Ein Besuch in der chinesischen Stadt Kiautschou


Bekanntlich ist unsere deutsch-asiatische Kolonie durch die Besitzergreifung des Landes durch Admiral von Diederichs am 14. November 1897 begründet worden. Die direkte Veranlassung hierzu bot die Ermordung zweier Missionare in der Stadt Kiautschou. Das gesamte deutsche Gebiet hat hiernach seinen Namen erhalten. Die Stadt Kiautschou gehört aber nicht zum deutschen Schutzgebiet, sondern liegt in der „Neutralen Zone“, etwa 80 Kilometer von der Hauptstadt unseres Gebietes, Tsingtau, entfernt.

Um nun auch diese Stadt, die unserer Kolonie den Namen gegeben hat, kennen zu lernen, fuhr ich eines schönen Tages mit der Schantung-Eisenbahn früh 7 Uhr ab und traf ein. Kiautschou liegt eine Viertelstunde vom Bahnhof und ist mit einer hohen, zinnengekrönten Mauer ringsum eingeschlossen. Ich hatte die kühne Absicht, auf dieser Mauer einmal vollständig um die Stadt herumzuwandern, sie aber, besonders an den Toren, zu sehr eingestürzt war, konnte ich nach einer Stunde Wegs nur gerade bis zur Hälfte gelangen. Hier musste ich schliesslich mein Beginnen aufgeben, denn an einer vollständig demolierten Stelle war das Erklettern der Fortsetzung der Mauer mir nicht mehr möglich und zu gefährlich. Auch die regelmässig gebauten Zinnen fehlten oder waren baufällig. Was dem Zahn der Zeit getrotzt hatte, stand schief und krumm und drohte einzustürzen.



Die früheren Tor- und Wacht-Türme, bei denen die Tore allabendlich geschlossen wurden, standen gleichfalls sehr im Zeichen des Verfalls. Sie erinnerten mich lebhaft an unsere Ruinen im Saaletal. Auf dem 5 Meter breiten Wege der Stadtmauer liess es sich ja ganz angenehm gehen, doch bot die Aussicht absolut nichts Interessantes. Zur Linken die kleinen gleichförmigen Lehmhüuschen der Chinesen und ringsumher ödes, flaches Land, nur spärlich bebaut. Erst hinter Kiautschou trifft man hübschere Landschaften und beginnt der Boden fruchtbarer zu werden. Die Stadt selbst, mit einer Einwohnerzahl von ungefähr 100000 Köpfen, ist sehr primitiv und unansehnlich .-schlechte Wege mit Schmutzhaufen und Pfüfzen überall. Besonders die von der inneren Stadt abgelegenen sogenannten Vororte machen mit ihren einfachen, niedrigen Lehmhäusern einen so ärmlichen Eindruck, wie bei uns kaum ein polnisches Dorf.

In der Stadt regten sich fleissige Hände. Männer, Frauen und Kinder waren gerade mit der Mais-Ernte beschäftigt. Auf sauber gehaltenen Lehmtennen, die direkt an den Strassen — sogar vor Tempel liegen, liess man durch Esel die Körner auswalzen. Ueberall hörte man den kläglichen, ohrenzerreissenden Gesang dieser Langohre. Bei diesen Arbeiten war mir besonders Gelegenheit gegeben, den schrecklichen Anblick verkrüppelter Frauenfüsse zu beobachten, namentlich von alten Frauen. Auch in Tsingtau sicht man gelegentlich junge Chinesinnen auf ihren Klumpfüssen einhertrippeln. Voll Bedauern muss man diesen armen Geschöpfen nachblicken, wie sie fasst nur auf den Hacken balancierend ihre kleinen Schrittchen vorwärts machen. Die echte Chinesin legt auch heute noch viel Wert auf ihr kleines Füsschen; nur die Frauen der Mandschus, der herrschenden Klasse, zwängen ihre Füsse nicht ein.

Hier in Kiautschou sah ich auch wieder die mir in leidiger Erinnerung verbliebene Karre, die chinesische Reiseequipage, in der ich leider einmal eine Fahrt unternehmen musste. Die Tempel Kiautschous, in kleinerem Masse natürlich als in Peking, zeigten bedeutend besser gepflegte Heiligtümer und viele Götzen – Figuren in frischen, prächtigen Farben. Die Reichhaltigkeit der Tempel in Kiautschou ist geradezu erstaunlich und ein Besuch in dieser alten Kreisstadt dadurch schon lohnend.

Die meisten Tempel sind verschlossen und bei den engen Strassen schwer zu finden. Hätte ich nicht einen netten jungen Chinesen als Führer genommen, so hätte ich sicher nicht so viel Interessantes und Schönes kennen gelernt Zudem verstand dieser junge Mann sogar einige Brocken Deutsch. Die chinesische Art des Betens konnte ich hier als andächtiger Zuschauer studieren. Auf einem vor dem Haupt-Götzenbilde liegenden Kissen kniend, verneigten sich die Jünger Buddhas dreimal bis zur Erde, während der Tempelhüter seinen grossen Gong anschlug. Durch diese Töne soll der Gott aufmerksam gemacht werden, dass jemand zu ihm betet. Auch Opferstreifen aus Papier oder dickere Papierketten, mit denen ein ausgedehnter Handel in China getrieben wird, verbrannte der Tempel Wächter bei der Zeremonie in grossen bronzenen Opferbecken; ausserdem wurden dünne, stabförmige Räucherkerzen dem Gott geweiht.

Neben dem Tempel der Himmelskönigin, dem Tempel des Kriegsgottes, dem Tempel des Gottes der Reichtümer fand ich den Konfuzius-Tempel besonders interessant; seine Dachfirste, mit bunten chinesischen Drachen geschmückt, fallen weithin auf. Sehenswert ist die riesige Prüfungshalle. Sie beeindet sich an einer mit mehreren grossen Ehren- und Torbogen geschmückten Strasse. Um den weiten Hof ziehen sich die Bänke für die Musensöhne, durch Holzgitter abgeschlossen, und am Ende der langgestreckten offenen Halle ist geradezu ein Thron aufgebaut, für die hochwohllöbliche Prüfungs – Kommission und die Mandarine. Diese Stelle zu betreten, riet indes mein chinesischer Führer dringend ab, obgleich das ganze grosse Gebäude tot und verlassen lag. Da Europäer meiner Art wohl nur selten in diese rein chinesische Stadt zu gelangen scheinen, wurde ich allseitig angestaunt, und zwar nicht allein von Kindern. Es gab auf meiner langen Wanderung kaum einen Chinesen, der sich nicht nochmal nach mir umdrehte. Auch im Warteraum des Bahnhofes umlagerte mich eine Schar chinesischer Burschen, die ziemlich aufdringlich mich von oben bis unten musterten. Als ich ihnen dann aber Limonade spendierte, war ich ihr Freund.

Zur Einnahme Kiautschous bei den Wirren 1900 fanden hier heftige Kämpfe statt, doch ist später die Besatzung vollständig zurückgezogen worden. Die damaligen Offiziers-Quartiere zeigte mein Führer mir noch besonders.

Seit der Zeit gehören die wenigen hier lebenden Europäer nur der deutschen evangelischen Mission an. Diese Missionare sind ein originelles Mixtum compositum von Deutschen und Chinesen. Ganz den vornehmen Chinesen ähnlich, mit langem, blauseidenem Ueberwurf, haben sie sich auch einen langen, fast bis zur Erde reichenden Zopf zugelegt. Sie tun dies, um sich grösseres Vertrauen im chinesischen Volke zu erwerben. Immerhin sieht es spassig aus, einen Deutschen mit solch einem langen, schwarzen Zopf, der auch kunstgerecht in einer schönen seidenen Quaste endet, als weissen Chinesen zu sehen.

Nach acht Stunden des Umherwanderns in der heissen August – Sonne fühlte ich mich aber schliesslich totmüde. Nur einmal bei einem Glas Limonade hatte mein Führer in einem chinesischen Wirtschaftsladen mir eine kleine Ruhepause verschafft. Europäische Restaurants gibt es ja nicht, und so musste auch mein Magen sich einmal einen ganzen Tag gedulden, denn leider hatte ich Proviant nicht mitgenommen.

Man kann sich keine grösseren Gegensätze denken als die alte Chinesenstadt Kiautschou und die nagelneue deutsche Stadt Tsingtau. Dort Schmutz und Armseligkeit, wenn auch verbrämt durch die leidlich erhaltenen Uebcrreste einer alten aber zurückgebliebenen Kultur. Hier eine junge Kolonialstadt, ausgestattet mit allen Errungenschaften der Neuzeit, modernen Hafenanlagen, schönen breiten Strassen, eleganten Villen und Geschäftshäusern, Hotels, elektrischer Beleuchtung, Wasserleitung, Kanalisation usw. Wenn man das alte Kiautschou gesehen hat, so kann man erst voll ermessen, was in unserer ostasiatischen Kolonie in der verhältnismässig kurzen Zeit von zehn Jahren geleistet worden ist.

Weiteres aus der Reihe „Kolonie und Heimat“
Eine Straussenfarm in Deutschland
Wie der Neger in Togo wohnt
Deutsche Diamanten
Zur Frauenfrage in den deutschen Kolonien und andere Bekanntmachungen
Die Landesvermessung in Südwestafrika
Bilder aus dem Norden von Deutsch-Südwest: Namutoni
Koloniale Neuigkeiten
Deutschland, England und Belgien in Zentralafrika
Das Deutsche Institut für ärztlich Missionen in Tübingen
Bilder von der afrikanischen Schutztruppe
Die Kolonien in der Kunst
Der Handelsagent in Deutsch-Afrika
Bierbrauerei der Eingeborenen in Afrika
Samoanische Dorfjungfrau
Losso-Krieger aus dem Norden von Togo
Allerlei aus dem Leben des Togonegers
Ostafrikanisches Obst
Ostafrikanische Küstenbilder
Tabakbau und Tabakverarbeitung in Havanna
Die französische Fremdenlegion
Kamerun : Totentanz der Küstenneger
Ein Rasseproblem
Blick in eine Wanjamwesi-Siedlung bei Daressalam
Der Botanische Garten zu Berlin als Zentralstelle für koloniale Landwirtschaft
Die Kirchen in Daressalam
Das Meer und seine Bewohner : Seevögel
Sie riss das Gewehr an die Backe, zielte einen Augenblick und schoss . . .
Wie man in Afrika in der Regenzeit reist
Auf den Diamantenfeldern von Lüderitzbucht
Die Diamanten-Regie des südwestafrikanischen Schutzgebiets in Berlin
Bilder aus der ostafrikanischen Vogelwelt
Vom Deutschtum im Ausland (Chile)
Medizintanz der Baias in Kamerun
Hamburg als Hafenstadt
An der Trasse der Bagdadbahn
Die Baumwollfrage
Die Mischehen unter fremden Rassen
Das Haar
Deutsches Leben in Deutsch-Südwest Afrika
Unteroffiziere der Schutztruppe in Südwest-Afrika feiern Weihnachten
Wenn der Buschneger den ersten Weissen sieht …
Berittene Spielleute des Sultans Sanda von Dikoa
Ein Morgenpirschgang in Ostafrika
Die Kilimandjaro-Bahn
Die Aufgaben der deutschen Frau in Deutsch-Südwestafrika
Kolonie und Heimat : Rückblick und Ausblick
Prosit Neujahr!
Wie die Ponapeleute entwaffnet wurden
Goldgewinnung an der Goldküste
Eingeborenen-Bilder aus Kamerun : Die Wute
Wie schafft man sich gesundes Blut?
Bilder aus der Tierwelt Südafrikas
Totengebräuche auf den Salomons-Inseln
Fünfundzwanzig Jahre Deutsch-Ostafrika
Eine Reise durch die deutschen Kolonien
Neues aus dem Innern von Neu-Guinea
Der Nord-Ostsee-Kanal
Bilder aus der Kameruner Vogelwelt
Die landwirtschaftliche Ausstellung in Keetmanshoop
Herero-Mann Deutsch-Südwestafrika
Die Straussenzucht in Südwestafrika
Kolonie und Heimat erscheint von jetzt an wöchentlich.
Die deutsche Frau in der Südsee
Die Ölpalme
Frauenerziehung in China
Seltsame Fleischkost
Mitteilung des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft
Die Herstellung von Rindentuch in Zentralafrika
Südwestafrikanische Früchte in Deutschland
Windhuk
Der Panamakanal
Bilder aus Kiautschou : Unsre Besatzungstruppe
Bilder aus Kiautschou : Chinesische Verkehrsmittel