Die wirtschaftliche Entwicklung unser Kolonien im Jahr 1908/1909


Wir haben uns in den letzten Jahren daran gewöhnt, unsre Kolonien als künftige Rohstofflieferanten und anderseits als Absatzgebiete für unsre Industrie zu betrachten, und unser Interesse für sie dreht sich namentlich um die Frage, inwieweit wir diesem Ziele näher gekommen sind. Denn, dass die Kolonien eines Tages diese Rolle in unsrer Nationalwirtschaft spielen werden, unterliegt kaum einem Zweifel, dafür bürgt uns schon allein ihre Ausdehnung.

Unsre graphischen Darstellungen sollen das Verhältnis unsrer Kolonien zum Mutterland im Vergleich mit andern Kolonialmächten veranschaulichen. Es geht daraus hervor, dass Deutschland die dritt-grösste Kolonialmacht ist und dass die Gesamtfläche seiner Kolonien das Mutterland um das vierfache übertrifft. Da unser Kolonialbesitz dem Mutterland im Durchschnitt an Produktionsfähigkeit nicht nachsteht, so würde der Rohstoffbezug ohne weiteres gesichert sein, wenn nicht die Bevöl kerungszahl im umgekehrten Verhältnis stehen würde. Demnach wird eine intensive Ausnutzung der Kolonien in absehbarer Zeit kaum möglich sein und wir müssen zunächst froh sein, wenn sie mit der Zeit wenigstens einen namhaften Teil der Rohstoffe liefern und ein entsprechendes Quantum der Erzeugnisse unserer Industrie aufnehmen werden. Dies genügt vollkommen, um unsere Weltwirtschaftliche Stellung zu befestigen Die schöne Idee vom „geschlossenen Handelsstaat“, der sich in Produktion und Verbrauch selbst genügt, ist eine Utopie. Die Völker werden in alle Ewigkeit in grösserem oder geringerem Grade auf einander angewiesen sein, je nach ihrer Eigenart, die ihnen auf dem einen oder andern Gebiete das Ueberge-wicht im wirtschaftlichen Kampfe sichert. Selbstverständlich ist, dass diejenigen Völker, die sich mit ihrem Rohstoffbezug und Absatz auf eigene überseeische Besitzungen stützen können, den andern überlegen sind.



Da, wie gesagt, die Bevölkerung unsrer Kolonien in keinem Verhältnis zu deren Flächeninhalt steht, so werden wir, um die Kolonien unsern Bedürfnissen entsprechend nutzbar machen zu können, versuchen müssen, diesem Mangel abzuhelfen, indem wir einen Teil unsrer überschüssigen Volkskraft nach unsern eigenen Kolonien verpflanzen. In dieser Hinsicht ist verhältnismässig noch wenig geschehen. Wenn trotzdem das Ergebnis der wirtschaftlichen Entwickelung des Kolonialbesitzes in unserm heimischen Wirtschaftsleben eine Rolle zu spielen beginnt, so ist dies m. E. ein Beweis, dass eine stärkere Besiedlung geeigneter Gebiete mit Weissen erst recht die Produktionskraft der Kolonien zur Entwicklung bringen wird. Die eingeborenen Rassen werden deswegen noch reichliche Existenzmöglichkeiten behalten, wenn sie wohl auch gezwungen sein werden, im Kampf ums Dasein sich aufzuraffen und mehr wie bisher sich an der Ausnützung des Landes zu beteiligen.

Obwohl der grösste Teil der Kolonien heute noch brach liegt und die Nutzbarmachung des Landes noch in den Kinderschuhen steckt, hat der koloniale Aussenhandel sich seit zehn Jahren um ein Vielfaches gesteigert Er betrug im Jahr 1908/09 insgesamt 138 ⅓ Millionen Mark. Davon entfielen fast 88 Millionen oder 63 ½ Prozent auf Deutschland, während vor wenigen Jahren der Anteil Deutschlands noch nicht einmal die Hälfte der Gesamtsumme betrug. An der Ausfuhr war das Mutterland im letzten Jahr mit über 66 Prozent, an der Einfuhr mit 62 ½ Prozent beteiligt. Mit der Zeit wird sich das Verhältnis noch mehr zugunsten Deutschlands verschieben, wenn auch die Beteiligung des Auslands wohl nie ganz verschwinden wird. Dies ist ja nicht einmal zu wünschen, denn Konkurrenz ist ein Element des Fortschritts, das wir auch bei Erschliessung unsrer Kolonien nicht missen möchten. Im übrigen ist es nur natürlich, dass die heimische Industrie immer mehr nach den Rohprodukten verlangt, die in unseren eigenen Kolonien erzeugt werden. Nichtsdestoweniger bleibt in dieser Hinsicht noch viel zu tun, denn es gibt noch manche Erzeugnisse in unsern Kolonien, deren Produktion nicht recht vorwärts kommen kann, weil die heimische Industrie sich noch ablehnend oder gleichgültig gegen sie verhält.

Der Grund ist lediglich der, dass es natürlich mit Unbequemlichkeiten für die Industrie verknüpft ist, wenn sie sich an neue Muster und Marken gewöhnen muss. Dies gilt namentlich für Kolonialhölzer, die gewiss einmal eine grosse Rolle spielen werden, deren Produktion aber gegenwärtig noch unter der Zurückhaltung der heimischen Industrie leidet.

Somit haben sich die Bemühungen, in den Kolonien die für die deutsche Industrie nötigen Rohstoffe zu erzeugen und sie dadurch von fremden Märkten unabhängig zu werden, auch in diesem Jahre wieder als erfolgreich erwiesen. Wichtige Produkte spielen auf dem Markt schon eine beachtenswerte Rolle.

Von den 65 000 Doppelzentnern Sisalhanf, die eingeführt wurden, kamen 17 000 Doppelzentner aus Deutsch-Ostafrika, also etwas mehr als ein Viertel. Die Kautschuk-Erzeugung unserer Kolonien, Kamerun an der Spitze, hat an der Einfuhr von 156000 Doppelzentnern einen Anteil von über 10 v. H. gehabt, nämlich 16000 Doppelzentner. Deutsch-Ostafrika erzeugte bedeutende Mengen von Insektenwachs, die auf den Hamburger Markt kamen. Von der Wachseinfuhr des vorigenjahres (18000 Doppelzentner) kamen 1700Doppelzentner,also 9 v.H.,aus Deutsch-Ostafrika. Unser Elfenbein-Bedarf, 1909 rund 2600 Doppelzentner, kam zu einem Fünfzehntel aus Kamerun. Besonders gute Fortschritte hat die Kopra-Erzeugung unserer Kolonien im letzten Jahre gemacht, und das Mutterland hat davon 53000 Doppelzentner eingeführt, obwohl die Haupterzeugungsländer, unsere Südsee-Kolonien, für den australischen und amerikanischen Markt günstiger liegen. Von der Gesamteinfuhr von 1 122 000 Doppelzentnern war diese Einfuhrmenge etwa ein Zwanzigstel. Kakao ist infolge des niedrigen Preises im Jahre 1909 sehr viel nach Deutschland eingeführt worden, nämlich 407000 Doppelzentner im Werte von etwa 54000000 Mark. Davon kamen auf unsere Kolonien Togo, Kamerun und Samoa 12000 Doppelzentner gegen 15000 Doppelzentner im Jahre 1908.. Immerhin wird unser Kakaobedarf zu 3 v. H. aus unseren Kolonien gedeckt, obwohl die Kultur dort erst seit wenigen Jahren aufgenommen worden ist und sich auf Samoa und einen ganz kleinen Teil Kameruns, den grossen Kammerunberg, beschränkt.

Im Kaffee bleiben wir weiter zurück, insofern als Deutsch-Ostafrika nur v. H. des heimischen Bedarfes gedeckt hat mit einer Zufuhrmenge von 1200 Doppelzentnern. Togo wirft seit einigen Jahren grosse Mengen Mais auf den Hamburger Markt und hat, obwohl ein Rückgang seiner Produktion eingetreten ist, im Jahre 1909 wieder von 7 Millionen Doppelzentnern, die über unsere Grenzen kamen, 130000 Doppelzentner aufgebracht, d. h. ein Fünfzigstel unserer Einfuhr. Zehnmal so gross ist der Verhältnisanteil der deutsch-südwestafrikanischen Kupfererz-Zufuhr im Vergleich zu unserem Jahresbedarf, nämlich 54000 Doppelzentner gegen 2G500 Doppelzentner. Die aus Kamerun und Togo kommende Zufuhr von Palmkernen, 1909:53000 Doppelzentner, deckt von unsern Jahresbedarf von 2304000 Doppelzentnern etwas mehr als 2 v. H. Gerade hier hat das letzte Jahr beträchtliche Fortschritte gebracht. Die Baumwollerzeugung von Togo und Deutsch-Ostafrika (andere Schutzgebiete kommen einstweilen noch nicht in Frage) ist mit 5514 Doppelzentnern dem heimischen Markte zugute gekommen; gegen die Gesamtzufuhr des Jahres 1909 mit 4559000 Doppelzentnern bedeutet das aber kaum mehr als ein Tausendstel, so dass wir beim Baumwollbau in unseren Kolonien noch viel Arbeit werden aufwenden müssen. Es ist ja allerdings zu erwarten, dass die Baumwollproduktion einen erheblichen Aufschwung nehmen wird, wenn die Kameruner Nordbahn einst bis zum Benuë ausgebaut wird, denn in den Tschadseeländern wird von den Eingeborenen schon lange mit Erfolg Baumwolle angebaut. Die Angaben unserer graphischen Darstellungen bleiben übrigens, was die Ein- und Ausfuhr anbelangt, etwas hinter den wirklichen Ergebnissen zurück, da sie zu einer Zeit ausgearbeitet sind, als nur ungefähre Schätzungen Vorlagen. Dasselbe gilt für die Entwickelung des Eisenbahnwesens, das gerade in den letzten Wochen noch einige Verschiebungen im günstigen Sinne erfahren hat.

Da die Entwicklung der Kolonien als Rohstofflieferanten und Absatzgebiete gerade mit der Entwicklung der Verkehrswege steht und fällt, so soll hier der Stand des Eisenbahnbaus nach den neusten amtlichen Feststellungen hier wiedergegeben werden. Er ergibt sich aus folgender Uebersicht:

Somit werden wir in absehbarer Zeit in unsern Kolonien rund 3700 Kilometer fertige Eisenbahnen haben. Dazu kommen dann die soeben vom Reichstag bewilligten Strecken in Ost- und Südwestafrika. Des ferneren ist anzunehmen, dass sofort nach Fertigstellung dieser Strecken die Kolonialverwaltung für den Weiterbau Sorge tragen wird Dies gilt namentlich für die ostafrikanische Nordbahn über den Kilimandjaro hinaus, für die ostafrikanische Zentralbahn von Tabora an den Tanjanjika. Und schliesslich wird man wohl auch bald an die ostafrikanische Südbahn denken. In Kamerun wird schon im kommenden Jahr der Weiterbau der Nordbahn jenseits des Manengubagebirges hinein ins Grasland nach Adamaua notwendig werden. Denn die bis jetzt bewilligte Strecke ist ein Torso, der wenig wirtschaftliche Wirkung ausüben kann. Die Kameruner Mittellandbahn bis Widimenge am mittleren Njong dürfte vorläufig den Bedürfnissen genügen, dagegen verlangt der Südbezirk dringend eine Linie von seinem Ausfuhrhafen Kribi nach dem Hinterland, vorläufig bis Ebolowa. Für Togo liegen weitergehende Projekte noch nicht vor, und Südwesiafrika hat durch die jüngsten Regierungsvorlagen ein Eisenbahnnetz erhalten, das dem Lande eine gute Entwicklung sichert, umsomehr als die Kolonie dank der Einnahmen aus der Diamantengewinnung in der Lage ist, den Anforderungen, die ein grosses Eisenbahnnetz während seiner Entwicklung mit sich bringt, gerecht zu werden.

Wird an dem Grundsatz festgehalten, den Eisenbahnbau bis zu Verwirklichung des hier skizzierten kolonialen Eisenbahnnetzes nicht zum Stillstand kommen zu lassen und damit Schritt haltend die dadurch erschlossenen Gebiete, wo irgend möglich, der Nutzbarmachung durch Europäer vorzuschalten, so wird die Entwicklung der Kolonien sich sicher auch weiterhin zufriedenstellend gestalten.