Eine Fahrt auf der sibirischen Eisenbahn


Zeit ist Geld! Verlorenes Geld kann man wieder erwerben, verlorene Zeit ist unwiderbringlich dahin. Aus diesem Grunde wird es neuerdings immer mehr Sitte, mit der Bahn nach China und Japan zu fahren, anstatt wie früher zur See. Der sibirische Zug fährt in 13 Tagen von Berlin nach Peking, der Seeweg dauert mindestens 6 Wochen.

Moskau ist der Ausgangspunkt. Das Hotel Metropole vereinigt unter seinem gastlichen Dache die Reisenden aller Nationen. Zum letztenmal vor der Reise umgibt sie europäische Bequemlichkeit, Glanz, Luxus, fröhliche Musik. Fürsorglich bis ins kleinste geleitet der Portier des Hotels die Gäste in den „Transsibirien“. Nachdem der erste Trubel der Niederlassung überstanden ist, fühlt man sich auch im Zug behaglich. Freilich einige barbarisch-absolutistische Untugenden müsste sich der Transsibirien noch abgewöhnen, ehe man ihn zu den bequemen Verkehrsmitteln rechnen kann. Warum z. B. muss er gerade um Mitternacht von Moskau abgehen? Warum klettert er bei Nacht über den Ural? Gerade die Gebirgslandschaft wäre eine wirkungsvolle Abwechselung. Es gibt im Ural einen Denkstein auf der Grenze der beiden Erdteile, wo man den nach Sibirien Verbannten gestattete, Abschied zu nehmen vom Vaterland. Selbst die gefühllosen Treiber der Gefangenen empfanden hier menschliche Teilnahme. Der Zug befördert keine Verbannten. Er bringt die Wissbegierigen, die Neugierigen, die — Geldgierigen in die Länder der alten Kultur.



Durchschnittlich alle zwei Stunden hält der Zug, um Brennmaterial und Wasser einzunehmen. Dann krabbeln alle die grossen und kleinen Leute hinaus auf den Bahnsteig, um sich Bewegung zu machen. Oft müssen sie nach einer Minute wieder einsteigen. Man sollte die Dauer des Aufenthalts bekannt machen und damit Rücksicht üben gegen die Alten, gegen die ganz Kleinen und gegen die „Grossen“. Denn es sind viele gewichtige Personen darunter, denen man die de von ferne ansieht. Die bedeutendsten Städte werden bei Nacht passiert. Das ist schade. Sie sollten es sich nicht gefallen lassen, so geschnitten zu werden. Alle diese Uebelstände wären doch zu umgehen mit etwas gutem Willen seitens der Verwaltung. Der französische Führer, der dem Reisenden von derSchlafwagengesellschaft in die Hand gedrückt wird, spricht von einem „Salon“ im Zuge. Ein Salon gibt Gelegenheit zu Bekanntschaft und fröhlicher Unterhaltung, die Korridore sind dazu zu eng.

Ausserdem braucht der Reisende notwendig einen Aufenthaltsort in der Zeit, wo morgens und abends die Wohn- in Schlafzimmer verwandelt werden und umgekehrt. Ein Salon wäre also nicht nur angenehm, sondern notwendig. Der Transsibirien hat aber keinen Salon. Es gibt zwei Speisezimmer, aber die sind stark besetzt, da der Zug nur einmal wöchentlich verkehrt. Der Führer verheisst ferner eine Bibliothek und ein Spielzimmer. Bei Bibliothek denkt man an tiefe, bequeme Ledersessel, an Zeitschriften, Zeitungen, Schreibgelegenheit. Nichts von alledem. Im Speisezimmer ist ein Glasschrank mit französischen, russischen, englischen und deutschen Büchern, die unentgeltlich verliehen werden; es gibt ein Schach- und Damenbrett, das die Reisenden sich mit ins Coupé nehmen dürfen, das ist alles. Wenn der Transsibirien alles erfüllt, was der Führer verspricht, dann kann man ihn als Verkehrsmittel empfehlen. Vorläufig ist es Vorspiegelung falscher Tatsachen. Unter einem Dach, oft an einem Tisch vereinigt der Transsibirien friedlich die strengsten politischen Gegner. Im allgemeinen halten die Nationen unter sich zusammen, aber nie derart, dass man ablehnend gegen andere wäre. Ott trifft der internationale Zug auf den Stationen mit russischen Zügen zusammen. Die Gegensätze sind hart. Not und Armut starren aus allen Oeffnungen. Gleichgültigkeit, Elend, stummes Bitten spricht aus den Augen der russischen Reisenden. Aus welchem Teil des grossen Reiches sie auch kommen mögen, das Glück und die Zufriedenheit standen nicht an ihrer Wiege. Im Transsibirien: Doppelfenster gegen den Staub, Zentralheizung gegen die Kälte, Pelze, Spitzen, ausgewählte Speisen, drüben — Staub, Schmutz, Löcher, Kälte, Hunger!

Der Zug fährt von Moskau bis nach Irkutsk meist durch weite Ebenen. Acker und Weideland wechseln, Gehöfte mit Strohdächern hinter hohen Pappelweiden versteckt und kleine Buschwälder unterbrechen die ebene Fläche. In den Wäldern leuchtet die helle Birke neben der Kiefer. Der Herbst hat leuchtende, warme Töne in die Landschaft gesetzt und viel anziehende Bilder gleiten am Auge vorüber. Auf den Weideflächen sind grosse Herden von Kühen, Pferden, Schafen und Schweinen. Oft in langen Ketten aufgestellt, scheinen sie eben aus Noahs Arche entlassen. Gewöhnlich sind sie ohne Hirten. Die Weideiläche ist gross genug, dass auch die übermütigsten Füllen und Rinder ihrer Bewegungslust freie Zügel schiessen lassen können. Wo Hügelketten die Ebene durchziehen, sieht man sie mit Windmühlen gekrönt. Vor Irkutsk fährt der Zug 24 Stunden ununterbrochen durch Wald. Wieder bildet die Birke den Hauptbestandteil. Aber auch starke Kiefern stehen hier und grosse Lärchen. Oft sind dicke Stämme in Mannshöhe abgehauen. Man braucht Brennmaterial für die Bahn. Auch die Lokomotive wird mit Holz geheizt. Das scheint eine Verschwendung des kostbaren Materials, umsomehr, da niemand daran denkt, zu säen und zu pflanzen, wo man gehauen hat. Selten kommt jetzt ein Ort. Lehmhütten liegen zu beiden Seiten der geraden, parallelen Strassen. Meistens steht eine stattliche Kirche dabei, der Stolz der Bewohner.

In Irkutsk ist Wagenwechsel. Es scheint eine grosse Stadt zu sein mit stattlichen Gebäuden und vielen Kuppeln in grün, blau und gold. AnfangOktober herrschtdortschon strenger Winter mit 10 Grad Kälte und Schnee. Im Mai aber ist der Baikalsee noch zugefroren. Man muss also die Zeit nach Minuten messen, wenn man den Sommer geniessen will. Aber trotzdem ist es wunderbar schön am Baikalsee. Die lange schmale Wasserfläche leuchtet grauviolett, denn der Himmel hängt voll schwerer Schneewolken. Rings herum bilden Berge steile Wälle, die schroff zum See abfallen. Der Transsibirien fährt am Süuufer entlang zum Teil durch Moränenhügel, zum Teil unmittelbar am Wasser, das so klar ist, dass man die Fische auf dem Grunde spielen sieht. Wenige Schifferboote sind aut dem See; bei Irkutsk liegt der grosse Trajektdampfer und schaut missmutig auf den Zug, der ihm die meiste Arbeit weggeschnappt hat. Vom jenseitigen Ufer grüssen die Schneespitzen des Hochgebirges. Gross und gewaltig wirkt seine Masse. Vorläufig verschwindet hier noch der Mensch und sein Werk vor der erhabenen Natur. Hier hat er noch nichts hinzugetan, was den Charakter der Landschaft ändert oder ihre Schönheit beeinträchtigt. Wenig später überschreitet der Zug die Grenze Chinas, also Zollrevision, natürlich wieder nachts zwischen 12—2 Uhr. Dann geht’s durch das Reich der Nomaden, die in Zelten wohnen. Wiederum grosse Viehherden auf den einsamen Feldern, bewacht von berittenen Hirten, kleine Lehmhütten und Zelte in den Schluchten. Man sieht zum erstenmal als Verkehrsmittel die Kamele und ihre bezopften Führer. Also wirklich im Reiche der Mongolen! Der Transsibirien überschreitet das Chingangebirge. Die interessant angelegte Bahnlinie benutzt meist Flusstäler und macht grosse Schleifen, um Tunnel zu vermeiden.

Im Westen sind die Gebirgsabhänge kahl, nur auf dem höchsten Grat und in tief versteckten Schluchten wächst die Birke. Im Osten ist das Gebirge bewaldet mit dichtem Eichengestrüpp, dessen rotbraunes Herbstlaub in der Sonne leuchtet. Ueberall an der Bahnlinie entlang sieht man russische Befestigungen und Soldaten in schmucken Uniformen und strammer Haltung. In Charbin steigen viele Reisende aus, alle Chinafahrenden gehen hier nach Süden über Mukden, während der Transsibirien nach Wladiwostock weiter saust. Die Trennung und der Abschied ist nicht für alle schmerzlos. Zehn Tage zusammen eingesperrt zu sein im engen Zug, von der Aussenwelt abgeschlossen, das führt zu allerlei Bekanntschaften.

Die Fahrt ist also im ganzen unterhaltend, anregend, belehrend je nach Wunsch, nur nicht langweilte, denn daran soll man selbst schuld sein. Neben dem Salonzug, der Moskau jeden Mittwoch verlässt, fährt Montags dort ein russischer Zug ab, der auch durchgehende Wagen führt bis Wladiwostock und Speisewagen hat. Eine gesunde Konkurrenz ist ja immer ein gutes Mittel zur eigenen Vervollkommnung, so freuen wir uns der Konkurrenten. Wenn beide Züge sich bemühen, einer dem anderen zuvorzukommen in Aufmerksamkeit und Rücksicht gegen die Wünsche der Reisenden, dann werden beide sicher immer gut besetzt sein. Der Zug befördert 50 kg Reisegepäck frei für die ganze Strecke und etwas weniger Gewicht für die geteilte Reise von Moskau an. Es ist zu empfehlen, sich nie vom Gepäck zu trennen; wenn man ausserdem beim Umsteigen in Warschau und Moskau sich persönlich vom Vorhandensein des Gepäcks im Gepäckwagen überzeugt, wobei die betreffenden Beamten sehr entgegenkommend sind, dann wird das Gepäck unversehrt und gleichzeitig mit den Reisenden am Bestimmungsort eintreffen. Marie Netz.

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