Die Reiche der Völkerwanderung

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Die ersten Reiche von einer gewissen Dauer, die durch Nordvölker auf dem Boden des chinesischen Reiches begründet wurden, waren die der Toba, seit 430. Von einem Zweig von ihnen wurde die Gegend von Lhassa in Besitz genommen und Tibet genannt. Auf italischer Erde errichtete 476 nach dem Sturz des letzten römischen Herrschers, der seltsamer- und bezeichnenderweise Romulus Augustulus hieß, der Rugier (vergleiche Rügen) Odovakar eine Herrschaft, mußte aber kurz darauf dem Ostgoten Theoderich weichen. Die Ostgoten behaupteten sich in Italien und Hinterländern bis 560. Ihre Vettern, die Westgoten hielten Spanien bis 711. Die Franken drangen 485 in Frankreich, die Langobarden 568 in Italien und die Burgunden nach 450 in die Täler des Doubs und der Rhone ein. Im neunten Jahrhundert waren alle die Genannten so ziemlich romanisiert. Dagegen behaupteten die anderen Germanen, darunter die östlichen Franken, ihre Eigenart.

Als natürliche Rückwirkung gegen den Anprall der Völkerwanderungen sahen sich die alten Kulturstaaten genötigt, ihre kriegerische Wehr zu verstärken und überhaupt ihre Kräfte zum Widerstande anzuspannen. Ein neues Zeitalter militärischer, wirtschaftlicher und auch künstlerischer Blüte setzte bei sämtlichen alten Staaten der Kulturzone ein. Im Westen erstarkte Byzanz unter Justinian, in Persien die Sassanidenmacht unter Kosrau Anoscharwan, in Hindostan ein einheimisches Reich der Hindu unter den Gupta, endlich in China die nationale Herrschaft der Sui und der Thang. Die Feldherrn Justinians räumten Afrika von den Vandalen und Italien von den Goten; sie schlugen Slawen und Avaren zurück. Am Hofe Justinians sammelte sich ein glänzender Kreis von Juristen, Baumeistern, Theologen und Geschichtsschreibern. Auf seine Anregung hin wurde das Corpus Juris zusammengestellt und die herrliche Hagia Sophia errichtet. Procop schrieb seine Geschichten, die in unseren Tagen zu den vielgelesenen Romanen Felix Dahns den Stoff liefern sollten. Gleichzeitig veranlaßten dieSassaniden eine Zusammenstellung der altpersischen Heldenlieder, des Schahnahme, des Königsbuches, das später dem Dichter Firdusi die Grundlagen zu seinem weltberühmten Epos geben sollte. Khosrau hielt ein internationales Religionskonzil ab, bei dem Zarathustrier, Christen, Juden und, wie es scheint, auch Buddhisten zu Worte kamen. Schon flössen buddhistische Legenden in die christliche Welt hinüber. Der Bodhisatwa selber (ein Beiname des Buddha) wurde als heiliger Joasaph in den Heiligenkalender der Christenheit aufgenommen.

Hier ist einer Wanderung zu gedenken, die unblutig verlaufen ist, die aber größere Wirkungen gehabt hat, als so manche Schlacht. Ich meine die Wanderung der Legenden und Märchen. Von Persien aus ergoß sich ein breiter Strom von Legenden nach Europa, wie auch nach östlicheren Ländern. Am bekanntesten ist davon der Alexander-Roman und die Graalslegende geworden. Auch für die Geschichten von Tausend und einer Nacht hat, neben ägyptischen und arabischen Vorbildern, Persien den Hauptstoff geliefert. Das einzige Land, das auf diesem Gebiete vielleicht noch mehr geleistet hat, war Indien. Die indische Sammlung Pantscha – Tantra jlhat deutschen und englischen Kindern, hat Japanern und Siamesen ihre Märchen geliefert. Die Wanderung des Pantscha-Tantra, der Mär von Genoveva und anderer Geschichten und ihre Übersetzung in alle möglichen fremden Sprachen begann um 500 n. Chr.

Noch etwas früher geschah die Wanderung der Zigeuner. Es sind das wahrscheinlich Dravida, die hinduisiert wurden. Sie stammen aus Nordindien und gingen von dort im fünften Jahrhundert nach Persien, um von da später (im vierzehnten Jahrhundert) sich in alle Welt zu zerstreuen.

In Indien wirkte gegen 500 einer der größten Dramatiker der Weltliteratur, Kalidasa. Er verfaßte die Sakuntala und den Mega -dhuta, den “Wolkenboten“. Beide Stücke werden gelegentlich noch heute an deutschen Bühnen aufgeführt. Sakuntala wurde von Goethe mit höchstem Lobe bedacht und hat ihm zur Einleitung des Faust wertvolle Anregungen gegeben.

Auch China erlebte eine Renaissance. Namentlich blühte Theologie und Poesie. Ein leichtsinniger Dichter der Liebe und des Weines war Li-Taipe. Östliche Bilder stellen ihn gern dar, wie er, von Freunden unterstützt, im Rausche dahintaumelt.

Der Aufschwung der alten Reiche dauerte jedoch nicht allzu lang. Neue und immer neue Barbarenvölker rückten nach und pochten an die Pforten der Kulturreiche. Wir wollen nun einmal die neuen Rassen, die jetzt auftauchen, vor unseren Augen vorbeimarschieren lassen.

Da waren zunächst die Uralaltaier. Zu ihnen gehören die Finnen, die Türken, die Mongolen, die Tungusen und halbwegs die Koreaner und Japaner. Am mächtigsten werden die Türken. Sie schweifen nach 550 bis Konstantinopel, bis zum gelben und bis zum Eismeer. Um dieselbe Zeit wird Japan zu einem großen Teile chinesiert.

Vorübergehend sind die Reiche der jüngeren Kasstämme. Zu ihnen gehörten die Avaren, die von 600 bis 800 den größten Teil Osteuropas nebst Böhmen und Strichen in den Alpen und Oberitalien beherrschen. Auf ihren entfernteren Streifzügen kommen die Avaren bis an die Südspitzen der Balkanhalbinsel und Italiens. Die Hyrkaner gründen ein Reich zwischen dem Kaspisee und indischen Ozean, die verwandten Georgier eine Herrschaft, die zeitweilig vom Schwarzen Meer bis an den AraraP reichte.

Gemischt sind die Magyaren, die seit 860 auftreten. Ihren Kern bilden finnische Horden; dazu traten Tscherkessen und Türken.

Die Staatswesen von zwei Kasstammen behaupteten sich bis zur Gegenwart, von den Bulgaren und den den Tscherkessen verwandten Tschechen. Nur wurde in beiden Fällen der Herrenstamm slawisiert.

Seit rund 550 erscheinen die Haufen der Slawen. Sie drängten nach der Elbe und über die Donau. Sie ergossen sich in die Balkanhalbinsel und gründeten dort eine zusammenhängende Reihe von Niederlassungen, die wie ein Querriegel Griechen und Albaner und byzantinische Bildung gegen die Germanen absperrte. Die Slawen zeigten keine staatsmännischen Anlagen. Ihre ersten Reiche wurden ohne Ausnahme durch Angehörige von Fremdrassen gegründet, im Osten vorzugsweise durch Germanen.

Die erste Hälfte der germanischen Wanderung war nun vorüber, allein die Bewegung dauerte noch immer fort. Angeln, Sachsen, Friesen und Jüten zogen sich nach den britischen Inseln, und die Bayern stiegen in die Hochtäler der Alpen und dann hinab zu den Ebenen von Friaul und Istrien. Die Langobarden setzten ihre Wanderung weiter fort, bis nach Süditalien. Im siebenten und achten Jahrhundert bahnte sich eine neue Ausdehnung der Franken an. Zugleich begannen die Wikingerzüge der Nordgermanen, der Skandinavier. Die frühsten fallen schon in das sechste Jahrhundert; die eigentliche Wikingerzeit beginnt 750.

Durch die Berber werden alle römischen Städte in Nordafrika vernichtet. Die Berber sind eine uralte Rasse. Sie fluten auf und fluten ab wie das Meer, aber sind auch unfruchtbar wie das Meer. Was zur Verzweiflung mich beängstgen könnte, Unsinnge Wut der Elemente.

Die Berber haben immer nur zerstören können, aber haben nie etwas von Belang geschaffen. Höchstens die marokkanische Teppichweberei mag zum Teile, namentlich auch in den farbenprächtigen Mustern, die an den bunten Wiesenteppich Marokkos im Frühling erinnern, auf der Geschicklichkeit und der Gemütsanlage der Berber beruhen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums