Eine türkische Studienreise nach Frankreich

Immer deutlicher stellt es sich heraus, daß Frankreich sich zum Lehrmeister der neuen Türkei herausbildet. Zu den vielen jungen Türken, die sich seit den letzten Monaten als Journalisten, Techniker und Lehrer in Frankreich aufhalten und sich an den dortigen Universitäten dem Studium widmen, werden bald noch weitere Vertreter der türkischen Intelligenz hinzukommen, die wiederum nach Frankreich zu ihrer Ausbildung ziehen wollen. Es handelt sich, um den von Dr. Nazim Bey aufgebrachten Plan, eine Anzahl Vertreter verschiedener Berufs- und Wissenszweige nach Frankreich zu einer Studienreise zu entsenden. Die Reise soll einen durchaus offiziellen Charakter tragen, denn der französische Botschafter in Konstantinopel, Herr Bompard, hat dem Vorsitzenden des türkischen Komitees, Ismail Djenani Bey, in einer Audienz ausdrücklich versprochen, den französischen Minister des Aeußeren sowie den Handelsminister von dem Vorhaben des Komitees zu unterrichten. In Paris hat sich schon mit Genehmigung des Handelsministers ein Empfangskomitee gebildet, an dessen Spitze die Senatoren Mascuraud und Barbier sowie der Delegierte Abel Ferry stehen. Man sieht hieraus, daß sich die offiziellen Kreise Frankreichs gar nicht scheuen, Unternehmungen ihre Unterstützung zu bieten, die doch am letzten Ende dazu bestimmt sind, das Ansehen Frankreichs im Orient zu stärken. Diesseits der Vogesen ist man in solchen Dingen ängstlicher, leider nicht zum Vorteil unserer Stellung im Auslande. — Der Tag der Abreise für die türkische Studienkommission ist schon auf den 2. Juni 1910 angesetzt. In Marseille werden die Teilnehmer an der Reise zuerst französischen Boden betreten; weiter sollen Lyon, Paris, Lille, Roubaix, Nancy und Reims besucht worden; über Marseille kehrt die Reisegesellschaft wieder zurück. Sie wird reich an Erfahrungen und gewiß auch begeistert durch das in Frankreich Geschaute und Erlebte in Konstantinopel wieder eintreffen; Frankreich aber wird sich eine Reihe neuer Freunde erworben haben, die für seine wirtschaftlichen Beziehungen zum türkischen Reiche mit der Zeit von Wert werden können. Da nun wirtschaftliche und politische Fragen in der Türkei, einem nach europäischen Begriffen erst werdenden Lande, sich naturgemäß vielfach miteinander verknüpfen, so wird auch die politische Stellung Frankreichs in der Türkei aus den persönlichen Beziehungen, die sich zwischen französischen und türkischen Kreisen im Anschluß an die Studienreise entwickeln werden, Nutzen ziehen.

Wollte man doch aus derartigen Vorgängen auch an „maßgebender“ Stelle bei uns in Deutschland lernen, daß das tatkräftige, offene Eintreten für die wirtschaftlichen Interessen des Landes zu den vornehmsten Aufgaben unserer Politik gehören muß und vor der Kritik des Auslandes nicht Halt machen darf. Das „nevertheless“, das einst vor Jahren unser Kaiser zum Leitworte seiner Politik erhoben hat, ist leider nur zu sehr bei uns in Vergessenheit geraten.

Die während der obenerwähnten Studienreise in Frankreich ausgetauschten Beteuerungen unwandelbarer Freundschaft und Sympathie haben es nicht verhindern können, daß im Herbst 1910 ein ernster Konflikt zwischen der türkischen und französischen Regierung um die Vergebung der türkischen Anleihe ausbrach. Frankreich zog sich bekanntlich grollend von dem Geschäft zurück und überließ Deutschland das Feld. Innerhalb weniger Wochen gelang es einem deutschen Konsortium unter Leitung der Deutschen Bank, die Bedingungen der Anleihe mit dem Finanzminister Djavid Bey zu vereinbaren und ein Einverständnis der größeren deutschen sowie der leitenden Banken in Oesterreich-Ungarn und der Schweiz wegen der Uebernabme der Anleihe herbeizuführen; ein sichtbares Zeichen dafür, daß die Türkei auch in finanzieller Hinsicht auf ihre Freunde in Deutschland rechnen kann. — Unterdessen ist eine Annäherung der türkischen Regierung an die französischen Kapitalkreise, wie schließlich nicht anders zu erwarten war, erfolgt. Die Ueberraschung aber, die den finanziellen und politischen Kreisen in Europa jenes von Selbstbewußtsein zeugende Auftreten der Türkei Frankreich gegenüber bereitete, ist noch in lebhafter Erinnerung geblieben; sie kam in dem folgenden Artikel zum Ausdruck, der sich zugleich auch mit dem damals aufgetauchten Gerüchte von einem zwischen der Türkei und Rumänien abgeschlossenen Bündnisse beschäftigt.

Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.

Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.
Deutschlands Verhältnis zur Türkei
Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei
Die Sorgen der türkischen Marine um ausreichende Transportschiffe
Frankreich — noch immer die „christliche Vormacht“ im Orient
Frankreich als Lehrmeister der neuen Türkei