Ein Tag bei Msinga, dem Sultan von Ruanda

Ruanda wird sicher einmal für die Kolonie Deutsch-Ostafrika von grosser Bedeutung werden, eignet es sich doch wegen seiner Höhenlage von durchschnittlich 1800 Metern wie kein anderes Gebiet zur Niederlassung von Europäern, und man muss es bei seiner Fruchtbarkeit, seinen dauernden Niederschlägen als die Perle des so wertvollen Zwischenseengebietes und der Kolonie überhaupt bezeichnen. Vorläufig läuft ihm ja das Land Bukoba, wegen seiner günstigeren Verbindungsverhältnisse, noch den Rang ab. aber wenn erst einmal eine Bahnverbindung nach Ruanda i’om Victoria aus entsteht — käme sie doch recht baldl — so dürfte sich ein Strom von Einwanderern ins Land ergiessen.

Gewährt es doch bei seinen Bergen, den klaren Gebirgsbächen, die alle den beiden grossen Strömen, dem Nyavarongo und dem Akanyaro und damit dem Kagera und weiter dem Nil Zuströmen, die denkbar günstigsten Bedingungen zu einer Niederlassung, und bei der Dichtigkeit der Bevölkerung ist ein Mangel an Arbeitskräften auch nicht zu befürchten.

Es war am 1. Dezember 1908, als ich, mit einer Viehherde vom Kiwu-See herkommend, Nyanza, die Residenz Msingas, des Sultans von Ruanda, erreichte, und wenn meine Erwartungen während des ganzen Marsches durch Ruanda täglich durch neue Eindrücke in Spannung gehalten wurden, so wurden alle meine Erwartungen übertroffen durch den Anblick von Nyanza. Man kann eigentlich Nyanza nicht eine „Residenz“ in unserm Sinne nennen, was immer der Nebensinn einer grösseren, dauernden Niederlassung in sich schliesst, sondern cs ist wohl ursprünglich gedacht und auch heute noch, wie es Msinga selbst nannte, ein „Kambi“, ein „Lager“, und erst mit der Zeit mag es ein fester Wohnsitz, eine Residenz werden. Es hängt dies mit der ganzen Geschichte der Watussi,der herrschenden Klasse in Ruanda, zusammen.

Vor noch nicht allzulanger Zeit von Norden herkommend, drangen sie, denen man ihre süd-abessinische Abstammung ansieht, erobernd in Ruanda ein und mussten durch dauernde Streifzüge die ursprünglichen Bewohner, die Wahutu, niederhalten. So zog noch Msingas Vater das ganze Jahr im Lande kriegführend umher, und noch heute werden alle seine alten Lagerplätze auf den Spitzen der Berge kenntlich an hohen Bäumen — man Hess die Stämme seines kreisförmigen Lagers stehen und sie wuchsen dann an — als heilige Plätze verehrt. Msingas Vater, der eigentliche Begründer der Macht des „Königs von Ruanda“, muss ein äusserst energischer und unternehmender Mann gewesen sein, der nur auf Vergrösserung seiner Machtsphäre bedacht war und auch auf einem Streifzuge starb. Von Msinga, seinem Nachfolger, kann man dies weniger sagen, er geniesst den überkommenen Besitz, der ihm anfangs von einem Bruder streitig gemacht wurde. Erst als sein Bruder nach zweijähriger Kriegführung gefallen war, trat Ruhe ein. Nun muss man andrerseits bedenken, dass seit seiner Regierung — er kam jung zur Regierung und ist heute ein Mann in mittleren Jahren — sich die Verhältnisse von Grund auf geändert haben. Nicht etwa, als ob die Unterhäuptlinge weniger gewillt wären, sich selbständig -zu machen, nein, im Gegenteil, Msinga fürchtet auch heute noch, und vielleicht manchmal mit Recht, sie trachteten ihm nach dem Leben, aber — die Deutschen nahmen von Ruanda Besitz. Damit hörte das Kriegführen auf, zumal die Häuptlinge genau wissen, dass die deutsche Regierung eine gewaltsame Umwälzung nicht ruhig mitansehen würde und Msinga hat es nicht mehr nötig, wie sein Vater, das ganze Jahr kriegführend im Lande umherzuziehen. Wenn er gleichwohl selbst Nyanza als „Lager“ bezeichnet, so liegt dies wohl mehr in alter Tradition begründet.

Tatsächlich macht es schon heute mit dem ausgedehnten, kunstvoll angelegten und für dauernden Aufenthalt eingerichteten Gehöfte Msingas, mit all den an den Hängen aufgeschlagenen Hütten der Grossen der Watussi, mit der Schule, welche die weissen Väter dort unter einen schwarzen Lehrer unterhalten — ich sah die Schreibhefte der kleinen Watussi mit sauberen, schön geschriebenen Kisuaheli-Sätzen —, den Eindruck einer Residenz, einer dauernden Niederlassung. Ich traf um 11 Uhr morgens dort ein und erfuhr auf meine Frage nach Msinga von den Watussi, die hoch-gewachsen mit interessanten Zügen überall in Menge umherstanden, Msinga schlafe noch. Ich sandte einen Boten zu ihm und es dauerte dann auch nicht lauge, so kam er atemlos, schweisstriefend angelaufcn, uni mich zu begrüssen. Man kann nicht sagen, dass sein Aeusseies sehr ansprechend ist. Er ist von hoher Gestalt und schlank gewachsen, aber sein Oberkiefer steht weit vor und zeigt dauernd die riesigen Zähne. In der Unterhaltung gewinnt Msinga dagegen bedeutend. Er begrüsstc mich in deutscher Sprache mit den Worten: „Guten Tag“, die er sehr langsam sprach. Auch sonst bemühte er sich, soweit es ihm möglich war, die Begrüssungsworte. in deutscher Sprache zu sagen. Unwillkürlich kam mir, wenn ich ihn sprechen horte, der Gedanke, wie schwer es ihm wohl geworden sein mag, diese wenigen deutschen Worte zu lernen und wie oft er sie sich wohl vorgesagt hat, bis er sic rem und ricntig aussprechen konnte. Unsere deutscne Sprache ist aber mit ihren vielen langen Worten sehr schwer für Eingeborene zu lernen und abgesehen von andern grammatikalischen Schwierigkeiten sind es vor allem die langen Worte, deren Betonung so verschieden ist, welche dem Neger die Erlernung erschweren. Charakteristisch ist denn auch, dass die Neger „Englisch“ viel leichter erlernen. Ich halte es im übrigen nicht für einen Fehler, wenn möglichst wenige Neger deutsch können, und das Prinzip,  welches die Engländer in Indien anwenden, wo man von dem Grundsätze ausgeht, dass man sich, wenn es die Dienerschaft und die Eingeborenen nicht verstehen sollen, der englischen Sprache bedient, scheint mir auch für afrikanische Verhältnisse sehr angebracht.

Nach drei Stunden machte mir dann Msinga seinen Gegenbesuch und sandte mir als Gastgeschenk für mich und meine Leute Bananen, Brennholz, einen grossen Ochsen und fünf Ziegen. Meine Gegengeschenke,die dem Werte etwa entsprachen, bestanden wie üblich in Stoffen und ich bedauerte, nicht alle Wünsche Msingas, die er bei seinem Besuche äusserte, erfüllen zu können, aus dem einfachen Grunde, weil ich die betreffenden Sachen nichtmit hatte.

Zum Teile hätte ich sie ja nicht erfüllt, weil der Wert mir denn doch zu hoch war, zum Teile waien sie aber auch recht wertloser Natur, aber für Msinga doch sehr wertvoll, eben weil er sie nicht bekommen konnte. In erstere Kategorie rechne ich ein Fernglas, in letztere ein Stück Segeltuch, um einen Sitz für einen zusammenklappbaren Safari-Stuhl herzustellen; einige kleine Bohrer und auch einige Kerzen hätte er gerne gehabt, und ich bin überzeugt, er hätte gern, wenn ihm sein Wunsch erfüllt worden wäre, für die letzteren Kleinigkeiten einen Ochsen bezahlt. Er verabschiedete sich mit den Worten: „Auf Wiedersehen“ und ich benutzte den Nachmittag, um mir die Uebungen der jungen Watussi im Speerwerfen und Bogenschiessen anzusehen. Sehnige, schöne Gestalten, lagen sie ihren Uebungen mit grossem Fleisse ob, und in jedem Alter übten sie, wobei die Lange der Speere und deren Schwere der Kraft und Grösse der Einzelnen angepasst war.

Am folgenden Morgen erlebte ich dann noch „das Wecken“ des Lagers.

Noch bei Dunkelheit, um vier Uhr, fing es mit dem Lärmen verschiedener Trommeln (Goma) an, in das dann nach etwa einer Viertelstunde verschiedene Flöten einfielen, deren schwermütige Weisen sich zu immer grösserer Schnelligkeit erhoben, um im Augenblicke grössten Lärms plötzlich ab-zubrcchen. Um sechs Uhr zog ich weiter nach Osten mit dem Gedanken, einen Menscher gesehen zu haben, dessen Macht heute noch scheinbar unabhängig erhalten ist, der aber schon heute nur noch lebt und herrscht, weil die Kaiserliche Residentur indem mehrere Tage entfernten, neu von Dr. Kandt gegründeten Nyarugenge hinter ihm sieht. Bei den sich gegenwärtig an der Grenze eines Reiches abspielendcn Auseinandersetzungen zwischen Deutschen, Belgiern und Engländern sind nach afrikanischen Begriffen erhebliche Truppenmassen durch sein Land marschiert, und diese mögen in ihm eine gewisse Ahnung erweckt haben, dass seine Herrschaft eben doch nur eine Scheinherrschaft ist. Aber er wird sich darein finden, denn übrigens werden seine und seiner Untertanen Interessen von uns geschont werden.

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    4. November 2016

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