Die Wolkenburgen der neuen Welt

„Macht ’ger Müh ’ müde nie, stauten starke Stein’
wir auf — — — Dort stellt ’s, was wir stemmten,
schimmernd hell bescheint’s der Tag….“

— (Wagner „Rheingold“.)

Walhall das Riesenwerk! Stein staut sich auf Stein himmelanstrebend, in die Wolken ragend, in den Wolken verschwindend Türme und Zinnen — Riesenwerk . . . Riesenwerk vom starken Geist schwacher Menschen ersonnen und errichtet.

Wolkenkratzer — ein hässliches Wort . . . „Skyscraper“ — Himmelstürmer.

Ein überwältigendes, machtvolles Bild, wenn der Fremde auf stolzem Schiffe zum ersten Male in den weiten Hafen New Yorks einfährt und im Norden in unbestimmbarer Ferne hinter leichten Schleiern wie trotziges Bollwerk ein mächtiger Berg auftaucht …..wenn dieser Berg sich in riesige Spitzen und Felsen und Schluchten teilt …. wenn diese Spitzen und Felsen und Schluchten näherrückend feste und scharfe Formen annehmen: die Wolkenburg, die kühner menschlicher Wagemut an der Pforte der neuen Welt aufgeführt hat.

Ein Wunderwerk, vor dem der Fremde staunend und bewundernd steht — an dem wir, die wir es werden und wachsen und vollenden sahen, gleichgültig vorübergehen . . . uns ist dies achte Weltwunder, das alle sieben des Altertums übertrifft, kein Wunder, weil es uns zur Alltäglichkeit geworden ist.



Uns war es nur ein Wunder als es zum ersten Male aus der Erde stieg — zehn, fünfzehn, zwanzig Stockwerke hoch und von goldener Kuppel überragt, ein sichthares Zeichen menschlicher Kühnheit und Geschicklichkeit, angestaunt wurde. Das war vor gut drei Jahrzehnten; das Wunder von damals — der Riesenbau der „N. Y. World“ — ward bald zur Nichtigkeit als ringsum diese erste Wolkenburg neue Riesen emporschossen, die sich zu doppelter Höhe emporreckten . . . der Riese von gestern ist der Zwerg von heute.

Bald reihten sich die Wolkenburgen von der „World“ südlich bis an die Battery und nördlich bis an Madison Square …. und höher hinauf bis an den Central Park.

Der menschliche Erfindungsgeist gab sich nicht mit den Riesenmassen zufrieden, er war darauf bedacht den neuen Massen neue Formen zu geben — es wollte vergrössern und verschönern. Das Riesenhafte ist meist ungeschlacht und in seiner Massigkeit hässlich: wir ersehen das an manchen, ja an vielen Wolkenburgen, die eine Anhäufung von Geschmacklosigkeiten sind. Riesige Steinhaufen, die sinn- und verstandlos in schwindelnder Höhe von griechischen Tempeln oder ägyptischen Pyramiden gekrönt werden. Gotische Schiffe, denen der schlanke Turm zur Vollendung fehlt. Plumpe Riesenpilze, die in ihrer Klobigkeit bemitleidenswerten Tölpeln gleichen.

Wie alles hierzulande gedieh auch dieser neue Gedanke zu rasch: wir gönnen uns und unsern Werken nicht die Zeit der langsamen natürlichen Entwicklung …. Zeit ist Geld und die Erbauer der Wolkenburgen wollten Geld, viel Geld rasch verdienen.

Wie in allem hierzulande war uns das Glück wohlgeneigt und so entstanden, trotz der schädlichen Eile, Wunder der Architektur, die selbst vor strengen Kunstrichtern bestehen können: das Metropolitan Gebäude (ein in’s Riesenhafte übertragenes Campanile), das Woolworth Gebäude (die graziöse Kathedrale des Handels, die aus alten Vorbildern einen neuen und eigenen Stil entwickelte) und der schönste aller Riesenbauten: das Munizipal Gebäude, auf die Goethes Wort Anwendung finden kann — „In Stein erstarrte Musik“…. Richard Wagners Walhallmotiv.

Ein deutscher Besucher, der vor wenigen Tagen erst nach drüben zurückgekehrt ist, ein Mann des feinfühligen Schönheitssinnes schreibt in einem Berliner Blatt über die Wolkenburgen:

„Es ist zuzugeben, dass das, was man so bis vor sechs, sieben Jahren an Wolkenkratzern gebaut hat, keineswegs immer geeignet ist, den Schönheitssucher im Städtebild zu erfreuen. Aber der Krieg und die letzten Jahre haben New York eine gewaltige Bautätigkeit, insbesondere auf dem Gebiet der Geschäftshäuser, gebracht, aus der viel architektonisch Erfreuliches hervorgegangen ist. Da sind nicht nur mehr die nackten, brutal – praktischen Ziegelkästen, sondern gar viel leuchtend weisse Höhenstreber, mit ungemein graziösen Türmen oder mit einer drei-, viermal wiederholten, nicht minder gefälligen Verjüngung.

Sehr oft kehrt ein kirchenähnlicher Stil (manchmal in ziemlich reiner Gotik) wieder, der überraschende Wirkungen bringt, insbesondere, wenn Häusergruppen an grossen Plätzen mit Schwibbogen in schwindelnder Höhe oder durchgebrochenen zehn bis zwölf Stockwerke heraufreichenden Portalen Durchblicke auf den Strom oder Hafen freigeben. Ueberall schaffen diese Hausriesen neue Bilder und, gleich wechselnden Gebirgslandschaften, neue Stimmungen.

Nach Wall Street, dem Kassenschrank der Welt, führen von dem breiten, lichtdurchfluteten Broadway schmale Seitenstrassen, die, den Vertiefungen des felsigen Steinbodens New Yorks folgend, sich stark senken und nur zum Teil wieder heben. Die engen Strassen werden von Wolkenkratzern eingefasst, die hier feierlich-düster wirken. Plötzlich öffnen sich rechts und links schmale Seitenstrassen und kleine Plätze. Man blickt auf immer neue, oft im Halbbogen errichtete Riesenhäuser, überragt im Hintergründe von noch weit höheren, hinter denen hier und dort noch weiter emporkletternde Rivalen auftauchen. Die Illusion einer Gebirgs-stadt, unregelmässig – schichtweise aufgetürmt, ist hier fast vollständig. — Aber nun erst der Abend. Aus allen kleinen Luken der Hausgiganten leuchtet und flimmert es. Von allen Seiten her schauen uns strahlende Türme, lichtausgiessende Stockwerksberge, immer wieder überragt von andern, gleichfalls hellschimmernden, ernst und schweigend an.“

Mit Wotan möchte man jubelnd Ausrufen: „Abendlich strahlt der Sonne Auge; in prächtiger Glut prangt glänzend die Burg!“

Siehe auch:
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Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
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Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
Die Lüge als Fundament
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Schundromane auf dem Scheiterhaufen
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Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
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