Ein Morgenpirschgang in Ostafrika


Schon manche schöne,selbsterworbene Jagdtrophäe ist in unserem Besitz. Ein grosser Teil der Gehörne der verschiedensten Antilopenarten, Elen, Kudu, Swalla, Grant, Hartebeest und wie sie alle heissen. Aber das edelste und wohl auch gefährlichste Wild, den afrikanischen Büffel zu erlegen, war uns noch nicht gelungen.

Ich begleite meinen Mann meist auf der Jagd, wenn ich meine Büchse freilich auch nur für Fälle der Gefahr mitführe. Den sichern Schuss überlasse ich meinem Mann; so haben wir beide die reinste Freude, ich am Beobachten von Natur und Wild, mein Mann am Erlegen.

Auf einem unserer abendlichen Gänge hatten wir nun die frische Fährte eines grossen Büffels, anscheinend eines Einzelgängers, gefunden, und wenn die Tiere auch meist keinen bestimmten Wechsel haben, sondern meilenweit in der Steppe wandern, beschlossen wir doch, in der Nacht herauszugehen. Vielleicht war der Zufall günstig und es gelang im ersten Morgengrauen, den Büffel zu überraschen.



Um 3 1/2 Uhr r-r-r-r-rasselte also der Wecker — brrr! — jetzt aufstehen! Die Büffeljagd erschien in weit weniger verlockendem Lichte wie am Abend. Aber ein energischer Ruck, und es ging. Ein Viertel vor vier Uhr waren wir marschfertig. Man lernt in Afrika, wenn man seinen Mann auf Jagd und Safari (Reisen) begleitet, in märchenhaft kurzer Zeit seine Toilette beenden.

Schnell noch eine Tasse Kaffee, die der Koch bereit hält, und dann — los! —

Noch wars gänzlich Nacht, die Gegend nur schwach vom Licht des letzten Viertelmondes erhellt. Vorsichtig mit gespannter Büchse ging’s vorwärts. — Seit einmal früh morgens ein Leopard dicht an meiner Seite im hohen Elefantengras aufgesprungen war, hatten wir den nötigen Respekt vor dem in unserer Gegend zahlreichen Raubzeug bekommen.

Der Jumbe (Dorfhäuptling), der auf Jagd ziemlich brauchbar ist, begleitete uns. In einiger Entfernung folgten noch zwei Leute. Man nimmt in Afrika auf Jagd immer einige Schwarze mit, zum Tragen des Wildes und als Boten, um nötigenfalls mehr Leute heranzuholen. Ist auch nur die kleinste Gefahr in Sicht, so haben sie die Eigentümlichkeit — ich spreche nicht von den Jägerstämmen — spurlos zu verschwinden. Sie „verlieren“ dann zu ihrem „grössten Kummer“ ihren Herrn.

Zuerst gingen wir einige Kilometer auf dem angelegten Wege, dann weiter in die Steppe hinein, die in dem schwachen Mondlicht eigentümlich reizvoll in ihrer schweigsamen Unendlichkeit vor uns lag. Dann und wann ein grösserer Baum, ein Streifchen Buschwald, sonst Gras, das am Ende der Regenzeit solche Höhe und Dichte erreicht, dass man nur durchkommt, indem man Leute mit Buschmessern voranschickt. Jetzt prangte die Steppe im ersten frischen Grün.

Nichts war zu hören, als nur einmal in weiter Ferne das charakteristische Brüllen eines Löwen, der wohl von seinem nächtlichen Raubzug heimkehrte. Jetzt ein heller Schein im Osten, der sich rasch dunkelrot färbt. Dämmerung kennt man nicht in den Tropen, weder morgens, noch abends, ebenso fallen die grossen Zeitunterschiede beim Sonnenauf- und Untergang fort. Wenige Minuten, dann steigt glühend goldig der Sonnenball empor, seine sengenden Strahlen aber für etwas spätere Zeit schonend. Die Frühmorgen in den Tropen sind herrlich!

Die Spuren unseres Büffels fanden wir bald wieder und nahmen die Verfolgung auf. Kreuz und quer ging’s. —

Hier diese „Bonde“ (tiefer, meist sumpfiger alter Wasserlauf, Lieblingsaufenthalt der Büffel) — darin kann er stecken — vorsichtig heran — nichts -weiterl

Aber dort — was ist das in der Steppe? Eine grosse Erhöhung? Ein Riesentermitenhügel? (Bau weisser Ameisen, oft über drei bis vier Meter hoch) — nein, dazu ist die Masse nicht spitz genug. Ich mache meinen Mann aufmerksam — Elefanten!

Der Wind ist günstig, wir können heran an dies imposanteste Tier der Wildnis. — Ruhig stehen sie da, ein Bulle mit gewaltigen Stosszähnen, dicht bei ihm das Weibchen. Vergnüglich pendeln sie mit den Rüsseln, bewegen die riesigen Lauscher auf und ab. Vorsichtig nähern wir uns immer mehr — nur noch knapp 40 Meter sind wir entfernt. Man erkennt deutlich die blinzelnden Aeuglein.

Der Elefant sieht ebenso schlecht, wie er scharf wittert, hat man starken Gegenwind, kann man unglaublich dicht herankommen, ohne dass er den Menschen bemerkt. Der gute Jäger sucht denn auch stets diese Eigentümlichkeit auszunutzen und seinen Schuss auf einer Entfernung von 5—6 Metern anzubringen.

Schlägt freilich der Wind, wie das in Afrika oft der Fall, plötzlich um, und die Riesen bekommen Witterung, dann kann die Lage recht hässlich werden. Mein Mann ist nicht im Besitz eines sogenannten „grossen Jagdscheines“, der das Recht gibt, Elefanten zu jagen und tausend Mark kostet; so musste diese einzig gute Gelegenheit vorübergehen.

Ich darf wohl kaum den für ein Jägerohr schrecklich ketzerischen Gedanken aussprechen, dass — ich mich im tiefsten Herzensgründe freute, dies wundervolle Wild so ruhig beobachten zu können, ohn sagen zu müssen: „Nimmst du diesen prächtigen Zufall nicht wahr, bist du dumm!“

Die schwerfälligen Tiere mit den phlegmatischen Bewegungen, die man im Zoologischen Garten oder im Zirkus bewundert, sind ja nicht die Elefanten der Freiheit. Diese sind ganz anders, stolzer, königlicher möchte ich sagen, und von verblüffender Gewandtheit und Geschwindigkeit.

Ich bin jetzt zweimal dicht an Elefanten gewesen, und der Anblick ist mir unvergesslich. Unser Pärchen bemerkte uns endlich. Da es aber nicht angegriffen wurde, machte es auch keinen Versuch, unfreundlich zu werden. Die Lauscher wackelten heftiger, etwas Missbilligung lag im Bewegen der Rüssel, dann machten sie „kehrt“ und spazierten ab. Erst langsam, dann laufend. In kürzester Zeit schienen die Riesenleiber nur noch wie zwei dunkle Pünktchen.

Mittlerweile war die Sonne höher und höher gestiegen; wenig Aussicht, noch einen Büffel zu treffen. Wir machten uns auf den Rückweg. Mein Mann schoss noch einen Buschbock; wenn man auf Büffel ausgeht, ein etwas magerer Ersatz, aber mein Hausfrauenherz freute sich über das gute Wildbret.

Vier Stunden waren wir fortgewesen, als wir von unserem „Morgenpirschgang“ zurückkamen. —

Schnell umgezogen und dann an den von den „Boys“ hübsch gedeckten Kaffeetisch. — Prächtig schmeckte das Frühstück, und man sagt wieder: „Afrika ist schön!“

Einige Tage nach unsrer vergeblichen Jagd kam die erschütternde Nachricht, dass ein Europäer, nicht sehr weit von unserem Land, von einem durch ihn angeschossenen Büffeleinzelgänger angenommen und zertreten sei. Jch muss sagen, der Gedanke, dass es uns gerade so hätte gehen können, liess mich etwas schaudern, aber„Amri ya mun-gu“ (Gottes Wille). Dies Wort der Schwarzen geht wohl jedem unwillkürlich in Fleisch und Blut über, — und bald gehen wir doch wieder auf Büffeljagd!

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    2. Oktober 2016
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