Ebenbürtigkeit in der germanischen Ehe

Wir können nicht von germanischer Gesittung sprechen, ohne auf ihren Urgrund einzugehen, den Urgrund, der Voraussetzung, speisende Quelle und auch bereits sittliche Tat zugleich ist. Alle germanische Gesittung nimmt ihren Ausgang vom Blutsbewußtsein, dem Blutsgedanken und der bejahten Blutsverpflichtung, Sittlichkeit aus Sippenpflicht könnte man die germanische Gesittung kurz bezeichnen. Das Wissen um das Lebensgesetz von Blut und Vererbung hatte unsere naturnahen und naturwilligen Ahnen zu einer Lebensführung gebracht, um deren Instinktsicherheit sie zu beneiden sind.

Die Erfüllung des Blutsgesetzes, das nach germanischer Auffassung Wahrung und Reinhaltung des Blutes forderte, galt dem germanischen Menschen als Gebot eines über ihm stellenden göttlichen Willens und als Gebot der Ahnen, denen er das Blutserbe als Nachfahre dankte, das er unangetastet zu hüten hatte. Solches Denken bestimmte unterschiedslos Mann und Frau, ja, es will öfter so scheinen nach unseren Quellen, als ob es in der germanischen Frau besonders stark lebendig war.

Bluts- und Zuchtgedanken, wie sie in der germanischen Frau lebten, äußerten sich vornehmlich in drei Formen: dem Blutsstolz, der Ahnenverbundenheit und Ahnenverpflichtung und der Sippenpflege. Diese drei verschiedenen Auswirkungen des Blutsgedankens hängen naturgemäß auf das engste untereinander zusammen und sind oft nicht voneinander zu trennen.

In dem Augenblick, in dem das germanische Mädchen in die Gestaltung seines Lebens und seiner persönlichen Zukunft eingreifen kann, bei der Gattenwahl und Eheschließung nämlich, wird es geleitet von Blutsstolz und Ahnenverantwortung und dem Gedanken an die zukünftigen Kinder. Es wählt den Ehegatten daher nach seinem blutsmäßigen Wert, prüft das Geschlecht, dem er entstammt, und seine persönliche Ehrenhaftigkeit und Tüchtigkeit. Reichtum kann z. B. den minderen blutsmäßigen Wert niemals aufwiegen. Es kommt des öfteren vor, daß ein zu Gut und Geld gekommener Mann aus geringerem und als minderwertiger erachtetem Geschlecht als Freier von einem blutsstolzen Mädchen und ihrer Sippe abgewiesen wird, da eine solche Blulsverbindung nicht als glücklich angesehen wird. Das gute Blut gilt ebeu als höchstes Gut.

Wie stark der Bluts- und Zuchtgedanke bei der Eheschließung der Frau mitschwingt, lehrt das Beispiel der jungen Thorgerd, Egils Tochter. Olaf Pfau, der sich durch seine Taten, seinen Charakter, seine Schönheit und seinen Reichtum einen Namen gemacht hatte und überall im Lande gerühmt wurde, wirbt um dieses Mädchen aus einem der ersten und bewährtesten Geschlechter. Olaf Pfaus Mutter ist aber eine Kriegsgefangene, die als Magd verkauft worden war, sein Vater ist ein großer und berühmter Bauer. Wie sich herausstellte, ist die Mutter Olafs niemand anders als die Tochter des Irenkönigs. Olaf wird von seinem königlichen Großvater auch anerkannt, kehrt sozusagen blutsmäßig legitimiert in die Heimat zurück. Erst jetzt unterfängt er sich, um Thorgerd zu werben, als Magdsohn wäre es sowieso von vornherein unmöglich gewesen. Wie alle anderen hat Thorgerd natürlich auch von dem Gerücht über die königliche Abstammung von Olafs Mutter gehört. Trotzdem ist sie entrüstet, als ihr Vater Egil, bei dem Olaf um sie geworben hat, ihr Olafs Wünsche vorträgt. Egil nimmt die Werbung, die ihm Olafs Vater vorträgt, wohl auf und erwidert ihm:

„Ich weiß auch, daß du ein Mann von bester Herkunft und hochgewachsen bist, und Olaf ist berühmt durch seine Reise. Es ist nicht zu verwundern, daß Männer wie er ihren Blick über das Naheliegende hinaus richten, denn es mangelt ihm nicht edle Abkunft und gutes Aussehen, aber doch muß ich dieses erst mit Thorgerd besprechen, denn es wäre keinem Manne möglich. Thorgerd ohne ihren Willen zu bekommen.“

Thorgerd erwidert dem Vater, der für Olaf spricht:

„Das habe ich sagen hören, daß du mich am liebsten habest von deinen Kindern, aber nun, meine ich, bewährst du das nicht, da du mich mit dem Sohne einer Magd verheiraten willst, mag er auch stattlich sein und noch so prächtig auftreten.“

Egil sagte:

„Du bist in dieser Sache nicht so gut unterrichtet wie in anderen: hast du das nicht gehört, daß er der Tochtersohn des Irenkönigs Myrkjartan ist? Er ist viel edler geboren mütterlicherseits als von der Vaterseite her, und die würde uns auch schon durchaus ebenbürtig sein.“

Thorgerd schien das nicht anerkennen zu wollen. Nun brachten sie das Gespräch ab, und jeder blieb bei seiner Meinung. Der Blutsstolz der Tochter scheint hier noch stärker zu sein als des Vaters Blutsbewußtsein, das doch auch die Ebenbürtigkeit als entscheidend für die Eheschließung hinstellt. Erst als Thorgerd Olaf selbst kennenlernt und sich von seinem edlen Wesen und adeligem Äußeren überzeugt, willigt sie ein, ihn zu heiraten.

„Olaf nannte seinen Namen und den seines Vaters. Du (Thorgerd) wirst denken, daß der Magdsohn frech geworden ist, weil er es wagt, neben dir zu sitzen und mit dir zu reden.“ Thorgerd antwortete: „Du wirst dir wohl bewußt sein, schon kühnere Wagnisse bestanden zu haben, als mit Frauen zu reden.“ Darauf kamen sie ins Gespräch und unterhielten sich den ganzen Tag. Nicht hörten andere, was sie miteinander redeten. Und ehe ihr Gespräch zu Ende ging, wurden Egil und Höskuld (die beiden Väter) herzugerufen. Da kam die Rede noch einmal auf Olafs Werbung. Thorgerd schloß sieh jetzt der Entscheidung ihres Vaters an. Nun war die Sache erledigt, und die Verlobung fand gleich statt.“ (Laxd.)

Ähnliche Beispiele sind immer wieder in den alten Überlieferungen anzutreffen. Häufig lehnt ein germanisches Mädchen die Heirat mit einem Manne ab, weil er nicht aus gutem Geschlecht stammt, weil sein Blut ihr nicht so hochwertig scheint wie das ihre und weil sie sich den Vorfahren wie den Enkeln gegenüber verpflichtet fühlt, dieses kostbarste Erbe unversehrt zu erhalten.

Wenn die Königin Brynhild — uns allen aus dem deutschen Nibelungenlied bekannt — nur den tapfersten ihrer Bewerber heiraten will, der sich durch die Tat, d h. hier den Wettkampf, beweisen muß, so sprechen auch hieraus Blutsstolz und Zuchtgedanke. Der Wettkampf, den Brynhilde vor jede Werbung um sie stellt, ist ein Auslesekampf, der ihr den Ersten und Edelsten, den ihr Ebenbürtigen weisen soll.

Siehe auch:
Die Ehre der germanischen Frau
Ehre ist das gemeinsame Ideal von Frau und Mann
Im Muttertum liegt die höchste Ehre der Frau
Leitgedanken