Ein Soldat erlebt einen Baum

Bei einer Geländeübung war einem Soldaten eine Eiche aufgefallen, die er wegen ihres ausgeprägten Wuchses zu zeichnen sich vorgenommen hatte. Am nächsten dienstfreien Sonntag ging er hinaus, den Zeichenblock unter dem Arm, die Zeichenstifte in der Tasche.

Es war noch früh am Tage. Hart knallten des Soldaten Stiefel auf dem Pflaster der morgenstillen Straßen. Bald hatte er die Steinwüste der Großstadtgarnison im Rücken. Noch einige mit Grün durchsetzte Vorstadtstraßen, dann stand er vor dem Wald, dem weiten, stillen Wald.

Der Mann zögerte einzutreten. Eine Welle würzigen Kiefernduftes schlug ihm entgegen. Das war eine andere Welt als die, aus der er soeben kam. Er hielt den Atem an. — Und während er ihn pfeifend von sich stieß, stieß er zugleich die Hast der Großstadt von sich. Tief hob und senkte sich die Brust. Gelassen schritt er in die feierliche Halle. Er fühlte sich im Einklang mit sich selbst und mit der Welt um ihn. Er wußte beides aus der gleichen Mitte her bewegt, sich selbst und die ihn rings umgebende Natur.

Nun brauchte er sich nicht mehr zu wappnen gegen etwas außer ihm. Denn hier gehörte alles ihm. Es war um ihn und in ihm. Das Raunen und das Flüstern in den Zweigen und den Tiefen, es war in seiner Brust. Das Fluten und Glänzen der Farben, des Lichts und der Schatten, er hatte es als Bild in sich. Die starken und zarten Formen der Bäume und Gräser, er brauchte sich nicht Mühe zu geben, sie zu betrachten. Das Gesetz, nach dem sie waren, war sein eigenes. Seine Augen und Ohren waren nach innen gerichtet. Und doch fand alles Eingang, das Nächste und das Fernste, die Gräser und die Bäume, die Vögel und Eichkatzen, der See und der Himmel, der Nebel und die Morgensonne, das Zwitschern und das Rausdien, eine ganze Zauberwelt von Tönen und Gestalten. Und das war dem Soldat das tief Beglückende: klar und bewußt erlebte er das alles als eine unabänderliche Ordnung.

Ein Singen und Klingen erwachte in der Feme, kam näher, schwoll an zu rauschenden Akkorden. Begann es in dem Flüstern des Gezweigs, im Sang der Vögel oder in der Brust des Mannes? Gestalten wuchsen aus dem Boden, wie von Künstlerhand gemeißelt, würdig einer Welt voll Schönheit. Bildtafeln füllten Flächen eines Raumes, der nicht zu übertreffen war an schlichter Form und doch so reich an Formen wie der Wald.

Da stand die Eiche des Soldaten, die er sich unterfangen wollte, mit dem Stift auf ein Papier zu bannen. Jetzt wußte er, wie er sie zeichnen mußte, nicht als ein Spiel von Linien, wie er sie früher sah, nein so, wie er sie heute, jetzt erlebte, als das Gesetz des Schöpfers, das sein eigenes war. Mit einem Bleistift auf Papier? Ja, mit Bleistift auf Papier, das war sein fester Wille, wollte er das Gottgesetz im Baume niederschreiben. Halt, mein Lieber, rief der Gott, so leicht hast du mich nicht — und er entzog sich ihm gerade in dem Augenblick, als der Soldat sich anschickte, die erste Linie auf das Papier zu setzen. Da stand die Eiche, ein Baum wie alle anderen, aus Stamm, Gezweig und Blattwerk, mit zernarbter Rinde, grau und grün, ein Gewirr von Licht und Schatten. Wo war das Göttliche daran? Da saß der arme Mann, ein König, der sein Reich verloren hatte.

Jetzt hatte er sich zu entscheiden. Würde er den Kampf aufnehmen oder verzichten? Er entschied sich als Soldat. Er trat an zum Kampf, zum Kampf mit Gott. Nicht eher würde er das Ringen enden, als bis er Gott gezwungen hätte, ihn als Werkzeug anzunehmen. Es war ja nicht Vermessenheit, was ihn so handeln hieß. Er wollte ja nur dienen, das ewige Gesetz aufschreiben für die Brüder, damit sie besser den Weg zu eigenem Erleben fänden. Das war sein Gottesdienst an diesem Sonntag.

Nachdem er sich so noch einmal Rechenschaft für sein Tun gegeben hatte, machte er sich an die Arbeit. Er setzte alle Waffen ein, den Willen und die Phantasie, die Vorstellung und den bewußten Verstand. Alles sammelte er auf einen Punkt, auf den Punkt, in dem die Spitze seines Stiftes das Papier berührte. Mit allen seinen angespannten Kräften begann er nun die Eiche zu erschuffcn. Er vollzog an ihr die Schöpfung neu. Kraftvoll aus der Wurzel ließ er sie erwachsen in den Stamm, die Äste, Zweige und Blätter. Und wie er sie zum Leben erweckte, erlebte er mit ihr die Hunderte von Jahren durch. Er war bei ihr im Jubeln mit der Sonne, im Ringen mit dem Wind, in den Jahren reicher Nahrung und in den Jahren des Hungers.

Mit feinsten Sinnen spürte er, wie hier der Ast sich rückwärts wenden mußte, im schönsten Schwünge aufgehalten, ob er wollte oder nicht. Er mußte sich versagen, um dafür nach verzweiflungsvollem Hin und Her um so schöner sich dem Ganzen einzufügen. Nichts konnte wachsen, wie es wollte. Eins mußte sich zum anderen fügen. Da ging es oft hart her. Gar manchem Zweiglein hätte es besser behagt, sich in anderer Richtung zu bewegen. Nein, dem Ganzen dienen, forderte das Gesetz des Baumes.

Auch das vergaß der Zeichner nicht, was scheinbar gegen das Gesetz verstieß, die dürren Äste und das von Mißwuchs und Fraß befallene Gezweig, das zugrunde gehen mußte, weil es nicht genügend Lebenskraft besaß oder einer fremden Kraft erlag. Immer tiefer drang der Soldat in das Wesen seines Schaffens ein. Er hätte jetzt genau so gut auf einem kahlen Felsen im Meer sitzen können oder in einer stillen Stube. Den Baum da vor sich hatte er schon lange nicht mehr angesehen. Aus sich heraus erschuf er ihn. War er noch selbst der Schaffende? Oder schuf in ihm und aus ihm der im ewigen Gesetz der Schöpfungen Gemeinsame? Ja, von dem Wollen des Soldaten überwältigt, war er in die Brust des Menschen eingekehrt. Mensch und Gott waren eins geworden, eins im Werk, das nun vollendet war.

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