Die Zünfte

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Das 14. und die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts war die Zeit heftiger Klassenkämpfe. Die Städte stritten mit Rittern und Fürsten und innerhalb der Städte bekriegten sich Patrizier und Handwerker. Und auch schon im Rahmen der Gilde entbrannte der Hader.

Nichts lag dem alten Handwerk1 in seiner ersten Zeit ferner, als eine so eiserne Organisation, wie sie später im 17.und 18. Jahrhundert das Zunftwesen umschloß. In den Tagen höchster Blüte, vom 14. bis zum 16. Jahrhundert, war die gewerbliche Freiheit wenig beschränkt. Die Gesellen, damals „Handwerksknechte“ genannt, kannten ihre Macht und erprobten sie gelegentlich in richtigen Ausständen.

Der erste geschichtlich verbürgte Streik und die erste Aussperrung datieren vom Jahre 1329. In Breslau erscheinen die Gürtlermeister vor dem Rate der Stadt und verpflichten sich gegenseitig,

„da die Gürtlerknechte sich vereinigt haben, ein Jahr lang alle Arbeit einzustellen, auch ihrerseits keine Arbeit zu geben.“

Welcher Anlaß vorlag, darüber weiß leider die Chronik nichts zu berichten. In den meisten Fällen ist wohl eine Meinungsverschiedenheit wegen des Arbeitslohnes die Ursache zu den Ausständen gewesen, so wie noch heute. Interessant ist der Streit und seine Beseitigung, der im Jahre 1351 zwischen den Tuchmachermeistern und den Weberknechten wegen des Lohns entstand,

„als sie sprachen, der Lohn wäre zu klein und sie möchten dabei nicht bestehen und sie darum weggelaufen waren.“

Wie stark schon der Druck war, den die Gesellen auf die Meister auszuüben vermochten, beweist der Umstand, daß die Meister die ersten Schritte zur Versöhnung taten, denn wie die Chronik erkennen läßt, haben sie sich darauf

„mit ihnen lieblich, freundlich und gütlich gerichtet und geschlichtet, ewiglich versöhnt und sind eines Lohnes übereingekommen, den wir ewiglich geben sollen, und die Weberknechte, die nun hier sind oder je herkommen, ewiglich nehmen sollen.“

Das Übereinkommen über den Lohn dauerte freilich nur 11 Jahre, denn 1362 war der Lohn wiederum der Zankapfel und die Meister mußten ihn, wahrscheinlich wieder auf „ewiglich“, beträchtlich erhöhen.

Die Gesellen müssen die gleichen Erfolge auch an anderen Orten erzielt und, dadurch üppig geworden, die Meister schikaniert und in arge Bedrängnis gebracht haben; jedenfalls sah sich vielfach der Rat einer Stadt genötigt, sich ins Mittel zu legen und gar zu widerhaarige Handwerksknechte auszuweisen oder mit Freiheitsstrafen zu bedrohen.

1 Das Folgende aus dem Aufsatz („Der Deutsche“ 1905). Zur Geschichte des Streikens. Von Georg Stegemann.

So wird uns aus dem Jahre 1389 von einem Ausstand der Schneiderknechte in Konstanz berichtet, über den der Rat entschied, indem er zwei „büßte“, die anderen anwies zu arbeiten oder „binnen acht Tagen auszufahren“.

Während der erste, der Breslauer Streik, wohl nur einer augenblicklichen Vereinbarung Unorganisierter entsprang, lassen die späteren schon auf feste Gesellenverbindungen schließen. Denn in einem Schriftwechsel zwischen Basel und Freiburg, 1421 und 1425, ist sogar schon von „Gesellentagen“ die Rede. Die Gesellenverbindungen entwickeln sich vorherrschend am Rhein, wo nicht nur das öffentliche Leben und Treiben, sondern auch das deutsche Handwerk am frühesten und mannigfaltigsten erblühte, während in den übrigen Teilen Deutschlands noch kaum Spuren solcher Organisationen zu finden waren. Wurden durch wandernde Gesellen wirklich einmal solche Verbände angestrebt, so war der Magistrat flugs bei der Hand, sie im Keime zu ersticken.

Diese Verbindungen waren am Rhein sogar interlokal und die ihnen zugrunde liegenden gemeinsamen Statuten wurden streng gehandhabt. Das läßt sich aus einer Bestimmung für Freiburger Gesellen schließen, die ganz kategorisch fordert, daß

„ein Knecht, der nach Freiburg kommt und länger als (die Probe) 8 Tage arbeitet, der Gesellschaft beitreten muß.“

Die Gesellenvereinigungen waren natürlich den Meistern ein Dorn im Auge. Sie versuchten daher alles Mögliche gegen diese Körperschaften ins Feld zu führen, aber es gelang ihnen nicht, sie zu unterdrücken, und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil das Wandern der Gesellen immer mehr erleichtert und gefördert wurde.

Auch die Einmischung des Rates der Stadt in Streitigkeiten zwischen Meistern und Gesellen war immer ein zweischneidiges Schwert.

Vor allem stand das Kunstgewerbe sehr hoch. Die strenge Meisterprüfung war überhaupt ein Segen für das Handwerk. Die Schule, die Überlieferung zwang zur Gediegenheit.

Das Ansehen, das das deutsche Handwerk in dieser Zeit bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges besaß, hat es nie wieder erreicht. Auch die Selbständigkeit der Gesellenschaften und der Frohsinn der wandernden Burschen verschwand mit dem Verfall, den der unheilvollste aller Kriege für Deutschland auch dem Handwerk brachte.

Wohl erstarkte das Handwerk allmählich, doch vermochte es sich nicht wieder so hoch zu erheben, wie ehemals, obgleich die Obrigkeiten im 17. und noch teilweise im 18. Jahrhundert ihm ihre Unterstützung angedeihen ließen.

Nicht einmal die führenden Männer der französischen Revolution von 1789 wollten den Gesellen die Koalitionsfreiheit gewähren; denn derselbe Konvent, der auf seine Fahnen mit großem Bombast die Worte „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ schrieb, verbot auf Anregung des Abgeordneten Chapelier den Angehörigen desselben Handwerks, in korporativer Weise ihre gewerblichen Interessen zu vertreten. Die Koalitionsverbote sollten rechtlich in gleicher Weise den Arbeitgebern gelten, doch während die Verbindungen an den Gesellen streng geahndet wurden, gingen die Arbeitgeber, wenn sie sich zu dem gleichen Zwecke verbanden, meist straffrei aus oder ihre Verstöße gegen das Verbot wurden weniger hart bestraft. Diesen Vorwurf zweierlei Maßes kann man den Obrigkeiten des 17. und 18. Jahrhunderts nicht ersparen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen