Eindrücke von der Brüsseler Welt-Ausstellung

Eine der dringendsten Aufgaben der Zeit , wäre es, Welt-Ausstellungen durch internationales Abkommen zu verbieten. Das schöne Programm, das der Prinzgemahl Albert für die erste Welt-Ausstellung in London 1851 aufgestellt hatte: friedlicher Austausch ernster Arbeit an Stelle der feindseligen Bekämpfung der Völker, der Regungen edler Menschlichkeit durch die Hebung von Technik, Wissenschaft und Kunst — wer von den Arrangeuren von Welt-Ausstellungen denkt heute noch an so etwas!

Das ganze Ziel ist die Heranziehung der Fremden. Grundstücks-Spekulanten, die eine Stadtgegend aufschließen wollen, Bierbrauer und Hotelwirte sind die eigentlichen Gewinner. Die Technik, die Kunst, die Wissenschaft leisten hierzu Frohndienste. Die Frage ist für niemand mehr, ob er sich beteiligen wolle oder nicht, sondern die, ob er sich leisten kann, wegzubleiben. Und die meisten Industrien glauben, sich das nicht leisten zu können. So entstehen die heutigen Welt-Ausstellungen, und so ist wohl auch die von Brüssel entstanden. Sie ist erfolgreich, denn es wimmelt von Fremden. Alle Hotels sind überfüllt.

Täglich finden Feste statt, die große Hauptstraße Brüssels, die vom Nord- zum Südbahnhofe führt, ist permanent illuminiert. Allabendlich Umzüge mit Musik. Kongresse ohne Zahl. In der Ausstellung selbst sind diesmal, und das ist ein Rekord, zwei getrennte, große Vergnügungsparks vorhanden, die „Bruxelles Kermesse“ (die nie fehlende Stadt in Pappe) und die „Pleine des Attractions“, die letztere eine amerikanische Veranstaltung á la Lunapark. An beiden Stellen Kneipen, Theater, Bänkelsänger, Rutschbahnen, Bauchtanz, Menagerien, Cowboytruppen, Negerdorf. — In diesemTrubel werden nun, gleichsam als Abwechselung, auch ernste Sachen gezeigt. Alle Hauptländer führen ihre Industrie-Erzeugnisse, ihre Maschinen, ihre Kunst vor, einige gewähren auch Einblicke in ihr Schulwesen, ihre Staatseinrichtungen, in die Art und Weise, wie sie ihre Städte verwalten, ihre Eisenbahnen befahren, ihre Post befördern, ihre Straßen pflastern. Natürlich ist Studienstoff in Fülle aufgehäuft.

Nur fragt sich jeder, der ihm näher treten will, warum denn dies in solchem Trubel geschehen müsse, der alles andere eher als die Sammlung zum Studium fördert. Man nimmt wohl mit Recht an, daß der Studienstoff auf Welt-Ausstellungen nicht gehörig zur Geltung gelangt, und es steht fest, daß Sonder-Ausstellungen hier das einzig Richtige wären, Ausstellungen, die so eingerichtet sein müßten, daß sie dem Fachmann alle Mittel zur Orientierung und alle Möglichkeiten zum ruhigen Studium gewährten. Aber würden sich solche Ausstellungen rentieren? Sicherlich nicht im Sinne der Bierwirte, Schaubudenbesitzer und Grundstücksspekulanten.

Solange es nun aber noch Welt-Ausstellungen gibt, muß mit ihnen gerechnet werden. Wenn wir das Gefühl haben, nicht wegbleiben zu dürfen, müssen wür uns auf das denkbar Vorteilhafteste präsentieren. Wir müssen die Aufmerksamkeit auf uns ziehen, dem Besucher imponieren, ihm das Beste, was wir haben, zeigen. Wer ist der Besucher? Die große Menge auf der einen, ein internationales Sachverständigen-Publikum auf der andern Seite. Beide haben getrennte Interessen, und den Interessen beider muß, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, Rechnung getragen wrerden.

Die Neigung und die Veranlagung für Ausstellungen sind bei den verschiedenen Nationen ganz verschieden. England hat auf den letzten Welt-Ausstellungen meist eine gleichgültige Zurückhaltung gezeigt; für die Brüsseler Ausstellung hat es sich, auf Betreiben des englischen Board of Trade, aufgerappelt und tritt diesmal imponierend auf.

Frankreich war, namentlich auf seinen Hauptinteresse-Gebieten, Mode und Kunstindustrie, von jeher sehr rührig. Deutschland ist das Land, das das Ausstellungswesen in den letzten 20 Jahren am ernstesten aufgefaßt hat, es ist das eigentliche ausstellungstüchtige Land. Es war stets zur Eröffnung fertig (ein heutzutage geradezu unerhörter Zustand), die Verwaltung war stets tadellos organisiert, die deutschen Abteilungen musterhaft aufgestellt und in sehr wirksame künstlerische Rahmen gefaßt (und noch eins; das deutsche Weinrestaurant war stets das beste auf der Ausstellung, ein nicht zu unterschätzender Umstand, der uns bei den Besuchern anderer Nationalität manches Stück Achtung eingebracht hat). Namentlich aber, und dafür gebührt den Reichskommissaren unser besonderer Dank, wurde kunstgewerblich immer das Beste geboten, alle führenden Künstler waren zur Mitarbeit herangezogen, die Ausstellungen zeigten stets das deutsche Kunstgewerbe auf der Höhe seiner Leistung. Wer die geradezu musterhafte kunstgewerbliche Ausstellung in St. Louis miterlebt hat, wird sich dessen mit Freuden erinnern.

Einen ganz neuen Schritt hat nun das ausstellungstüchtige Deutschland in Brüssel getan, gewissermaßen die letzte Konsequenz seiner bisherigen Ausstellungspolitik gezogen; es hat eine ganze Veranstaltung für sich allein gemacht, indem es alle deutschen Ausstellungsgebiete in einem einzigen geschlossenen Rahmen vereinigte. Nachdem man die üblichen großen, unendlichen Hallen der Allgemein-Ausstellung durchschritten hat, in denen sich die Nationen mit ihren verschiedenen Sektionen ablösen, gelangt man, über das Freie hinweg, an die geschlossene Gebäudegruppe Deutschlands, die etwas selbstbewußt und apart sich als letztes Besuchsobjekt dem Beschauer darbietet. Aneinander reihen sich liier die Eisenbahnhalle, die Kraftmaschinenhalle, die Hauptmaschinenhalle, die allgemeine Industriehalle, die Halle für Unterricht und, als Kopfstation, am Eingang der ganzen Baupruppe, die Halle für Raumkunst und Kunstgewerbe.

Aus der Gruppe sich herausstreckend schließt sich das deutsche Haus an, das nur Verwaltungs- und Repräsentationsräume enthält, weiterhin das deutsche Weinrestaurant und etwas getrennt davon eine Bierwirtschaft nach Münchner Art. Alle Gebäude tragen einheitlichen Charakter. Das getrennte Auftreten gab Deutschland Veranlassung, die Aufmerksamkeit stärker auf sich zu lenken und gewissermaßen alle seine heutigen Leistungen als aus einem Geiste geboren hinzustellen. Natürlich sind nationale Ausstellungen in Sonderhäusern nichts Neues, ist es doch das Übliche, daß Kolonien und kleinere Länder diesen Weg wählen. Bei Deutschland handelt es sich aber nicht um ein Haus, sondern um eine ganze Ausstellungsanlage.

Künstlerisch ist, unsrer guten Tradition entsprechend, wieder das Beste wenigstens angestrebt. Die innere Gestaltung der einzelnen Hallen ist in die Hände hervorragender Architekten gelegt, und in der Abteilung für Raumkunst und Kunstgewerbe findet sich, wie es zuletzt in Dresden 1906 der Fall war, wieder beinahe alles zusammen, was an der Weiterentwicklung des deutschen Kunstgew’erbes mitarbeitet. Die Form der kunstgewerblichen Ausstellungen, die uns in Deutschland geläufig geworden ist, ist beibehalten: Die Ausstellung besteht hauptsächlich aus Raumfolgen, in denen die verschiedenartigsten fertig ausgestatteten Innenräume vorgeführt werden, daneben sind einige Sammlungsräume vorhanden, in denen die Kleinkunst, wie Edelmetallarbeiten, keramische Erzeugnisse, Stoffe, Stickereien ausgestellt werden. Die Vorführung von geschlossenen Räumen war bisher ein deutsches Privileg, und Deutschland stand auf Welt-Ausstellungen damit, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, allein da. Jetzt hat sich auch England völlig zu diesem System bekannt; und nur Frankreich stellt noch in Kojen seine Möbelgarnituren aus. Freilich treten beide Länder nur mit Reproduktionen alter Stilmöbel auf.

Deutschland hat an vierzig solcher Innenräume ausgestellt; Räume einer vornehmen Wohnung, Räume einer einfachen Wohnung, Klubräume, Leseräume, Amtszimmer, die Wohnung eines Kunstfreundes und anderes. Beteiligt sind Bruno Paul, Riemerschmid, Behrens, Kreis, Billing, Niemeyer, Bertsch, Albin Müller, Läuger, Högg, Schultze-Naumburg, R. A. Schröder, Troost, Hoffacker, Birkenholz, Thiele, Veil, Dobert, Heidrich, Paul Thiersch, Orlik, Otto Walther, Frl. v. Baczko, also eine große Anzahl der heute in Deutschland tätigen Kräfte. Offenbar war es nicht leicht, allen sich andrängenden Wünschen gerecht zu werden, denn es waren räumliche Grenzen gesteckt. So ist eine Vielheit kleiner Räume als Resultat zu verzeichnen.

Es würde zu weit führen, das Vorgeführte klassifizieren oder gar beschreiben zu wollen. Richtiger erscheint es, einige allgemeine Beobachtungen wiederzugeben, die sich auch darauf beziehen, wie solche Dinge im Ausland wirken, und wie wir überhaupt mit dem Vorgeführten der Kritik anderer Nationen standhalten. Denn wie schon eingangs erwähnt, kommt es, wenn wir einmal auf eine Welt-Ausstellung gehen, darauf an, uns in möglichst gutem Lichte zu zeigen, die gegenteilige Absicht würde absurd sein.

Hier muß nun gleich eines Umstandes Erwähnung geschehen, der es verhindert, die deutsche Kunstgewerbe-Ausstellung in so vorteilhaftem Lichte erscheinen zu lassen, wie es erwünscht wäre: es ist die zu starke Zusammen drängung und Ineinanderschachtelung der Räume. Zwanzig Räume von doppelter Größe wären weit besser ge wesen, als die jetzigen vierzig. Fast keiner der Räume vermittelt einen „Raumeindruck“, es fehlt dazu das Notwendigste: der Raum. Die Räume sind, bis auf wenige Ausnahmen, klein und eng und vollgedrängt mit Möbeln, sie machen den Eindruck, als wenn das Mittelstück herausgeschnitten und Kopf und Ende zusammengeleimt wären. Das Publikum schiebt sich auf den frei gelassenen engen Passagen qualvoll hindurch und ist froh, wenn es aus dem Labyrinth wieder heraus ist. Man hat ein beengendes, drückendes Gefühl, das den guten Willen der Würdigung des Gebotenen, selbst wo er vorhanden ist, beeinträchtigt. Vielen der Räume fehlt es außerdem an Licht. Kriechig, dunkel und eng, das ist der erste Eindruck des Besuchers.

Dadurch ist uns mancher Vorteil verloren gegangen. Was ist es, was dem Beschauer bei Betrachtung eines Wohnraumes gefällt? Es ist das Wohnhafte, d. h. die Behäbigkeit, der Komfort. Dieser besteht aber zum nicht geringen Teile in einer gewissen behaglichen Geräumigkeit, natürlich vor allem auch in Luft und Licht. Der Beschauer in Brüssel hat nichts davon, daß man es hier fertig gebracht hat, die Innenkünstler ganz Deutschlands zu Worte kommen zu lassen. Das ist ein ausschließlich interner Gesichtspunkt. Weniger wäre gerade hier mehr gewesen. Eine vorzügliche Lehre gibt uns hier England. Allgemein wird anerkannt, daß ein Eßzimmer der Firma White, Allom & Co. das beste Zimmer der Ausstellung sei. Wer das Zimmer vom rein formal-künstlerischen Standpunkte aus betrachtet, kann kaum begreifen, wo sich dieses Urteil herschreibt. Die weiß gehaltenen Wände haben eine Säulenarchitektur, wie sie in England in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts üblich war (sie ist formal nicht einmal einwandfrei). Die ebenfalls nach alten Mustern imitierten Möbel haben keine Beziehung zu den Wänden, das Mobiliar ist nicht einmal einheitlich, das ganze Zimmer widerspricht den Prinzipien der künstlerischen Gestaltung. Aber es vermittelt einen behäbigen, komfortablen Eindruck. Man hat das Gefühl, daß sich gebildete Menschen darin in Behaglichkeit bewegen können, man möchte selbst darin wohnen. Breite, Länge und Höhe stehen im richtigen Verhältnis zu einander, und die absoluten Maße sind eher zu groß als zu klein gewählt. Der räumliche Eindruck ist so stark, daß alles Formale in den Hintergrund tritt.

Die formale Gestaltung ist der zweite Umstand, der dem günstigen Urteile über die deutschen Zimmer bei den meisten ausländischen Betrachtern im Wege steht. Natürlich haben wir durch die intensive Arbeit der letzten fünfzehn Jahre in Deutschland einen heute schon als national zu bezeichnenden neuartigen Ausdruck in der Innenarchitektur erreicht; das soll auch vor dem Auslande weder verheimlicht noch verschleiert werden. Wir sollten aber so vorsichtig sein, dort nur das Ausgereifteste und Beste zu zeigen. Experimente ins Unbekannte hinaus sollten vermieden werden ; sie sind im Inlande vielleicht interessant und für die Weiterentwicklung fördernd, vor den Augen des Auslandes sollten wir uns mit dem begnügen, was wir als unseren sicheren Besitz bezeichnen können, gilt es doch, selbst diesen nach außen hin noch tapfer zu verteidigen. Das Launische, Kapriziöse, Anekdotische, das hier zum ersten Male vor dem Auslande gezeigt wird, schadet uns.

Namentlich sind dem Ausländer die rückläufigen Bestrebungen unerklärlich, die neuerdings einen Teil unserer Innenkünstler in ihren Bannkreis gezogen haben. Die Wiederanknüpfungen an Gewesenes würden diejenigen Nationen, die noch Stile reproduzieren, vor allein die Franzosen, ja keineswegs schockieren. Wenn man aber gerade das Schrullenhafte, Barocke, Verdorbene hervorsucht und nachmacht, hört auch für sie die Gemütlichkeit auf. Und davon ist gerade auf dieser Ausstellung viel zu sehen. Was soll man dazu sagen, wenn Künstler die schlechten Teppiche der fünfziger Jahre (himmelblauen Fond, Kanten und Mittelstück aus plastisch dargestellten, mit Gelb und Braun abschattierten Akanthusblättern) zum Vorbild nehmen und sie ziemlich wörtlich wiederholen? Und wenn man Schnitzerei anbringt, muß sie dann gerade an jene Zeiten erinnern, in denen das künstlerische Niveau am tiefsten stand?

Das was man an solchen Dingen auf der Ausstellung bemerkt (es stammt meistens aus München), ist für unsere Bewegung direkt besorgniserregend. Gewiß mag es langweiligerscheinen, immer streng, korrekt und sachlich zu sein. Das Einerlei, auch das des Guten, wirkt für manchen aufreizend. Für unsre junge Bewegung ist aber vorläufig die nüchterne Konsequenz noch ganz unentbehrlich, wir können uns in unserm gegenwärtigen, doch immerhin noch recht wenig gefestigten Zustande Debauchen noch nicht leisten. Vor allem aber — und darauf allein kommt es hier an — sollen wir uns vor dem Auslande nicht anders als in guter Haltung zeigen. Die Ausschreitungen sind umsomehr zu beklagen, als unsre Nachbarländer, namentlich die des romanischen Sprachgebietes gerade angefangen haben, unsre Bewegung in der architektonisch strengeren Form, wie sie sich seit etwa 1902 entwickelt hat, zu verstehen und zu schätzen. Sowohl in der französischen als der italienischen Abteilung finden sich diesmal Möbel und Zimmer, die die deutschen Anregungen dieser Art aufgenommen und sehr nett verwertet haben.

Die Zimmer sind für diese Länder ganz neuartig, sie haben nichts mehr zu tun mit dem peinlichen nouveau-art-Charakter, den man bisher zu sehen gewohnt war. Viele Franzosen ahnen jetzt, was wir wollen, und selbst die eingefleischtesten Stilmöbelverehrer sprechen es jetzt aus, daß FYankreich hundert Jahre lang geschlafen habe und jetzt notwendigerweise aufgeweckt werden müsse. Sie verstehen die Rückfälle in die schlechtesten Stilepochen, die wir uns übermütig leisten, dann natürlich umsoweniger.

Muß man so bei unsrer Ausstellung von Innenräumen feststellen, daß sie, so gut sie ist, doch hätte eindrucksvoller sein können, und daß sie uns leider nicht die Anerkennung einbringt, die wir uns sonst füglich hätten erringen können, so kann von den Sammel-Ausstellungen kunstgewerblichen Kleingeräts behauptet werden, daß das Gezeigte Deutschland zur größten Ehre gereicht. Alles was hier an Metall-Arbeiten, Schmuck, Keramik, Glas, an Stoffen, Stickereien, Leder-Arbeiten, Buch-Einbänden ausgebreitet ist, atmet höchsten Geschmack und ist eine wahre Augenweide. Hier können wir erfreulicherweise unsere Superiorität über alle andere Völker feststellen. Hier ist es, wo wir die wahren Früchte unsrer Bewegung erkennen, wo wir sagen können, daß sich ein auch vor einem ganz internationalen Publikum gültiges, hohes deutsches Geschmacksniveau dokumentiert. Leider beeinträchtigt auch hier der Mangel an Licht und die F’ngigkeit der Aufstellung die Wirkung der ausgestellten Gegenstände. Sie müßten dem Auge bequem dargeboten, raffiniert, ohne Zusammendrängung aufgestellt sein, im hellen Tageslicht betrachtet werden können. In dieser Beziehung haben doch die sonst gewiß langweiligen hohen Ausstellungshallen, in denen sich die Ausstellungen der andern Völker abspielen, ihr Gutes. Man atmet in ihnen, wenn man aus der deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung kommt, förmlich auf.

In solchen Hallen haben England, Frankreich, Italien ihre kunstgewerblichen FTzeugnisse ausgestellt. Bei England fällt auf, daß es sich fast lediglich auf die Vorführung von Kopien alter Möbel beschränkt hat. Mittendurch sind auch wirkliche alte Möbel ausgestellt. Den Kopien ist durch „Altmachen“ der Charakter alter Originale verliehen. Die Chinoiserien und andere Schrullen des 18. Jahrhunderts spielen dabei eine große Rolle. Und wäre nicht die nette Zimmerfolge des unternehmenden Hauses Waring & Gillow vorhanden, das wenigstens bei seinen Stilmöbeln nicht so tut, als wären sie alt, so müßte man glauben, daß in Fmgland alles Lebensgefühl erstorben wäre. Vorzüglich ist diesmal jedoch die englische Keramik vertreten. Was hier, und zwar auch im neuzeitlichen Sinne geleistet ist, verdient volle, aufrichtige Bewunderung.

Frankreich hat seine besten Pariser Tischler ins Feld geschickt, die eine kleine, aber außerordentlich gute Ausstellung zusammengebracht haben. Es ist eigentlich alles, was da ist, allerersten Ranges. Und man hat hier wieder Gelegenheit, jene eminent feine Technik und jenen Gipfel werklicher Vollkommenheit zu bewundern, der Paris noch immer eigentümlich ist und ihm geradezu ein Monopol verleiht. Wie aussichtslos es ist, dies Monopol zu bestreiten, das zeigt das gänzlich von Frankreich abhängige Belgien. Eins sollte von diesen Möbeln gelernt werden, sie sollten einen Ansporn für die Erhöhung der Qualität der Tischlerarbeit abgeben. Wenn sich auch behaupten läßt, daß unsre deutschen Ausstellungsgegenstände im allgemeinen recht gut, zum Teil sogar vorzüglich gearbeitet sind, so fielen doch gelegentlich einige sehr bedenkliche Nachlässigkeiten auf, die vor einem internationalen Forum unbedingt hätten vermieden werden müssen (auf das Glas aufgeleimte dünne Ziersprossen, die natürlich zum Teil abgesprungen waren).

In der französischen Abteilung ist noch der Clou der ganzen Welt-Ausstellung zu erwähnen: die Ausstellung von Damenkleidern. Auch hier wie bei den Möbeln höchste Technik, wenn auch in Bezug auf die Materialien, besonders des Besatzes, Unsoliditäten üblich sind, die beim Möbel nie Vorkommen würden. Was hier die Pariser Schneider aus der Frau gemacht haben, spottet jeder Beschreibung. Glich sie, angezogen, bisher einer auf der Basis stehenden Pyramide, so gleicht sie jetzt einer auf der Spitze stehenden: oben breit und unten schmal ist die Devise, dabei verstärkt ein herausfordernder, fast drohender Riesenhut die seltsame Wirkung. Das sind keine Menschen mehr, es scheinen große bunte Riesenraupen zu sein, aus denen oben ein kleines menschliches Gesicht heraussieht. Übrigens haben eingestandenermaßen unsre Künstlerkleider Anregung zu diesen jedenfalls ganz freien, nicht auf historischen Reminiszenzen beruhenden Entfaltungen gegeben.

Von belgischem modernen Kunstgewerbe ist wenig zu sehen, was gezeigt wird, ist meist französischen Charakters. Serrurier-Bovy, der für moderne Ideen kämpfte und England kannte, als auf dem Kontinent noch niemand an Ähnliches dachte, stellt in einem kleinen Sonderpavillon sechs Zimmer aus. Es ist noch genau dasselbe, was wir 1895 aus Belgien empfingen. Horta fehlt auf der Ausstellung, obgleich er in Brüssel selbst eine lebhafte Bautätigkeit entfaltet. Holland ist außer Deutschland das einzige Land, das alle seine Ausstellungsgegenstände in einem für Ausstellungszwecke errichteten Sondergebäude zeigt. Das Gebäude ist eine sehr ansprechende Komposition aus Motiven des altholländischen Ziegelbaues, trotz der Stilnachahmung eines der wirkungsvollsten Architekturwerke der Ausstellung. Innen erfreuen uns eine Anzahl recht guter Wohnräume. Sie schließen sich in ihrer Formensprache ganz den deutschen Räumen an. Auch sonst bietet Holland viel des Interessanten. Besonders erfreulich ist die vor dem Hause sich ausbreitende regelmäßige Gartenanlage, die ganz in die Behäbigkeit der altholländischen Kultur versetzt.

Überhaupt schließt die Ausstellung außerordentlich viel gärtnerische Anlagen in sich. Neben den Gärten Belgiens, die sich vor der Front des Haupt-Ausstellungsgebäudes ausdehnen, erregen sehr ausgedehnte französische Anlagen, mit reicher Verwendung von Wasser, die Hauptaufmerksamkeit. Auch vor dem deutschen Hause sind kleinere Gärten angelegt. In diesem reichen Blumen- und Pflanzenschmuck spiegelt sich die gute Tradition Brüssels wieder, das auf seine Parks, Schmuckplätze, Gärten und Avenüen außerordentlich viel Mühe verwendet. Freundlich und festlich wie das Stadtbild ist dadurch auch die Ausstellung geworden, auf der diesmal die Nationen zum Wettkampf erschienen sind.

Alles in allem können wir mit dem Erfolge, den sich Deutschland in diesem Wettkampfe errungen hat, wohl zufrieden sein. Der Eindruck, daß wir gerade im Kunstgewerbe, angesichts der Anzahl der jetzt in Deutschland tätigen Kräfte, und angesichts der immer weiter um sich greifenden Macht der neuen Ideen noch mehr Wirkung hätten erzielen können, soll uns die Freude an dem doch immerhin Erreichten nicht trüben. Allgemein wird der starke Wille zur Kultur und die wahrhaft imponierende Kraft Deutschlands anerkannt. Das tun auch die, die unsrer Auffassung in künstlerischen Dingen fern stehen, und das sind, im großen und ganzen noch immer alle romanischen Völker.

Lernt man aber kennen, wie gut deren Formgefühl innerhalb des ihnen geläufigen Vorstellungskreises entwickelt ist, wie sie sich in sicheren, durchaus verfeinerten Lebensformen mit Selbstverständlichkeit bewegen, wie ihnen eigentlich so gar nichts fehlt und sie auch bei ihrer leichteren, weniger nachdenklichen Auffassung des Lebens auch keinerlei Mangel empfinden, so versteht man ihr Kopfschütteln gegenüber unsern konvulsivischen Bewegungen, uns die unserm Wesen entsprechenden Lebensformen neu zu schaffen. Es wird noch lange dauern , ehe wir bei ihnen volles Verständnis für das, was wir wollen, finden. Aber unentwegt neben der romanischen entwickelt sich bereits die germanische Welt mit ihrer Expansionskraft und ihrem Bildungsdrange. Sie wird ein Bereich für sich werden, das notwendigerweise auch seine künstlerischen Ausdrucksformen nach seinem innern Bedürfnis gestalten wird. Daß dies bereits bis zu einem gewissen Grade geschehen ist, das drängt sich gerade in Brüssel jedem Besucher der deutschen Ausstellung als unwiderlegliches Resultat seiner Besichtigung auf.

Dr. Hermann Muthesius

Bildverzeichnis:
Franz Metzner-Brunnenfigur
Franz Metzner-Brunnenträger
Franz Metzner-Inneres-Raum-Erde
Franz Metzner-Weltpost-Denkmal
Franz Metzner-Niebelungen-Brunnen-Marmor-Bronze
Franz Metzner-Monumental-Plastik-Erde
Franz Metzner-Brunnen
Franz Metzner-Tempel-Erde
Franz-Metzner-Torso-Krieger

Siehe auch:
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Krieger-Denkmäler
Lebenswerte der Kunst
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem
Quellen des Behagens
Sascha Schneider-Bildhauer und Maler
Die Wiener Plastik und Malerei
Vom Vorstellen und Gestalten des Kunstwerks
Anton Hanak-Bildhauer
Hermann Geibel-Bildhauer
Ausstellung Richard Teschner-Wien 1920
Gaston Béguin
Max Klinger-Dem Grossen Toten
Etwas über Kunstbesitz
Das Kunsthaus in Zürich