Die Verkehrsmittel von Südwestafrika


Es ist eine eigentümliche Sache mit dem Verkehr in Südwesiafrika. Während man in der Heimat Schnellzug, Fahrrad, Automobil und in absehbarer Zeit vielleicht sogar das Luftschiff als Verkehrsmittel zur Verfügung hat, muss man im Verkehr der Kolonien auf fast alle Errungenschaften der modernen Technik verzichten. Wohl hat man in jenen furchtbaren Tagen des Aufstandes eingesehen, welch ungeheure Bedeutung die Eisenbahnen auch für unser Schutzgebiet haben, allein trotz aller Arbeit, trotz aller Opfer von seiten des Mutterlandes spielt die Eisenbahn im Verkehr des Schutzgebietes noch immer eine verhältnismässig untergeordnete Rolle. Im wesentlichen sind es drei Linien, welche unsre Kolonie durchqueren: die Staatsbahnen Swakopmund—Windhuk, de Otavi-Bahn, die Südbahn LüderitzbuchtKeetmanshoop. Dazu kommt in absehbarer Zeit die im Bau befindliche Nord-Südbahn Windhuk — Keetmanshoop. Auf diesen Linien verkehren Wagen 1., 2. und 3. Klasse, von denen die erste und zweite Klasse für Weisse, die dritte Klasse für Eingeborene bestimmt ist. Die Wagen dritter Klasse sind meist offen. Die Wagen erster und zweiter Klasse sind gedeckte Wagen und innen zimmerartig mit losen Stühlen ausgerüstet.

Ein weit grösserer Teil des Verkehrs, besonders im Innern des Landes, wird von den Reit- und Zugtieren übernommen. Kamele haben sich besonders bewährt bei der Durchkreuzung der weiten wasserlosen Steppen und Wüsten, die sich im Osten und im Westen des Landes finden, der Kalahari und der Namib. Namentlich bei den Diamanten-Expeditionen haben sie sowohl als Reittiere wie als Zugtiere schätzenswerte Dienste geleistet.



Vor allem aber ist das Pferd, dieser treue Diener des Menschen in allen Erdteilen, von Bedeutung für den Verkehr. Während man anfangs die Pferde nur aus der englischen Kolonie importierte, hat man seit dem Aufstande auch deutsche Schläge mit Erlolg eingeführt, und man hofft, dass die guten Eigenschaften des kleinen Afrikanerpferdes, Ausdauer und Bedürfnislosigkeit, bei der Kreuzung mit deutschen Rassen erhalten bleiben, und dass mit der Zeit grössere Tiere erzielt werden.

Das Land bietet oftmals Wege, die nur zu Pferde zurückgelegt werden können, ja dann und wann bereitet das Gelände auch Schwierigkeiten, die den Reiter veranlassen, sein Pferd zu führen und zu Fuss der Pad (Weg) zu folgen. Das Gepäck wird, wenn der Reiter solches benötigt, auf einem Packtier mitgeführt.

Dazu benutzt man meist ein Maultier, das, wenn es angelernt ist, ohne Zügel freilaufend seinem Herrn folgt. In dieser Eigenschaft und, wie später erwähnt, als Karrentier, ist das Maultier unersetzlich, hauptsächlich wegen seiner grossen Bedürfnislosigkeit. Ein solches Tier kann drei bis vier Tage ohne Wasser und bei schlechter Weide auskommen, ohne in seinen Leistungen wesentlich nachzulassen, jedenfalls Fähigkeiten, die in einem Lande wie Südwestafrika nicht genug zu schätzen sind. Als Reittier allerdings erfreut es sich seiner boshaften Eigenschaften wegen meist eines wenig guten Rufes, und nur zu oft siedelt es seinen Reiter da an, wo er nicht die geringste Absicht hatte, sich „sesshaft niederzulassen“. Auch der Reitochse, der früher noch viel in Gebrauch war, ist wenig beliebt, begreiflicherweise, da er nicht allzuviel Schnelligkeit entwickelt und einen schweren Tritt hat.

Bieten die Reittiere für den Verkehr einzelner Personen schätzenswerte Transportmittel, so versagen sie natürlich, wenn es sich um Beförderung von Familien oder grösseren Lasten handelt. Hier treten Karre und Ochsenwagen ein.

Die gebräuchliche Karre ist ein zweirädriger, sehr hoch gebauter Wagen, der, mit Maultieren oder Pferden bespannt, eine ebenso grosse Schnelligkeit entwickelt, wie ein Reiter auch auf gutem Pferde. Seit einer Reihe von Jahren werden die ursprünglichen federlosen Karren, die namentlich auf schlechter Pad für den Reisenden nicht viel Bequemlichkeit bieten, durch die gutfedernden Kapkarren abgelöst.

Federlos ist auch der Ochsenwagen. Ochsenwagen — ein Stück afrikanischer Poesie verbindet sich mit diesem Wort! Aber freilich nur für den, der einen guten Tropfen Zigeunerblut in seinen Adern fliessen hat; denn das Padleben treibt auf der Ochsenwagenfahrt seine schönsten Blüten. Und das Gefährt selbst? Jedem Südwestafrikaner ist es bekannt, so dass ich eigentlich darauf nicht eingehen würde, wenn ich nicht auch bei dem deutschen Leser einiges Interesse voraussetzen dürfte.

Es ist ein dem deutschen Lastwagen ähnliches, nur höher und weit grösser gebautes Gefährt. Der hohe Bau befähigt den Wagen, auch unebenes, klippiges Gelände zu überwinden. Meist ist er mit einer mehr oder minder grossen Plane überdeckt, die dem Reisenden Schutz vor den sengenden Strahlen der afrikanischen Sonne gewährt. Unter dieser Plane befindet sich das Schlaf- und Wohngemach des Reisenden, sofern dieser nicht selbst die Leitung des Wagens zu beaufsichtigen hat. Gezogen wird der Wagen von 22 Ochsen, die je zu zweien an eine lange Zugkette gespannt sind. Nur die beiden letzten Ochsen gehen an der Deichsel des Wagens. Jedes Tier hat seinen Namen und unter fortwährendem Anrufen seitens der eingeborenen Treiber werden die Tiere eingespannt. Wenn die Tiere von der Weide geholt sind, legt man ihnen die Ochsenriemen um, mittels derer sie an den Scheiten der Joche festgebunden werden. Bald trekkt nun der Wagen auf der Pad, und mit Ruf und einer riesigen Peitsche werden die säumigen Tiere an ihre Pflicht erinnert. Natürlich fährt der Wagen hauptsächlich nachts und in den Morgen- und Abendstunden. Ueber Mittag verbietet die Hitze das  Fahren, und der Reisende hat Musse, seine leiblichen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Mittel, die ihm dabei zur Verfügung stehen, sind denkbar einfach. Ein eiserner Topf bildet die ganze Kücheneinrichtung, und mit Hilfe des in Fässern mitgeführten Wassers in Verbindung mit Reis, Kaffee oder Tee werden die Schwierigkeiten der Kochkunst in mehr oder minder befriedigender Weise gelöst. Brot wird im Feuer gebacken, und wenn man so glücklich gewesen ist, ein Stück Wild zu erlegen, wird wohl auch ein Hottentottenbeef in der Asche gebraten und bildet dann ein Festessen. Hat man allerdings, wie der Verfasser, kleine Reisegefährten, die ein lebhattes Interesse für die Küche bekunden, so muss auch mal eine Büchse Konserven das Mahl verbessern.

Sehr beliebt sind in Südwest die Landpartien mit der Maultierkarre. Sie haben vor unsern heimischen Landpartien den Vorzug voraus, dass man in den trockenen Monaten vor feuchten Ueberraschun-gen absolut sicher ist. Minder bequem und behaglich ist’s natürlich auf der Reise — der „Pad“ — wenn man täglich viele Stunden in Staub eingehüllt und von der glühenden Sonne erbarmungslos  beschienen, langsam mit dem Ochsenwagen dahinzieht. Aber wenn keine allzu unangenehmen Zwischenfälle wie Radbruch und dergleichen uns das Leben schwer machen, so bietet doch die Reise eine mit dem Ochsenwagen viele Reize. Und die Poesie dieser Reiseart wird den Südwestafrikanern noch lange erhalten bleiben, denn wenn wir auch bald ein recht ansehnliches Eisenbahnnetz drüben haben werden, so ist damit doch nur der Verkehr auf den Hauptreiserouten erleichtert. In der Hauptsache werden grosse Teile des Landes nach wie vor auf Ochsenwagen, Maultierkarre und Reitpferd angewiesen sein.

Mit dem Automobil ist in Südwest des tiefen Sandes wegen nicht viel zu machen, denn Strassen in unserm Sinne gibt es in Südwest nicht und wird es wohl in absehbarer Zeit nicht geben. Als warnendes Zeichen steht hinter Swakopmund mitten in der Wüste ein Automobillastzug, eigens für Südwest gebaut, der dort stecken geblieben ist und den der Südwestafrikaner-Witz „Martin Luther“ getauft hat: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders…“

Regierungslehrer F. H. in M.

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    14. Oktober 2016

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