Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)

„Das Reichste und Reinste liegt in der Musik, wie in der Kunst, überhaupt im Subjektiven.“

Richard Strauss.

Richard Strauss — man nannte den Namen fast ehrfürchtig. Richard Wagners grosser Nachfolger — Richard II., Richard Rex. Der unbestrittene und unbestreitbare Führer der modernen Musik, der die Technik der Orchestrierung auf den Kopf gestellt hatte, der für seine „Symphonia Domestica“ nicht weniger als hundertacht Instrumente in seinem Orchester brauchte. Der Missklänge — Kakophonien — zu musikalischer Würde erhob. Revolutionär und dabei Komponist von Liedern voll unerhörter Innigkeit und Schönheit. Und der grössten Dirigenten Deutschlands einer.

O ja, man konnte seinen Namen schon mit Uhrfurcht nennen und konnte seinem Kommen nach den Vereinigten Staaten, nach siebzehnjähriger Abwesenheit, wohl mit Spannung entgegensehen. Dass er als Deutscher, als Bannerträger edelster deutscher Kunst kam, das machte sein Gastspiel in den Ver. Staaten nur um so interessanter.

Als die ersten Nachrichten von seiner geplanten Tounée durch die Blätter gingen, da erhoben sich Stimmen für und wider. Und in gewissen Blättern wurde systematisch gegen ihn Stimmung gemacht. Von gefälschten Interviews angefangen bis zu glatten Verleumdungen scheute man vor nichts zurück — heute ist das vergessen, und auch während des eigentlichen Aufenthaltes Richard Strauss’ im Lande machten sich nur hier und dort, vereinzelt und ein bischen eingeschüchtert, Störenfriede bemerkbar: das aber wurde von dem Beifall übertönt, mit dem man Strauss, den Komponisten, den Dirigenten, den Klavierspieler überall aufnahm.

Als ich ihn das erste Mal sah, kam ich mir sehr klein vor: körperlich klein: denn als er aufstand um mir die Hand zu geben, seinen noch um einen halben Kopf grösseren Sohn neben sich, da überragte er die andern um Kopfeslänge. “Lean as a greynound, grey as a shipper,” so hat ihn einer hier gekennzeichnet: und fürwahr, der Vergleich ist nicht übel gewählt. Aber das graue Haar vergisst man über dem hellen Auge, wie man den Respekt vor dem grossen Künstler vor der Liebenswürdigkeit des Menschen vergisst.

Ein Gespräch war schnell genug im Gange. Ein wenig Zurückhaltung zuerst auf seiner Seite — im Bewusstsein, dass mehr als einmal seine Worte im Druck sehr anders aussahen, wie sie gesagt waren. Dann aber: ein Auftauen; da und dort schon ein Aussichherausgehn; und schliesslich: unbefangenes Erzählen.

„Mein Lieblingskomponist? Mozart. Sie wissen doch, was Rossini gesagt hat? Beethoven ist der Grösste, aber Mozart der Einzige! Was ich von meinen eigenen Kompositionen am liebsten habe? Das kleine Lied „Traum durch die Dämmerung“ — an das sich ein kleines Histörchen knüpft. Ich schrieb es in fünf Minuten, als ich am Klavier präludierend auf meine Frau wartete, die beim Ankleiden war. Plötzlich war es mir angeflogen, war da und ich brauchte nichts dabei zu tun, als es niederschreiben: in der letzten Fassung. Nichts ist später da ran geändert worden.

„Von meinen grösseren Kompositionen ziehe ich persönlich „Also sprach Zarathustra“ und „Don Juan“ den zweifellos populäreren „Till Eulenspiegel“ und „Tod und Verklärung“ vor.“

Sicher ist, dass „Zarathustra“ das bedeutendste seiner Ton-Poeme ist und in ergreifender Weise die Qualen eines menschlichen Herzens, die Sehnsucht der Seele malt. Man hat Strauss nicht mit Unrecht den „Meister-Koloristen der Musik“ genannt: denn gerade in den subtilen Feinheiten der koloristischen Behandlung liegt seine grösste Wirkung.

„Nein, ich habe nie etwas komponiert, was nicht durchaus subjektiv wäre,“ erklärte der Komponist auf eine diesbezügliche Frage. „Und ich glaube auch nicht, dass andere es getan haben. Das Reichste und Reinste liegt in der Musik, wie in der Kunst, überhaupt im Subjektiven.“

Einem vor Jahren einmal im Umlauf gewesenen Gerüchte nach hat Strauss die Menschen einmal in zwei Kategorien geteilt: in solche, die seine Musik mögen, und solche, die sich darüber aufregen. Heute, um viele Jahre älter, würde er wahrscheinlich eine dritte Kategorie nennen: solche, die seine Musik nichts angeht. Tatsache ist jedenfalls, dass um keinen anderen unserer Komponisten seit Wagner der Streit der Meinungen so heiss getobt hat, wie um Strauss. Und ebenso sicher ist, dass man eigentlich nur zweierlei Musikliebhaber findet: solche, die auf Strauss schwören und andere, die bei der Nennung seines Namens in Ohnmacht fällen.

Zu der dritten Kategorie aber gehören die, unter denen man Leute findet, die aus Europa Spezialkabel schicken, andere, die es im „Philadelphia Inquirer“ abdrucken und wieder andere, die es lesen und nicht besser wissen: ein Spezialkabel, das besagt:

„Vienna Valse King to Conduct in America ’. Wozu auch die gute Deutsch-New Yorkerin zu zählen ist, die an Strauss einen Brief richtete und ihn um Frei-Billets bat: „Ich bin zu arm, um Tickets zu kaufen,“ schrieb sie, „aber ich bin stets eine grosse Verehrerin Ihrer Kunst gewesen und liebe besonders den „Blauen Donau-Walzer“.

Strauss hat sich weidlich über diese Zwischenfälle amüsiert und hat der Frau die erbetenen Billetts mit ein paar liebenswürdigen Zeilen zuschicken lassen.

Das Gespräch glitt dann auf das Gebiet der modernen Musik hinüber.

„Die Musik“ — sagte der Meister — „sollte ihre Geschichte, das, was sie zu schildern beabsichtigt, so gut und klar erzählen, dass die allenthalben im Schwange befindlichen gedruckten Erklärungen überflüssig sein sollten.

„Ich versuche dies in meinem neuen Ballett „Schlagobers“ zu erreichen, in dem ich Kinder in einem Konditorladen musikalisch schildere. Ob es mir ganz geglückt ist, wird sich erweisen, wenn das Ballett nach meiner Rückkehr nach Europa erstmalig aufgeführt werden wird.

„Im übrigen arbeite ich augenblicklich an einer neuen Oper, „Intermezzo“, zu der ich auch den Text geschrieben habe. Ich hoffe, auch diese Oper noch in diesem Jahre aufführen zu können.“

In Worten ehrlicher Bewunderung sprach sich Strauss über die hiesigen Orchester, vor allem über das Philadelphia Symphonie Orchestra, über die Orchester in Cleveland, in Detroit und in Chicago aus. Die Philadelphiaer, die ihm treu und hingebend Heeresfolge geleistet haben, stellte der Meister mit den Wiener Symphonikern auf gleiche Stufe. Auf den Einwand, dass er vielleicht nicht genug Proben gehabt habe, um das Beste aus den Musikern herausholen zu können, meinte Strauss mit einer wegwerfenden Handbewegung, dass er das nicht brauche, und erinnerte daran, dass er ja auch mit den Berliner Philharmonikern, einem der grössten Orchester der Welt, des öfteren mit nur einer Probe vor dem Publikum erschienen sei und sehr häufig gerade dann seine grössten Erfolge gehabt habe.

Grieg hat einmal erklärt, Strauss sei der Mann, der „mit den Knien dirigiere“ — und fürwahr, wer ihn am Dirigentenpulte gesehen hat, der wird ohne weiteres die Richtigkeit dieses Ausspruches anerkennen: wie eine Riesenspinne „dräut“ Strauss über den Musikern; aus den Knien heraus kommt jede Bewegung; und wie eine Spinne scheint er seine Fäden um jeden einzelnen der Musiker zu spinnen, sie einzuspinnen in den Zauber seiner Persönlichkeit und so das Letzte, das Allerletzte aus ihnen herauszuholen von den Bassisten angefangen bis hinüber zu den Paukenisten und den Schlagzeug-Musikern.

„Meine Zukunftspläne?! Von New York aus gehe ich zunächst nach London, um ein paar Konzerte zu dirigieren, und dann zurück nach Wien. Für’s nächste Jahr haben wir Grosses vor. Eine Tournée um die Welt — mit besonderer Berücksichtigung der Ver. Staaten und Japan. Aber vorläufig sind das eben Pläne, und ob sie zur Durchführung kommen, ist noch dahingestellt.

„Auf alle Fälle aber sagen Sie den Amerikanern, dass ich in jeder Hinsicht meinen kurzen Aufenthalt in diesem Lande als Erfolg ansehe, dass ich ihnen für ihre Gastfreundschaft dankbar bin und ihre Kunstliebe zu schätzen weiss. Und sagen Sie Ihnen: Auf Wiedersehn!“

Elly Ney, die hervorragende Pianovirtuosin.
Marie Jeritza, die geniale Sängerin der Metropolitan Oper.

Siehe auch:
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
Die Lüge als Fundament
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
Deutschland und der Weltfriede
Vaterland vor der Wiedergeburt
Das Schicksal der deutschen Kolonien
Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
Krupp-Werk in Friedens-Arbeit
Die Wolkenburgen der neuen Welt
Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit
Jerusalem die Heilige Stadt
Die Schwarzen Truppen in Deutschland
Schiffsmodelle als Zimmerschmuck
„Bismarck“-„Majestic“- der Meeresriese
Quer durch das neue Deutschland
Quer durch das neue Deutschland II
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Von Versailles bis Haag
Klein-Amerika in Ostpreussen
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Nach Palästina
Eine Hamburger Überseewoche
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    4. März 2018
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