeitgenossen war die Aufdeckung dieser Reliefkunst eine Enthüllung sondergleichen, in deren Welt sie sich staunend versenkten. Hören wir ein Stück der Layardschen Beobachtungs- und Beschreibungskunst.

„Eine Schlachtszene, in welcher zwei Wagen, jeder von Pferden, mit reichern Zaumschmuck versehen, im Galopp gezogen dargestellt waren, deren jeder eine Gruppe von drei Kriegern enthielt, von denen die Hauptperson keinen Bart hatte und offenbar ein Verschnittener war. Diese Figur war in eine vollständige Rüstung von Metallschuppen, die im Mittelpunkte mit Buckeln versehen und anscheinend an ein Hemd von Filz oder Leinen befestigt waren, gekleidet. Dieses Hemd war in der Taille durch einen Gürtel befestigt. Auf dem Kopf trug sie einen Helm mit einer Spitze, von dem mit Schuppen bedeckte Flügel herabfielen, welche die Ohren, den unteren Teil des Gesichtes und den Nacken beschützten. Der ganze Kopfputz ähnelte dem der alten Normannen. Die linke Hand hielt den vollständig aufgezogenen Bogen fest, während die Rechte die Sehne nach dem Ohre anzog mit einem zum Abschießen daraufliegenden Pfeile. Den linken Arm umgab ein kreisförmiger Besatz, wahrscheinlich von Leder, um ihn vor dem Pfeil zu schützen. Sein Schwert befand sich in seiner Scheide, deren Enden mit den Figuren von zwei Löwen zierlich geschmückt war. In demselben Wagen befand sich ein Wagenlenker, der die Pferde mit Zügel und Peitsche antrieb, und ein Schildträger, der die Pfeile des Feindes mit einem kreisrunden Schilde abhielt, welcher … von geschlagenem Golde gewesen sein mag … Mit Erstaunen beobachtete ich die Eleganz und den Reichtum der Verzierungen, die treue und zarte Zeichnung der Glieder und Muskeln, sowohl bei den Menschen als auch bei den Pferden, und die Kunstkenntnis, welche im Gruppieren der Figuren und der Komposition im allgemeinen dargelegt war.“

Diese Teilbeschreibung eines einzigen Streitwagens mag eine Vorstellung geben von der Fülle des Materials, das die nach Kilometern zu zählenden assyrischen Basreliefs lieferten, als in Nimrud und Kujundschik in wenigen Jahren ein Dutzend Paläste und Tempel freigelegt oder mittels Laufgräben durchforscht waren.

Da die Reliefplatten in diesem Gebäude durch Feuer stark beschädigt waren, versuchte Layard die Nordwestecke des Hügels anzugraben, wo verschiedene Funde und Mauerreste auf den Standort eines anderen Palastes schließen ließen. Überraschende Erfolge stellten sich bald ein. Eines Morgens wurde er in großer Aufregung eüends zum Grabungsplatz gerufen, wo man Nimrud selbst gefunden haben wollte. Es war der aus Alabaster gehauene Riesenkopf eines geflügelten Löwen, dessen Körper sich später fand. „Der Kopf war bewundernswert gut erhalten. Der Ausdruck war ruhig, aber majestätisch, und der Umriß der Gesichtszüge zeigte eine Freiheit und Kenntnis der Kunst, die man an Werken einer so frühen Periode wohl schwerlich erwartet haben dürfte.“ Rasch verbreitete sich die Nachricht von dem Riesenkopf, der, vom Alter gebleicht, aus der Erde heraufgestiegen schien, unter den umliegenden zeltenden Beduinen, die sogleich auf ihren Pferden herangesprengt kamen. Sowie sie den Kopf sahen, riefen sie alle zugleich aus: „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Muhammed ist sein Prophet!“ Erst auf längeres Zureden wagte der Scheich in die Grube hinabzusteigen und sich zu überzeugen, daß das Bild keine wunderbare Erscheinung, sondern von Stein sei. „Das ist kein Werk von Menschenhänden“, rief er aus, „sondern von jenen unglaublichen Riesen, von welchen der Prophet — Friede sei mit ihm! — gesagt hat, daß sie größer waren als die höchsten Dattelbäume. Dies ist eines der Götzenbilder, welche Noah — Friede sei mit ihm! — vor der Sintflut verfluchte.“ Dieser Meinung stimmten alle Umstehenden zu. Inzwischen war einer der Arbeiter, sobald er des Ungeheuers ansichtig geworden war, unter Zurücklassung seines Erdkorbes davongelaufen und rannte spornstreichs bis Mosul, wo er mit seiner atemlosen Nachricht, daß da unten im Hügel Nhtirud selbst erschienen sei, den ganzen Basar in Aufregung versetzte. Die Neuigkeit gelangte bald zu den Ohren des Kadi, welcher den Mufti und den Ulema zusammenrief, um über diesen unerwarteten Vorfall zu beraten. Sie begaben sich schließlich, begleitet von einer aufgeregten Menge, zum Gouverneur und protestierten feierlich gegen solche Unternehmungen, die schroff gegen die Gesetze des Korans verstießen. Dabei wußte niemand, ob Nimrud ein echtgläubiger Prophet oder ein Ungläubiger gewesen sei. Für alle Fälle ließ der Pascha Layard sagen, daß die „Überreste“ ehrfurchtsvoll behandelt werden sollen und die Ausgrabungen vorläufig einzustellen seien. Es war nicht die erste Belästigung seitens der abergläubischen und fanatischen Bevölkerung von Mosul und ihrer Beamten, doch wußte Layard den Zwischenfall durch eine Unterredung mit dem Pascha rasch zu beheben. Ein endlich eingelangter Fer-man des Sultans machte solchen lästigen Zwischenfällen ein Ende.

Es fanden sich bald mehrere Exemplare dieser mythischen Tiermenschen oder Menschentiere mit Flügeln, denn sie flankierten alle Fassaden und die Portale der großen Hallen. Wir wissen heute, daß es die assyrischen Astralgötter der vier Weltecken sind: Marduk als Flügelstier, Nebo als Mensch, Nergal als Flügellöwe und Ninib als Adler. Alle Figuren zeigten noch Spuren von Farbe, waren also bunt bemalt. Layard selbst war von diesen sehr gut erhaltenen Prachtexemplaren assyrischer Kunst tief beeindruckt „Stundenlang betrachtete ich diese geheimnisvollen Sinnbilder und dachte über ihre Bedeutung und Geschichte nach. Welche edleren Formen hätte wohl das Volk in den Tempel seiner Götter einführen können? Welche erhabeneren Bilder hätten der Natur entlehnt werden können von Leuten, welche ohne Hilfe der geoffenbarten Religion ihre Begriffe von Weisheit, Macht und Allgegenwart eines höchsten Wesens zu verkörpern suchten? Für Verstand und Kenntnis konnten sie kein besseres Musterbild finden als den Kopf des Menschen, für Kraft den Körper des Löwen, für die Allgegenwart die Schwingen des Vogels. Diese geflügelten, menschenköpfigen Löwen waren keine bedeutungslosen Schöpfungen, nicht das Erzeugnis der Phantasie nur; was sie bedeuten sollten, war darauf geschrieben. Sie hatten Geschlechter mit Ehrfurcht erfüllt und belehrt, welche vor dreitausend Jahren blühten. Durch die Portale, welche sie bewachten, hatten Könige, Priester und Krieger Opfer zu ihren Altären getragen, lange zuvor, ehe die Weisheit des Morgenlandes bis nach Griechenland vorgedrungen war und dieses seine Mythologie mit lange von den assyrischen Geweihten gekannten Sinnbildern versehen hatte. Sie mögen vor der Gründung der ewigen Stadt begraben worden und ihr Dasein unbekannt gewesen sein.

Seit 25 Jahrhunderten waren sie dem Auge des Menschen verborgen und nun erstanden sie noch einmal wieder in ihrer antiken Majestät. Wie aber ist die Szene um sie herum verändert. Der Luxus und die Zivilisation einer mächtigen Nation hat der Armseligkeit und Unwissenheit einiger weniger halbbarbarischen Stämme Platz gemacht. Der Pracht der Tempel und dem Reichtum großer Städte folgten Ruinen und gestaltlose Erdhaufen. Über der geräumigen Halle, in der sie standen, hatte der Pflug seine Furchen gezogen und die Wellen des Getreides gewogt. Ägypten besitzt nicht weniger wunderbare Monumente, aber sie standen Jahrhunderte frei da, ihre frühere Macht und ihren Ruhm zu bezeugen. Während die, die ich vor mir hatte, eben erst erschienen waren, um den Worten des Propheten Zeugnis zu geben, daß einst ,der Assur war wie ein Zedernbaum auf dem Libanon, von schönen Ästen und dick vom Laube, und sehr hoch, und daß sein Gipfel hoch stand unter großen, dicken Zweigen … Darum ist er höher geworden denn alle Bäume im Felde und kriegte viele Äste und lange Zweige; denn er hatte genug Wasser, sich auszubreiten. Alle Vögel des Himmels nisteten auf seinen Ästen, und alle Tiere im Felde hatten Junge unter seinen Zweigen, und unter seinem Schatten wohnten alle großen Völker. Denn jetzt ist Ninive öde und dürr wie eine Wüste; daß darinnen sich lagern allerlei Tiere unter den Heiden, auch Rohrdommeln und Kormorans wohnen auf ihren Türmen und werden in den Fenstern singen und Öde ist auf den Schwellen'“.

Der Nordwestpalast in Nirnrud, aus dessen Schutt Layard die majestätischen Figuren der Astralgötter ausheben konnte und dessen freigelegte Gemächer ihm die schönsten Flachreliefs preisgaben, wurde später als der Palast des Assur-nasirpal (885—860) identifiziert, des Königs, der seine Residenz von Assur hierher nach Kalchu verlegt hatte. Es war der älteste und schönste Palast der Stadt und seine reiche Ausbeute begründete den Ruhm Austin Henry Layards. Außer den zahlreichen Feldzügen, Schlachten, Belagerungen und Bauszenen stammen daraus jene berühmten Jagdbilder mit fliehenden, tödlich verwundeten und erlegten Tieren, deren pathetischer Naturalismus den Weltruhm der assyrischen Kunst begründete. Die Assyrerkönige eröffnen die tausendjährige Reihe der fürstlichen Waidmänner, deren letzte Vertreter unsere Vorkriegsherrscher waren. Das Waidwerk gab ihnen Gelegenheit, Mut und Geschicklichkeit auch in Friedenszeiten zu stählen. Nimrud, der mythische Gründer des Reichs, war „ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn“, und Ninus, der sagenhafte Erbauer von Niniveh, war durch seine Kämpfe mit den Löwen und Leoparden ebenso berühmt als wegen seiner Triumphe über kriegerische Nationen. Die Babylonier, Assyrer und Perser, die byzantinischen Kaiser und die frühen Kalifen schmückten ihre Paläste und Jagdschlösser mit Jagdgemälden.

Man schmückte damit Teppiche und Gewänder. Ebenso wie heute unterhielt man auch damals Wildparks, sogenannte „Paradiese“, wo allerlei Getier, vom Wildesel und der Gazelle bis zum Löwen und Tiger, gehegt wurden, um der königlichen Jagdlaune jederzeit zur Verfügung zu stehen. Die Reliefs zeigen den König stets von Kriegern begleitet, die wie zur Schlacht ausgerüstet sind, denn das Jagen war, wie später noch Xenophon von den Persern erzählt, die beste Methode, alle solche Dinge zu üben, die zum Kriege gehörten. Auf den Reliefs sehen wir den König, der von seinem Wagen ausstehend mit seinem Bogen die oft den Wagen anspringenden Bestien erlegt, während nacheilende Krieger zu Fuß für alle Fälle bereit sind, im Falle der Gefahr dem König beizustehen. Die Jagdbilder Assurnasirpals stellen freilich nur den noch archaisch befangenen Anfang der Entwicklung dar, deren Reife erst später im Palaste Assurbanipals (668—626) in Ku-jundschik erreicht wurde. Von dorther stammen die ergreifenden Bilder des „Todwunden Löwen“ und der „Sterbenden Löwin“ im British Museum. Das Würgen der Schmerzen, der Krampf der riesigen Glieder, die Würde noch im Verenden sind meisterhaft ausgedrückt. In ihrem ungebrochenen Stolz noch im Todeskampf sind diese Tiere der reinste Ausdruck des trotzigen Geistes des assyrischen Menschen.

Nach Auffindung der Menschentiere und Löwen war es Layards Sorge, zunächst ein Paar dieser Kolosse nach London bringen zu lassen. Die drohende Gefahr der Heimsuchung dieser Gegend durch räuberische Beduinenhorden infolge einer Mißernte, die den Aufenthalt außerhalb der Mauern Mosuis unmöglich gemacht hätte, beschleunigte die Durchführung dieses schwierigen Unternehmens. Die beiden kleinsten und besterhaltenen, ein Stier und ein Löwe, wurden für den Transport ausgesucht. Ein massiver Wagen wurde in Mosul hergestellt und unter der Beteiligung der Stadtbevölkerung von ein paar Büffelochsen und einem Haufen Chaldäer und Araber zum Tore hinaus und über die verfaulte Schiffsbrücke gezogen. Um den Stier aus den Ruinen herauszuschaffen, mußte ein 30 m langer, 5 m breiter und bis zu 7 m tiefer Graben vom Standort bis zum Rande des Hügels ausgehoben werden. Unter großen Schwierigkeiten und dem ohrenzerreißenden Rufen und Heulen der an den Tauen ziehenden Araber wurde der Koloß gesenkt und auf Walzen hinausbefördert. Nichts könnte die Einstellung der Orientalen besser und humorvoller dokumentieren als die Auslassungen des Layard befreundeten Sheikh Abd-er-Rahman, als die beiden abends zusammen heimritten. „Wunderbar! Wunderbar! Es gibt sicher nur einen Gott, und Mohammed ist sein Prophet! Im Namen des Allerhöchsten, o Bey, sage mir, was du mit diesen Steinen machen willst. So viele Tausende von Beuteln für solche Dinge auszugeben! Ist es möglich, daß, wie du sagst, dein Volk Weisheit aus ihnen lernt, oder ist es, wie seine Ehrwürden, der Kadi, erklärt, sie kämen in den Palast der Königin, welche diese Götzenbilder mit den übrigen Ungläubigen anbetet? Denn, was Weisheit betrifft, so werden euch diese Figuren nicht lehren, bessere Messer, Scheren und bunte Zeuge zu machen, und in der Hervorbringung dieser Dinge zeigen ja die Engländer ihre Weisheit. Aber Gott ist groß! Hier sind die Steine, welche seit der Zeit des heiligen Noah — Friede seit mit ihm! — hier begraben gewesen sind. Vielleicht waren sie schon vor der Sintflut unter der Erde. Jahrelang habe ich in diesem Lande gelebt. Mein Vater und meines Vaters Vater haben vor mir ihre Zelte hier aufgeschlagen, sie haben aber nie etwas von diesen Figuren gehört. Seit zwölf Jahrhunderten haben sich die wahren Gläubigen — und Gott sei gelobt, sie allein besitzen die wahre Weisheit — in diesem Lande niedergelassen, und keiner von ihnen hat je von einem unterirdischen Palaste gehört, und auch die nicht, die vor ihnen kamen. Und siehe! Da kommt ein Franke aus einem viele Tagereisen entfernten Lande und geht gerade auf den Platz hin und nimmt einen Stock (hierbei erläutert er die Beschreibung mit der Spitze seiner Lanze) und macht eine Linie dahin und eine Linie dorthin.

Hier, sagt er, ist der Palast und dort, sagt er, ist das Tor, und zeigt uns, was unser Leben lang unter unsern Füßen gelegen hat, ohne daß wir etwas davon wußten. Wunderbar! Wunderbar! Hast du dies durch Bücher erlernt, durch Zauberei oder durch eure Propheten? Rede, o Bey. Sage mir das Geheimnis der Weisheit.“

Der Erfolg dieses Tages wurde die Nacht über mit Schmaus, Musik und Tanz gefeiert. Nächsten Morgen begann der zweite Akt dieser dramatischen Aktion, der Transport des mit dem Flügelstier beladenen Wagens zum Fluß. Da die erst vorgespannten Büffel völlig versagten, mußte der Wagen von den Männern allein gezogen werden. Voran ritt Layard mit dem Scheich, um den Weg zu weisen. Dann kamen die Trommler und Pfeifer, die aus Leibeskräften trommelten und pfiffen. „Ihnen folgte der Wagen, den an 300 Menschen zogen, die aus Leibeskräften schrien und von den Kawassen und Aufsehern angetrieben wurden. Die Frauenzimmer, die durch ihr gellendes Geschrei die Araber im Enthusiasmus erhielten, schlossen den Zug. Abd-er-Rahmans Reiter übten verschiedene Reiterkunststücke um die Gruppe herum aus, sprengten vor- und rückwärts und lieferten Scheinschwertgefechte.“ Zweimal blieb der Wagen stecken, bevor man das Ufer des Flusses erreicht hatte. Der geflügelte Mannslöwe folgte den gleichen Weg. Endlich lagen beide Lamassu nebeneinander am Ufer des Tigris zur Verflößung nach Basra bereit. Damit begann der dritte Akt der Komödie. Die bisher von Layard nach London gesandten Wandorthostaten hatten mit ihrem relativ geringen Gewicht keine Schwierigkeiten verursacht. Sie waren von Mosulschiffern bis Bagdad geflößt worden, wurden dort umgeladen und von Bagdadschiffern nach Basra weitergebracht und auf die Seeschiffe verladen.

Dieser Umladeprozeß hätte mit den Kolossen zu große Schwierigkeiten verursacht, weshalb Layard auf die direkte Verschiffung bis Basra drang. Davon wollten die Mosul Schiffer, die sich noch nie über Bagdad hinausgewagt hatten, als echte Orientalen, die nie gegen ihre Tradition handeln, nichts wissen. Endlich fand sich unter dem Druck seiner Schuldenlast, für die ihm der Kerker bevorstand, ein Mann aus Bagdad bereit, die direkte Verflößung durchzuführen.

Die erste Kampagne ging nun zu Ende und Layard bereitete seine Abreise von Nimrud vor. Vorher ließ er die bereits aufgedeckten Wände mit ihren geflügelten Torhütern und reliefierten Orthostaten wieder zuschütten, um sie vor der mutwilligen Beschädigung durch die „Rechtgläubigen“, die den Menschenköpfen mit Vorliebe die Augen ausstechen, um ihnen alle dämonischen Möglichkeiten zu nehmen, zu schützen. Bevor er aber seine Ausgrabungen wieder zudeckte, wollte er den Leser seines Buches „Niniveh und seine Überreste“ noch einmal durch die Ruinen des Hauptpalastes führen, der der Ruhm seiner ersten Kampagne werden sollte.

„Man denke sich, wir kämen aus meinem Zelte in die Ebene, in der Nähe des Dorfes. So wie man sich dem Ruinenhügel nähert, kann man, eine kleine, aus Lehm für meine Chaldäer erbaute und mit Rohr bedeckte Hütte ausgenommen, keine Spur von einem Gebäude sehen. Wir steigen den künstlichen Hügel hinauf, aber noch immer sehen wir keinen Stein aus dem Grunde hervorstehen; nur eine breite, ebene Plattform befindet sich vor uns, die entweder mit einer üppigen Ger-stenernte bedeckt oder gelb und vertrocknet ist, ohne eine Spur von Vegetation zu zeigen, wovon wir hier und da ein ärmliches Büschchen von Kameldorn sehen. Niedrige schwarze Haufen, umgeben von Reisholz und getrocknetem Gras, aus deren Mitte eine dünne Rauchsäule emporsteigt, wird man wohl hier und da sehen. Dies sind die Zelte der Araber; um sie herum kriechen einige erbärmlich aussehende alte Weiber, die Kamelmist oder trockene Zweige sammeln. Ein oder zwei Mädchen wird man mit festem Schritt und aufrechter Haltung, den Wasserkrug auf den Schultern oder ein Bündel Reis holz auf dem Kopfe, vielleicht gerade den Gipfel des Hügels erreichen sehen.

Von allen Seiten scheinen Reihen von wild aussehenden Wesen mit fliegenden Haaren, die Gliedmaßen nur durch das leichte, weite, kurze Hemd bedeckt, aus der Tiefe hervorzukommen, einige springend und possenreißend, alle aber wie Verrückte hin und her laufend. Jeder von ihnen trägt einen Korb, und so wie er an den Rand des Ruinenhügels kommt, leert er ihn aus und erzeugt eine Wolke von Staub. So schnell er nur kann, läuft er dann zurück, tanzend, wie vorher schreiend und den Korb über dem Kopf hin und her schwenkend. Dann verschwindet er wieder so plötzlich in die Tiefe, als wie er herauskam. Dies sind die Arbeiter, die den Schutt aus den Ruinen tragen.

Auf einer roh in die Erde gemachten Treppe wollen wir nun in den vorzüglichsten Laufgraben, der sich am westlichen Rande des Hügels befindet, hinabsteigen … Wir steigen etwa zwanzig Fuß tief hinunter und befinden uns plötzlich zwischen einem Paar geflügelten, menschenköpfigen Löwen, die ein Portal bilden. In dem unterirdischen Labyrinthe, das wir jetzt betreten haben, herrscht Unruhe und Verwirrung. Araber rennen in verschiedenen Richtungen umher; einige tragen mit Erde gefüllte Körbe, andere bringen ihren Gesellschaftern Wasserkrüge. Die Chaldäer in ihren gestreiften Anzügen und sonderbaren kegelförmigen Mützen hauen mit Hacken in den zähen Boden und machen bei jedem Hiebe eine dicke Wolke von feinem Staub. Von einem entfernten Hügel erklingen wohl dann und wann die wilden Melodien kurdischer Musik, und sobald die arbeitenden Araber die Musik hören, stimmen sie als Chor ihr Kriegsgeschrei an und arbeiten mit erneuter Energie. Wir gehen zwischen den Löwen hindurch in die Ruinen der vorzüglichsten Halle. An beiden Seiten sehen wir geflügelte gigantische Figuren, einige mit Adlerköpfen, andere ganz wie Menschen, die mysteriöse Symbole in den Händen tragen. Zur Linken ist ein anderes Portal, das auch von geflügelten Löwen gebildet wird. Einer von ihnen ist aber quer vor den Eingang gefallen, und wir finden gerade noch soviel Raum, unter ihm hindurchzukriechen.

Über dieses Portal hinaus steht eine geflügelte Figur und zwei Platten mit Basreliefs; sie sind aber sosehr beschädigt, daß wir kaum eine Spur des auf ihnen befindlichen Gegenstands ausfindig machen können, Weiterhin ist keine Spur von einer Mauer mehr zu erkennen, obgleich ein tiefer Graben fortgeführt ist. Die entgegengesetzte Seite der Halle ist auch verschwunden, und wir sehen nur eine hohe Erdwand. Wenn wir sie genauer untersuchen, können wir Anzeichen von Mauerwerk entdecken, und wir finden, daß es eine aus Ziegel von ungebranntem Lehm solid erbaute Mauer ist, die jetzt freilich dieselbe Farbe wie das sie umgebende Erdreich hat, von dem sie kaum zu unterscheiden ist.

Die Alabasterplatten, die von ihrer Stelle herabgefallen waren, sind aber wieder aufgerichtet worden, und wir treten in ein Labyrinth von kleinen Basreliefs, die Wagen, Reiter, Schlachten und Belagerungen darstellen. Vielleicht richten die Arbeiter eine Platte zum erstenmal auf, und wir erwarten mit ungeduldiger Neugierde, welches neue, wichtige Ereignis der assyrischen Geschichte oder welcher unbekannte Gebrauch, welche religiöse Zeremonie die hier unten liegende Skulptur erklären wird.

Sobald wir etwa hundert Fuß unter diesen zerstreut liegenden Ruinen alter Geschichte und Kunst herumgewandert sind, kommen wir an einen andern Torweg, den zwei gigantische, geflügelte Stiere von gelbem Kalkstein bilden. Der eine ist noch ganz, sein Begleiter ist aber herabgefallen und in mehrere Stücke zerbrochen — der große Menschenkopf liegt zu unseren Füßen.

Wir gehen weiter, ohne uns in den Teil zu wenden, in den das Portal führt. Darüber hinaus sehen wir eine andere geflügelte Figur, die eine zierliche Blume in der Hand hält, die sie, wahrscheinlich als eine Opfer gäbe, dem geflügelten Stier darreicht. Zunächst dieser Figur finden wir acht schöne Basreliefs. Da ist der König auf der Jagd, wie er über den Löwen und wilden Stier triumphiert, und die Belagerung einer Burg mit dem Sturmbock. Wir haben nun das Ende der Halle erreicht und sehen eine ausgesucht schön gearbeitete Skulptur vor uns: zwei Könige, die vor dem Emblem der höchsten Gottheit stehen und von geflügelten Figuren begleitet sind; zwischen ihnen steht der heilige Baum. Vor diesem Basrelief befindet sich die Steinplattform, auf der in alten Zeiten der Thron des assyrischen Monarchen gestanden haben mag, wenn er gefangene Feinde oder seine Höflinge empfing.

Zur Linken ist ein vierter Ausgang, den zwei Löwen bilden. Wir passieren sie und befinden uns am Rand einer tiefen Schlucht, von welcher nördlich sich die erhabene Ruine hoch über uns erhebt Figuren von Gefangenen, welche Tributgegenstände — Ohrringe, Armbänder und Affen — tragen, sieht man an den Mauern in der Nähe dieser Schlucht, und zwei ungeheure Stiere sowie zwei geflügelte, über vierzehn Fuß hohe Figuren liegen fast an seinem Rande.

Da die Schlucht die Ruinen an dieser Seite begrenzt, müssen wir zu den gelben Stieren zurückkehren. Sobald wir durch den von ihnen gebildeten Eingang gekommen sind, treten wir in ein von adlerköpfigen Figuren umgebenes Gemach; an dem einen Ende befindet sich ein von zwei Priestern oder Gottheiten bewachtes Tor, und in der Mitte ein anderes Portal, an welchem zwei geflügelte Stiere stehen. Welche Richtung wir nun auch einschlagen mögen, so befinden wir uns in einer Menge von Zimmern, und ohne eine Bekanntschaft mit dem Gewirr dieses Ortes werden wir uns bald in dem Labyrinthe verirren. Da der angehäufte Schutt gemeiniglich in der Mitte der Zimmer liegen gelassen worden ist, so besteht die ganze Ausgrabung aus einer Menge von engen Durchgängen, die an der einen Seite mit Alabasterplatten eingefaßt sind; auf der andern Seite beengt sie ein hoher Erdwall, in dem man hier und da eine zerbrochene Vase oder einen mit glänzenden Farben glasierten Backstein halbbegraben sehen kann. Wohl ein bis zwei Stunden können wir durch die Galerien wandern und die merkwürdigen Skulpturen oder die zahlreichen Inschriften besehen, die uns umgeben. Hier sehen wir lange Reihen von Königen in Begleitung ihrer Eunuchen und Priester, dort ebensolange Reihen von geflügelten Figuren, weiche, Fichtenzapfen und religiöse Embleme tragend, anscheinend in Ado-ration vor dem mystischen Baume begriffen sind.

Andere Eingänge, ebenfalls von Löwen und Stierpaaren gebildet, führen uns zu andern Zimmern. In jedem finden Neugier und Erstaunen neue Gegenstände. Ermüdet gehen wir endlich durch einen Graben, auf der entgegengesetzten Seite dessen, durch den wir eintraten, aus dem verschütteten Gebäude wieder heraus, und finden uns wieder auf der nackten Plattform. Vergeblich sehen wir uns nach Spuren der wunderbaren Überreste, die wir eben gesehen haben, um, und sind halb und halb geneigt zu glauben, daß wir einen Traum gehabt oder der Erzählung eines orientalischen Romans zugehört hätten. Manche, die vielleicht später den Ort betreten werden, wenn das Gras wieder über die Ruinen der assyrischen Paläste gewachsen sein wird, werden Verdacht haben, als sei es eine Vision, was ich erzählt habe.“

Schon im folgenden Jahre, im Herbst 1849, begab sich Layard wiederum nach Mosul, um seine zweite Kampagne in Angriff zu nehmen. Er ließ diesmal in beiden Hügeln, in Kujundschik und Nimrud, graben. In Kujundschik wurden unter anderen auch die indessen durch häufige Abbildungen sehr bekannt gewordenen Reliefplatten mit Darstellungen des Transportes der Flügelkolosse und großer Steinblöcke gefunden. Die mit Flügelstieren und menschlichen Figuren in Hochrelief geschmückte Südostfassade des Palastes wurde freigemacht und dieser als Palast des Königs Sanherib (705 — 681) identifiziert. Von Nimrud wurde wiederum ein Mannlöwenpaar nach Basra und von dort nach London verschifft. Layard betraute einen erprobten Mann mit der Oberaufsicht der Ausgrabungen in Kujundschik, bereiste andere Ruinenstädte in Mesopotamien und Kurdistan und begab sich schließlich auf einem Kellek tigrisabwärts. Ein großes Floß, mit Kunstschätzen aus Ninive beladen, begleitete ihn. Layards Ziel waren die Ruinen von Babylon, die bei der Stadt Hillali am Euphrat gelegen ist und die man von Bagdad aus erreicht, indem man die sumpfige und von zahlreichen Kanälen durchzogene Ebene vom Tigris südwestlich bis zum Euphrat durchquert.

Die eigentliche Auferstehung der assyrischen Kultur und Kunst für die westliche Welt fand nicht am Tigris, sondern im Kristallpalast bei London statt, der im Jahre 1854, nach seiner Überführung vom Hy de Park, wo er 1851 die Weltausstellung beherbergt hatte, nach Sydenham, als Museum eingerichtet worden war. Neben dem ägyptischen, griechischen, römischen und Alhamra „Court“ wurde auch ein „Niniveh Court“ eingebaut. Sein Zweck war, durch Rekonstruktion einer Fassade und zweier Räume dem Beschauer ein möglichst getreues Bild der Palastwände und Räume in ihrer ursprünglichen Erscheinung zu geben. Sie waren nicht für den Archäologen, sondern für das große Publikum berechnet. Die Flügeltiere und Reliefplatten wurden abgegossen und in ihrer einstigen Farbenpracht gezeigt. Die große Halle war als Rekonstruktion einer Zeremonienhalle gedacht, während der kleinere Raum ein königliches Gemach in einem assyrischen Palast wiedergeben sollte. In die Fassade, die mit geflügelten Menschenstieren und Figuren des löwenwürgenden Gilgamesch ausgestattet wurde, stellte man für die flankierenden Torhüter zwei Originalkolosse ein, während die übrigen Figuren von den im Louvre befindlichen Originalen aus Kujundschik und Khorsabad abgegossen wurden.

Der Eingang zur großen Halle war von zwei Menschenstieren, Abgüssen nach den Originalen aus Nimrud, flankiert, und die Decke war mit dem Lebens bäum, der pfeilschießenden Flügelfigur im Sonnenrad und der geflügelten Kugel, beide Embleme der assyrischen Götter, bemalt. An den Wänden standen die Figur eines Königs zwischen geflügelten Göttern mit Pinienzapfen und Wassereimer, den Symbolen von Feuer und Wasser, adlerköpfige Gottheiten und Tributbringer. Die Wand über den Figuren war mit farbig glasierten Ziegeln geschmückt, wovon in den Ruinen zahlreiche Reste gefunden worden waren. Für die ornamentalen Friese wurden Rosetten und Flechtband, zwei beliebte assyrische Ornamente benützt. Das innere Zimmer war mit Abgüssen nach Relieforthostaten aus dem Palaste Assurnasirpals in Nimrud geschmückt. Da sah man den König auf der Jagd nach dem wilden Stier, dem er wie ein spanischer Matador mit einem kurzen Schwert den Todesstoß in den Nacken versetzt. Ein zweiter Stier liegt von Pfeilen durchbohrt unter den Pferdehufen. Der Wagenlenker treibt die drei Pferde mit der Peitsche zur äußersten Schnelligkeit an. Hinter dem Wagen führt ein Reiter mit Speer und Bogen ein Handpferd am Zügel, um gegebenenfalls für den König bereit zu sein. Das untere Relief derselben Platte zeigt den König nach dem Sieg über den wilden Stier mit einem Becher in der erhobenen Rechten unter seinen Ministern und Höflingen stehend, den erlegten Stier zu Füßen. Die nächste Platte zeigte den König auf der Löwenjagd. Er zielt mit seinem Bogen auf ein schon von mehreren Pfeilen durchbohrtes, aufs höchste gereiztes Tier, das den Wagen anspringt, während ein zweites im Todeskampf unter den Hufen der Pferde liegt. Zwei Krieger zu Fuß eilen mit gezogenem Schwert und erhobenem Schild dem König zu Hilfe. Die untere Hälfte stellt wiederum die Dankesfeier über den gefällten Löwen dar. Eine Belagerungsszene und der darauffolgende Empfang der Kriegsgefangenen füllte die zwei nächsten Platten. Daran schloß sich auf vier Platten eine große Schlachtszene, in der der König auf seinem Wagen kämpfend eingeführt erscheint Über seinem Haupt schwebt das Emblem des großen assyrischen Schutzgottes, ein Mann in einer geflügelten Scheibe, der über dem Monarchen wacht. Auch der Gott schießt einen Pfeil gegen den Feind ab. In der Nähe hackt bereits ein Adler, Symbol des Sieges, auf die Gefallenen ein.

Vor dem König kämpft die assyrische Kavallerie, teils zu Pferde, teils auf Streitwagen stehend, mit gespannten Bogen gegen den Feind. Auf dem unteren Reliefstreifen sah man den Übergang des Königs und seiner Armee über einen Fluß: der Herrscher in einem Boot auf seinem Wagen stehend, andere Boote folgend. Auf den folgenden Platten endlich war die siegreiche Rückkehr des Königs dargestellt. Die Originale dieser einst im — mittlerweile durch Brand zerstörten — Kristallpalast aufgestellten Abgüsse befinden sich im British Museum. Sie gehören noch der archaischen Periode Assurnasirpals an und zeichnen sich durch die minutiöse Wiedergabe des Details aus, das eine Fülle von Aufschlüssen über die Kostüme der Beteiligten, die Panzerausrüstung der Krieger, die Ausstattung der Streitwagen, das Zaumzeug der Streitrosse und über die landschaftliche Umgebung vermitteln. Die Wandmalereien dieses rekonstruierten Herrschergemachs über dem Orthostatenfries stellten den König dar, der, umgeben von seinen Beamten und Garden, seinen Wesir empfängt — ein häufig gemalter Gegenstand im Palaste Assurnasirpals in Nimrud-Kalchu, dessen spärliche Reste dem Rekonstrukteur Anhalt für Zeichnung und Farbe geben mußten.

Ein halbes Jahrhundert nach den Ausgrabungen der assyrischen Paläste und Tempel durch Layard und seine Nachfolger sowie durch, die französischen Archäologen beschloß die Deutsche Orientgesellschaft die Ausgrabung der ältesten Hauptstadt Assur, die im Hügel von Kelle Schergat begraben lag. Die Kampagne wurde von Robert Koldewey, dem Ausgräber Babylons, 1903 eröffnet und von Walter Andrä und seinen Mitarbeitern bis 1914 durchgeführt. Während eines Zeitraumes von zehn Lustren hatte sich die Ausgrabungstechnik von dilettantischen Anfängen zu einem wissenschaftlichen Fach entwickelt. Die Grabungen werden heute mit einem Stab geschulter Spezialisten vorgenommen. Ingenieure, Architekten, Epigraphiker, Numismatiker, Keramiker, Chemiker, Zeichner und Photographen sind am Werk. Schicht für Schicht wird vorsichtig aufgedeckt und sorgfältig untersucht, um die aufeinanderfolgenden Perioden von jahrtausendealten Städten festzustellen und zu datieren. Nicht der kleinste Scherben darf weggeräumt werden, ohne vom Spezialisten begutachtet worden zu sein. Jede neue Kulturschicht wird in möglichster Unberührtheit Photographien und bis ins kleinste registriert, das Erdreich gesiebt, die Reste gesammelt und sortiert, klassifiziert und jedes Stück mit seiner Gruppe deponiert, bevor man das Erdreich für die nächste Schicht wegräumt. Verglichen mit dieser modernen Ausgrabungstechnik waren die Arbeiten Layards und seiner Zeitgenossen eine Art von Raubbau, vergleichbar mit dem Bergbau unserer Vorväter, die die ergiebigsten Goldadern hastig ausbeuteten, um dann Schächte und Stollen dem Verfall zu überlassen, aus denen die Goldwäschereien von heute oft noch reiche Ausbeute gewinnen können.

Damals wußte man oft nicht einmal, wann und von welchem König die Paläste und Tempel erbaut worden waren, von deren Wänden man das Beste wegführte und den Rest seinem Schicksal überließ, dem Wind und Wetter, die die aufgerissenen Flanken eines Ruinenhügels bald wieder mit Flugsand und abgeschwemmtem Erdreich füllten, bis, wie Layard oben sagte, „das Gras wieder über die Ruinen der assyrischen Paläste gewachsen sein wird“. Ruinenstätten, wie Niniveh, Kalchu und Khorsabad, die dem Ausgräber nach geringen Anstrengungen imposante Schaustücke preisgaben, sind Ausnahmen; die meisten Ausgräber müssen sich mit weit weniger, ja vergleichsweise mit sehr wenigen begnügen und damit die Devise erfüllen: „Ex ungue leonem.“

Auch Assur gab nicht annähernd soviel her als Layards Residenzen, trotzdem kennen wir es heute viel besser, kennen es so gut, daß sein Ausgräber mit der gleichen Berechtigung wie Koldewey in Babylon ein Buch über „Das wieder er Ständern Assur“ schreiben konnte. Dieses wiedererstandene Assur wollen wir unter Andräs Führung betrachten.

Die Stadt, die den Namen des göttlichen Führers Assyriens trägt, liegt auf einer im Norden steil aus der Ebene und dem alten Flußbett des Tigris aufragenden Felsenscholle, deren Ostseite ebenso steil, nur für Kletterer erklimmbar, zum Westufer des heutigen Tigris abfällt, während sie sich gegen Westen und Süden in seichten Stufen gegen die Ebene senkt. Die Zugänge zur Ursiedlung, die sich — ein Schulbeispiel für die Platzwahl prähistorischer Siedlungen — in diesen von zwei Steilrändern natürlich geschützten Plateauwinkel hineingeschmiegt hatte, waren daher im Westen und Süden, und an diesen Seiten befanden sich auch die Tore zur historischen Stadt: das Südtor, das Westtor und das Gurgurri-Tor, das zum Palast- und Tempelviertel am Nordrand der Stadt führt, Stolz reihten sich entlang des nördlichen Steilrandes, weithin sichtbar, die Fronten der Tempel und Paläste: der Assur-Tempel, der Assur-Enlil-Turm, der Alte Palast, der Anu-Adad-Tempel und der Neue Palast. Hinter dieser Front lagen der Ischtar-Tempel und der Sin-Schamasch-Tempel. Außerhalb der Stadt aber, unten am alten Flußbett, einen halben Kilometer vom Gurgurri-Tor entfernt, lag das Assur-Festhaus. Diese Bauten stammten aus verschiedenen Perioden, wurden wiederholt restauriert, von der Zeit der akkadischen Priesterkönige im 3. Jahrtausend angefangen, über die Periode des assyrischen Nationalstaates bis 2000, dann über die Hammurabi-Zeit, als Assur zu Babylon gehörte, weiterhin im fünfzehnten, dreizehnten, zwölften bis neunten Jahrhundert, endlich unter den spätassyrischen Herrschern im achten und siebenten Jahrhundert, die Assur letzten Glanz und Gestaltung gaben bis zum Untergang um 600. Aber auch darüber hinaus, in der babylonischen, persischen, seleukidischen, parthischen und sasanidischen Periode wurde Assur noch bewohnt und mit Neubauten versehen.

Am nördlichen Hochrande der Stadt also wohnten die Götter Assurs in Hoch- und Tieftempeln, in luftigen Turmgemächern oder in dunklen Hofzimmern und blickten auf die Stadt hernieder und weit über sie hinaus in die Ebene: Assur, der König der Götter, der assyrische Nationalgott, Anu und Adad, die Götter des Himmels und des befruchtenden Regens, Enlil, der „Herr der Länder“, Sin und Schamasch, der Mond-und Sonnengott, und Ischtar, die weibliche Erscheinung der Gottheit schlechthin, die „Herrin der Götter“ und „Muttergöttin“. Hoch ragten die zinnengekrönten Fassaden ihrer Tempel und über die flachen Tempeldächer noch hinauf die Terrassen der Ziggurats. Die Wände waren mit vertikalen Rillen orgelpfeifenartig rhythmisiert und mit Schmelzfarbenziegeln strahlend gemacht. Die Stadt war durch eine zinnenbekrönte Turmmauer geschützt, die gegen die nach Süden und Westen offene Landseite doppelt gezogen war, ein frühes Vorbild der heute noch existierenden Landmauer Konstantinopels.

Doppelt waren daher auch die Stadttore, innere und äußere. Eng waren die Gassen der Stadt. Die Wohnhäuser waren aus Lehmziegeln gebaut, flach gedeckt, mit Vorhof und Innenhof, die durch das Männer gern ach getrennt waren. Die Wände waren rot gestrichen und von schwarz-weißen Streifen begrenzt. hi Nischen befanden sich die Altäre für den häuslichen Kult. Im inneren Hof mit den umliegenden Räumen lebte die Frau des Hauses mit Kindern und Dienerschaft. Ihr Wohn-raum glich in Größe und Einrichtung dem Männergemach und war umgeben von Bade- und Schlafzimmern und Nebengelassen. Der einfache Mann mußte sich mit einem kleinen Haus mit Hof und Wohnraum begnügen. Hohe Lehnstühle mit Kissen, Schemel und Bänke dienten als Sitze, Liegestätten mit gekurvtem Ende als Ruhelager. Die Fußböden waren mit Matten oder Teppichen belegt. Nachts genoß man die Kühle auf dem Dach und deutete die Sterne, aus denen die Götter herabzublicken schienen.

Die Tempelfronten erstrahlten im Glänze der farbig emaillierten Ziegelbilder: Löwen und Sphinxe sowie geschichtliche Darstellungen, zum Teil neue Einführungen des Zeitalters Sanheribs (705 — 681) schmückten die Wandsockel. Die Alabasterplatten der nördlichen Residenzen waren hier durch glasiertes Ziegelmosaik ersetzt, dessen Heimat Babylonien war. Die Kriegszüge, Belagerungen und Tributzüge waren in dieser neuen, farbenfreudigen Technik hergestellt. Wie noch zweieinhalb Jahrtausende später an den persischen Moscheen, gab es hier schon weiße Inschriften auf türkisblauem Grund. Und wie dort noch, wurden auch hier schon Schwarz, Gelb und Dunkelblau als Farben bevorzugt. Das Innere der Tempel bestand aus mehreren Höfen mit anhegenden Breiträumen.

Der Kultraum der Götter lag nach Art der altmodischen Wohnräume vergangener Generationen mit der Breitseite am Hofe, oft zwei Räume hintereinander. Das Kultbild aber stand nicht am Ende der Mittelachse, wie es sonst allgemein üblich war, sondern in einer Nische der Schmalwand. Diese Verwinkelung der Achsen war eine Eigenart der assyrischen Architektur.

Wie in allen vorderasiatischen Kulten wurde auch hier am Neujahrsfest das jährliche Sterben des Gottes und seine Wiedergeburt gefeiert. Unter klagenden Hymnen trug man das verhüllte Gottesbild in feierlicher Prozession vom Assur-Tempel hinab zum Wasser und von da hinaus zum Festhaus. Ihm folgten, begleitet von der Priesterschaft, die Bilder aller anderen Götter aus der Stadt. Der Tigrisarm war ein willkommenes Symbol für den Fluß der Unterwelt. Alle Götterbilder, Assur voran, wurden unter goldfunkelnden Baldachinen in Boote gestellt, die auch Priester und Priesterinnen bestiegen, und lautlos glitt nun die Bootskarawane auf dem ruhigen Wasser zum Festhaus. Dort angelangt, bewegte sich die Prozession in das Innere, einen baumbestandenen Hof, und die Götterbilder wurden von den Priestern in den ihnen zu geordneten Räumen aufgestellt. Dieses Festhaus war eine Neuheit in Assyrien und unterschied sich vom assyrischen Tempel durch die axiale Anordnung aller Räume. Sanherib, der im Jahre 689 das rebellische Babylon zerstört hatte, übertrug den Kult des „besiegten“ Marduk, des Hauptgottes Babylons, nach Assur und beschenkte damit den assyrischen Nationalgott, dessen Macht dadurch bedeutend verstärkt wurde. Gott Assur-Marduk erhielt nun auch eine Kultstraße, wie Marduk sie in Babylon hatte, und ein Festhaus.

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal
Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen
Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.
Die Not ruft den Erneuerungs willen des Volkes wach.
Martin Luther, der Reformator.
Volkskämpfe im Schatten der Reformation.
Der Kampf deutscher Fürsten gegen Kaiser und Papst.
Glaubenskämpfe in anderen Ländern Europas.
Am Glaubensstreit geht das Reich zugrunde.
Der Dreißigjährige Krieg (1618—1648).
Randstaaten werden Weltmächte.
Ein neues Deutschland ersteht.
Um die Herrschaft über Europa und die Welt.
Wiedergeburt und Befreiung des deutschen Volkes.
Das deutsche Volk will die Einheit.
Bismarck errichtet das neue Reich.
Das Reich unter Kaiser Wilhelm II.
Im Weltkrieg unbesiegt.
Die Schmach von Versailles und die Republik