Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBZEHNTER ABSCHNITT

DRITTER TEIL
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GEGENSÄTZE

SIEBZEHNTER ABSCHNITT

Nord und Süd — Am Rhein — Die Frankfurter Hochfinanz — Das goldene Augsburg — Im Fuggerhaus — Der Junker in Nöten — Das Zipperlein — Hans Sachs und sein Lusthaus — Das Ansehen der Künstler — Holbeins Totentanz — Die Herrn vom Hof — Olympia in Erbach — Im Zeichen der Musik — Wiener Lieder — Die Kaiserstadt — Der christliche Virgil — In den Niederlanden — Die gemalten Verehrer — Europas Osten — Humanismus in Polen — Die babinische Republik — Iwans Lachen.

Die nicht erloschene Gegenwärtigkeit der alten Götter, die zu den Gewalten des schlechten Wetters gehören, stimmt vornehmlich in Deutschlands Norden zu Zauberglauben aller Art.

In den ausgegrabenen Manuskripten, im Studium, worin die Südländer Vorschrift zu schönem genußreichen Leben suchten und fanden, sich am Wohllaut ergötzten und an artigem Klingespiel, suchten die Nordländer das Geheimnis, die Hexerei, das Arkanum. Wo jene Grazien und Musen zu ihren Festen luden und ihre feinsten Gelehrten artig mit Damen zu tändeln verstanden, beschwor ein Faust in fürchterlicher Einsamkeit den Spuk der höllischen Geister.

In Einsamkeit glaubte man mit Teufeln und Geistern Verkehr zu finden, in Einsamkeit mit Gott zu ringen, bis er sich der Gewaltumarmung ergibt. Die Genüsse höheren, festlich geselligen Lebens und einer festlich geselligen, gemeinsamen Andacht werden dumpf erträumt und ersehnt, allein oft wähnt man, ihrer mittels einer Formel, irgendeines Zauberspruchs, irgendeines gewaltsamen Griffes habhaft zu werden, statt zu erkennen, daß nur die Verinnerlichung, die zu innerer Schönheit reift, äußerlich Schönes greifbar und begreifbar machen kann. Der Wahn, durch Zauberformeln schwarzer Magie die einfache weiße Magie der Vernunft und Güte ersetzen zu können, ist bis heute nicht ausgestorben und eine ständige Gefahr für die edle Sehnsucht der Deutschen.

Der Kampf, den Goethe mit diesem unserem gefährlichsten Wahn in seiner Faustdichtung aufnahm, ist ziemlich mißverstanden worden, als hätte er Partei ergriffen für Spuk und Hexerei nordischen Spintisierens, indes er Leben und Schönheit, des Südens Renaissance mit Inbrunst geliebt hat, und zu verteidigen gedachte gegen des Nordens Nebelriesen. Nichts anderes bedeutet seine Beschwörung der Helena, ein spät humanistisches Glaubensbekenntnis, das die späte schmerzliche Sehnsucht der tiefsten Deutschen nach Wiedergeburt symbolisch zeichnet. Die klassische Walpurgisnacht, der gotischen entgegengesetzt und die Wendung des Gemüts von chaotischem Gedräng zu strenger Gestaltung, von Hokuspokus zu griechischer Andacht, von nur sinnlicher Liebelei mit geistig untergeordnetem Mädchen zu einer Verehrung des ewig Weiblichen, als mystische Schönheitsgöttin — Fausts zweiter Teil ist ein Erklärungsversuch der widerspruchsvollen deutschen Renaissance.

Wo das Klima freundlicher, scheint auch ganz von selbst die Geselligkeit einen freundlicheren, südlichen Charakter anzunehmen, manch artiges Lied, manch festliche Zeichnung der süddeutschen Meister, wie etwa Dürers Entwürfe für den Triumphzug Maximilians und seine eleganten Kostümzeichnungen geben Kunde davon. Die großen Rheinstädte und Frankfurt a. M. entwickeln leichte Fröhlichkeit des Verkehrs, Köln and Mainz zeichnen sich darin aus bei Gelegenheit des Karnevals, Frankfurt aus Anlaß seiner Messen, deren internationale Bedeutung zu einer finanzgesetzgeberischen Meßbörse führt. An deren Bestimmungen gegen den Münzwucher nehmen die größten Firmen der damaligen Welt teil und es mag eine imposante Zusammenkunft und manch großartiges Bankett gegeben haben, als diese Fürsten des Geldes sich vereinigten, um den Kurswert deutscher Gulden, portugiesischer, spanischer und ungarischer Dukaten, französischer Sonnenkronen und Goldreale zu bestimmen.

Von Deutschen tagten dabei die Imhoff, Welser, Tücher, Paumgarten, Rohlinger, Hochstetter, von Niederländern die de Neufville, de Bary, Malapert, du Fay, von Italienern die Spinola, Pelisari, Vertemali, Toresani und andere mehr. Bei dieser Gelegenheit einigte man sich in Frankfurt auf das Skontro oder bargeldlose Abrechnungsverfahren, das in Antwerpen und Lyon bereits von Geschäftsfreund zu Geschäftsfreund üblich geworden und sich auf gesellig vertrauliche Beziehungen gründete. Skontro kommt von scontrare begegnen, sich gefällig begegnen, indem gegenseitige Schulden und Verpflichtungen gegebenenfalls durch einen dritten im günstigen Augenblick abgelöst werden. Dank der Kursschwankungen entstand ein regelmäßiges Börsengeschäft in Königsbriefen und fürstlichen Schuldverschreibungen. Die Fürsten genossen mäßigen Kredit, um so größeren die damaligen Weltfirmen und großen Banken, deren Regierung sich in Europa fühlbar machte. Die Genueser Bank di San Giorgio ist zum Beispiel die eigentliche Macht im Staat und der Doge wirkte rein dekorativ. Man war zu der Einsicht gelangt, die von dem Spruch auf der Malteser Münze ausgedrückt ist: non aes sed fides.

Denn Geld hat seinen Wert als ein auf Vertrauen gebautes Tauschmittel erworben; wo es nichts zu tauschen gibt, hat es seinen Wert verloren. Es ist der Ausdruck des Aufeinanderangewiesenseins der Menschen, die in Verträglichkeit am besten zu allgemeinem Vorteil den schwebenden Wert der Dinge von Fall zu Fall bestimmen. Dies haben die klugen Renaissanceköpfe der in Frankfurt sich versammelnden Geldfürsten wohl erkannt. Geld ist eine Anweisung auf die Gesellschaft, deren Gesamtheit demgemäße Verpflichtungen übernimmt, und in deren Interesse es liegt, das Eigentum als Wirkungsvermögen der vollständigen Nutznießungen eines Objektes zu garantieren.

Sein Machtwirken hängt von der Sicherheit ab, diese suchen die großen Firmen entgegen der wilden Abenteuerlust der Politik möglichst auszugestalten, und solche Sicherheit bietet die Möglichkeit höherer Daseinsentfaltung. Feinere Lebensreize prallen zunächst ab von einem durch ständige Unsicherheit bestimmten Lebensrhythmus. Auch zur Freude gehört Gewöhnung. Dieser Gewöhnung streben die großen Handelsstädte zu dank der internationalen Macht, Klugheit und Wichtigkeit ihrer Firmen.

Am deutlichsten huldigte Augsburg der italienischen Renaissance, besonders seit Konrad Peutinger, der in Italien Bildung genossen, Einfluß bekam. Zwar gewann die Stadt erst im 17. Jahrhundert durch die Energie eines Elias Holl ihren neuen Charakter, im 16. Jahrhundert sind ihre Gebäude noch gotisch bis auf einige Paläste, doch findet mancher Übergang statt, da eine Reihe von bedeutenden Männern für alles Italienische schwärmt und keine Kosten scheut, um Altertümer zu sammeln und den Geschmack einheimischer Freunde der Kunst und Kunstbeflissener daran zu bilden, so ein Jakob, Anton, Raimund und Max Fugger, ein Dr. Nikolaus Maier, Max Welser, Ambrosius Hochstetter, vor allem Konrad Peutinger, ein Schüler des Pomponius Laetus. Als Sammler von Altertümern erbittet er Handschriften von Kaiser Maximilians Kriegsfahrten als Beutepfennige. Er gibt die Gegenstände an, die am Rathaus und den Fuggerhäusern gemalt werden sollen in neurömischer Art. Vielleicht stammt von ihm die Idee, im Fuggerpalast elegante Baderäume zu schaffen, die für eine Sehenswürdigkeit galten und bei kaiserlichem Besuch dem Gast angeboten wurden. Man zeigte sie wie Festsäle und Ziergärten vornehmen Fremden.

Erfreut schmunzelnd beschrieb Montaigne all diese, in Deutschland so überraschende Pracht und Bequemlichkeit. Im Gasthof zur Linden nahm er Aufenthalt und erlebte dort, an einem Samstag angekommen, ein großes Scheuerfest, Staunen erfaßte ihn über die unvergleichliche Reinlichkeit der Häuser außen und innen; er bemerkte, daß in seinem Gasthof ein eigener Maler angestellt sei, der alles sofort auszubessern habe. Auf diese Weise erhielten sich die lustig bemalten Häuser stets frisch und festlich, ein passender Hintergrund für die reiche Augsburger Tracht und die mannigfachen Festlichkeiten, Umritte und Maskenzüge, bei denen man Eleganz zur Schau tragen konnte.

Mit Stolz ließ sich Kaiser Maximilian die Neckerei gefallen, er sei Bürgermeister von Augsburg und verschmähte nicht bei dem Johannisfeuer, um dessen 95 Fuß hohen Scheiterhaufen mit der schönen Susanna Neidhartin zu tanzen. Streng gegliedert, mit praktischem Sinn und sicherem Geschmack aufgestellt waren die zu behäbiger Ordnung nötigen Standesunterschiede und wurden von allen stolz eingehalten in Bauart und Tracht, so daß jedermann und jedermanns Haus am rechten Platz standen mit eigenartiger, eindrucksvoller Physiognomie. Auch wenn sich alles zusammen vergnügte, blieb man dessen eingedenk und es kamen selten Ungehörigkeiten vor*). Ein fremder Knecht aus dem Troß eines Adeligen wird übel heimgeschickt, als er tanzende Patriziertöchter anredet und es entsteht sogar ein Trutzliedchen darüber, denn die stolzen Geschlechter wollen sich nichts gefallen lassen, was ihren Anstandsregeln widerspricht. Trotz ihrem Reichtum und Glanz, woran sich die Stadt viel zu gute tut, haben die Fugger keinen unmittelbaren Einfluß wie die Medici in Florenz, sie mußten sich sogar Zurechtweisungen gefallen lassen. Als ein sportsliebender Fugger, dessen Wahlspruch lautete:

Nichts angenehmeres ist doch auf der Erd

als eine schöne Dame und ein schönes Pferd.

*) Vergl. Riehl, Kulturstudien aus drei Jahrhunderten.

vom Rat ein Haus im St. Annahof zu einer Reitschule erbat, wurde ihm bedeutet, es schicke sich nicht dort als neben einer Schule der Wissenschaft Pferde abzurichten, vielmehr sei der Rat gesonnen eine Bibliothek in dies Haus zu stellen.

Doch großen Eindruck machte die neumodische Pracht der Fuggerschen Einrichtung und Anlagen, so daß sie in Vers und Prosa treuherzig gepriesen und begeistert dem bislang neidvoll bewunderten Italien und Frankreich entgegengehalten wurde. So in der Beschreibung des Beatus Rhenanus, des Grafen Wolrad von Waldeck, des Salomon Fraentzel:

Was Herrlichkeit auf dem Palast

Zu sehen sei, mich wundert fast–

Der Lorbeer grüßt das ganze Jahr

Zu ehren der Poeten Schar,

Narzissenblümlein schön und weiß

Der Hyacinth mit allem Fleiß.–

Welschland, laß ab von deiner Pracht,

Man jetzt dich nit so groß mehr acht.

Ungewohnt wirken die italienischen Marmorkamine im Fuggerhaus am Weinmarkt, ein solcher erlaubt Fugger die elegante Geste, die kaiserliche Schuldverschreibung zu verbrennen. Beliebter bleiben die herrlichen großen Kachelöfen.

Als Tizian Kaiser Karl V. Hoflager in Augsburg besuchte, mochte er sich angeheimelt fühlen in dem mit Antiken erfüllten Marmorsaal Fuggers, einem norddeutschen Junker, Hans von Schweinichen*) bekam die ungewohnte Glätte des prächtigen Fußbodens schlecht, als er im Gefolge eines liederlichen Herzogs von Schlesien nach Augsburg kam und an dem Bankett teilnahm, das die Brüder Hans und Max Fugger dem Herzog gaben. Der Junker (so erzählte er später selbst in seinen Denkwürdigkeiten) glitschte aus, als er ein kostbares, mit Wein gefülltes Gefäß aus venezianischem Glas durch den Saal trug, fiel lächerlich hin und goß sich das edle Naß auf sein neues rotdamastenes Kleid, das Glas aber zerschellte. Fugger meinte, er hätte lieber hundert Gulden als das Glas verloren. Vielleicht gehörte es zu den neuen kristallenen Kunstgefäßen aus Murano, die auf Anregung des Aretino antike Szenen — den Gemmendarstellungen ähnlich — eingeschmolzen trugen und dem Erfinder zu Ehren Aretini hießen, wie dieser sich rühmte.

*) Es ist derselbe Hans von Schweinichen, der als einer der ersten von gutem teutschen Schluck und Trunk galt und von seiner Reise  rühmt: Habe auf diesem Ritt im Reich große Kundschaft bekommen und mir mit meinem Saufen einen großen Namen gemacht.

Dem Gerät entsprach an Erlesenheit die Kost, die in Fuggers geschmackvoll prächtigem Heim gereicht wurde. Montaigne erzählt, daß ein Gärtner Fuggers Artischoken und andere feine Gemüse bis in den Winter gezüchtet habe. Dies war ein um so auffälligerer Luxus, als der Genuß feinen Gemüses in Deutschland noch ziemlich unbekannt, ja selbst der Genuß von Eiern eine Seltenheit war. Nur in Augsburg und Nürnberg war man in der Kochkunst wie in allen übrigen Künsten ernstlich voran und Rezepte für zusammengesetzte Gerichte wurden bereits aufgezeichnet. Nicht mit Unrecht schreibt man freilich der stark gewürzten Kost am Tisch der Reichen, die zu rechtem Durst führt, das Überhandnehmen des Zipperlein zu, der Modekrankheit der Zeit.

Hans Sachs verfaßte ein warnend scherzhaftes Gedicht darüber: Das Zipperlein und die Spinne, Der Spinne geht es schlecht bei dem reichen Mann, dem Zipperlein bei dem Bauern, der es durch Mäßigkeit und körperliche Arbeit vertreibt. Da beschließen sie den Aufenthalt zu tauschen, Spinne zum Bauern, Zipperlein zum Reichen zu gehen.

Das Zipperlein zu der Stadtmauer

Der Fuß für Fuß gar langsam ging.

Wie Hans Sachs das sieht, läuft er, was er laufen kann:

In die Stadt, die Bürger zu warnen,

Vor des argen Zipperleins Garnen.

Doch unentwegt gab jedes Fest in der Stadt Vorwand zu reichen Schmausereien, die Gastwirte übertrafen sich darin; Augsburgs Gastwirte boten sogar den Stammgästen alljährlich berühmte Schnepfenschmäuse in ihren schönen Räumen, die farbige Glasmalereien mit Wappen und Allegorien schmückten und behaglich erleuchteten.

Im neuen Geschmack reich ausgestattet war manches Bürgerheim, man vernehme nur, wie Hans Sachs sein Lusthäuslein einzurichten verstand in edlem Renaissancestil:

Mitten im Garten stände

Ein schönes Lusthäuslein,

Darin ein Saal sich fände

Mit Marmorpflaster fein,

Mit schön lieblichen Schilden

Und Bilden,

Figuren frech und kühn

[vermutlich nackte Götter gestalten]

Rings um den Saal auch hatte

Fenster geschnitzet aus,

Durch die all Frücht man täte

Im Garten sehen draus.

Im Saale stand auch ohnecket*),

Bedecket

Ein Tisch mit Seiden grün

Und auf den Banken gülden

Mehr andre Bücher fein

Die alle wohl beschlagen Da lagen.**)

In solchem zu geselligem Verkehr ladendem Lusthäuschen erdachte Hans Sachs seinen stolzen Lobspruch der Stadt Nürnberg:

In der Stadt um und um

Des Volkes ist ohne Zahl und Summ,

Ein ämsig Volk, reich und sehr mächtig

Gescheid, geschickt, erwerbesträchtig–

Auch sind da gar geschickt Werkleut

Mit Drucken, Malen und Bildhauen,

Mit Schmelzen, Gießen, Zimmern, Bauen —

Als da man köstlich Werk anzeigt,

Wie dem zu Künsten ist geneigt,

Der findt allda den rechten Kern. — —

Trotzdem ist die Stellung in der Gesellschaft, die der Künstler einnimmt, bescheiden im Vergleich zu dem großen Herrendasein, das er anderorts führen kann.

*) Ohnecket [rund, nach neuer Mode].

**) Adam Puschmann.

Darum seufzte Dürer, ehe er von Venedig zurückkehrte, wo er Giovanni Bellinis prächtige Gastfreundschaft genossen: O wie wird mich nach der Sonne frieren! Hier bin ich ein Herrt daheim ein Schmarotzer! (Brief an Pirkheimer.)

Tatsächlich scheint er mit offiziellen Aufträgen zeitlebens nicht mehr als 500 Gulden verdient zu haben und die Korrespondenz mit privaten Auftraggebern zeigt an, daß diese allzugut rechneten und an Künstlerlohn kargten. Mühsam mußte sich Dürer für seine gewissenhafte Arbeit etwas Gewinn über die Kosten ausbedingen, es scheint auch recht handwerksmäßig Sitte gewesen zu sein, daß nach vollendetem Werk die Frau Meisterin auf ein Geschenk, eine Art Trinkgeld, Anspruch erheben konnte.

Wehmütig wird der Meister von seiner Geschäftsreise nach den Niederlanden (T520) zurückgekehrt sein, wo er viel mehr gefeiert wurde als je daheim und sich überzeugen konnte, daß niederländische Künstler, wie etwa ein Lukas von Leyden, ein Quentin Massys, ein Bernard von Orley, Hofmaler der Statthalterin Margareta von Österreich, glänzend auftraten und fürstlich empfingen. Quentin Massys ließ vornehme Würdenträger in seinen reichen Vorsälen auf Audienz warten.

In Brüssel, Gent und Antwerpen ist das Ansehen der Künstler zu höchst gestiegen, man näherte sich ihnen, als wären sie königlichen Blutes, sie waren stets in erlesenen Kreisen zu finden. In Deutschland blieb geschmackvolles Mäzenat vereinzelt, weder Adel noch Fürsten hatten Geld dafür oder Freude daran. Die Stellungnahme der Reformation gegen den Bildschmuck der Kirchen zwang die Künstler sich dem Gewerbe des Buchschmucks, dem Holzschnitt derben Geschmacks und später dem Kupferstich zu widmen oder auszuwandern, wie Holbein der Jüngere Basel verließ, nachdem folgende Verordnung herausgekommen: Wir haben in unseren Kirchen zu Stadt und Land keine Bilder, weil sie vormals viel Anreiz zur Abgötterei gegeben, darum sie auch Gott so hoch verboten hat und alle die verflucht, so Bilder machen. (Erlassen nach dem Bildersturm 1529.)

Holbein wandte sich darum nach England, um wenigstens mit Porträtmalerei seinen Unterhalt zu finden. Trotz des Schadens, den sie ihm angetan, blieb er der Reformation treu und trotz der vornehmen Bildnisse, die ihm Unterhalt gewährten, vertrat er grimmig satyrisch in seinen Totentanzbildern deren sozialen Groll, indem er die Reichen, Mächtigen und natürlich besonders die reichen Mächtigen der Kirche mit Haß und Spott vom Knochenmann anfallen ließ, ihre Herrlichkeit und Vergnügungssucht in Nichts zerblasen.

Das Grausen heftet sich an Holbeins Auffassung menschlichen Gerippes — indes die italienischen Künstler es längst nicht mehr mit Grausen, sondern mit andächtiger Bewunderung betrachteten, die Schönheit seiner harmonischen Gliederung begeistert priesen. Auch hier ein tiefgründiger Gegensatz zwischen der Gemütsverfassung in Süd und Nord.

Häufig ist in der deutschen Renaissance die Gestalt des feinen, gebildeten Bürgers, sogar des Meisters irgend eines Handwerks, der eine Art gelehrter Bildung genossen und sich entsprechend auch im geselligen Umgang würdevoll zu geben wußte. Hans Sachs hatte einen Anflug von Humanismus und gedachte seiner Studien mit den Versen:

Da lernt ich griechisch und latein,

Sprechen und schreiben, klar und rein,

Grammatika, Rhetorika,

Logika und Musika,

Arithmetika und Astronomia,

Dichtkunst und Philosophia,

Auch rechnen lernt ich mit Verstand,

Die Ausmessung mancherlei Land.

Sehr merkwürdig ist, daß zu diesem ernsten Bildungsgang Astrologie gehört:

Auch lernt ich die Kunst der Gestirn,

Des Menschen Geburt zu judicieren.

Luther erklärte sich gegen diese Kunst, indes Melanch-thon lebhaft dafür eintrat. Selten blieb nördlich der Alpen der aufgeklärte Fürst, und der Typus vornehmer Cortegiani war kaum zu finden, ja, ein bedauerlicher Zug laut Castigliones und Agrippas Zeugnis auch bei dem zeitgenössischen französischen Adel, die Herren von Geburt schämten sich geradezu geistiger Bildung, und jene, die ihr vielleicht zustreben mochten, wurden gehänselt.

Jetzt sind Fürsten und Herren ungelehrt, sagt Luther, denn sie haben nicht studiert, wollen s auch nicht tun, meinen, es sei eine Schande, darum können noch wissen sie nicht zu regieren. Ihr größter Fleiß und vornehmst Studium und Übung isty große Hengste reiten, banket-deren, spielen, jagen.

Eine Kritik, die noch für spätere Zeiten traurige Geltung behielt. Aus Selbstsucht riet der deutsche Hofmann seinem Fürsten ab von vernünftigem Studium und edler Muße, statt ihn dazu anzufeuern, wie Castiglione vom vollendeten Hofmann verlangte.

Den Gegenfüßler des edlen Cortegiano zeichnete Luther mit eindringlicher Schärfe im Tischgespräch: Wenn ein Fürst die lateinische Sprache lernt und studiert, so fürchten die von Adel und Recht (die schlauen Juristen, eine Landplage für Deutschland)*) er werde ihnen zu gelehrt und klug und sagen: Potz Marter usw. Was will E. /. Gnaden ein Schreiber werden? E. Gnaden müssen ein regierender Fürst werden, lernen, was zum Krieg gehört — das ist ein Narr bleiben, den wir mögen an der Nase herumführen wie einen Bär. — Was das für treue Räte seien, so die Fürsten vom Studieren abhalten und abschrecken, das mag ein jeder wohl abnehmen und deuten.

Zuweilen erfährt man von schätzenswerten Ausnahmen. Die gräfliche Familie Erbach hat sich auf italienischen Reisen gutes Beispiel geholt. Ein Mitglied derselben erhielt in Rom einen antiken Helm zum Geschenk als Anerkennung für verständigen Sammeleifer**). Ausgezeichnet durch feine Bildung haben sich die Erbach der Reformation nicht aus äußerlich politischen Gründen angeschlossen, sondern von Herzen und faßten sie mit der poetischen Begeisterung auf, die ihr viele unter den humanistisch Gebildeten anfangs entgegenbrachten, wie sich die Philosophen der Aufklärungszeit anfänglich für die Revolution mit Idealismus begeisterten. Sie empfangen in Erbach gastlich ihre Gesinnungsgenossen, wie etwa die flüchtige Olympia Morata aus Ferrara, eine gelehrte Italienerin, die einen deutschen Arzt heiratete, als sie sich schwärmerisch der neuen religiösen Richtung ergab.

*) Siehe Gleichen-Rußwurm, Die gotische Welt.

**) Dies Stück wird im Erbachschen Schloß im Odenwald noch heute als Helm Caesars gezeigt.

Das schöngeistige Paar geriet in Elend und Fährlich-keit. Nach manchen Abenteuern fand es Zuflucht im Hause Erbach und Olympia beschrieb mit Begeisterung den guten Ton, der dort herrschte, die freundliche Hausmusik und das Interesse für alte Sprachen, mit dem sie überrascht wurde.

Im Zeichen der Musik ist eine andere rühmliche Ausnahme genannt, im Jahr 1556 widmete Georg Förster den dritten Teil seiner Lieder und Gesänge deutscher Meister dem Hauptmann zu Waldsassen und Pfleger von Liebenstein, Jobst von Brande, mit dem Lob, daß dieser Junker mit dem Setzen oder Komponieren, welches bei anderen Herren des Adels ein seltsam Wilipred und schier eine Schand ist, neben Herrengeschäften und Ambtern sich befasse*).

Solche Kunstverachtung, die manchem Mitglied des Adels zugeschrieben war, wird offenbar durch die Klage, die um dieselbe Zeit der Humanist Simon

Proxenus aus Budweis ertönen ließ in einer Elegie als Einleitung des Werkes von Hermann Finkh Practica musiche. Deutsche und böhmische Tonsetzer suchten ihr Glück meist auswärts und wurden an fremden Höfen gut aufgenommen, so Thomas Schweidnitz im Dienst Ludwigs von Ungarn, Heinrich Finkh bei den polnischen Königen Johann Albert und Alexander, die ihn schätzten und hoch bezahlten. Zwischen Venedig und Deutschland bestand reger, musikalischer Gedankenaustausch und manch deutscher Musiker blieb in der Lagunenstadt.

*) Bei Graphäus gedruckt: Schöne auserlesene Lieder des hoch-berümpten Heinrich Finkens sampt anderen newen Liedern von fürnemsten dieser Kunst gesetzt, lustig zu singen und auff die Instrument dienstlich, vor nie in Druck ausgangen. Darunter die reizenden Liedchen Allein Dein Gstalt und Ach, herzig Herz!

Einige einheimische Höfe sind jedoch ehrlich musikalisch und suchen bedeutende Tonsetzer und Virtuosen im Land festzuhalten. Lorenz Leinlin war Kapellmeister des Pfalzgrafen in Heidelberg und erfreute die Hofgesellschaft durch sentimentale wie durch neckisch humoristische Liedkompositionen, zum Beispiel, ein Lied, das auf modisches Kartenspiel Bezug nimmt und das Liebesspiel damit vergleicht:

Des Spielens hab ich gar kein Glück,

Wiewohl sie doch in Händen hält

Hertz, Schellen, Gras und Eicheln,

Gar bald sie Schellen werfen tat

Mir zu, ein Narrenzeichen.

Prag war ein Mittelpunkt eifriger Musikübung, besonders Philipp de Monte aus Mecheln wurde gefeiert. Der Hof von München war stolz auf seinen Orlando di Lasso und der Hof von Wien tat für Musik«, was er konnte. Doch meistens hatte man nicht genug Geld übrig für schöne Künste.

Maximilian suchte durch persönliche Liebenswürdigkeit seinen Künstlern gegenüber wett zu machen, was seine Kasse nicht aufbrachte, er war freundschaftlich für Dürer, der ihn seinen teuern Fürsten nannte und adelte seinen Organisten Hoffhaymer aus dem Salzburgischen*). Cuspinian, ein Mitglied der gelehrten Donaugesellschaft, nannte Hoffmayer musicorum princeps, ein anderer Humanist beschreibt die Wirkung seiner Musik in der Wiener Gesellschaft: Es genügt ihm nicht, etwas Gediegenes gespielt zu haben, es muß auch erfreulich und blühend sein.

Das Erfreuliche und Blühende paßte in das poetisch fröhliche und üppige Wien der Renaissance, von dem viele Autoren entzückt berichten. Der eine lobt, es töne aus allen Erkern und Fenstern und freundlich angelegten Gräben an der Stadtmauer, Vogelsang klinge wie in einem Wald. Der andere preist, daß Kaufleute aus aller Welt Zusammenkommen und daß man Lieder auf griechisch, hebräisch, latein, französisch, türkisch, böhmisch, windisch, italienisch, ungarisch, niederrheinisch, kroatisch und polnisch höre.

*) 1449—1537. Dessen gesammelte Kompositionen kamen heraus mit der Aufschrift: Harmoniae poeticae Pauli Hoffhaymeri viri equestris, dignitate insignis ac musici excellentissimi.

Alle sind gut aufgelegt, denn es gibt Essens und Trinkens für alle die Fülle, jede Familie zapft eigenen Wein, jeder Bürger darf ausschenken. Cristobal de Castilejo behauptet, er zöge Wien allen anderen Orten vor (del preferis Vienna a todas otras naciones). W. Schmetzl faßt sein Entzücken über Wiens Zuckerbretzeln, Pastetchen, Buttergebäck, Kapaune, Krebse, Forellen, Südfrüchte in die begeisterten Verse:

Wer sich in Wien nicht nähren kann,

Ist überall ein verdorbener Mann.

Zu der gastlichen Üppigkeit und Leckerei paßt leichtgeschürzte Kunstübung. Balbis Carmina beklagen das Gigerltum beliebter epikuräischer Lieder, wie etwa:

Bist du klug, laß kommen

Wein Und greife in die Zither,

So lang es geht, laß Mädchen ein,

Rasch kommt der schwarze Schnitter.

Die Wiener nahmen es nicht übel, wenn ihr Bauchdienst angefeindet wurde und lächelten etwas spöttisch über die Feierlichkeit der Musik und des Gebarens der Gelehrten, die sich um Celtis gesammelt — die familia celtica, zu der Watt, Schweitzer, Agricola, der Verehrer Petrarcas, und Reuchlin zählten.

Dem Mäzenat des Schottenabtes Benediktinus Cheli-donius, der den Beinamen Musophilos führte, verdankt man die beste Musik. In Ingolstadt und Wien entstand ähnlich der Bewegung, die in Frankreich und Florenz von vornehmen Dilettanten eingeleitet wurde, ein Streben nach Musikreform, das viel von sich reden machte, wie im 19. Jahrhundert Wagners Auftreten. Es handelte sich um eine Gattung Musik nach dem poetischen Silbenmaß der Antike gemessen. Während die Florentiner geistreichen Zirkel an eine ArtWiedergeburt der antiken Tragödie mit entsprechender Musik nicht in buchstäblicher Nachahmung sondern im Geist und in der Wahrheit dachten, faßte man in Deutschland jene musikalische Renaissance äußerlich formell, schulmeisterhaft auf*). Das erste Denkmal jener einst modernen Richtung war der erste deutsche Notendruck (bei Ehrhard Oeglin in Augsburg) Musicos secundarum naturem et tempora syllabariim. Der umständliche Titel ist so gedruckt, daß er einen Crater bacchanti darstellen soll, doch die antik sein wollende Form mißglückte, so daß der Mischkrug eher einem gotischen Abendmahlskelch entsprach. Das merkwürdige Werk enthält gegenseitige Lobgesänge der Dichter und Musiker, die einen testen Ring gebildet haben, um Süddeutschlands Musikwelt streng zu beherrschen.

*) Ambros, Geschichte der Musik.

Diese deutschen Schulmeister in der römischen Toga, sich wechselseitig mit Lorbeer bekränzend, haben etwas unwiderstehlich Komisches. [Ambros.]

Immerhin bildeten alle diese Bestrebungen der süddeutschen Humanisten ein gesellig freundliches Zusammensein, das nach Verfeinerung strebte. Celtes suchte den Unterricht zu beleben, indem er den Schülern eingab nach der Sectio Horatiana eine Ode abzusingen. In seinem Verein docta sodalitas Ute-raria sang man nach Leibeskräften und streng nach Vorschrift lateinische Gedichte und nannte die Hymnen, die Celtes dichtete Hymnen des christlichen Virgil. Angeregt von dieser neuen Richtung schlug zu Wien am Hof der Lautenschläger Hans Judenkunig auf seiner Laute klassische Lieder, etwa Maecenas atavit und Jam satis terras. Statt wüsten Lärmens war an diesem Hof Musik und Versspiel beliebt und wenn einfach und von Herzen gesungen wurde, nachdem man pflichtschuldig den Humanisten gelauscht, ertönten zierliche gemütvolle Weisen. Das Liedchen Innsbruck, ich muß dich lassen, das Volkslied wurde, ist dem Kaiser Maximilian zugeschrieben. Ein Hoffräulein soll das reizende Lied erfunden haben: Ich hab heimlich ergeben mich ein schön Helden — an Wohlgestalt find man keinen bald, Absalon muß weichen.

Schalkhaft klingt die Erwiderung — echt Wiener Renaissance —

Tröstlicher Lieb ich stets mich gib.

Phebe dir geschah Also auch gach,

Du eylest nach

Daphne, der Jungfer ungezaum,

Die dir entging, zur Stund anfing

Mit Laub umbhing und ward

Ein schöner Lorbeerbaum;

Dir nicht mehr ward

Von Blättlein zart Denn nur ein Krantz,

Den du noch trägst umb je lieb gantz.

Statt Liebeslohn empfängt der Dichter ein Lorbeerkränzlein, ein zarter Anklang an den Sinn der romanischen Wiener Minnehöfe. Wo je ein solcher geblüht, war es der Renaissance bestimmt, einen Johannistrieb edlen Minnens zu wecken.

Üppiges Gedeihen und hohes Ansehen in vornehmer Geselligkeit fand die Musik wie die bildende Kunst in den unsagbar blühenden Niederlanden. Fleiß und Geschmack waren dort so groß, daß selbst Kinder schon irgend eine Fertigkeit oder Kunstübung vorführen konnten, es gehörte zur Wohlerzogenheit. Zusammenkünfte, die der Unterhaltung gewidmet waren, durften nicht zwecklos und öde verlaufen, sie waren stets irgend einer Liebhaberei gewidmet, die des öfteren zu wahrer Leidenschaft wurde.

Amsterdamer Kaufleute, entzückt vom Talent eines Organisten, beschlossen, ihn folgendes Geschäft machen zu lassen als Anerkennung für seine Musik. Sie forderten ihn auf, 200 fl. in ihr Geschäft einzulegen, der Gewinn solle ihm ohne Abzug zufallen. Nach einigen Jahren hatte er 40000 fl. gewonnen, so vereinigten diese Musikliebhaber Mäzenat mit Geschäftssinn.

Die niederländische Renaissancekunst hat freilich etwas Romanistisches, sie ist oft nachempfunden, oft sehr elegant und verschnörkelt im Stil. Ihre Virtuosen sind so berühmt für höfisch zeremonielle Kompositionen und Aufführungen, daß bei Jean Cointois von Cambray für Karl V. ein Huldigungsstück bestellt wird, das höchst merkwürdig mit verschiedenen Notenkunststückchen zu schmeicheln versteht. Philipp II und Herzog Alba beriefen Musiker für die spanische Kapelle, worüber eine eifrige Korrespondenz mit der Statthalterin Margarete entstand. Sie holte Rat bei dem berühmten Gesangsprofessor Andreas Pevernage aus Courtray, der bis 1591 in Antwerpen einen interessanten musikalischen Salon hatte, wo deutsche, niederländische, französische und italienische Kompositionen um die Wette zum Vortrag gelangten.

In Evreux fanden am Cäcilientag musikalische Turniere statt von Motetten und Chansons, die Damen teilten als ersten Preis eine silberne Harfe aus, als zweiten eine silberne Laute, als dritten eine silberne Flöte. Schöngeistige Damen spielten eine hervorragende Rolle, Mädchen wie Frauen bewegten sich mit heiterer Sicherheit und Freiheit in der Gesellschaft. Bandello erzählt von einer Dame in Antwerpen, Maria Verve, die ihre Verehrer von berühmten Malern malen ließ und derart eine interessante Bildergalerie besaß, in der sie berühmte Fremde empfing. Er beschreibt auch die Sitte, daß nicht nur Frauen, auch junge Mädchen ihre erklärten Verehrer (servitori) hatten, und von diesen ehrbarerweise mit Freundinnen zu Tanz und Schmaus geladen wurden, bei schönem Wetter im Garten, wo sie oft den ganzen Tag zubrachten mit allerhand Lustbarkeit. Am Abend führte der junge Mann seine Dame ins Elternhaus zurück und die Mutter bedankte sich für die Einladung. Mit Gruß und Kuß verabschiedete er sich von Mutter und Tochter, wie denn überhaupt nirgends so große Leichtigkeit und Herzlichkeit des Verkehrs bestand wie im reichen Antwerpen und nirgends gab es eine so allgemeine Sitte von Umarmungen und schallenden Küssen bei jeder Gelegenheit. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts verdoppelte sich die Einfuhr aus Indien in Antwerpen. Die Stadt hatte damals hunderttausend Einwohner, Gent siebzigtausend und Brüssel fünfundsiebzigtausend, sie galten als sehr große Städte, da Paris dreimal-hundert, London hundertfünfzig und Wien nur fünfzigtausend Einwohner aufwies. Stolz berichtet Strade in de bello belgico von der niederländischen Seemacht: Quae vero ignota marinum litora, quacve desinentis mundi oras serutata non est Belgorum nautica? Er zählt in den Niederlanden 350 größere und 6500 kleinere Städte. Geistig belebt waren alle durch ihre Handelsleute, Seefahrer, die ferne Länder gesehen, und durch strebsame Gelehrte, die gleich den Künstlern in der Gesellschaft hervorragten. Durch die Zauber seiner Konversation war der gelehrte italienische Arzt Marialo berühmt, Erasmus und Vives waren während ihres Aufenthalts in jenen Ländern angeregt durch den guten Ton.

Knapp vor den furchtbaren Stürmen der sozial-religiösen Umwälzung herrschte sonnige Meeresstille; zu unbefangener Heiterkeit und vollkommenster Genußfreudigkeit war die Geselligkeit in den Niederlanden gediehen. Die außerordentliche Wohlfahrt der Niederlande während der Renaissance wurde taktvoll beschützt und befördert durch zwei bedeutende Prinzessinnen, die eifriges Mäzenat übten, zuerst durch Margareta von Österreich, Tochter Maximilians und der berühmten Erbtochter Maria von Burgund. Sie hatte ein wechselvolles Schicksal. In ihrer Kindheit mit Karl VIII. von Frankreich verlobt, wurde sie vom französischen Hof nach Hause geschickt, als dieser König — statt ihr die Hand zu reichen — Anne de Bretagne zur Ehe zwingt, die bereits per procura Margaretens Vater Maximilian angetraut war. Zweimal wurde sie dann vermählt, nach Spanien und Savoyen, verwitwete rasch und erhielt von ihrem Vater im Jahr 1507 die Ernennung als Statthalterin der Niederlande. Sie entledigte sich der Aufgabe bis zum Jahr 1530 äußerst geschickt und nahm Anteil an dem berühmten Damenfrieden von Cambray. Cornelius Agrippa sucht ihre Gunst.

Politisch und in geselligem Kreis ebenso bedeutend trat ihre Nachfolgerin auf, Maria von Ungarn, die Schwester Kaiser Karls V., die im Jahr 1526 ihren Gatten Ludwig II. von Ungarn verlor und 1531 Statthalterin wurde. Bis zur Abdankung Karls V. regierte sie mit außerordentlicher Klugheit. An ihrem Hof wurde ihre Nichte Margarete von Parma erzogen, eine natürliche Tochter Karls V. und einer Flamänderin, welche die Tradition ihrer Vorgängerinnen fortzuführen gewillt war, jedoch von Alba daran gehindert, sich zurückzog und die Niederlande ihrem Schicksal überließ.

Zu den großartigsten Festen der Renaissance gehörten jene, die Prunksinn und Kosmopolitismus der Statthalterinnen zu bieten wußten. Lang gerühmt wurde vor allem das Fest zu Bains, das Statthalterin Maria ihrem Bruder dem Kaiser, ihrer Schwester Eleonore, Gattin Franz I. von Frankreich und ihrem Neffen Philipp zu Ehren veranstaltete und es blieb in Spanien sprichwörtlich Mas brava que la fiestes des Bains (Herrlich wie das Fest zu Bains). Dabei wurde ein künstlich errichtetes, scheinbar festes Schloß von tausend Mann erstürmt. Am Schluß des Festmahls erschienen Nymphen vestues ä Vantique ä la nym-phale in Silber und Grün, eine diamantne Mondsichel über der Stirn, die Schuhe aus Silberbrokat tant bien tirees que rien plus — auf das vortrefflichste straffgezogen — und reichten fantastisch prächtige Wildpasteten. Nach ihnen kam Pales, die Hirtengöttin mit weißgekleideten, perlengeschmückten Nymphen, um Milchspeisen anzubieten. Die Früchte zu bringen war die Obstgöttin Pomona ausersehen, mit einem Gefolge von Nymphen in Silber und Grün. Smaragden hoben ihre Kleidung. Inmitten der Nymphen trat ein neunjähriges Prinzeßchen auf, das artig den fürstlichen Herren mit entsprechenden Versen einen Lorbeerzweig darbrachte, aus Smaragden und Perlen köstlich gearbeitet, der Königin Eleonore einen Fächer mit Spiegel-chen — Neuling damaliger Mode.

Brantöme, der das Fest ausführlich beschreibt, erwähnt neckisch, welches Vergnügen die Herren bei Hof daran hatten, die entzückenden Füßchen und Beine der Damen zu beäugen. Bei diesen mythologischen Mummereien beteiligten sich die Schönsten der Schönen aus Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden und Lothringen also nymphenmäßig angetan, waren alle hochgeschürzt und konnten mit Schönheiten prangen, die sonst verborgen bleiben, mehr als mit den schönen Gesichtern, die uns alle Tage zu sehen vergönnt war*).

Nach dem Beispiel Brantömes sah die frivole Hofgesellschaft nur die Beine, die zu zeigen den Damen von Stand nunmehr die höchst modern gewordene Mythologie gestattete. Allein das epochemachende Fest hatte in der Idee der pazifistisch klugen Statthalterin Maria eine politische Botschaft sinnbildlich ausgedrückt durch jene heiter erstürmte Scheinfestung und durch die Früchte der Fluren, die von den schönsten Frauen aller nunmehr versöhnten Länder den Weltmonarchen geboten wurden, die engversippt in Bains eingetroffen von Maria festlich anmutig zu dauerndem Frieden geladen waren.

*) Seigneurs, gentilhommes et cavaliers s’amuserent ä contempler les belles jambes et beaux petits pieds de ces dames beautes fran$aises, allemandes, flamandes, italiennes et lorraines, car, vestues ainsi ä la nymphale, eiles estoient courtement habillees, et en pou-vaient faire une tres belle monstre — plus que leurs beaux visages qu’ils pouvaient voir tous les jours. (Brantöme).

Das Gepräge, das die italienische Renaissance in Deutschland und in den Niederlanden erhalten, verpflanzt sich mit Varianten nach dem skandinavischen Norden, nach dem England Heinrich VIII. und von Wien aus nach den östlichen Reichen Ungarn und Polen.

In Polen gründete der Humanismus eine glänzende Kolonie, die dem Mutterland viel Ehre machte; ein gleichzeitig prächtiges und geistreiches Leben blühte auf. Man blickte zwar wie in Deutschland gern tief in den Becher, aber man blickte auch gerne auf zu den Sternen mit ernstem Forscherblick und unterhielt sich über Kunst und Wissenschaft so gern wie über ritterliche Taten und Minnezauber.

Es ist das Zeitalter der letzten Jagellonen, Sigismunds des Großen und Sigismund Augusts, das die Chronisten ein Zeitalter der Glückseligkeit nannten und der goldenen Freiheit (swoboda), die jedem Bürger Freiheit des Wirkens gestattete sowie die ganze Verantwortung eines Mißbrauchs dieser Freiheit ließ. Die Glückseligkeit dauert, bis fremde Einflüsse aller Art das standfähige Gleichgewicht der swoboda durch allerlei Mißverständliches stören*).

*) Der Humanismus blühte in den Dichtungen und Stücken des Ronsardverehrers Kochanowsky, die der Kanzler Zamoyski in seinem Palast aufführen ließ. Der moderne Forscher Johann von Glogau, Vitellio, der Entdecker der Optik, Woztiech, Martin und endlich Kopernikus können sich dank Polens goldener Freiheit an der Universität Krakau betätigen. Zwanglos und furchtlos war es möglich, sich über alle Arten von Fragen zu unterhalten.

Die phantastisch grenzenlose Gastfreundschaft der Polen, von der mittelalterliche Chronisten berichteten, stilisierte sich, wenn sie auch slavisch überschwänglich blieb, in die Renaissanceform. Umgangssprache der Vornehmen war Latein, was zu einer Eleganz der Unterhaltung zwang, die nur an das heimatliche Idiom Gewöhnte niemals ahnen.

Seit dem Impuls, der von Kaiser Karl IV. ausgegangen, als er die Universität in Prag gegründet und die sla-vischen Völker an die Tafel humanistischer Bildung geladen hatte, lassen sich Czechen und Polen den Ehrgeiz nicht nehmen, europäische Bildung eifrig mitzugenießen. Die Söhne der großen Familien begnügten sich nicht mit den Universitäten Prag und Krakau, sie saugten Wissen an fremden berühmten Bildungsstätten, besuchten ehrerbietig feine Gelehrte und Ideenneuerer und bringen möglichst viel des Neuen heim, mag es zu den altväterischen Sitten, die noch auf manchem Landgut herrschen, passen oder nicht.

Mit Leidenschaft interessieren sie sich für die Kunst des Buchdrucks und gehören zu dessen ersten Meistern. Ja, der Buchdruck galt für eine Art noblen Sports, der anderem Sport den Rang ablief, und überall, selbst in einsam entlegenen Gütern ist der Reisende erstaunt, Privatdruckereien zu finden. Nicht einverstanden mit diesen gelehrten Bestrebungen des polnischen Adels ist. der Philosoph Nikolaus Rej, der ein Idealbild des jungen Edelmanns aufzustellen lehrhaft bestrebt ist, wenig später als Castiglione den idealen italienischen Edelmann gezeichnet. Rej meint, es genüge in Polen, lesen und schreiben zu können, und ist fremden Sprachen und fremden Sitten für den Adel nicht hold. Er träumt vielmehr teils ein ländlich patriarchalisches, teils ein kriegerisch-tüchtiges Dasein, schwärmt für die Idylle und auch für die Freuden des Sports und des Kriegsspiels, die am besten im Winterquartier genossen werden, in den Kampfpausen irgend eines patriotischen Feldzugs. Verächtlich dünkt ihn die Jagd nach reicher Mitgift und er beschreibt humorvoll die Ansprüche einer Modedame in Polen und die Art, wie sie mit ihrer Sippschaft dem Gatten zur Last fällt: Da braucht es schon für die Kutsche rotes Zeug und Bärenpelze bis an die Knie, Teppiche müssen auf beiden Seiten aus der Karosse hängen und Zieräpfel von allen Seiten blinken. Schon braucht er zwei Kammerfrauen und eine dritte, die über sie die Henne spielt und drei Besätze auf dem Kleide einer jeglichen müssen auch sein. Die Wände muß er ausschlagen lassen und es darf sich kein Sauerkraut auf dem Tisch zeigen. Trifft ein Gast ein, so ist es nötig, ihn mit größeren Zeremonien aufzunehmen, Wein ist unerläßlich und das Glas muß mit Christi Kreuzigung bemalt sein, auch Reisgrütze gehört zum Abendessen, denn für die Herrin ziemen sich Gerstengraupen nicht mehr. Kommt nun gar der Schwiegervater mit einigen fünfzig Pferden gefahren, da setze schnell sechs Schüsseln vor und gieße allen gleich ein, denn jeder wird einen Fuchskragen haben, so daß schwer zu unterscheiden ist, wer ein Herr sei.

Ähnlich warnte der Dichter Kochanowski vor eitlem Luxus und machte sich in Satiren lustig über allerlei gesellschaftliche Unarten, wie über das fortwährende Gesundheitstrinken, das die Gäste aufzustehen zwang, dem König, der Königin, Bischöfen, Grafen zu Ehren, der ganzen Hierarchie, so daß ein Gast zuletzt ausrief: Höre, Junge, nimm meine Bank fort, ich werde das Mittagessen hindurch stehen.

Ebenso verspottete Kochanowski die neu eingerissene Mode, bei Tisch und jeder geselligen Vereinigung religiöse Fragen in lebhafter Kontroverse zu behandeln und fertigte die Disputierenden treuherzig ab. Die neuen religiösen Ansichten gaben Ursache zu viel selbstberauschendem Geschwätz.

Das Polen der Renaissance erwarb sich den Ruhm, Gastfreundschaft und Freistatt zu bieten verwegen spekulierenden Gelehrten wie einen Copernikus und interessanten Häretikern, wie etwa Lelio Socinio und seinem Neffen Fausto aus Siena, die zwischen zwei Feuer geraten waren, das drohende Rom und Calvin, der einen ihrer Anhänger enthaupten ließ*).

Allerdings mag es der inneren Ruhe Polens nicht günstig gewesen sein, daß abenteuernde Fremde manchen modischen Enthusiasmus hervorriefen, und auch der mißverstandene Humanismus zeitigte bisweilen groteske Folgen, wenn sich die Polen phrasenhaft theoretisch bei adeliger Versammlung als Römer geben wollten. Ein heilsames Mittel gegen jede Überspanntheit und Schwarmgeisterei wie gegen politische Torheit aller Art fand sich jedoch in der Kraft freimütigen Humors. Einige witzige Köpfe gründeten die zu großer Macht in der Geselligkeit wachsende Narrengesellschaft, die  es sich zur Aufgabe stellt, politische und gesellige Auswüchse durch Lächerlichkeit zu bekriegen, die sogenannte babinische Republik.

*) In Transsilvanien hat sich bis heute eine Sekte Unitarier erhalten, die von diesen Flüchtlingen stammt.

Diese im Jahr 1568 in Lublin entstandene respublica Babinensis nannte sich nach dem Landgut Babin, das dem vornehmsten Stifter, dem Magnaten Psomka gehörte, und war eine Ausgestaltung jener gotischen Narren- oder Geckengesellschaften, deren Pritsche weder Szepter noch Krummstab, noch adelig Schwert in die Flucht schlagen konnten. Ihre Kritik war ebenso unbarmherzig als witzig und heilsam, sie hielt dadurch lange Polens Zerrüttung auf und wurde politisch wie gesellschaftlich wichtig. Feierlich gab sie sich eine Verfassung genau wie die polnische*) und erwählte einen König, Reichsrat, Erzbischof, Woiwoden, Kastellane, Kanzler und andre Beamte. Die Art, wie diese Ämter übertragen wurden, war folgende: Sobald sich auf einer Gasterei jemand durch eine Sonderbarkeit hervortat oder etwas äußerte, was wider Anstand, Brauch oder Wahrheit lief, wurde er zum Mitglied der babinischen Narrenrepublik gewählt und zwar übertrug man ihm eben das Amt, das Bezug auf seine Sonderbarkeiten, Albernheiten oder Verstöße hatte. Bramarbasierte jemand und brüstete sich mit Stechen und Hauen, wurde er zum Kronfeldherrn gemacht, sprach er von Staatssachen und kam dabei vom Hundertsten ins Tausendste, ernannte man ihn zum Kanzler, wer theologisch stritt, bekam den Hofpredigertitel, wer sich gar in religiösem Eifer als Ketzerrichter zeigte, hieß sofort Inquisitor haereticae pravitatis, indes der Jagdlateiner natürlich die Charge als Krongroßjäger-meister erhielt und der Pferdefex jene des Oberstallmeisters. Jeder harmlose Satiriker war willkommen, ein Grobian und bösartiger Pasquillant ausgeschlossen. Wurde jemand zum Mitglied des komischen Staates erwählt, so fertigte man ein Patent mit großem Siegel aus, überreichte es ihm mit vieler Förmlichkeit, und der Aufgenommene nahm es stehend ehrerbietig entgegen. Weigerte er sich, so wurde er so lange ausgezischt und verspottet, bis er sich fügte.

*) Derartig- parodistische Verfassungen hatten auch die gotischen Gesellschaften gepflegt. Vergl. Gl.-R., Die gotische Welt

Soviel Übung und Menschenkenntnis gewannen die Obersten der Gesellschaft, daß niemand Leidenschaften besser kennzeichnen, kein Moralist deutlicher und nachdrücklicher Sitten und Laster erklären, kein Physiognom aus Gesichtszügen, Gebärden und Gang die menschliche Natur deutlicher erkennen konnte als sie.

Weil man nun in dieser Republik jedes Laster, jede Schwachheit der Lächerlichkeit preisgab, wurde sie in kurzer Zeit der Schrecken, die Bewunderung und der Zuchtmeister der polnischen Nation. Das Genie ward begünstigt, der Witz geschärft, Mißbräuche, Vorurteile und schlechte Sitten, die sich in die Regierung und die bürgerliche Gesellschaft eingeschlichen hatten, durch wohlangebrachte Satire äbgeschafft; die Mitglieder bekümmerten sich ernstlich um Dinge, von denen sie früher mehr gesprochen als verstanden hatten; die klügsten Köpfe der Nation befanden sich unter ihnen und Personen, die beim Adel und selbst beim König in größtem Ansehen standen. So hat Peter Cassovius lange Zeit das Richteramt in der Woiwodschaft Lublin geführt und ist mehr als einmal zum Landboten beim Reichstage erwählt worden. Besonders waren Cassovius als Kanzler und Psomka als Starost der babinischen Republik bei Fürsten und Adeligen wegen ihres Verstandes und ihrer trefflichen Einfälle sehr beliebt. Man glaubte kein Gastmahl vergnügt zu feiern, wenn es nicht die beiden jovialen Alten mit ihrer Gegenwart erheiterten. Als Psomka gestorben war und man seiner bei einem vornehmen Gastmahl gedachte, baten einige vom hohen Adel einen anwesenden Dichter, auf den Dahingeschiedenen eine Grabschrift zu machen, die er auch gleich aus dem Stegreif fertigte *).

Bald erweiterte sich die lächerliche Republik dermaßen, daß man selten unter dem Senat, den Geistlichen, den Hofleuten und anderen Ständen des Reichs jemand fand, der nicht ein Amt in derselben bekleidete. Als die Sache endlich vor den König Sigismund August kam, äußerte er sein Wohlgefallen über diesen komischen Staat und fragte, ob er auch einen König habe, worauf der Starost dieser Republik, eine.wunderliche Persönlichkeit, mit jovialer Laune antwortete: Fern sei von uns, allerdurchlauchtigster König, daß wir, solange Sie leben, einen anderen König wählen sollten. Sie sind auch unser Oberhaupt. Der König nahm die Antwort gnädig auf, lachte und witzelte darüber, daß alle in die größte Heiterkeit versetzt wurden.

Welch ungeheurer Abstand zwischen dem wachen Leben solch geistreichen Freimuts und dem Albdruck, der auf dem östlichen Nachbarreich, auf Moskowien, lastete  unter dem finster wütenden Zaren Iwan, dessen Schreckgestalt bluttriefend und närrisch grinsend aufragt!

*) Stanislai Samicii Annales Polonic. Leipzig 1712. Nach Flögels Geschichte des Grotesk-Komischen.

Im Anfang seiner Regierung zeigte er zwar einen leidenschaftlichen Kultursnobismus, berief fremde Meister und suchte eifrig mit dem Westen anzuknüpfen, sogar indem er der Königin Elisabeth von England seine Hand antrug. Allein nach einer Krankheit, in der er sich von Verrat umlauert sah, war er verwandelt und von wütendem Menschenhaß besessen, dem er ungehindert fröhnte, da sich alle um ihn zitternd unterwürfig jede Schmach und jeden Schmerz gefallen ließen, wie ein von Gott verhängtes Geschehen. Bezeichnend genug für Mongolenschlauheit: Iwan weiß Fremden des öfteren vorzugaukeln, seine Regierung bringe eitel Schäferglück. Als guter Komödiant spielt er den besorgten, liebreichen Landesvater und den freundlichen Gastherrn bei Tafel, und alles ist darauf eingestellt, die fremden Gesandten zu täuschen. Sogar ein Jesuit glaubt der Vorspiegelung.

Kehrten die westlichen Besuche den Rücken, ließ Iwan seinem unsagbaren Blutdurst und Hunger nach Qual freien Lauf. Er ordnete Maskenzüge an, Schlittenfahrten und Schmausereien von toller Üppigkeit, die gräßlich endeten in Blut und Schrecken. Gäste lud er zum Tanzen ein, die wohl wußten, daß es der Tod selbst war, der sie lud, daß die unbeschreibliche Orgie für diesen und jenen, vielleicht für die meisten unter ihnen mit Marter und Mord aufhörte. Allein sie nicken und verbeugen sich und werfen sich nieder vor ihrem Schreckensgott und schlürfen seinen Wein und lachen zu seiner Scherze unsagbarer Entsetzlichkeit.

Text aus dem Buch: Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt 1450-1600 (1921), Author: Gleichen-Russwurm, Alexander, Freiher von.

Siehe auch:
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – Vorwort
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FRÜH-RENAISSANCE
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWEITER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DRITTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFTER ABSCHNITT.
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHSTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBENTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ACHTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – NEUNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ELFTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWÖLFTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DREIZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFZEHNTER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHZEHNTER ABSCHNITT

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  1. […] Siehe auch: Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – Vorwort Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FRÜH-RENAISSANCE Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWEITER ABSCHNITT Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DRITTER ABSCHNITT Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERTER ABSCHNITT Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFTER ABSCHNITT. Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHSTER ABSCHNITT Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBENTER ABSCHNITT Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ACHTER ABSCHNITT Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – NEUNTER ABSCHNITT Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZEHNTER ABSCHNITT Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ELFTER ABSCHNITT Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWÖLFTER ABSCHNITT Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DREIZEHNTER ABSCHNITT Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – VIERZEHNTER ABSCHNITT Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FÜNFZEHNTER ABSCHNITT Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SECHZEHNTER ABSCHNITT Abschnitt 18 wurde beim Numerieren versehentlich übersprungen. (Original Bucheintragung S. XIII) Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – SIEBZEHNTER ABSCHNITT […]

    3. März 2016

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