Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWEITER ABSCHNITT

Persönlichkeit und Masse — Der Kardinalshut im Almosensack — Natürliche Söhne — Gesellschaft und adelige Geburt — Condotta, Bank und Priesterschaft — Humanismus und Emporkömmling — Die führenden Höfe — Am Schachtisch — Drei edle Frauen — Pille oder Kugel — Humanistische Geselligkeit — Platon gegen Aristoteles — Die platonische Akademie — Der himmelblaue Humanist — Die Neuigkeitsbude — Ein unsterblicher Pedant — Feindliche Gruppen — Alte und neue Musik — Im Kampf der Geister.

Instinktiv hat die Renaissance das Wesen der Masse verabscheut, deren Urteil, Vorhaben und Gehaben ihrer Erlesenheit nur gefährlich sein konnte. Sie ist ein Antipode unserer Zeit, denn sie glaubt nicht an die Masse, sie glaubt nur an den Einzelnen. Dieser Glaube wird dadurch belohnt, daß allerdings im Cinquecento die Einzelleistung so auffallend und hervorragend war wie noch nie, daß eine unverhältnismäßig große Anzahl von Einzigen und Einzigartigen auf verschiedenen Gebieten sich zum Ruhm der ganzen Menschheit hervortun.

Der Glaube an den Einzelnen und der Unglaube der Masse gegenüber macht, daß der Einzelne keine Verantwortung abschiebt und jede Anonymität verschmäht. Man nimmt mutig seine guten und bösen Taten auf sich, erkennt die Kinder seiner Liebe und seiner Laune an. Ein geläufiger Ehrenbeiname ist Unico, ist Divino. Jedermann freut sich, der gesamte Kreis fühlt sich geehrt, einen solchen Einzelnen zu besitzen, man setzt seinen Stolz hinein, man ist nicht etwa bemüßigt, wie es später mit Hervorragenden und Einzelnen grundsätzlich gerne geschah, sie zu verkleinern, zu verdächtigen oder herabzuziehen, sondern der Einzelne wird oft über Gebühr und hyperbolisch zu einem solchen gestempelt und erhoben, mühsam muß er sich auf dem Piedestal erhalten, das ihm die Bewunderung schafft. Die Einzigen kommen aus verschiedenen Schichten hervor. Wie unter Napoleon jeder Soldat die Möglichkeit des Marschallstabes im Tornister trug, so trägt jeder Mönch den Kardinalshut im Almosensack, jeder Sonettendrechsler träumt sich die Dichterkrönung, jeder Abenteurer kann danach streben, sich ein Fürstentum zurechtzuschneiden.

Aus diesem allem ergibt sich für die Renaissance eine neue Stellung gegenüber der noch immer bedeutenden und wichtigen Adels weit mit ihren fern wurzelnden Traditionen. Ihre schon in der Gotik untergrabene Ein* heit als geschlossenes Ganzes, als kosmopolitisches, weitläufig republikanisches Rittertum, ist nicht mehr aufrecht zu erhalten. Der europäische Adel löst sich in einzelne Gruppen auf, die sich behaupten, so gut sie können, und dem Einzelnen, der aus anderen Ständen hervorragt, möglichst auch Einzelne gegenüberstellen, sei es mit Hilfe von Bastardsöhnen, wenn die Echtgeborenen nicht ausreichen. Denn gerade Kinder der Liebe haben ja zumeist die jetzt notwendige, kräftige und originelle Individualität. Sie sind auch zumeist dem Vater und der Familie am zuverlässigsten ergeben aus Dank für Anerkennung und das Geschenk, sich an der Familienehre beteiligen zu dürfen. Die auffallende Erscheinung, daß im Cinquecento alle großen Familien, alle Herrschenden — darunter auch weltlich herrschende Päpste — natürliche Söhne und Töchter aufrichtig zu den Ihrigen zählen, kommt durchaus nicht von besonders lockerer Sitte, sondern hängt zusammen mit der Familienpolitik.

Man beachte, wie die stolze Dame des Hauses mütterlich diese Kinder der Liebe aufnimmt und mit den ihren erzieht. Sie leiden keine Zurücksetzung, für ihre Heirat wird gut gesorgt, sie gehören zum Glanz des Hauses und dienen dazu, denselben noch fester zu gründen, indem sie mit Allianzen zweiter Güte, aber doch politisch wichtigen Beziehungen, die politisch hochbedeutsamen Allianzen erster Linie der Legitimen vervollständigen und fester verankern, und wenn die übrige Anhängerschaft schwankt oder verrät, sich als festeste und treueste Stütze der Familie erweisen.

Durch ihre Zwitterstellung als Einzelne und dennoch fest mit der großen Sippe Zusammenhängende sind sie ein fester Wall gegen die Bedrohung, die das Wesen der Renaissance dem Wesen des Adels bietet. Sie will Individualität, und der Adel kann sich nur behaupten, wenn er solche aufbringt. Wie beträchtlich diese Bedrohung ist, erhellt unter anderm die Überlegung, mit der Castiglione das Wesen seines idealen Hofmanns zu umreißen beginnt.

In dem höfischen Kreis wird nämlich ernsthaft die Frage aufgeworfen, ob adelige Geburt dazugehöre, und man berät bedächtig entgegengesetzte Meinungen. Ludovico, Graf Canossa, behauptet, zum vollkommenen Hofmann und Weltmann gehöre adelige Geburt, denn einem edel geborenen sei der Adel wie eine helle Lampe, die besonders deutlich gute und schlechte Handlungen unterscheiden lasse und kräftig sporne zur Tugend aus Besorgnis vor Schmach wie aus Hoffnung des Lobes, indes den nicht also Geborenen kein derartiger Glanz Anreiz und Besorgnis verdeutlicht. Die Natur, so meint Canossa, habe allen einen geheimnisvollen Samen (occulto seme) gegeben, der eine gewisse Kraft und Eigenschaft allem mitteile, was davon entsprießt und sich ähnlich macht. Also ist der Adelige von Natur aus angelegt, wieder dem zuzustreben, was Adel gibt und bedeutet.

Gaspare Pallavicino erwidert: la natura non ha questi cosi sottili distinzioni — die Natur macht keine so spitzfindigen Unterschiede — spesso si veggono in persone bassissime altissimi doni della natura — oft sieht man bei niedrig Geborenen ihre höchsten Gaben. Er meint, für den idealen Cortegiano müsse genügen Geist, Schönheit, glückliche Anlage des ganzen Wesens und jene Grazie, die ihn beim ersten Anblick bei jedermann höchst beliebt macht (ingegno, bellezza di volto, disposizion di persona, e quella grazia die al primo aspetto sempre lo faccia a ciascun gratissimo). Nach Pallavicinos Ausspruch wird im Kreis von Urbino gehandelt, er ist nicht im adeligen Sinn exklusiv, obwohl er Canossas praktischer Erwägung recht geben muß, daß vornehmer Name schnell und sicher einführt, Vertrauen erweckt und auch denjenigen, der ihn trägt, mächtig anreizt, sich des Vertrauens und Wohlwollens, das der Name gibt, sofort würdig zu zeigen.

Die ästhetische Seite überkommener Vornehmheit wird gewürdigt, aber dem Geist der neuen Zeit entsprechend an die Seite des geborenen Aristokraten gleichberechtigt Jener gerückt, den die Natur mit spontaner Vornehmheit beschenkt und dessen Selbsterziehung diese Gabe gepflegt hat. Dem Adel steht eine anmutige, großartige und leichte Art zu geben an, auch das eigene Leben zu geben. Dagegen ist es für ihn das Härteste zu nehmen, anzunehmen. Unstandesgemäßes Dasein kann eine Zeitlang mit heroischem Humor wie ein Maskenscherz getragen werden — auf längere Dauer auf die zweite Generation ausgedehnt, wird der Zweck erreicht, den der Vernichtungswille hatte, nämlich jene Imponderabilien sind weggeblasen, die einst ein Köstliches, ein Erlesenes, ein Zauber waren, Blüte uralten Weins, Patina des Goldes, Ehrwürdigkeit gepflegter Silberlocken.

Das künstlerisch Wertvolle der Patina des Adels imponiert dem ästhetischen Gefühl, und leidenschaftlich begehren die Emporkömmlinge, sich mit ihm zu verschwistem und verschwägern, wozu er anfangs nur seine Bastardkinder, später auch die Legitimen hergibt. In den meisten Fällen wirkt diese Versippung nicht ungünstig, weil die großen Emporkömmlinge geistlichen und weltlichen Standes sich der humanistischen Bildung hingeben, ihre Bedeutung durch ein gutverwendetes Mäzenat besiegeln und einige Adelsgeschlechter mit in diese Richtung reißen, indes ein anderer Teil der alten Aristokratie sich grollend und urtümlich abseits hält und dem veränderten Zeitgeist mißtraut.

Auf dreierlei Art geschieht das Emporkommen kräftig mächtiger Individuen, gefördert durch die Hingabe ihrer Sippe, durch die Condotta, durch das Bankwesen, durch den geistlichen Stand, und die drei Arten gehen nützliche Verbindungen ein, die alles in ihrem Bereich einkreisen. Die Condotta ist ein Zug Angeworbener, die Abenteuerlust, Gewinnsucht, Familiensinn einem Führer unterordnet, dem Condottiere, bald da, bald dort im Dienst. Man sieht die Condotta oft in geradezu possierlicher Weise dem Kampfe entgehen und den Weg zur Schenke nehmen. Wer diese malerischen und gleichgültigen Leute irgend begeistert und zu Taten zwingt mit starkem Wort oder Geschenk, die weniger Feigen umarmend und ihren Heldenmut über alles preisend, ist ein großer Condottiere, gewinnt für sich schließlich Land und Leute, baut Paläste in Eile, erringt eine Prinzessin oder feine Liebe und umgibt die vornehme Gattin oder Geliebte mit allem Luxus der Kunst und Bildung.

Langsamer aber sicherer treibt die Bank empor. Es ist kein naives Geldgeschäft mehr, sondern ein höchst komplizierter wirtschaftlicher Vorgang, nicht Italien allein bleibt Schauplatz der kühnen Geldkriegszüge, sondern die ganze bekannte Welt wird einbezogen. Man gründet Filialen in der Türkei, in Afrika, man regt Erfinder und Entdecker, Geographen und Techniker an, man treibt Import, Export, Kommission, Reederei, Versicherung, Geldhandel und Warenhandel. Da überall verschiedene und unsichere Währung herrscht, bringt der Wechsel großen Gewinn.

Die dritte Art, emporzukommen, ist durch den geistlichen Stand gegeben, der dem Ehrgeiz unabsehbar Raum gibt, große wie kleine Geister spornt und dem Lauf des Geldes die Richtung nach Rom zu geben trachtet, wo sich die Kunst bald vermißt, den Goldstrom majestätisch zu fassen und in Kaskaden von Herrlichkeit weithin rauschend wieder abzuleiten. Einer höheren Macht sind die einen wie die anderen der homines novi untertan, dem Humanismus. Weil sie fühlen, daß Vornehmheit dadurch am besten erreicht wird, dienen sie ihm gerne und stolz.

In der Frührenaissance zeigen sich selbst die alten Raufgeschlechter der Colonna und Orsini neuer Bildung zugänglich, wozu der Umstand besonders beiträgt, daß ein Teil der Familie Colonna dem Papst nach Avignon folgte und dort an der feinkultivierten Geselligkeit dieser vielverleumdeten Papstresidenz teilnahm. Daher kam es auch, daß Petrarca Hauslehrer, Gast und Freund der Familie Colonna war. Einen Augenblick versuchen die Orsini einen Wetteifer in Bildung mit dem Nebenbuhler, mit dem sie sich sonst nur in rohem Kampf gemessen, sammeln Bücher und erziehen ihre Töchter so fein, daß Clarice Orsini die würdige Gattin eines Lorenzo il Magnifico wird und ihren Platz in schöngeistiger Gesellschaft wohl ausfüllt. Schließlich gewinnen einige Namen und Geschlechter die stärkste Essenz des Cinquecento und die anderen treten zurück, da sie nicht genug Macht, Geschmack, Geist oder Geld besitzen, um mitzutun. Fast alle Führenden sind untereinander verwandt und verschwägern sich mit den Päpsten, mit Spanien, Frankreich und Deutschland. Die alten Geschlechter heißen Este, Gonzaga, Montefeltre, Aragon in Neapel und sind eng miteinander versippt. Nur wenige Familien drücken der Renaissance ihren Stempel auf, ihr Andenken, ihre Wappen begegnen überall dem sinnenden Betrachter. Zwei Päpste della Rovere mit ihrem mächtig knorrigen Eichbaum, Sixtus IV. und Julius II., die Schöpfer der sixtinischen Kapelle. Zwei Päpste Borgia, Kalixtus III. und Alexander VI., der im Jahre 1494 die Erde mit einem hundert Meilen westlich von den Azoren berechneten Meridian in zwei Hälften schneidet und westlich alles zu entdeckende Land den Spaniern, östlich den Portugiesen, zuerteilt. Zwei Medici, Leo X. und Clemens VII., Schutzherren der Hochrenaissance. Diese Familien verschwägern sich, so gut sie können, mit den eingesessenen Dynasten. In Betracht für das vornehme Leben der Zeit kommen vor allem die Este in Ferrara, die Gonzaga in Mantua, die Montefeltre in Urbino, die Sforza in Mailand, die Aragon in Neapel — kleinere Tyrannen wie die kunstliebenden Malatesta in Rimini und Bentivoglio in Bologna.

Ganz eng verbunden und die vornehmen Sitten zum Höchsten steigernd erscheinen die Städte Mantua, Ferrara und Urbino. Francesco Gonzaga, Marquis von Mantua, an dessen Hof ein Mantegna gerne gesehen und trotz seiner Schrullen geduldig ertragen wird, heiratet Isabella d’Este, die Tochter Ercoles I. von Ferrara, seine Schwester Elisabetta heiratet Guidobaldo von Urbino und wird Castigliones Idealprinzessin. Die Schwägerinnen wetteifern miteinander in erlesener Geselligkeitskunst. Guidobaldos Vater, Federigo von Montefeltre*), hatte — mit Lorenzo Medici darüber Rat pflegend, — einen herrlichen Palast mit berühmter Bibliothek erbaut. In diesem fanden die ideal gestimmten Zusammenkünfte statt, die durch den Cortegiano unsterblich geworden sind. Eine dritte Schwägerin, die Schwester der Isabella von Mantua, Beatrice d’Este, heiratet Lodovico il Moro, den gewaltigen Sforza in Mailand, und hält glänzend Hof. Ihre älteste Schwester Isabella scheint unter den bezaubernden Renaissanceprinzessianen für die eleganteste in den zarten Vollkommenheiten des geselligen Lebens gegolten zu haben. Als solche wird sie in Rom gefeiert, wo ihr Söhnchen Federigo von Gonzaga als Geißel leben muß. Der Knabe, von seiner bedeutenden Mutter zu vornehmem Anstand erzogen, erfreut sich in römischer Gesellschaft großer Beliebtheit und ist Julius II. ans Herz gewachsen. Der alte, rauhe Papst und der kleine, feine Prinz spielen Schach und Trick-track zusammen.

Noch einige interessante und wichtige Verwandtschaften: eine Schwester des Federigo von Montefeltre, mit einem Neffen Sixtus IV. vermählt, hat Francesco Maria della Rovere zum Sohn, dieser wird mit einer Tochter der Isabella von Mantua, Eleonore, vermählt und zum Erben der kinderlosen Montefeltre eingesetzt.

*) Federigos zweite Gattin war die gelehrte Battista Sforza, Tochter Alcxandros Sforza und der Constanza Varano, die als Dichterin und Humanistin gefeiert war. Aus solchem schöngeistigen Kreis geht Mailands Trivulzia hervor, die schon als kleines Mädchen den Musen geweiht wird. Mit Montefeltre verwandt ist Vittoria Colonna, deren Mutter Agnese eine Schwester Guidobaldos war. Freundschaftliche Bande verknüpften sie mit Ferraras Hof, sie wird Patin von Tassos Eleonore, dem Enkelkind Lucrezia Borgias.

Denn es war Alexander VI. gelungen, seine Tochter mit dem Sohn Ercoles, Alfonso d’Este, zu vermählen, so daß Lucrezia als vierte der bedeutenden Prinzessinnen auftritt, die Italiens Renaissancegeselligkeit beherrschten. Isabella von Mantua, Elisabetta von Ur-bino, Beatrice von Mailand, sind ihre Schwägerinnen. Isabella und Lucrezia verband eine herzliche Freundschaft, von der ein siebzehn Jahre dauernder Briefwechsel Zeugnis gibt*).

Ariosto besang Lucrezia als Muster der Tugend, Bembo widmete ihr seine platonisch zarte Dichtung Gli Asolani zum Andenken an die schöne Geselligkeit, der sie Vorstand — nach dem genau beachteten Vorbild der vornehmen Schwägerinnen. In allem strebt die Papsttochter ihnen nach. Allerlei bedeutendeVerschwägerungen gewinnt das Haus Medici. Catharina Sforza heiratete in dritter Ehe einen Medici der jüngeren Linie, die nachmals den großherzoglichen Thron gewann.

Durch diese Ehen wird trotz der äußerlichen Zerrissenheit und der Fehden eine gewisse Kultureinheit, eine Harmonie der Sitten, Gebräuche, geselligen Gepflogenheiten und Ideale der italienischen Renaissance erzielt, denn diese Prinzessinnen haben ähnliche, feine Eriehung genossen, lieben anmutige Rede, schöne Dinge der Kunst, wirken auf gleiche Weise, jede im eigenen Kreis, und ein Wettstreit der Bildung entsteht zwischen den verwandten Höfen.

*) Auf Ferraras Thron folgt der Lucrezia Renee de France, die den Calvinismus Italien einimpft.

Ein Traum politischer Einheit bricht in Italien an, als die kulturelle Einheit längst gegeben war und zum Selbstverständlichen des gesitteten Daseins gehört. Die Höfe von Neapel, Mantua, Ferrara und Urbino sind in regem Gedanken- und Modenaustausch; Künstler, Dichter, Antiquitätensammler und Lustigmacher wandern von einem zum andern. Sie sind in enger Berührung mit Rom, mit Florenz und Mailand, wo neue Familien mit ungebundenem Ehrgeiz herrschend auftreten. Interessanteste homines novi machen sich geltend in den Papstfamilien Borgia und della Rovere. (Letztere ursprünglich kleine Leute, Krämer oder Fischhändler aus der Gegend von Savona, erstere spanische Abenteurer.) Gut bürgerlicher Abstammung sind die Medici in Florenz, die sich später einen phantastischen Stammbaum machen ließen. Brantöme behandelt ihn ausführlich, um den Vorwurf der mesalliance zu widerlegen, mit dem Catharina von Medici in Frankreich begrüßt wurde. Danach soll der Name nicht etwa von Vorfahren stammen, die sich der Heilkunst befleißigten*) (medici = Ärzte), sondern die Familie führe ihre Entstehung bis ins klassische Altertum zurück, wo ein Ahnherr die Meder besiegt habe und den Beinamen Medicus erhielt, wie andere Eroberer Britannicus, Ger-manicus, Africanus hießen. Die sechs Palle im Wappen  werden dementsprechend als kriegerische Wahrzeichen erklärt, indes Gegner der Medici gern behaupteten, es handle sich einfach um Apothekerpillen.

*) Die Heilkunst, vielfach von Juden ausgeübt, erfreute sich übrigens schon großer Achtung.

Wie dem auch sei, die Medici erheben sich über ihre adeligen und nicht adeligen Mitbürger durch Milde, Klugheit, Weitblick und Großmut von Generation zu Generation, Eigenschaften, die in dem ehrwürdigen väterlichen Cosimo einen Höhepunkt erreichen. Er spendete 663755 Goldgulden für Wohlfahrtszwecke. Die guten Einnahmen des ägyptischen Handels machen solche Großmut möglich*): Dieser Handel wurde auf streng reellen Grundlagen geführt, man hatte seinen Beginn mit Prozession und Messe .eingeweiht und das Gedeihen den Schutzheiligen von Florenz besonders empfohlen. Altväterisch fromm und gewissenhaft blieb man in seinen Geschäften, obwohl sie immer großzügiger wurden und die Medicäerbank sich bald in der Lage sah, Königen Gefälligkeiten zu erweisen.

Unter Cosimos Walten begann die wichtige Geselligkeit des Humanismus. In dem Streit zwischen Theodor von Gaza, der Platon im Namen des Aristoteles angriff, gegen den Platoniker Demetrios Chalkondylas und Bessarion, Schüler des Gemisto Plethon, ergriff Cosimo Partei für den Philosophen, der die Renaissance beherrschen sollte, und gründete die platonische Akademie, wo im Rahmen gesellig heiterer Zusammenkünfte die neu aufgeworfenen großen Fragen zwanglos behandelt wurden im Lustwandeln oder bei Tafel, wie Platon selbst getan.

Der Humanismus gibt Stellung in der Gesellschaft und  die Humanisten nehmen gewaltig zu unter Cosimo. Sie ziehen die Aufmerksamkeit des Publikums an durch auffallende Gewänder. Tommaso Parentucelli zum Beispiel, der nachmalige große Papst Nikolaus V., Hauslehrer der Familie Albizzi, trug sich himmelblau, sein Freund Niccolo de’ Niccoli ging in rosa. Dieser Begründer der Bibliotheka Marciana ließ außerdem viel von sich reden durch die Eigenart seiner Gastfreundschaft. Seine Tafel war mäßig im Gegensatz zu der üppigen spätgotischen Gasterei, kein Gold und Silber wurde prunkend umhergereicht. Allein erlesene antike Schalen und Amphoren schmückten sie, jedem Kenner ein Augenrausch und eine Erhebung. Niccolos schöne Geliebte bekränzt die Gäste und kredenzt nach der feinen Art griechischer Freundinnen.

*) Dieser Handel blühte seit 1421.

Am meisten Aufsehen erregten die Humanisten jedoch durch ihre wie mit Absicht zur Reklame möglichst lauten Streitfragen und das literarische Schaufechten*). Die verschiedenen Gruppen bekommen Parteigänger und bald gibt es keine gesellige Zusammenkunft ohne lebhafte, oft recht witzige Kontroverse. Besonders humorvoll scheint Vespasiano de Bisticci gewesen zu sein, er hielt in literarischen Dingen Bottega in Florenz, eine Neuigkeitsbude, wo die klügsten Lippen laut werden und die beredtesten Hände sprechen, diese außerordentlich ausgebildeten, beredten Hände, die zeitgenössische Maler überzeugend darstellten. Ihre Durchgeistigung, ihre Durchbildung ist der lebhaften

*) Sie erhielten Anregung hiezu durch die Griechen beim Konzil zu Florenz (1438), die ihre leidenschaftlich spitzfindigen Kontroversen nach Italien brachten.

Sprache zuzuschreiben, mit der sie Diskussionen, Disputationen, Scherz und Schimpf unentwegt begleiten. Von Vespasiano Bisticci, dem nachmaligen Bibliothekar des Federigo Montefeltre in Urbino, der sich stolz seiner 772 seltenen Handschriften rühmt, stammt der italienische Ausdruck bisticciare für amüsante Äußerungen bei Meinungsverschiedenheiten. Dieses war Geplänkel, manchmal wurde aber mit recht grobem Geschütz aufgefahren. Typisch dafür sind die invec-tivae des Poggio gegen Filelfo und die grimme Satire seiner Facetiae, die dem Widersacher eine Unsterblichkeit als komische Pedantenfigur verschaffte. Denn nicht weniger als sechs Dichter, darunter Ariosto und Rabelais, zuletzt der Engländer Prior und La Fontaine, benutzten die von Poggio in jenem Streit witzig hingestellte Karikatur Filelfos.

So stark und scharf ging es zu. Berühmt blieb auch der Streit Georgs von Trapezunt und Theodors von Gaza, die Aristoteles gegen Platon verfochten mit Kardinal Bessarion, der die Verleumder Platons leidenschaftlich zurückwies. Es bildeten sich die feindlichen Gruppen: Leonardo Aretino, Poggio, Niccolo de’ Niccoli, Beccadelli gegen Lorenzo Valla, der den Papst und den Adel unbändig angriff, und Niccolo Perotti. Beccadelli, auch Panormita genannt, der Verfasser des verwegen antiken Hermaphroditus, überträgt den Streit nach Neapel. Wuchtig tritt für Platon der Kardinal Bessarion mit seinem Werk ein: In calumniatorem Platonis. Es erschien (1470) in Rom bei Sweynheim und Pannartz, rührigen deutschen Buchdruckern und Verlegern, die sich den Kampf der Geister wohl zu nutze machten. Auch die musikalischen Größen geraten in scharfen Prinzipienstreit, über alte und neue Musik wird in Gesellschaft ebenso disputiert wie über ältere und neue Philosophie.

Ein Tüpfelchen auf dem i genügt manchmal, um gigantische, literarische Fehden zu entfesseln. Offenbar ist es um das Vergnügen der Dialektik zu tun und um Hör- wie Leselustige anzulocken wie zu einem interessanten Gesellschaftsspiel. Wie alles Wichtige im Kreis der menschlichen Erfahrung ursprünglich vom Spiel, von geselliger Gepflogenheit herrührt, so liegt der Ursprung der öffentlichen Meinung und ihrer Macht hier zutage. Sie entstammt der zuerst spielerischen Parteinahme in geistigen Fragen, die von führenden Humanisten aufgeworfen wurden. Nichts liegt tiefer in der menschlichen Natur begründet als die Sucht, Partei zu ergreifen. Das harmloseste Spiel beginnt damit und der wildeste Krieg. Auch jeder wichtige Fortschritt des geistigen Lebens. Die Berechtigung, Partei zu nehmen, ist nie angezweifelt worden, wir können alle nicht anders, es gehört zum Lebensprozeß, Parteinahme erweitert, bereichert unser Dasein, oft ist darin das Leben selbst gleichsam enthalten. Daher der leidenschaftliche Anteil oder die belustigte Spannung, die dem Schau- und Spiegelfechten der Federhelden folgt, jeder sammelt eine Condotta und sucht erobernd vorzudringen, jeder, der dem Condot-tiere folgt, fühlt sich geschmeichelt, wenn durch Wort oder Druck sein Parteiergreifen bestätigt wird, immer mehr Menschen spielen mit und bald erscheint die öffentliche Meinung mit Hilfe des Buchdrucks als eine neue fix und fertig hergestellte Macht, mit der die alten Mächte zu rechnen haben*).

Um die einschneidendsten Fragen wird disputiert, alle Zweifel der Reformation bereiten sich vor. Aber auch ins Leere streitet man gern, um Nichtigkeiten, um grammatische Klügeleien ereifert man sich. Es wirkt doch, denn die Hauptsache ist der gelehrte Hokuspokus, das dröhnende Latein, das um die Ohren schlägt und um die Ohren geschlagen wird. Man bedient sich der ehernen Sprache, man schlägt nicht ohne etwas barbarisches Vergnügen auf das Erzbecken, daß es weithin schallt und lärmt.

In einem waren jedoch alle diese lebhaften Geister einig, im Preise Cosimos und im Preise des regsam holden Florenz, schwärmerisch nannten sie die Stadt: Muster aller Tugenden, Haus der Götter.

Man wird unerhört kühn in Cosimos gewähltem Kreis *).  Der Schmerz, den alle Gebildeten über gewisse Mißstände in der Kirche längst empfanden, machte sich Luft, insbesondere der Grimm gegen die rückständige Möncherei, und was an edler Essenz in reformatori-schen Gedanken enthalten war, wurde hier zum erstenmal destilliert.

Durch platonische Weisheit hofften die meisten den wahren Kern des Christentums wiederzugewinnen, einige Wenige gingen zu weit und suchten Heil im Neoheidentum, einer Richtung, die Gemisto Plethon am nachdrücklichsten vertrat.

*) Die Unaufrichtigkeit mancher hitziger Streiter erhellt dadurch, daß einige sehr laute unter ihnen, wie Lorenzo Valla, von jenen, die sie maßlos beschimpfen, gerne Unterstützung verlangen und annehmen. Damit beginnen die Auswüchse dieser Bewegung.

Indessen wirkten große Künstler, die Anmut der Antike zu entfesseln. Wie ein lange in Gewahrsam gehaltener Duft entstieg sie der endlich gelösten Phiole und erfüllte die Stadt mit geheimnisvollem Rausch. Von toskanischem Hügel zu toskanischem Hügel ertönt die Flöte des Pan . . .

Text aus dem Buch: Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt 1450-1600 (1921), Author: Gleichen-Russwurm, Alexander, Freiher von.

Siehe auch:
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – Vorwort
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FRÜH-RENAISSANCE