Die vierseitige Pyramide und der Kegel als Turmhelm

Die Dachform, die uns nun unmittelbar zur pyramidischen Helmform führt, und die im eigentlichen Sinne Ausgangspunkt für alle Turmhelme ist, ist das Zeltdach (13). In der niedrigen Art eines Hausdaches zeigen es neben vielen Dorfkirchen die Dome in Verden und Münster (VI), die Marienkirche in Greifswald, die Willihardikirche in Stade, die Pfarrkirche in Grcvesmühlcn, die Kirche in Teterow (Meckh), der Nordturm der Johanniskirche in Osnabrück und der Westturm in Ahrensburg. Besondere Erwähnung verdient der altehrwürdige Turm der Kirche in Lütau in Lauenburg (Tafel XVI). Aus einem gewaltigen, pylon enhaf-ten, felsigen Unterbau, der heute mit Backsteinen umkleidet ist und dessen ruhige Großflächigkeit nur ein mächtiges Mittclportal unterbricht, erhebt sich ein gedrungenes Fachwerk mit Zeltdach. Unter den Toren mit solcher Dachform sollen hier das Petritor in Rostock und das Obertor in Neuß (16) genannt werden. Auf Kirchtürmen nahm es meistens den Charakter einer hohen Pyramide an (14). Um die Form gefälliger und schlanker zu machen, ließ man im unteren Teil oft eine Brechung auftreten (15). Das erweckte den Eindruck, daß auf ein niedriges Zeltdach eine Pyramide mit kleineren Grundkanten gestülpt wurde. Die Brechung wurde bisweilen auch ein wenig ausgerundet. Ein Beispiel dafür bietet die Marienkirche in Ülzen. Einfache, hohe vierseitige Pyramiden finden wir, um nur einige Beispiele zu nennen, in Ebstorf (Lüneburger Heide), Büchen, Lan-gendorf (Kr. Dannenberg), Osterholz und Schönemoor (Oldenburg), auf der Marienkirche in Grimmen (Pomm.), in Neuenburg a. d. Weichsel, auf einem Turm der Mauritiuskirche in Münster, auf dem Dom in Hameln, in Rheine (Westf.) und auf der St. Jakobskirche in Brügge.

Schon im frühesten Mittelalter zeigte sich das Bedürfnis, dem Turmhelm eine abgerundete Form zu geben. Am einfachsten war die Lösung, wenn der Turm selbst rund war. Dann nahm der Helm selbstverständlich Kegelform an. Rundtürme finden wir an den sogenannten „Vizelinskirchen“ Holsteins, z. B. in Ratekau bei Lübeck. Nach Camphausen führen sie diesen Namen mit Unrecht, da sic alle erst nach Vizelins Tätigkeit entstanden. Auf dem Obertor in Neuß (16) schließen zwei kegelförmige Helme, die von einem Zinnenkranz umsäumt werden, das Zeltdach des Mittelbaus ein. Auf dem Marschallstor in Brügge (17) sind die flachen Kegeldächer der beiden schweren Rundtürme durch eine Mauer mit dem Mittelbau vereinigt.

Das Krantor in Danzig (XIV), das die Stadt mit dem Hafenkai verbindet, diente im Krieg wie im Frieden den Lebensinteressen der Stadt. Zwei mächtige Wehrtürme schließen einen sie stark überragenden Speicher ein. Die kegelförmigen Dächer der Türme gehen in Satteldächer über, deren Firste von den Kegelspitzen nach dem Speicher führen.

In der noch recht mittelalterlichen Stadt Reval (IV), die etwa zwei Drittel ihrer Befestigungen erhalten konnte, sei auf den „Kiek in de Kök“ (18) hingewiesen und auf das Strandtor mit der „Dicken Margarete“.

Ein Rundturm kann natürlich auch ebenso wie die Ülzener Turmpyramide eine ausgerundete Brechung aufweisen. Eine solche Ausführung zeigen das Neukirchener Gotteshaus in Wagrien und die beidenHelme des prächtigen Holstentores (19) (XVI) in Lübeck aus dem Jahre 1477. Eine verblüffende Ähnlichkeit mit diesem hat der Rabot in Gent (20) (XVI), ein Bcfcstigungswerk, das nur 12 Jahre später entstand und sicher von Lübeck beeinflußt wurde. Die Außenseite des Holstentores (VI) weist wie dieser Genter Bau eine klare Gliederung von Rundtürmen und Mittelbau mit Treppengiebel auf. Dieselbe Gliederung zeigt das Stadttor in Delft (185) (XIX). Jedoch sind dessen Rundtürme wesentlich schlanker. Außerdem gehen sie nach oben hin in ein niedriges Oktogen mit Blendnischen über, auf dem eine ebenfalls schlanke, achtseitige Pyramide steht. Auf dem Mühlentor in Stargard (21) tritt die Kegelform mit achtseitigen Türmen in Verbindung. Sehr schlanke, gemauerte, konische Formen ragen auf beiden Türmen aus einem hohen Zinnenkranz hervor. Es handelt sich bei diesem Beispiel um ein Wassertor, wie wir es in Holland häufig finden, z. B. in Sneek (183) und in Amersfoort.

Die gleiche Helmform finden wir auf dem Stadttor in Eiburg am Zuidersee (184). Dieses Bauwerk ist eines der wuchtigsten und kraftvollsten unter den Toren der Niederlande. Seine trotzige und untersetzte Gestalt ergibt sich aus der nahezu kubischen Form und der sehr sparsamen Aufteilung der Stirnflächen. Im unteren Teil dient dazu nur der Torbogen, im oberen tun es die Uhr und vier kleine Fenster. Sie ergibt sich ferner daraus, daß die Breite des Helmes nicht ausreicht, den Turmkörper zu bedecken. Das wird noch weniger möglich dadurch, daß aus diesem nach oben hin vier klobige, runde Ecktürmchen herauswachsen, die wie drohend geballte Fäuste wirken.

Text aus dem Buch: Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum, Verfasser: Lohf, Paul.

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