Ein Deutsches Ledermuseum

zu Offenbach a. Main.

Offenbach am Main, die größte Industriestadt des Großherzogtums Hessen, ist mehr noch als durch ihre bedeutsamen Maschinenfabriken bekannt als der Ursprungsort der Offenbacher Portefeuille- und Lederwaren, die ihrer technischen Vollendung und ihren geschmackvollen Zweckformen eine Verbreitung über die ganze Welt verdanken und die auch durch den Krieg in ihrem Siegeslauf sich nicht werden aufhalten lassen. Es bestehen für diese Artikel in Offenbach etwa 500 Betriebe, darunter solche von gewaltiger Ausdehnung. Es seien in alphabetischer Folge nur die Namen: S.W. Brody; Hochstädter & Bergmann; Cahn Valeri & Co.; Heinrich Gretsch; M. Gunzenhäuser & Co.; Adolf Huwerth; Willy Huwerth; Rudolf Kahn; Ernst Kuppenheim; Wilhelm Leißler & Sohn; Julius Lichtenfels; Fritz & Anton Krumm; Ludwig Krumm; Eduard Posen & Co.; Karl Seeger; Friedrich Stein; Karl Wagner jun. genannt. Neben den Portefeuille- und Lederwaren gilt die Industrie der Stadt im großen Maßstab auch der Ledererzeugung. 5 Riesenunternehmen, wie die Lederfabrik J. Mayer & Sohn, Lederwerke Becker & Co., Lederfabrik J. Feistmann Söhne, Lederwerke vorm. Phil. Jac. Spicharz, Union Lederwerke vorm. Wilh. Hch. PhilippiG. m. b. H. schicken ihre Lederhäute in alle Länder, Vier bedeutende Schuhfabriken: Leander Schuhfabrik A.G. vorm. Ochsenhirt & Behrens, Herrn. Liebmann, Schuhfabrik Hassia, Eugen Wallerstein, und 2 große Militärrequisitenfabriken: Maury & Co., H. Müller & Co. vervollständigen die Lederverarbeitungsindustrie des Platzes.

Hand in Hand mit dem Feinledergewerbe arbeitet die blühende Offenbacher Metall- und Gürtlerwarenindustrie. Über zwei Dutzend Fabriken: C. Feuss, Frdr. Wilh. Goedecke, Ludwig Haege, E. Ph. Hinkel, Huppe & Bender, A. Lachmann, Moeller&Schroeder, Jakob Moench, Friedrich Möller, Peter Schlesinger, Volkert & Schröder usw. — lassen ihre Erzeugnisse — Taschenbügel, Verschlüsse, Einrichtungsgegenstände für feine Lederkoffer, Galanterieartikel, Rauchzeuge, Zigarren- u. Zigarettenetuis, Rasier-und Toilettespiegel usw. über die Meere gehen.

Auch diese Offenbacher Waren eroberten sich ihren Platz an der Sonne dank technischer Vollendung und einer aus dem Zweck herausgewachsenen — international zu nennenden — Form. Die Offenbacher Portefeuillefabriken empfangen die Neuheiten dieses Industriezweigs aus erster Hand.

Es gibt nur wenige deutsche Städte, die auf volkswirtschaftl. bedeutsamem Industriegebiet zu solcher Geltung gelangt sind in der Welt, wie Offenbach gleichzeitig auf den eng verwandten Gebieten der Ledererzeugung, der Lederverarbeitung und der bei letzterer zur Verwendung gelangenden Gürtlerwarenindustrie.

Es ist deshalb ein beinahe selbstverständlicher Gedanke, zu versuchen, in Offenbach, dieser Hochburg der Lederarbeit, all das zu sammeln, was uns an diesem Material interessiert und was mit seiner Verarbeitung zusammenhängt.



Als Endziel schwebt vor: Ein Deutsches Ledermuseum, ein Museum, in dem zunächst durch die Unterstützung der Offenbacher, der hessischen Lederindustrie, weiterhin aber der ganzen deutschen Lederfachkreise alles planmäßig zu einer Sammlung zusammengetragen werden soll, was geeignet scheint, das so vielseitig verwendbare Material in seinem Werdegang, seinem Wesen, seiner Bearbeitung, seinem Gebrauch in der Vergangenheit und Gegenwart aller Völker zu einer möglichst lückenlosen Darstellung zu bringen.

In einer Zeit, in der die Berufe auf jedem Gebiet sich zusammenschließen, erscheint es ein folgerichtiger Gedanke, auch das Arbeitsergebnis einer so starken Gruppe übersichtlich in einer umfassenden Sammlung zusammen zu halten, in einer Sammlung, die es erleichtert, sich über berufliche Dinge zu unterrichten, in ihr alles zu finden, was auf dem Berufsgebiet Gegenstand fachlichen Suchens sein kann, in der die Deutsche Berufsgemeinschaft mit Standesstolz all das niederlegt, was Gegenwart und Vergangenheit auf ihrem Arbeitsgebiet geschaffen haben.

Der Vorgang ist nicht neu: Das Deutsche Buchgewerbemuseum in Leipzig erscheint als nachahmenswertes Beispiel — eine gemeinsame Arbeit der deutschen buchgewerblichen Industrie mit allen um das Buchgewerbe sich herum gruppierenden Berufsgruppen, begründet in der Stadt, die sich am stärksten mit dem Buchgewerbe befaßt. —

Das Endziel, das wir uns stellen wollen, ist, eine Parallele zu schaffen zu diesem Standesstolzen, in prächtiger Entwicklung befindlichen Unternehmen. Beginnen wir bescheiden bei unserer Arbeit, so wird dieser Umstand sicher nicht gegen die Berechtigung des Unternehmens sprechen. Findet der Gedanke in der deutschen Leder- und Lederverarbeitungsindustrie aber Interesse, dann ist das Ziel nicht zu hochgesteckt.

Unsere deutschen Museen suchen fast durchweg die Aufgabe zu erfüllen, allgemein-bildend zu wirken, und, um ein anschauliches Bild des Standes der Kultur einzelner Zeitperioden zu geben, stellen sie Arbeiten aus den verschiedensten Materialien und Stoffen in Gruppen gleicher Entstehungszeit zusammen. Das fachlich Interessierende tritt so gegenüber dem allgemein Interessierenden stark zurück. Auch die mehr das Material berücksichtigenden kunstgewerblichen Museen können das Fachliche nicht erschöpfen, sie dulden nur das Mustergültige, das künstlerisch Wertvolle und geben so nur ein Bild der kunstgewerblichen Höhepunkte, ein Bild auch nur des fertigen Gegenstandes. Der Arbeitsvorgang, das Arbeitsgerät, findet bei ihnen keine Berücksichtigung. Auch für den rein technisch zu bewertenden Gegenstand ist keine Stätte in diesen Museen.

Diese Lücken im deutschen Museumswesen hat das Fachmuseum auszufüllen.

Das Ledermuseum wird sich nach technologischen und kulturhistorischen Gesichtspunkten aufbauen. Eine Abteilung gilt der Ledererzeugung und zeigt das Leder in seinem Werdegang. Präparierte Tiergruppen führen die Tiere vor, deren Häute für die Ledererzeugung von Bedeutung sind. Diese, die Naturgeschichte der Tiere erschöpfenden Gruppen — man denke an Krokodile, Eidechsen, Schlangen, den Seehund, an die verschiedenen Ziegenarten usw. — bieten auch der Allgemeinheit besonderes Interesse, zumal wenn dieselben, im Gegensatz zu den Tiergruppen der allermeisten naturwissenschaftlichen Museen, durch die Art der Präparierung und die umgebende Landschaft zu künstlerischer Wirkung gebracht werden. — Es folgen die rohen Häute, die Rohstoffe der Gerberei und Lederindustrie , die Gerbstoffe und die Gerbstoffextrakte, die chemischen und sonstigen Gerbe-und Appreturmittel. Die verschiedenen Gerbeverfahren sind zur Darstellung zu bringen, Darstellungen aus Gerbereien der Gegenwart und Vergangenheit, das Färben des Leders, die Färbemittel, das Lackieren des Leders, endlich die fertigen Häute. Mikroskope führen die Struktur der Tierhäute vor. Die Schäden der Häute durch Krankheit und Insektenstiche, die Schädlinge selbst sind zur Anschauung zu bringen. Zerreiß- und Schleifproben geben Rechenschaft über die Festigkeit der Ledersorten. Die Berufskrankheiten der Lederarbeiter sind vorzuführen.

Der Produktionsumfang und die wirtschalt-liche Bedeutung der Ledererzeugung: Berufs-, Gewerbe- und Handelsslatistik ist anschaulich zu machen. Die Darstellungen des geographischen Vorkommens der Lederträger, der Gerbstoffe, der Lederverbreitung usw. hätten die Abteilung zu ergänzen.

Eine weitere Abteilung erschöpft die Lederverarbeitung: Das Leder im Kunstgewerbe, im Gewerbe und Handwerk und in der Industrie.

Auf die Ausgestaltung der kunstgewerblichen Abteilung müßte ein besonderes Augenmerk gerichtet werden, denn sie würde weit über das Fachliche hinaus dem Publikum Interesse ablocken können. Für den Fachmann bildet sie den nie versiegenden Quell, aus dem das moderne Gewerbe immer und immer wieder erfrischende Anregung zu schöpfen vermag. Sie bildet den Prüfstein für die moderne Leistung, zu deren richtiger Einschätzung der Vergleich mit zeitgenössischen Arbeiten nicht ausreicht. Man weiß, daß die Gotik, die Renaissance, die Barockzeit, das Rokoko prächtige Lederarbeiten geschaffen haben. Die ganze Fülle der Möglichkeiten künstlerischer Behandlung dieses herrlichen Materials — das Punzen, Gravieren, Treiben, Ätzen, Pressen, Vergolden müßte durch zahlreiche Beispiele des alten Kunstgewerbes zur Darstellung kommen. Hervorragend schöne Lederbehälter, Lederkasten, Besteckkasten, Koffer, Futterale, Stuhllehnen, sehen wir in allen deutschen Museen verhältnismäßig spärlich und verloren unter anderen Kunstwerken derselben Zeitperioden. Es gilt in Offenbach eine Sammlung zu schaffen, die an Güte und Vielseitigkeit möglichst das übertrifft, was diese Museen einzeln und „unter Anderem“ an Lederarbeiten aufzuweisen haben, eine Sammlung zu schaffen, die dann ohne das mühevolle Suchen, das andere Museen dem Besucher aufzwingen, übersichtlich zeigt, welchen Gang die kunstgewerbliche Lederarbeit durch alle Zeitalter genommen hat. Diese Sammlung würde die charakteristische nationale Art der verschiedenen Länder und Völker zu zeigen haben. Spanien, Portugal, Indien, Frankreich, Persien und die Türkei brachten neben Deutschland in früheren Jahrhunderten ganz besonders schöne Lederarbeiten hervor. Der Geschichte des Lederbucheinbandes wäre eine besondere Gruppe zu widmen.

Aber auch der Weg ins Gewerbliche und Handwerkliche der Lederware führt zu ergebnisvollen Sammelmöglichkeiten: die Geschichte

der Damentasche und des Taschenbügels, der Brieftasche, des Reise- und Taschenschreibzeugs, des Nähnecessaires und Nähkörbchens, der Zigarrentasche, der Schreibmappe, des Reisekoffers, des Geldbeutels würde bemerkenswerte Aufschlüsse insbesondere über die Modebewegung geben — man denke an die Damentasche — so hätte das Museum spätere Geschlechter auch aufzuklären über äußere Entstehungsursachen der Schlager in der Ledermode.

Der Bauernkunst in der Lederware — der Bauerngürtel, der Lederkorb, das Pferdegeschirr — wäre eine besondere Abteilung zu widmen. Die Lederverarbeitung bei außereuropäischen Völkern würde, wie wir in unseren ethnographischen Museen sehen, eine besonders wertvolle Abteilung bilden können, die uns außerordentlich viel praktisch Verwendbares bieten würde. Man erinnere sich an die eigenartige Bearbeitung des Leders bei wilden Völkerschaften (Waffen, Schilde, Gürtel, Kleidungsstücke, Aufputz durch Muscheln, Zähne usw.).

Selbstverständlich müßte das Museum auch ein übersichtliches Bild der Geschichte der Offenbacher Feinlederverarbeitung bringen.

Vom Jahre 1812 an, wo auf dem Fürstlich Isenburgisch-Birsteinschen Weihnachtstisch die

vom Begründer der Offenbacher Lederwarenindustrie, dem Portefeuiller Joh. Georg Klein gefertigten Papp- und Lederarbeiten vom Fürsten Karl mit der Scherzmarke „Hochfürstlich Privilegierte Portefeuille Fabrique von Isenburg, Klein & Comp.“ versehen aufgelegt waren, sind Jahr um Jahr neue charakteristische Offenbacher Portefeuilletypen entstanden, die zu sammeln eine Ehrenpflicht des Museums bedeutet. Wir werden alles Zusammentragen, was an diesen alten heimischen Lederarbeiten noch zu erreichen ist, in ausgeführten Stücken, in Teilarbeiten, in Zeichnungen, in Photographien. Auch für die Zukunft hat jedes neue Jahr seine besonders charakteristischen, seine gangbarsten Formen dem Museum einzuverleiben. Von Interesse wäre die Arbeit der Offenbacher Lederindustrie im Weltkrieg (Tornister, Patronentasche, Helm, auch die Lederarbeiten der Kriegsbeschädigten im Offenbacher Berufsübungslazarett würden der Sammlung einverleibt. Eine geschichtliche und statistische Darstellung hätte Rechenschaft zu geben über den Geschäftsgang, Preisbewegung des Materials, der Löhne, die Zahl der Arbeiter und der Betriebe. — Eine ins Einzelne gehende, geschickt und anschaulich gehaltene Abteilung

hätte die Technik der Lederbehandlung, den Lederschnitt, das Lederpunzen, Ledereinlegearbeiten, Handvergolden, Lederbrennen, Lederätzen zu zeigen. Die bei diesen Techniken gebräuchlichen Instrumente — ihr geschichtlicher Werdegang — Probearbeiten in den verschiedensten Vollendungsstadien — müßten Fachmann und Laien den Arbeitsvorgang darlegen.

Der Schuh und der Handschuh und seine Geschichte und Mode müßte gezeigt werden. Das Leder in der Orthopädie, das Leder in der Industrie (der Treibriemen und die sonstige Verwendung bei der Maschine), das Leder im Haushalt würden weitere Abteilungen zu bilden haben. — Die Rolle, die das Leder bei der Bewaffnung des Kriegers zu allen Zeiten spielte — der Sattel, die Tasche, das Pulverhorn, der Gürtel, der Helm usw. — wäre durch Beispiele wiederzugeben. — Eine Abteilung zeigt die Lederimitation, die Möglichkeiten der Verwendung der Lederabfälle. — Ein Raum wäre den Persönlichkeiten zu widmen , die auf dem Gebiete der deutschen Ledererzeugung und Lederverarbeitung sich besondere Verdienste erworben haben; wenn es gelingen würde, zu den Porträtdarstellungen tüchtige Künstler heranzuziehen, könnte diese Abteilung den Charakter einer sehenswerten Gemäldegalerie erhalten. — Die Museumsbibliothek hätte alle Werke zu enthalten, die sich mit Leder und Lederarbeiten befassen. — Eine Photographiensammlung hätte die lückenlose Ergänzung der im Museum vertretenen Gegenstände, sowohl nach der künstlerischen, als nach der geographischen, naturwissenschaftlichen und technischen Seite zu bilden. — Ein Raum hätte die neuesten Maschinen und Werkzeuge, neue Ledersorten, neue Zutaten, neue Verschlüsse, kurz, alle auf dem Markt erscheinenden Neuheiten in immer neuer Ergänzung zur Schau zu stellen.

Erwägt man all diese Möglichkeiten, so bedarf es keines besonderen Hinweises, welche Fülle von Anregung aus einem solchen Fachmuseum fließen und welche Förderung von ihm ausgehen könnte. — Durch erfreuliche Stiftungen des bekannten hessischen Kunstmäcen, Herrn Geb. Kommerzienrat Ludo Mayer, der Lederwerke Becker & Co., der Union Lederwerke vorm. Wilh. Hch. Philippi, der Lederwerke vorm. Phil. Jac. Spicharz, der Lederwarenfabriken Rud. Kahn und Heinr. Gretsch, weiterhin der Herren Robert von Hirsch, Louis Feistmann, Theodor Hecht, M. J. Hartmann, Karl Maier ist der Anfang zum Ledermuseum gemacht. Eine besonders bedeutende Zuwendung verdankt das Museum ferner der Offenbacher Schraubenindustrie, Metz & Weissenburger, Mühlheim. Das 25 jährige Regierungsjubiläum des Förderers hessischer Industrie und hessischen Kunstgewerbes Seiner Kgl. Hoheit des Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein gab den Anlaß, mitten im Weltkriege den erfreulichen Grundstock des Museums, der zwei große Säle füllt, erstmals öffentlich zu zeigen. Energische Werbearbeit wird dafür sorgen müssen, daß das Museum nicht in seinen Anfängen stecken bleibt………….. H.E.

VON PROF. HUGO EBERHARDT—OFFENBACH A. M.

Verzeichnis der Abbildungen:
Falkentasche
Lederband-Buch
Lederkassette
Lederkasten
Lederkasten-Eisenbeschlagen
Lederkasten-Leder
Lederkoffer
Lederkoffer-Eisen
Lederkoffer-Eisenbeschlag
Ledertruhe
Ledertruhe-Goldstempel
Reliquienschreib-Leder
Schmuckkasten
Wappen-Gerberei

Siehe auch:
Münchener Kunstausstellung-Glaspalast 1927
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Modernes Sammlertum
Zur Neuaufstellung des Völkerkunde-Museums in München
Friedrich Stahl
Holzschnitte von Josef Weiss
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Waldemar Rösler
Franz Hoch
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege