Die Wahrheit über die Rote Armee

Von GEORG POPOFF.

„Innerhalb der Roten Armee herrscht die grösste Unzufriedenheit.“ „In Moskau haben verschiedene Regimenter revoltiert.“ „Mehrere Divisionen im Süden Russlands sind von der Sowjetregierung abgefallen.“ Solche und ähnliche erregte Meldungen ziehen in den letzten Jahren häufig durch die Spalten europäischer und amerikanischer Blätter. Ich habe mehr als ein halbes Jahr in Russland verbracht und mich leicht davon überzeugen können, dass all diese Nachrichten nur dadurch auftauchen, dass allenthalben eine ganz falsche Vorstellung vom Charakter und der Zusammenstellung der Roten Armee besteht.

Die Rote Armee zählt heute ungefähr eine Million junger Leute im Alter von 18 bis 23 Jahren. Im Jahre 1917, beim Ausbruch der russischen Revolution, waren diese heutigen Krieger Kinder von 13 bis 17 Jahren. Sich Rechenschaft über die Lage ihres Vaterlandes zu geben und politisch zu denken haben sie erst begonnen, als die Sowjetmacht bereits eine vollzogene Tatsache war. Diese jungen Bauernsöhne sind zudem auch heute noch unreif, völlig ungebildet, halbe Kinder. Ihre Einstellung zur Moskauer Regierung ist weder pro- noch antibolschewistisch. Sie dienen derjenigen Macht, die sie kleidet und speist. Die Rote Armee muss daher nicht als ein politischer Faktor betrachtet werden, der eventuell heute oder morgen irgendwie selbständig mit einer Aktion hervortreten könnte. Sie ist indifferent und zufrieden.

Die Rote Arme ist verhältnismässig gut versorgt. Seit dem polnisch-russischen Kriege hat Trotzki alles getan, um das wirtschaftliche und militärische Niveau der Armee zu heben. Es ist ihm gelungen. Es ist daher ein völliger Unsinn zu behaupten, dass es „in der Roten Armee gärt“ Die Versorgung der Armee ist so organisiert, dass für jedes Regiment eine bestimmte Regierungs-Institution, eine Fabrik, eine Grosshandlung, ein Trust oder ein Bergwerk sorgt. Nähere Angaben hierüber hält Trotzki sorgsam geheim. Ja sogar auf dem 11. Kongress der Kommunistischen Partei im April dieses Jahres weigerte er sich, hierüber Bericht zu erstatten. Es ist aber Tatsache, dass schon heute 60 Prozent der gesamten Armee von privater Seite mit allem Erforderlichen versorgt werden und somit nicht direkt der Staatskasse zur Last fallen. Dieser Versorgungsplan ist sicherlich einei der genialsten Gedanken des Organisators Trotzki.

Ausserhalb Russlands behaupten viele, die Rote Armee sei „zerlumpt“, leide an allem Mangel und die Soldaten gingen „barfuss“; andere berichten wieder das Gegenteil und sagen, sie sei „glänzend equipiert“. Beides ist unwahr. Die Rote Armee ist heute weder „zerlumpt“ noch „glänzend equipiert“. Sie ist leidlich, eher gut als schlecht, mit allem versorgt. Die Soldaten sind für russische Verhältnisse ordentlich und sauber gekleidet: Viel besser als in den Jahren 1918 bis 1921. Das bezieht sich wie auf die Soldaten in den Grossstädten, so auch auf die in der Provinz stationierten Truppen. Ich habe mehrere Kriegsschulen besucht und ihre Organisation mit derjenigen in den militärischen Anstalten der Vorkriegszeit verglichen. Es ist heute natürlich alles schlechter als es früher war, aber nicht bedeutend.

In den Kasernen ist es unsauber und riecht übel. So roch es aber stets in den russischen Kasernen. Wer kennt nicht das „Parfüm de Russie“?

In mancher Hinsicht ist es dagegen ip diesen Institutionen, im Vergleich mit der Vergangenheit, sogar besser geworden. Ich rede vom Verhältnis des roten Kriegsschülers zu seinen Vorgesetzten. Es herrscht heute wieder (im Gegensatz zu den ersten Revolutionsjahren) eiserne Disziplin in der Roten Armee. Aber der preussische Drill, der stupide blinde Gehorsam der früheren russischen Armee (einst hatten ihn die Zaren in blödem Nachahmungseifer von Preussen übernommen) ist geschwunden. Ausserhalb des Dienstes fühlt sich der heutige russische Soldat seinen Vorgesetzten gegenüber frei und ungezwungen.

Aus welchen Elementen setzt sich das rote Offizierkorps zusammen? Auch hier muss ein Irrtum berichtigt werden. Die roten Offiziere stammen nicht zu 80 Prozent aus er alten za-rischen Armee. Im Gegenteil. Heute sind bereits 90 Prozent der Frontoffiziere neu herangebildete ehemalige Soldaten und Arbeiter. Nur gegen 10 Prozent gehören als Offiziere der alten Armee an. Anders verhält es sich allerdings mit dem Generalstab, dessen Bestand sich zu 80 Prozent aus früheren Generalstäblern rekrutiert. In Regimentern und namentlich in Kriegsschulen, an deren Spitze als technischer Leiter ein ehemaliger zarischer Offizier steht, gibt es stets über und neben ihm einen „Kommissar“, der ihn zu überwachen hat. (So ist es in Russland übrigens in den meisten Regierungs-Institutionen und auch in den Fabriken: zwei Männer stehen an der Spitze einer Anstalt. Einer, der die Sache wirklich versteht und die Arbeit ausführt, der andere als nomineller Chef mit politischem Einfluss, stets ein Kommunist, der den ersteren zu kontrollieren hat.)

In den Kriegsschulen hat der zarische Offizier den Schülern das militärische Können, der Kommissar die kommunistische Weisheit beizubringen. Und im allgemeinen klappt es im Sinne der Sowjetherren ganz gut. Der zarische Offizier und der kommunistische Kommissar mögen sich selten und schimpfen hinter dem Rücken aufeinander, aber Trotzki erreicht sein Ziel — er erhält gut ausgebildete und ihm ergebene Offiziere. Es ist eine nicht fortzuleugnende Tatsache, dass es Trotzki bereits gelungen ist, im Laufe der letzten 5 Jahre, ein Cadre von 30 bis 40000 Offizieren heranzubilden, die alle direkt aus dem Bauernstände stammen. Hiermit muss gerechnet werden.

Sind in der Roten Armee ehemalige deutsche Offiziere?

Ich habe während der 6 Monate, die ich in Russland war, mich auch für diese Frage interessiert. Es gibt wirklich in der Roten Armee hier und da zerstreut einige frühere deutsche Offiziere, Leute, die nicht wussten, was sie zuhause anfangen sollten, Abenteurer. Es gibt wahrscheinlich auch in denrussischen Kriegsakademien einige deutsche Instrukteure, die natürlich heute russische Staatsangehörige sind. Sie müssen aber alle nur als Einzelfälle betrachtet werden. Es kann gar keine Rede davon sein, dass Deutschland an der Organisation der Roten Armee irgendwie beteiligt ist. Auch die Sowjetregierung würde sich hierfür bedanken. Schon aus einem Grunde: in Russland hat man, ebenso wie in Polen, eine prinzipielle und sinnlose Furcht vor Spionen. Sie überschreitet oft alle Grenzen. Es ist eine der charakteristischen Erscheinungen des heutigen russischen Lebens. In jedem Ausländer sieht man einen Spion. Unter diesen Umständen ist es vollkommen unwahrscheinlich, dass Trotzki fremden Offizieren, und wenn es auch deutsche wären, Einblick in die Geheimnisse seiner Armee gewähren würde.

Im April dieses Jahres gab Trotzki einige Daten über die Rote Armee bekannt.

Er nannte die Zahl von ungefähr einer Million Mann. In der Flotte sind 35,000 Mann. Hiervon sind in Armee und Flotte zusammen gegen 100,000 Mann eingeschriebene Mitglieder der Kommunistischen Partei. Diese Zahlen sind sicher richtig. Trotzki ist nicht interessiert, sie zu vermindern. Und das Bestehen einer grösseren Heeresmacht ist im heutigen Russland nicht nur unwahrscheinlich, sondern auch unmöglich.

Die ganze Armee ist neu uniformiert. Die Soldaten tragen spitze Tatarenmützen, rote Hosen, graue Jacken mit drei roten Streifen auf der Brust. Die Kavalleristen haben blaue Streifen. Die Abzeichen der Dienstgrade sind auf dem linken Aermel angebracht. Trotzki ist Realpolitiker, und bewusst umgibt er neuerdings die Armee mit mehr äusserlichem Tand, als es in Russland bisher üblich war. Er weiss, woran der Soldat hängt.

Trotzki ist der anerkannte Führer der Armee. Man kann sicherlich sagen, dass die Soldaten ihn lieben. Kamenew spielt eine geringe Rolle. Einen grösseren Einfluss hat dagegen Lehedew, der Chef des Generalstahes. Die übrigen Führer Budenny, Tuchatschewsky und andere treten zurzeit wenig hervor. Sie weilen hei ihren Armeen. Brussilow lebt sehr zurückgezogen in Moskau. Alles Gegenteilige, was über ihn geschrieben wird, ist törichte Flunkerei.

Wenn man heute durch Moskau, Petersburg oder eine grössere Provinzstadt geht, so kann man überall exerzierende Soldaten sehen. Es macht äusserlich fast den Eindruck, als ob Russland sich eifrig auf einen neuen Krieg vorbereitet. Ich glaube diese Schlussfolgerung wäre irrig.

Die Bolschewisten wissen es gut, dass ein neuer Krieg ihnen sehr gefährlich werden könnte, und werden um jeden Preis ihn zu vermeiden suchen. Inzwischen halten sie aber die Rote Armee kampfbereit.

Und die Rote Armee ist heute, mehr als irgendeine andere Armee der Welt, bereit, Trotzki oder einem anderen bolschewistischen Führer, einerlei wohin, ans Ende der Welt zu folgen. Eine Million Franzosen würden heute 1922 — nicht auf Poincares Befehl nach Syrien marschieren, auch eine Million Engländer würden sich nicht auf Lloyd Georges Wunsch nach Indien einschiffen lassen. Der russische Soldat geht aber heute noch dorthin, wohin ihm befohlen wird zu gehen, von Moskau nach Peking oder Paris. Es ist ihm ganz gleich. Er geht: blindlings, stumm, gehorsam. Nur deshalb ist die russische Armee eine ernst zu nehmende Macht. Dieses sollte man im Auge behalten, wenn man von der Roten Armee spricht.

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Das Baltikum wird zerstückelt
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Rußlands Dauerprobleme mit seinen Ostseeprovinzen
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