Die Post im Innern Afrikas


Der Durchschnittseuropäer, der gewohnt ist, auf seinem Frühstückstisch seine Post und tägliche Zeitung vorzufinden, empfindet es sehr unangenehm, wenn diese versehentlich einmal ausgeblieben sind. Er glaubt, ohne seine Zeitung nicht leben zu können, und unbedingt über alle Vorkommnisse der Welt sofort unterrichtet sein zu müssen. Anders der Afrikaner, der weit draussen irgendwo im Busch der Menschheit und dem Vaterlande wertvolle und mühselige Pionierdienste leistet. Die Ereignisse der zivilisierten Welt sind ihm in eine andere Perspektive gerückt. Er hat den Neuigkeitshunger des Europäers abgetan und ist gewohnt, bei Nachrichten aus der Heimat um Wochen oder Monate zurückzurechnen und mit philosophischem Gleichmut an „aktuelle Tagesfragen“ heranzutreten. — Und doch gibt es im Leben jedes Weissen in Afrika, mag es sonst noch so einförmig und gleichmässig dahinfliessen, einen von Zeit zu Zeit wiederkehrenden Moment, in dem seine Pulse schneller schlagen. Das ist das oft unvermutete Erscheinen der Post aus der Heimat. Unvergesslich wird jedem, der sich einmal auf langer Expedition oder auf entlegener Station im Innern befand, das freudige Gefühl sein, das der Anblick des staubbedeckten Postträgers in seiner Brust hervorruft, und zwar umsomehr, je länger die Post vorher ausgeblieben war. — Mit einer gewissen Andacht wird jeder noch so unwichtige Brief immer wieder gelesen, umgewendet und betrachtet und dann noch einmal gelesen, und jedes Stückchen Zeitungspapier, mag es auch schon Monate alt sein, wird förmlich verschlungen und fast auswendig gelernt. — Die schwarzen Buschgefährten, die schon so viel Wunderliches an ihrem weissen Herrn beobachtet haben, betrachten mit kopfschüttelndem Staunen das merkwürdige Gebahren ihres Gebieters, der durch einige mit krausen Schriftzeichen bedeckte Stücke Papier in eine merkbare Seligkeit versetzt ist, die auch auf sie in Form von Geschenken ihren Abglanz wirft. — Belustigt und erstaunt betrachten sie dann die illustrierten Zeitungen und fällen manche spassige Kritik. Besonders interessieren sie gewöhnlich die Bilder von europäischen Frauen, welche die meisten nur vom Hörensagen kennen und die so merkwürdige Hüte auf dem Kopf tragen. Endlose Fragen werden dann dem gerade gut aufgelegten Herrn vorgelegt und er beantwortet willig die intelligenten und die dummen.

In den deutschen Kolonien ist der Postdienst streng geregelt und die auf den Stationen weiter im Innern sitzenden Europäer erhalten die Post von der Küste durch Träger zugesandt. In Togo ist es die vornehmste Pflicht eines jeden Dorfhäuptlings, für die umgehende Weiterbeförderung des Postsackes zum nächsten Dorf zu sorgen. Die Träger laufen Tag und Nacht so schnell wie möglich und es sind strenge Strafen auf eine Verzögerung der Beförderung gesetzt. Dank dieser Einrichtung funktioniert der Postdienst denn auch tadellos, und die Eingeborenen wetteifern miteinander in schnellen Märschen, sobald es die Uebermittlung von Nachrichten der Europäer gilt. Schwieriger gestaltet sich eine Expedition, die sich in unerforschten Gebieten vorwärts bewegt. Sichere Leute, die Mut genug haben, das unsichere Neuland mit feindlichen Stämmen zu betreten, sind manchmal schwer aufzutreiben, und öfters passiert es, dass der Bote,nachdem er den grössten Teil des Weges zurückgelegt hat, vielleicht wochenlang beständig marschiert ist, umkehrt, weil er nicht wagt das Gebiet eines Stammes zu betreten, dem Gelüste auf Menschenfleisch nachgesagt werden. Er marschiert dann lieber seinen Weg Tag für Tag zurück, um seine Briefe getreulich in die Hände des Auftraggebers zurückzulegen, obwohl er nur wenige Tagemärsche von dem Adressaten entfernt war, der sich nun noch einige weitere Monate in Geduld fassen muss. Dabei wird der Träger der europäischen Post im allgemeinen von den Eingeborenen durchaus respektiert und gern verpflegt. Das erklärt sich durch den abergläubischen Schauder, den jeder Schwarze im Innern vor einem beschriebenen Blatt empfindet. Der primitive Mensch, der selbst vom Schreiben keine Ahnung hat, bewundert diese Art der Höherstehenden, sich durch ein bekritzeltes Stück Papier inhaltsvolle Worte mitzuteilen, die der Empfänger ebensogut versteht wie der Absender. Das weiss natürlich unser Postbote gehörig auszunutzen. In ganz Afrika ist der Ueberbringer eines Briefes unantastbar. Der Briefbote trügt den Brief an der Spitze einer oben eingekerbten Bambusstange und schwenkt dies Zeichen seiner Würde schon von weitem bei jeder Begegnung über seinem Haupte. Er ist dann ziemlich sicher, unbelästigt seine Strasse ziehen zu können, und in den Dörfern, wo er Rast hält, achtungsvoll bewirtet zu werden. Deshalb verlangt z. B. der Eingeborene in Togo, der mit einem noch so unbedeutenden Auftrag fortgesandt wird, immer vom Weissen: „Gib mir ein Szebe“ (Brief). Ab und zu kommt es natürlich auch vor, dass ein derartiger Szebe missbraucht wird; so erlebte ich in Togo eine spassige Episode, wo ein Hosennigger von der Küste, der gut Deutsch sprach, von den Leuten des Dr. Kersting ergriffen worden war. Der Bursche bereiste die Dörfer des Hinterlandes und gab vor, von den Weissen beauftragt zu sein. Dort holte er einen primitiven Stereoskop-Apparat hervor, in den er die neugierigen Buschneger hineinblicken liess. So zeigte er den verständnislos Grinsenden: die Leipziger Strasse in Berlin, das Königliche Schloss, das Aufziehen der Schlosswache usw. Nachdem alle hineingesehen hatten, verlangte er Bezahlung dafür. Flint Bilder kosten 5 Pfennig laut Szebe des Weissen. In Ostafrika ist es fiüher manchmal vorgekommen, dass getriebene Küstenneger unter Berufung auf irgend ein wertloses Stück Papier Steuern eintrieben. Sehr wichtig für die Postbeförderung sind die Flüsse. Die Postboote legen an einem Tage viellach das Dreifache zurück wie ein Träger, und grössere Lasten können auch auf diese Weise bequemer befördert werden. Diese Art von Beförderung ist zwar schneller, doch nicht ganz zuverlässig. Es kann passieren, dass ein solch einfaches Eingeborenenboot einmal scheitert und die Postsäcke in der verständnislosen Gesellschaft der Krokodile und Nilpferde sich wieder finden. Bisweilen gelingt dann mit vieler Mühe die Bergung der Briefschaften, und der erfreute Empfänger, der nun doch noch in den Besitz der schon verloren geglaubten Heimatspost kommt, kann interessante Studien über die Haltbarkeit der europäischen Tinten und Papiere anstellen.

Der Postbote von Südwest, den unser Bild darstellt, marschiert mit viel Bagage und Vorräten. Neben einer umfangreichen Posttasche ist er noch mit allerhand Gepäck für des Lebens Notdurft beschwert. Er scheint unterwegs nicht schlecht zu leben, denn er hat einen stattlichen Vorrat Mehl bei sich und lässt sich als grosser Herr von einem Boy noch einen halben Hammel nachtragen. Eine alte Flinte verspricht ihm auch unterwegs noch manchen guten Braten in den wildreichen Gegenden zu liefern. So zieht er gut ausgerüstet seine Strasse, vollbewusst seiner wichtigen Mission, den entlegenen Farmen die Heimatspost zu übermitteln, und eines freundlichen Empfanges überall gewiss.

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