Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ELFTER ABSCHNITT

ZWEITER TEIL

ELFTER ABSCHNITT

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HOCHRENAISSANCE

Nach der Abendmahlzeit in Urbino — Die hohe Dame — In bunter Reihe — Emilia Pia als Spielordnerin — Die Teilnehmer der Gespräche — Seligkeit oder Schmerz — Der stille Hofnarr — Ein Deutscher im Kreis der Schöngeister — Die Frauenfrage — Das Bild der idealen Dame — Die Furcht vor der Maus — Geselligkeit als Sinnbild des Staates — Liebevolle Weisheit — Raufbold und Stutzer — Die Anmut der Kraft — Schachspiel — Das befreite Auge — Drei Arten des Lachens — Abderitentum — Größe des Dilettantismus — Höchste Anstandslehre — Bembos Rede — Der Kuß — Das Entflammen der Morgenröte.

Von der Geselligkeit Urbinos möchte ich möglichst mit Castigliones eigenen Worten erzählen, da etwas einzigartig Holdes in ihnen duftet. Nach der Abendmahlzeit vernahm man in den Gemächern der Herzogin liebliche Wechselreden und anmutiges Scherzen — soavi ragionamenti e Voneste fa-cezie — und auf dem Antlitz eines Jeden war gemalt ein freundliches Heitersein — una gioconda ilaritä — in solchem Maß, daß man diese Stätte wirklich eine Herberge des Glückes hätte nennen können, und ich meine, daß niemals anderswo so durchaus die Süßigkeit des Zusammenseins lieber und liebenswerter Menschen zum äußersten gekostet wurde -— la dolcezza che da una amata e cara compagnia deriva. Allen stieg in der Seele ein vollkommenes Seligsein auf, sowie sie die Herzogin gewahr wurden, und es war, als schaffe sie eine Kette, die uns alle in Liebe aneinander schloß, also daß niemals eine solche Übereinstimmung von Willen und von Liebe unter Brüdern lebte, wie damals unter uns.

Dasselbe begab sich unter den Damen, mit denen wir freiestens doch anstandsvoll Verkehr pflegten — con le quali si aveva liberissimo ed onestissimo commercio —, denn jedem war gestattet, selbander zu reden, scherzen, lachen, sich zusammenzusetzen nach Wunsch, jedoch so groß war die Ehrfurcht dem Willen der Herzogin gegenüber, daß gerade diese Freiheit strenge Zügel anlegte — che la medesima libertä era grandissimo freno — und es war keiner, der es nicht für die größte Freude gehalten hätte, ihr genehm zu sein, und für den größten Schmerz, ihr Mißfallen zu erregen. Aus dieser Ursache vereinten sich hier anstandsvolle Sitten mit der Freiheit geselligen Daseins und alle Spiele, Scherze, die in ihrer Anwesenheit stattfanden, waren nicht nur bis aufs äußerste scharfsinnig, sondern auch anmutig und würdevoll. Schlichtheit und Erhabenheit zeichneten alle Gebärden, Worte und Handlungen der Herzogin so aus, auch wenn sie leichthin plauderte oder lachte, daß selbst wer sie nicht gekannt, sie als hohe Dame hätte ansehen müssen.

Und gleichsam drückte sich ihr Wesen in die Umgebung ein, es war, als mäßige sie alle nach ihren Eigenschaften und ihrer Gestaltung. Ein jeder fand ihr Auftreten nachahmungswert, so daß eine Gesetzmäßigkeit schöner Sitte zwanglos ausging allein von der Anwesenheit dieser vollendeten und tugendsamen Herrin — pigliando quasi una norma di bei costumi della presenza d!una tanta e cosi virtuosa signora.

Unter andern genußreichen Vergnügungen, Musik und Tänzen unterhielt man sich zuweilen damit, interessante Fragen aufzuwerfen — talor si proponeva belle ques-tioni —, zuweilen spielte man feinsinnige Spiele, die dem Schiedsrichtertum des einen oder anderen unterstanden und in denen die Anwesenden, verschleiert und unter Allegorien verborgen, ihre Verehrung dem Gegenstand derselben kundgaben.

Zuweilen entstanden Wechselreden über verschiedene Dinge, oder man hielt Wortgefecht mit schlagfertiger Schärfe, zuweilen erfand man Sinnsprüche und Devisen — imprese, come oggi chiamano. —

Diese allegorischen Spiele, in denen bezeichnende Dinge als Embleme der Gesinnung gewählt, stilisiert und mit passemden Sprüchen versehen wurden, bildeten eine der beliebtesten gesellschaftlichen Unterhaltungen und die Imprese wurden von den Damen als Vorwurf für ihre Stickereien genommen. Die Gepflogenheit ging danach, daß, sobald man sich bei der Herzogin versammelte, jeder sich niederlassen durfte nach Wunsch, oder das Los verteilte neckisch die Plätze im Kreise, da Herren und Damen möglichst in bunter Reihe Platz nahmen. Meistens waren nur mehr Herren als Damen vorhanden, auch führten die Herren bei den geistigen Turnieren das Wort, indes die Damen mit Lob und Beistimmen, sozusagen Danke erteilten.

Zur tätigen Spielordnerin, welche die Spiele leitete — governa i giochi ernannte die Herzogin ihre Schwägerin Emilia Pia, die am Hofe von Urbino eine ähnliche Rolle hatte wie Goethes muntere Leonore in Ferrara*). Lebhaft und witzig, weiß sie trefflich, leicht und doch zielsicher und energisch zu walten, so daß unbemerkt  ein stilvoller Bau des zwanglosen Gesprächs den Kunstsinn aller erfreut.

*) Emilia Pia ist die Schwester des Grafen Ercole Pio Carpi, Witwe von Guidobaldos Bastardbruder Antonio da Montefeltre.

Emilia Pia lenkt scherzend ab, wenn sich die Rede zu vergröbern droht, allein sie mahnt auch zierlich neckend, wenn ein Bembo den Rahmen des Spielerischen verläßt und sein großes ästhetisches Bekenntnis mit schwärmerischer Ekstase vorträgt. .. Leise zupft sie den Verzückten am Ärmel und mahnt ihn, auf die Erde zurückzukommen in die Mitte der Freunde, die seinem Flug nicht zu folgen vermögen*). Außer Emilia Pia erwähnt Castiglione an Damen Mar-gherita Gonzaga und Constanza Fregosa, die jedoch nur Zuhörerinnen sind und einmal durch ihre Tanzkunst die vom geistigen Schaufechten etwas ermüdete Gesellschaft erfreuen.

Die Frau Herzogin wünschte, daß Madonna Marghe-rita und Constanza einen Tanz auf führten, weshalb sogleich Barletta, der vorzügliche Musiker und Tänzer, der stets den ganzen Hof festlich erhielt, seinen Instrumentengebot und jene, einander die Hände reichend, tanzten, zuerst einen langsamen feierlichen Tanz, dann einen munter lebhaften mit äußerster Grazie zur großen Freude der Zuschauer**),

Von Herren nennt Castiglione eine stattliche Reihe, die je nach Eigenart deutlich charakterisiert Stimmen  übernehmen und durchführen. In den lettere famig-liare sagt er zum Lob der besonderen Freundesschar, die im Cortegiano redend auftritt: che in tutta Italia forse con fatica si ritrorariano altretanii Cavalieri cosi singolari, ed oltre alla principal professione della Cavalleria, cosi excellenti in diverse cose*).

*) Bembo ist Verfasser der platonischen Idylle Gli Asolani, so genannt zur Erinnerung an die Unterhaltungen im schöngeistigen Kreis der Catarina Comaro — Königin von Cypern — in deren Villa zu Asola.

**)… impose la signora Duchessa a Madonna Margherita e Madonna Constanza cht danzassero. Onds subito BarUtto musico  piacevolissimo e danzator eccellente, che sempre tutta la corta teneva in festa, comincio a suonare suoi strumenti, ed esse, pre-sesi per mano ed avendo prima danzato une hassa ballarano una rogarze con estreme grazia, e singolar piacer di chi le vide.

*) daß in ganz Italien schwerlich soviel edle Herren gefunden würden von so ausgezeichneter Art, die außer dem vornehmlichen Beruf der Ritterlichkeit sich in verschiedensten Dingen hervortun können.

Bei Gelegenheit des glänzenden Empfanges Julius II. in Urbino (1504) führt er die versammelten redegewandten Freunde ein und sie bieten in der Tat eine Reihe wunderbarer Charakterköpfe, jeder in irgend einem Beruf hervorragend, allein auch weltmännisch gewandt auf allen möglichen Gebieten, gerne nachdenklich über die Fragen, welche die Zeit bewegen. Graf Lodovico Canossa, Bischof von Tricarico und Bajons, Botschafter Franz I. bei der Republik Venedig, Federigo Fregoso, ein Neffe Guidobaldos, Erzbischof von Salerno, und später Kardinal, Pietro Bembo, den auch der Kardinalshut erwartete, Bernardo Divizio da Bibbiena, später Kardinal von Santa Maria Portico, Lodovico Pio, Sohn des Lionello Carpi, ein Verwandter der Emilia Pia, waren die feinen Prälaten des Kreises.

Zu den Laien der Gesellschaft gehörten Cesare Gonzaga, ein Vetter Castigliones, Kriegsmann, Dichter und Diplomat, Ottaviano Fregoso, Federigos Bruder, der Doge von Genua wird, ein idealer Fürst, der aber ein tragisches Ende nimmt und in Gefangenschaft stirbt. Ferner Giuliano Medici, Lorenzos dritter und liebenswürdigster Sohn. Aus Florenz verbannt hat er bei den gastfreundlichen Montrefeltre Zuflucht gefunden. Diese Gastlichkeit lobt Ariost in der vierten Satire: Ove col formator del Cortegiano Col Bembo e altri sacre al divino Apollo Facea Tesilio men duro e strano.

Gleich seinem berühmten Vater war ihm die Freundschaft großer Künstler vor allem wichtig und wert, er ließ sich von Rafael malen, reiste mit Lionardo nach Rom, sein Grabmal besorgte Michelangelo (er starb 1516)*).

Verschiedene Dichter treten im Cortegiano auf, Vin-cenzo Calmeta, Bernardo Accolti mit Beinamen Funico Aretino. Dieser vermißt sich deutlicher als andere wagen, der Herzogin zu huldigen, zum Beispiel in einem Sonett auf ein eigentümliches Schmuckstück, das ihre schöne Stirn ziert und den Buchstaben S darstellt. Er fragt, was für den treuen Ritter dieses S zu bedeuten habe, Seligkeit oder Schmerz mit spielerischen Wendungen über S.

Consente, o mar di belleza e virtute,

Ch’io servo tuo sia d’un gran dubbio sciolto

*) Giulianos natürlicher Sohn war jener kunstsinnige Kardinal Ippo-lito von Medici, dessen Gastfreundschaft in Rom durch ihre Großartigkeit berühmt war. Als man ihn wegen der schlechten Zeiten ermahnte, einen Teil seines Gefolges, das er nicht brauche, zu entlassen, antwortete dieser Medici: Freilich brauche ich sie nicht, aber sie brauchen mich.

L’ S quäl porti nel candido volto

Significa mio Stente o mia Salute?……*)

Giovanni Cristoforo Romano war Dichter, Musiker und außerdem Bildhauer**). Unter den eigentlichen ritterlichen Hofherren sind erwähnt Pietro da Napoli, Marchese Febus, Roberto da Bari, Morelli da Ortona. Letzterer duldet als ältester des Kreises manche Neckerei, da er noch Schwerenöter ist, pariert aber dieselben, indem er sich seinerseits über die neue platonische Mode lustig macht.

Schweigsam scheint sich Fra Serafino verhalten zu haben, ein pfiffig behaglicher und gefräßiger Mönch, der etwas als Hofnarr gegolten haben mag, dessen derbe Lustigmacherei aber nicht aufkam, wo geistvolle Schöngeistigkeit ihr Feuerwerk an Witz ausgab. Dagegen führte der scharf satirische Gasparo Palla-vicino, ein Edelmann aus der Lombardei eifrig und oft sehr unterhaltsam das Wort, indem er ähnlich wie Merk in der Gesellschaft von Weimar den Mephisto spielt als Geist, der stets verneint, der allen konventionellen Annahmen widerspricht und revolutionäre Ansichten mit Spott um die feinen Lippen und wohl manchmal mit Augenzwinkern vertritt, denn ihm ist hauptsächlich darum zu tun, die Kontroverse zu spornen und zu entflammen.

*) Geruhe, o Meer der Schönheit und Tugend,

Daß ich, Dein Diener, von großem Zweifel befreit sei;

Das S, das Du auf weißer Stirne zur Schau trägst, Bedeutet es mein Elend oder mein Heil?

**) Von ihm stammt das Grabmal des Galeazzo Visconti in der Certosa von Pavia.

Besonders als er sich erkühnt, die Damen immer wieder anzugreifen, entsteht das ernsteste Lanzenbrechen des geistigen Turniers. Gleich darauf reicht er einer seiner Feindinnen graziös die Hand zum Tanze. Viel überzeugungstreuer in der Weiberfeindschaft ist der einzige Fremde in dem sonst durchaus italienischen Kreis Nicolo Frisio (Friesen) Diplomat im Kaiserlichen Dienst bei der Ligue de Cambray, dann Kavalier im Gefolge des Kardinals von Santa Croce. Bembo hatte sich mit ihm befreundet und ihn wahrscheinlich nach Urbino gebracht als guten deutschen Idealisten, denn er behauptet, dieser Renaissancediplomat sei d’una bonta e lealta singolare gewesen, außerdem rühmt er seinen Anstand: uomo germano, ma avezzo a costumi della Italia. Hatte Frisio die geselligen Sitten Italiens feiner Kreise angenommen, so wurmte den uomo germano doch die hervorragende Stellung, welche die Dame hier einnahm und bei Gasparos scherzendem Scheinangriff und Fregosos Zitaten aus frauenfeindlichen Philosophen tut er allen Ernstes mit. Er wagt angesichts der Quintessenz eleganter Geistigkeit und schmuckvollen Auftretens der lieblichsten aller Renaissanceprinzessinnen zu behaupten, das Weib gehöre in die Küche oder an den Spinnrocken, und dieser Auftritt ist von Castiglione höchst spaßhaft erzählt.

Seit der gotischen Zeit war die Frauenfrage eine brennende Frage, leidenschaftlich hin und wieder verfochten, bald mit schwerfälligen, bald mit feinen Zitaten. Castiglione benützt sie zu einem Intermezzo, das man mit einem musikalisch witzigen Satzbau, mit einer Motette vergleichen könnte, in der sechs Stimmen einhergehen, streitbar werden bis zu burlesken Motiven und endlich beruhigt in eleganter Kadenz zusammensinken.

Frisios brummige Uberzeugungstreue bildet in dieser Komposition eine Art basso continuo. Er ist der einzige aufrichtige Frauenverächter und bewies es auch später, indem er sich in ein Kloster zurückzog. Die anderen Frauenlästerer geben sich gerne besiegt durch das begeisterte Frauenlob eines Cesar Gonzaga, eines Bibbiena, eines Giuliano de Medici. Vorher mußten sie sich zur Strafe gefallen lassen, daß Emilia Pia alle Damen drohend gegen sie aufmarschieren ließ, als gälte es die Lästerer zu züchtigen, wie die Sage berichtet, daß der erste berühmte Lästerer Jean de Meun von ihnen gezüchtigt wurde. Seitdem wogte ja der Kampf erbittert für und gegen die Frau. Italien und Spanien blieben schließlich der ritterlich romanischen Auffassung mehr oder weniger treu, Frankreich war in zwei Lager geteilt, da es einerseits von Italien beeinflußt wurde, andererseits von den Niederlanden und Deutschland her, wo jene nüchterne Ansicht herrschte, wie sie Frisio vertrat, und eine poetisch-mystische Herrschaft der vollendeten Dame außerhalb des Begreifens und Erlebens lag. Mit gelassenem Lächeln hat Herzogin Elisabetta dem bewegten Zwischenspiel gelauscht, sie macht ihm mit dem Vorschlag ein Ende, in Gedanken eine ideale Dame zu malen, im stilvollen Paradiesgärtlein echter cortigiania, dem Adam dieser höchsten Bildung eine entsprechende Eva zu gesellen.

Dieser Aufforderung gemäß entwirft Giuliano mit Bibbiena das Bild der idealen Dame, für die zu schwärmen zur Schönheit begeistert, so daß solcher Minne das Lob werden kann: Impossibile e che nel cuor cl’uomo, nel quäl sia entrato una volte fiamme d’amore, regni mai piü viltä. (Es ist unmöglich, daß in männlicher Brust, wo einmal die Flamme echter Liebe geleuchtet, je Niedrigkeit herrschen kann.) Höfliche Kämpfer lernen und gewinnen voneinander, brutale zerstören gegenseitig, so daß der Sieger ebenso besiegt ist wie der Besiegte. Weltanschauungen lernen auch voneinander, wenn sie höflich kämpfen. So wird die Verschrobenheit des Frauenlästerers wahrscheinlich abgeschliffen und gemildert aus dem Redekampf hervorgegangen sein, indes die Schwarmgeisterei des allzu sentimentalen Ritters eine Kur durchmacht, die ihn daran hindert in süßliche Unausstehlichkeit zu versinken.

Die bewegte Szene, die von den Damen, ihren Rittern und ihren Lästerern aufgeführt wurde, endet den zweiten Abend der Gespräche, die in vier Bücher oder Gespräche an vier Abenden eingestellt sind. Ebenso lebendig wirkt der Schluß des ersten Abends. Ähnlich dem schönen Alkibiades bei Platon erscheint der junge Francesco Maria della Rovere mit fröhlichem Lärm und Fackeln, da er seinem Oheim Julius II. Geleit gegeben und in seiner Abwesenheit das schöngeistige Fest angefangen hatte. Man teilte dem Verspäteten mit, wie dies neue Spiel entstanden sei, das darin bestehe, einen vollendeten Weltmann redender Weise zu bilden (formare). Gaspare Pallavicino und andere hatten zuerst Fragen aufgeben wollen, wie sie wahrscheinlich schon an manchem Minnehof erwogen waren, etwa welche Tugenden und welche Fehler am geliebten Gegenstand wünschenswert, welcher Narreteien Liebende fähig seien und dergleichen mehr, dazwischen hatte der burleske Mönch Fra Serafino behäbig schmunzelnd aufgefordert, ernstlich in Betracht zu ziehen, warum sich die holden Herrinnen stets vor Mäusen fürchten.

Man beschloß jedoch, da so viele der ausgezeichnetsten Köpfe Italiens zusammengekommen die angeregten Abendstunden einem Spiel zu widmen, bei dem jeder Anwesende dazu beitragen solle, festzustellen, welche Vorzüge den vollkommenen cortegiano auszeichnen müßten. Daß er eine wertvolle Persönlichkeit sei, ist ausschlaggebend für Wohl und Wehe der Regierungen. Wenn der Hofmann sich selbst erzieht, erzieht er seinen Fürsten, indes der unedle Begleiter ihn verzieht und verdirbt. Regierung ist nicht Schicksal, der Mensch ist dazu berufen, sein Staatsoberhaupt und somit seinen Staat zu erziehen, indem er Selbsterziehung übt, eine strenge Zucht, die aber von ästhetischem Geschmack gemildert jede Pedanterie ausschließt. Tägliche Erfahrung, nicht Theorie ist den Staatsgeschäften nütze, nicht nach öder Theorie und nicht nach Laune darf regiert werden, sondern nach Liebe, die Weisheit ist.

Vorbildlich wirken sollen die Nächststehenden des Fürsten, sie müssen die Wichtigkeit edler Muße kennen und ihn davor bewahren, ein nüchtern liebloser Pflichtmensch oder ein leichtfertiger Vergnügungsjäger zu werden. Liebevolle Weisheit macht natürlich geneigt zum Guten und Nützlichen, zwanglos folgt ihr der also Geneigte, er ist der Vernunft anhänglich wie das Lämmchen der Mutter folgt auf Schritt und Tritt …. non sforzando Fanimo ma infondendogli per vie placidissime una veemente persuasione ehe lo inclina alla onesta, lo rende quieto e pien di riposo, in tutto uguale, e da ogni canto composto d’una certa concordia con se stesso — ed in tutto diviene obenditissimo alla ragione, pronto — a seguirla ovunque condur lo voglia — come tenero agnello che corre stara sempre presso alla madre.*)

Wie aber zu liebevoller Weisheit gelangen? Diese Frage wird von verschiedenen Seiten, bald im Emst, bald im Scherz beleuchtet. Trotz seiner geistlichen Würde tritt Graf Canossa zuerst für körperliche Vorzüge und Fertigkeiten ein, unerläßlich erscheinen ihm die Tugenden des Kriegs- und Sportsmannes. Wohl erwidert Bembo, die ausschließliche Wertung des Waffenhandwerks sei für den vornehmen Mann überwundener Standpunkt, so hoch die Seele über dem Leib stehe, so hoch erhaben seien alle Übungen des Geistes (/e buone lettere wie man zur Renaissancezeit die Geisteswissenschaft zärtlich nannte) über die gepriesenste ritterliche Übung und Kriegskunst zu stellen.

*) Die Seele nicht zwingend, allein ihr auf sanftestem Wege eine unwiderstehliche Neigung zum Guten einfloßend, eine Neigung, die gelassen ruhig macht, in allem gleichmäßig und nach allen Seiten bestehend aus einer gewissen Harmonie mit sich selber und in allem bereit, der Vernunft zu folgen, wie das Lämmchen der Mutter.

Er muß sich die neckische Abfertigung gefallen lassen, daß bei einem Zusammenstoß der Ritter des Schwertes und des Geistes letztere für ihre Verachtung der Muskeln schwer büßen müßten. Man kommt aber überein, daß ritterliche Übungen nur zur Vorstufe der Bildung gehören, allerdings insofern unentbehrlich, als sie den physischen Mut fördern, ohne den auch geistiger oder seelischer Mut schwer denkbar sei. Todesverachtung hat von jeher den Herrn über den Knecht, den Edlen über den Unedlen erhoben, freiwillig gern einer Gefahr ins Auge zu sehen, gehört zum Adel der Menschheit.

Durchaus zu verachten ist der brutale Raufbold und der lächerliche Matamor, der sich selbst in Damengesellschaft seiner Kriegsschrecklichkeit rühmt, er gehört in die Rumpelkammer zu rostigen, veralteten Rüstungen. Die Kraftmeierei des Nur-Sportshelden ist zu vermeiden, wenn es auch für den Kavalier empfehlenswertbleibt, Geschicklichkeit im Lanzenstechen, Ballspielen und dergleichen zu gewinnen, besonders in der edlen Reitkunst. Canossa geht soweit, das Voltigieren am Pferde zu empfehlen, das damals in Italien zu den nationalen Ritterspielen gehörte, weil es ein bei spettacolo für Damen bilde und stärkste, anmutigste Beherrschung der Körperkraft zu zeitigen vermöge.

Widerraten wird, sich einer dieser Geschicklichkeiten so ausschließlich zu widmen, daß für nichts anderes Interesse bleibt oder akrobatischer Virtuosität nachzustreben. Als verächtlich verurteilt Canossa das gegenteilige Extrem gewisser weibischer Stutzer, die es für elegant hielten, möglichst schmachtend und zart zu tun, die sich nicht nur zierlich die Haare lockten, sondern gleich den Damen künstlich sanften Ausdruck verliehen durch Beseitigung der Augenbrauen und die in jeder Bewegung, im Gehen, Stehen und Sitzen sich so lässig affektiert benahmen, als fielen ihre Glieder auseinander, dabei so melancholisch lispelten und seufzten, als entschwebe ihnen gerade der letzte Seufzer.

Solche Affektation ist die größte Feindlichkeit jener wahren Anmut, die aus dem Maße der Gesundheit und der zweiten Natur gewordenen Selbstbeherrschung entspringt. Überlegene Grazie ist die Quintessenz wahrer Vornehmheit. Cesare Gonzaga, der Ritter und Dichter widmet ihr schöne Worte. Ihre Wichtigkeit ist in der Tat sehr groß, nichts kann sie zerstören, verunglimpfen oder rauben, ohnmächtig ist jede Art von Pöbel gegen den von ihr verliehenen Adel. La grazia e condimento cPogni valore. Chi ha grazia e grato. (Anmut ist Würze jeden Wertes. Wer Grazie besitzt, ist bei allen in Gunst.) Törichte äußerliche Nachahmung kann nur lächerlich wirken. Denn Grazie läßt sich nicht mühsam hervorbringen, ja es gehört zu ihr eine gewisse sprezzaturaf nämlich eine liebenswürdige Lässigkeit, die von Sicherheit in allen Regeln des Benehmens gezeitigt wird. Ihr verdanken körperliche Vorzüge den Ausdruck unnachahmlicher Eleganz und nicht etwa modisch stutzerhaften Bemühungen, wie Spiegelchen im Innern der Kappe um Rat zu fragen oder den Kamm im Ärmel stecken zu haben oder die Begleitung eines Pagen, der Schwamm und Bürste nachträgt. Genau so wünschenswert als das Ebenmaß der Erscheinung ist, das sein Außeres und sein Betragen auszeichnet, gilt das Ebenmaß geistiger Bildung, das der Cortegiano offenbaren soll. Er beherrsche mit Anmut seine eigene Sprache, sowie moderne fremde Sprachen, namentlich die spanische und französische. Er kehre sich nicht daran, wenn altmodische Gesellschaft, wie etwa noch ein großer Teil des* Adels in Frankreich humane Bildung bespöttelt und verachtet. Denn die geistigen Schätze, die sie bietet, sind die großmütigste Gabe Gottes an die Menschen.

Le lettere le quali veramente da Dio sono state agli uomini concedute per un supremo dono. Sie allein verleihen Menschenwürde und deren Königskrone, den Nachruhm — vita famosa, quasi perpetua, la quäle, a dispetto della morte, viver fa piü chiaro assai che prima. (Ruhmgekröntes Leben, fast unsterblich, denn dem Tode zum Trotz gibt Ruhm dem Leben Schönheit, die überdauert.) Der redende Bildner des Cortegiano erklärt die Unentbehrlichkeit humanistischen Wissens, doch bloße Ansammlung von Kenntnissen genügt nach seiner Ansicht nicht, eine Persönlichkeit zu festen: Ich schätze den allein für einen Meister der Tugendder den Willen hat, gut zu sein und wenn solcher Wille ernstlich vorhanden ist, braucht es keiner zueiteren philosophischen Regeln. Außer der Güte ist die Hauptzierde des Gemüts die Kenntnis humaner Bildung. (Ed io estimo quel solo esser vero filosofo morale, die vuol esser buono, ed a ció gli bisognano pochi altri precetti, che tat volontä — Oltre alla bontá il vero e principal ornamento deiranima sono le lettere.)

Darum soll der Weltmann nicht nur die lateinische sondern auch die griechische Sprache beherrschen, um der göttlichen Dinge teilhaftig zu sein, die sie bietet. Uber Kunst sei er wohlunterrichtet und womöglich so weit darin geübt, daß er zu spielen, singen und tanzen versteht in den Grenzen des guten Geschmacks und dadurch diese Grenzen seinem Fürsten stets vor Augen halte sowie der am Hof versammelten Gesellschaft.

So wird die Unterhaltung stets die nötige Heiterkeit und Entspannung bieten nach ernstem Geschäft und nie in Roheit und läppisches Tun entarten. Gebührende Schelte erhält an dieser Stelle der modische Geck, der sich buon compagno nennt und es für nobel hält allerlei Unfug zu treiben, mit Damen ungezogen zu sein und bei Tisch mit Brocken um sich zu werfen. Selbst harmlose Spiele soll der Gebildete nicht übertreiben. Zwar sei das Schachspiel eine liebenswürdige und bedeutende Unterhaltung — gentile interteminento ed ingegnoso, allein man könne behaupten, daß gerade hier Mittelmäßigkeit lobenswerter sei als Meisterschaft, denn die allzu ausschließende Beschäftigung, die zur Meisterschaft führe, mache die Spieler einseitig verbohrt, wie gewisse Spanier, die sich vollständig fanatisch nur auf das Schachspiel verlegen. Notwendig für den Vornehmen, dem es obliegt, Kenner und Gönner der Kunst zu sein, ist Übung im Zeichnen. Ja, ohne solche Übung, die das Auge von Blödigkeit befreit und es erst eigentlich wissend, das heißt, sehend macht, ist vollendete Vornehmheit gar nicht möglich. Man erinnere sich, daß in Griechenland die Kinder der Freien zeichneten, indes die Übung dieser Kunst den Unfreien verboten war. Die bildenden Künste edel zu erhalten, gehört zu den wichtigen Aufgaben der Vornehmen, es ist Frevel, wenn sich gemeiner Pöbel daran vergreift.

Nunmehr entspinnt sich die für Renaissancemenschen äußerst wichtige Frage, wie sich der cortegiano Witz und Scherz gegenüber verhalten solle. Ihm liegt es ja ob, den Fürsten heiter und daher gelassenen Gemütes zu erhalten. Wie weit darf er sich dabei des Humors bedienen? Auch hier empfiehlt Castiglione durch den Mund seiner Freunde richtiges Maßhalten, die Mittelstraße oder mediocrita. Nicht als griesgrämiger Mentor und Spielverderber soll der cortegiano wirken, aber ebensowenig ein gefälliger Wilzbold oder Gelegenheitsmacher für billige Witzbolde sein, wohl aber soll er ein befreiendes oder strafendes oder das Lächerliche deutlich machendes Lachen wie ein würziges Heilkraut pflegen. Um recht klar zu legen, wie dies geschehen kann, wird eine kleine treffende Abhandlung über das feinkomische in seiner gesamten Betätigung gebracht mit der scharfen Definition an ihrer Spitze: lachhaft ist, was schlimm scheint, aber nicht ist.

Bernardo Bibbiena, der erste Lustspieldichter seit dem Altertum urteilt: si ride di quelle cose che han discon-venienza, e par che stian male, senza perb star male. Am gesündesten lacht man über Sachen, die glücklicherweise nicht wahr sind, aus Freude, daß sie nicht wahr sind, aus Entspannung über einen Schrecken, der aber nur gelinde sein darf. Es ist dies die ursprünglichste Operation des Lachens, wie man unwillkürlich lacht, wenn man hinfällt, ohne sich wehe zu tun. Feinkomische Effekte, die dem gebildeten Mann zu erzielen erlaubt sein mögen, werden hervorgebracht durch drei Arten von facezie. Erstens der humorvollen Erzählung einer Novelle, bei der auch Mimik und Nachahmung wirken mögen, sie kann elegant und nützlich münden in geistvoller Parabel. Eine zweite Art, die plötzlich unwiderstehlich Lachlust erregt und zuweilen nützliche Kritik enthält, ist der kurze, schlagfertige Witz di subito e aguta prontezzat che consista in un detto solo, und eine dritte ist die burla, welche die beiden früheren Arten vereinigt und mit improvisierter Komödie verbindet.

Die Hauptschattierungen dieser drei Arten illustriert Bibbiena mit einem Reichtum von Exempeln, die seine Zuhörer in heiterste Laune versetzen. Einige sind heute noch spaßhaft, so die Geschichte des Florentiners, der zur Zeit, als Florenz nach dem Krieg in Geldnot stak, feierlich meldete, er habe entdeckt, wie den Finanzen aufzuhelfen sei. Da die Stadt ihre Einnahme hauptsächlich vom Zoll erziele, der an den elf Toren erhoben werde, gelte es schnell die Zahl der Tore zu verdoppeln, denn dann wären auch die Einnahmen sofort verdoppelt. An die Geschichte des Palazzo, in dem die Unterhaltungen stattfinden, knüpft sich ein ähnlicher Ab-deriteneinfall. Man war besorgt, als das große Gebäude errichtet wurde, wohin die für die Grundmauern ausgehobene Erde zu verbringen sei. Da meldet sich Einer mit gewichtigem Rat, man möge eine große Grube machen und sie mit der Erde ausfüllen. Aber wohin mit der Erde der Grube?, erhält er verdutzte Antwort. Doch unbeirrt meint der Schlaue: Ei nun, man mache nur die Grube groß genug, da geht eines hinein und das andere auch.

Solche Witze über ungeschickte Vorschläge sind für-wahr im Munde des Cortegiano zu loben, denn ähnliche finanzielle und politische Pläne werden immer wieder gemacht und auch ausgeführt. Sie in ihrer Lächerlichkeit rechtzeitig zu beleuchten, wäre zu allen Zeiten wünschenswert. So ist der vollendete Cortegiano gegebenenfalls mit einem Witz bereit, gute Lehre zu erteilen, geschmeidig im besten Sinn, sattelfest und schlagfertig auf verschiedensten Gebieten und stets von jener überlegenen Grazie der Form, die unwiderstehlich anzieht und dennoch Distanz hält. Man kann Castigliones Ideal Dilettantismus nennen. Allein es ist Dilettantismus nicht im parodistischen Sinn der Pfuscherei und Oberflächlichkeit, sondern im ursprünglichen edlen und ernsten Sinn. Ein Streben nach Vielseitigkeit, weil Einseitigkeit eng und unvornehm macht. Ein Streben, an alles, was man beginnt, nicht mit verdrossener Pflicht, sondern mit diletto, das heißt, mit Freude, mit Genuß zu gehen, was elegante Leichtigkeit und Fertigkeit auslöst.

Ein Ausweichen vor der Nüchternheit und Einsamkeit des Nurfachmanns, denn es ist für den Menschen nicht gut, allein zu sein, nicht einmal im Paradies, es ist für ihn aber auch nicht gut im Gedränge zu sein, wo Persönlichkeiten zerdrückt werden, und komisch sind wie die anderen. Kleiner, trauter Verein, eine Sodalität von Freunden, die sich für weitere Kreise tätig interessieren und auf diese zu wirken berufen sind. Das ist der Dilettantismus, den der Cortegiano anmutig und behutsam anregt. Merkwürdiger Freimut ! Am Fürstenhof von Urbino gegenüber der regierenden Herzogin wird unter anderen philosophisch-politischen Fragen die Frage aufgeworfen und objektiv behandelt, ob eine gute Monarchie oder eine gute Republik grundsätzlich vorzuziehen sei. Man kommt überein, daß gegebenenfalls Beides Berechtigung habe, daß aber die republikanische Staatsform ein künstlicheres Gebilde sei, das weniger natürliche Menschen und Verhältnisse voraussehe und daher weniger Möglichkeiten idealer Beglückung der Regierten enthalte.

Die monarchistische Staatsform ist erfahi ungsgemäß die dem Menschen natürlichste, ursprünglichste, wie es natürlich erscheint für jeden größeren Bau, den er aufführt, einen Bauherrn verantwortlich zu machen, wie es dem Leib natürlich ist, vom Herzen aus regiert und am Leben erhalten zu werden. Freilich muß das Herz gesund bleiben durch weise Mäßigkeit. Eben-dafür soll der Cortegiano allen vorbildlich, edel diensteifrig sorgen. Aus naheliegender Einsicht urteilt Castig-lione, daß ein aufgeklärter Fürst mit aufgeklärter Umgebung die größte Harmonie schaffen könne. Das glückliche Urbino ist Probe aufs Exempel. Hier ist augenfällig der Beweis erbracht*). Die Gesetze müssen  sich auf den Brauch stützen, guter Brauch ist notwendig zur Sittlichkeit und der gute Brauch kommt unwiderstehlich von guten gesellschaftlichen Gepflogenheiten, in deren Zielstrebigkeit es liegt, die Gelüste zu beschneiden, daß keine Wildnis entstehe.

*) Bericht des venezianischen Gesandten: Perche la reggia sia la norma e Vesempio di bene istituta corte agli altri principi del mondo.

Zwar birgt die Macht eines Einzelnen Gefahren, allein gerade dadurch, daß er offenbar und offensichtlich steht, kann diese Gefahr erkannt, gemildert oder beseitigt werden, was bei anonym Regierenden nicht der Fall. Auch ist es mühsam, die Tradition zu entbehren, die jede Art von Geschäft, Arbeit und Kunst, also auch die Staatskunst erleichtert durch ihre vorgetane Mühewaltung im Sammeln von Erfahrungen. Wohl und Wehe eines Landes hängen von den Menschen ab, denen ein Fürst sein Vertrauen schenkt: Nur der Würdigste weiß die Würde des Hauses zu hüten. Zur Würde blickt jeder vertrauensvoll empor. Indes Hochmut drückt und quält, tut Würde wohl, sie hebt unsere Last, sie schenkt uns das Herrlichste, den Vertrauensstolz. Allein, was ist das Wesen der Würde, ihre natürliche Vorbedingung erfahrungsgemäß ? Es ist strenge Selbsterziehung, wahre Selbstzucht im Bezirk des Geschmackes, der zusammenfällt mit dem Bezirk schöner Tugend.

Eigentliches Ziel und Lebenszweck des vornehmen Menschen ist zu beglücken. Gelingt es ihm, so ist er gut, welche Art von Ordnung er wähle. Eigentliches Ziel und Daseinszweck des Staates ist zu beglücken, gelingt es ihm, so ist er gut und recht, welcher Art von Ordnung er sich bedienen mag. Die Wahl, die der Cortegiano zu treffen hat zwischen Schön und Häßlich entscheidet für seinen Fürsten und dessen Land. Fällt die Wahl glücklich, so ist das Verhältnis des Fürsten zu anderen Fürsten, des Staates zu anderen Staaten nicht mehr unklar, unsicher oder irgend gefährlich, denn ein Gesetz der Verbindlichkeiten hütet sein Betragen.

Wie es Lorenzo Medici sah und übte, sieht der erfahrene Diplomat Castiglione das politische Ideal darin, dem Egoismus des Einzelnen und der Sippe die Stirn zu bieten durch eine Gesellschaft der Staaten, beziehungsweise Nationen, wo freundliche Sitte angenommen ist als Notwendigkeit im Verkehr. Castigliones Buch ist die höchste Anstandslehre, der Staatsmann will den Fürsten und Völkern wie den Einzelnen untereinander ein Ideal für den Anstand im Verkehr zeigen, ganz ähnlich, wie das politische Ideal, das Lorenzo mit seinem mediceischen Frieden bereits erfolgreich in die Zeit gestellt hatte, von gesellig holdem und heiterem Kreis ausgehend, die Rücksicht, Freundlichkeit, Höflichkeit, die dieses Kreises Spielregel bilden, auf die europäische Gesellschaft übertragen als lebendige Quelle friedlicher Entwicklung für alle. Das kann sich freilich nicht kunstlos fügen, sondern muß mit äußerster Kunst ineinander gefaßt werden, jede Stimme berechtigt aber mit den anderen im Verhältnis harmonisch klingender Höflichkeit wie in der Meisterfuge oder jede Farbe schön und wertvoll für sich aber zusammen in einem Gesamtton sich schmiegend und schließend wie im Meistergemälde. Macchiavelli, der Diplomat, verfaßte das Buch vom Fürsten in bitter satirischer Laune nach enttäuschenden Erfahrungen, in leidenschaftlichem Schmerz über Italiens Zerrissenheit.

Castiglione, der Diplomat, träumt seinen politischen Traum optimistisch in liebenswürdigem Menschenglauben, jedoch nicht ohne Erfahrung in Psychologie. Er hat die Kenntnis gesammelt, daß ein Fürst, als Fürst von anderen Menschen losgelöst, nicht denkbar ist, daß er praktisch und sittlich von seiner Umgebung abhängt, daß der Cortegiano als schnöder Schmeichler seinen Charakter verdirbt, als treuer Freund*) den Charakter des Fürsten hebt und die Staatsform, die von der Zeit gefordert ist, die Signoria stilvoll veredelt. In erweitertem Sinnbild kündet diese hohe politische Lehre, daß keine mechanische Regierungsart beglücken kann, nur eine ideal persönliche, von Persönlichkeiten getragen. Der Mensch muß fortwährend Selbstzucht üben und dadurch dem jeweiligen Regiment, dem er untersteht, Selbstzucht auferlegen, genau wie in gesittetem geselligem Verkehr solche Selbstzucht mit dem Ergebnis feiner Wohlerzogenheit unentbehrlich ist und bleibt, vom Einzelnen wie vom großen Kreis gefordert werden muß.

Die Vollendung der Wohlerzogenheit besteht nicht in äußeren Manieren, sondern ist die Grazie, die vom Gleichmaß der Seele erzeugt wird, wie die Holdseligkeit des Leibes vom Gleichmaß der Glieder. Indes Macchiaveil die Muskeln des Individualismus auf das äußerste spannt zu einer gigantisch gedachten, aber zu Häßlichkeit entarteten neuen Kraftmeierei, genau wie die Barockausläufer der Renaissancemaler und Bildhauer, bleibt Castiglione, Raffaels Freund, wie dieser maßvoll vornehm in seiner Gestaltung.

*) Im Sinn eines Posa.

Den Auswüchsen der Sippe und des Einzelnen gegenüber, dem waghalsigen Akrobaten und Feuerfresser in der Politik entgegen stellt er seinen gelassenen Weltmann auf, der aus gewähltem Kreis hervorgegangen nie den platonischen Traum eines edlen Zusammenseins und zusammen sich Freuens aus dem Herzen läßt. Guter Geschmack scheint diesem Renaissancediplomaten für Politik wie für Geselligkeit die gültige Spielregel. Nichts kann bedauernswerter sein als das geringe Verständnis, das seinem Gedanken begegnete. Statt Castigliones schönen Traum mitzuträumen, überläßt man sich dem Alpdruck, den die Herrschmethode eines Cesar Borgia über Italien verhängt, und die schließlich Italiens Knechtschaft herbeiführt. Zwar wurde Castigliones Buch in alle Sprachen übersetzt und viel zitiert, sein politischer Gehalt aber nie recht begriffen und verwertet, wiewohl das von ihm gepriesene System bereits von Lorenzo als segensreich erprobt war, indes das gegenteilige System, Borgias Politik, nur schmähliche und klägliche Ergebnisse hatte. Und auch die folgenden Jahrhunderte lernten nicht, daß vornehme Geselligkeit das Prototyp für eine vornehme Gesellschaft der Staaten ist, daß ihr Sittenkodex das Beispiel für die Notwendigkeit und Klugheit einer gesitteten Politik, und jenes bedeutsame gioco, das in Elisabetta Gonzagas Kreis vorgeschlagen, die Spielregel weist für das große Spiel des Lebens — gioco del mondo.

Allein Pietro Bembo ergreift das Wort und beweist, daß alle jene Vorzüge und Fertigkeiten, die bisher für den Cortegiano als wünschenswert aufgezählt worden, nicht genügen, um sein wichtiges Amt im Staatswesen und der Gesellschaft richtig aufzufassen und zu betreuen. Sie bauen nur den Grund, auf dem die mystische Rose der Liebesweisheit aufwachsen und blühen mag. Jene Liebesweisheit, die jede andere Weisheit beschämt, einzupflanzen und zu warten, ist das Werk verklärter Minne, deren Vorbedingung und auch Gleichnis vornehme irdische Minne bietet. Hier lauschen alle atemlos und gespannt, es finden keine Zwischenfragen mehr statt. Und Bembo spricht mit schwungvoller Begeisterung von den Seligkeiten solcher Minne im Vergleich zu den Qualen, die der verirrt und leidenschaftlich Strebende durchmacht, von dem Seelenfrieden, den die Minneherrin und ihr würdiger Ritter hauptsächlich durch die virtü visiva voneinander empfangen. (Dies Wort läßt sich am nächsten mit Augenfreude verdeutschen.)

Die Minnehöfe hatten einst die heikle Frage behandeln müssen, wie weit die Herrin dem schmachtend ergebenen Ritter entgegenkommen dürfe und spitzfindige Urteile darüber gefällt. In der naiven romanischen Zeit wurden die Befugnisse sehr weit gesteckt. Die gotische Zeit war strenger, die Renaissance sucht nun ihrerseits schiedsrichterlich in dieser Angelegenheit zu wirken. Gespannt sind Herren und Damen, als Pietro Bembo die zarte Frage behandelt. In Frankreich, Deutschland und laut einigen Novellen auch in Norditalien war es Sitte oder Mode, die Gäste wahllos abzuküssen. Besonders zu Willkomm und Abschied gehörte es zu den Obliegenheiten der Hausfrau, den Gast küssend zu begrüßen und zu entlassen, manche Gedichte erwähnen diesen Brauch. Der höheren Eleganz dünkte er ein Mißbrauch. Nach Bembos Meinung soll der Kuß Willkommgruß für den liebenden Ritter im gastfreundlichen Reich edler Minne sein, Erquickung für den Entsagenden und Opferbereiten, Vollendung des gewährten Minnegrußes, den zu verdienen das ernstliche Bestreben des Ritters und platonischen Liebhabers sei. Zu allen zärtlichen Freundlichkeiten, die platonische Sitte genehmigt, gehört für jene, die Meisterschaft über die niedrigen Wünsche des Blutes errungen haben, als letzter Lohn, als Ausmaß der irdischen Seligkeit und Vorgeschmack der Himmlischen — der Kuß von Mund zu Mund.

II bacio si puö piü presto dir congiungimento d’anima che di corpo perche in quella ha tanta forza che lattira a se e quasi la separa del corpo, per questo tutti gl’ina-morati casti desiderano il bacio, come congiungimento d’anime e per’o il divinamente inamorato Platone dice che baciando vennegli l’anima ai labri per uscir del corpo. (Der Kuß kann eher Seelenvereinigung als leibliches Berühren genannt werden, denn in ihm hat die Seele so viel Kraft, daß sie die andere Seele an sich zieht und fast der sterblichen Hülle entrückt, deshalb verlangen alle keusch Liebenden unaussprechlich nach dem Kuß als einem Zusammenfinden der Seelen und der göttliche Platon sagte, daß im Kuß ihm die Seele an die Lippen gedrungen sei, wie um den Körper zu verlassen.)

Vor jeder niedrigen Begehrlichkeit, vor jedem Sinnestaumel, vor jeder läppischen Verliebtheit, die im Hof-und Weltleben so verhängnisvoll werden kann, wird hier endgültig und eindringlich gewarnt und zwar nicht mit der strengen Miene dessen, der jedes Glück aus dem Pflichtdasein verbannt, sondern mit der Verbindlichkeit desjenigen, der den Weg zu wahrem Glück mutig selbst betritt und weist. Nicht Spielzeug fürstlicher Laune, nicht geplagte Hausfrau und Magd sei das Weib, ihr Wesen sei so hold und harmonisch gestimmt, daß der glücklich Liebende von ihr sagen kann: la mia donna e musica.

So andächtig und hingerissen hat man Bembos Rede gelauscht, daß niemand merkte, wie schnell der letzte Abend, die letzte Nacht unter bedeutsamen Gesprächen vergangen. Da ertönt Vogelsang andächtig in die andächtigen Liebesworte hinein, einer öffnet das Fenster und wie man hinausblickt weht hell und klar des Morgens erstes Fächeln von den Bergen her, die Morgenröte entflammt und es verblaßt der Venus nächtliches Leuchten. (Aperte adunque le finestre di quella banda del palazzo che riguarda Valta cima del monte di Catri, videro gid essere nata in Oriente nna bella aurora color di rose, e tutte le stelle sparite, fuor che la dolce governatrice del ciel di Venere, che della notte e del giorno tiene i confini, della quäl parea che spirasse un aura soave, che di mordente fresco em-piendo Varie, cominciava tra mormorante selve de colli vicini a risvegliar dolci concerti dei vaghi augelli.)

Text aus dem Buch: Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt 1450-1600 (1921), Author: Gleichen-Russwurm, Alexander, Freiher von.

Siehe auch:
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – Vorwort
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FRÜH-RENAISSANCE
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWEITER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DRITTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFTER ABSCHNITT.
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBENTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ACHTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – NEUNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZEHNTER ABSCHNITT

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