Einfache Bedachungsformen der Türme


Der gemauerte Turm hat in den meisten Fällen einen quadratischen oder rechteckigen Grundriß. Bisweilen ist er auch kreisförmig oder achteckig. Der Helm kann sehr verschieden gestaltet sein. Ursprünglich wurde das einfache Hausdach auch auf den Turm übertragen. Auf den Türmen vieler Dorfkirchen finden wir noch das schlichte Satteldach (6) (z. B. Keitum auf Sylt, Nieblum auf Föhr, Lügde in Westf., Eisbergen bei Minden). In Wiesens bei Aurich steht ein solcher Turm frei neben der Kirche. Aber auch die Städte begnügten sich an großen Kirchen mit dieser Form. Das beweisen die Türme des Mariendoms in Prenzlau, der Marienkirche und St. Georgenkirche in Parchim und der Nikolaikirche in Wismar. Der letztere hatte früher jedoch vier Schildgiebel und einen hohen pyramidischen Helm, der 1703 einem Sturm zum Opfer fiel. In dem südlichen Gicbel-dreieck des Parchimer Marienturmes fällt ein großer, nach unten runder Halbkreis auf. Er stellt das Symbol eines Fischernetzes dar. Die Gerechtsame für Parchimer Fischer reichte im Mittelalter auf der Eide soweit, wie dies Symbol für sie sichtbar war. Schmale Lisenen- und Klecblattblenden sowie Haibsteinlöchcr schmücken außerdem in reizvoller Anordnung den Turm.

Der First des Turmdaches kann parallel zu dem des Kirchendaches laufen. Das verleiht dem ganzen Bau Ruhe und Ausgeglichenheit. Er kann aber auch quer davor liegen. Dadurch kommt Unruhe, Widerspruch und Trotz in die Baumassen. In Parchim haben wir in den beiden oben genannten Kirchen für beide Anordnungen Vertreter beieinander. Besonders überzeugend kommt dies zum Ausdruck, wenn die nunmehr zur Stirnwand gewordene Ansicht des Turmes durch ihre Breite besonders betont wird. Dafür finden wir besonders viele Beispiele im Kreise Salzwedel in der Altmark (Pretzier, Jeetze, Dambeck, Mahlsdorf und Börstel) und in der Mark Brandenburg (Marienfclde bei Berlin, Löwenberg, Herzfelde, Trebbus, Arenzhain). In Jeetze, Arcnzhain, Trebbus und Mahlsdorf findet dieser Widerspruch ein Ventil und einen fröhlichen Ausgleich in dem achtseitigen lustigen Reiter mit einer pyramidischen bzw. barocken Spitze.

Oft erfahren die Giebeldreiecke, die das sattelförmige Turmdach abschließen, eine schmuckhafte Abwandlung. In Gilgenburg und Guttstadt (Ostpr.) wie in Alstätte und Wüllen (Westf.) entstanden durch Waagerechte und Senkrechte reine Treppengiebel. An der Petrikirche in Danzig, in Neu-Golm und Herzberg in der Mark, in Pansin (Pomm.) und auf der Ordenskirche in Deutsch-Eylau (7) nehmen die Giebel durch besondere Betonung der Senkrechten treppenähnliche Formen an. Audi der schöne Fangelturm in Malchin in Meckl., von dem das seit vielen Jahren auf seiner Giebelspitze ruhende Storchennest nicht mehr wegzudenken ist, soll hier genannt werden. Ehemals stand neben dem Fangelturm ein Tor. Das Kahlentor und das Steintor sind dem Städtchen noch erhalten geblieben. In Wusen bei Braunsberg (Ostpr.) (8), in Gr.-Soldt in Angeln und in Wulfersdorf (Prieg-nitz) erhielten die Giebel barocken Charakter.

An den Tortürmen, die ja nie die Höhe der Stadtkirchen erstrebten, sondern in gedrungener Form die wehrhafte Kraft verkörpern sollten, ist das Satteldach verhältnismäßig viel häufiger als auf Kirchtürmen. Wir begegnen oft einer Form, deren Dach an beiden Seiten durch einfache oder ¦schmuckhafte Treppengiebel abgeschlossen wird, die mit ihrem zackigen und eckigen Charakter die Wehrhaftigkeit unterstreichen. Die Tore in Teterow, Neubrandenburg (XXIV), Friedland (Meckl.) (II), Anklam(XIX), Treptow, Demmin und Grimmen, das Wassertor in Wismar, das Mühlentor in Stolp (9), das Prenzlauer Tor in Templin, das Semlower Tor in Stralsund, das Krempertor in Neustadt (Holst.) sowie das Nordertor in Flensburg und das Stadttor in Friesoythe (Hunte-Emskanal) sind dafür hervorragende Beispiele. Am Stettiner Tor in Gartz a. d. O. steht vor dem Satteldach ein breitstirniger,  rechteckiger Giebel.

– Das W lmdach (10), das nach allen vier Seiten gleiche Neigung hat, nähert sich schon ein wenig der Helmform, besonders wenn es sich so steil emporreckt wie auf dem aus der Reformationszeit stammenden Osthofentor in Soest. Es findet Anwendung auf rechteckigen Türmen. Die Parallel- oder Querrichtung des Firstes zu dem des Kirchendaches ist auch hier von ähnlicher Bedeutung wie beim Satteldach. Die Dome in Ratzeburg und in Mölln, die Johanniskirche in Danzig und die gleichnamige in Thora (V) zeigen die gleiche Ausrichtung Ost-West. Beim Möllner Dom ist zu beachten, daß der Dachreiter des Turmes nicht auf der Mitte des Firstes steht. Das ist nur bei Gleichrichtung von Turm- und Kirchendach möglich. Das Heranrücken des Reiters an die Stirnwand des Turmes verstärkt dessen Höhenwirkung. Einer breiten, trotzigen Turmfront mit Walmdach begegnen wir häufig in Westfalen (Minden) und in der Mark. Sie ist oft so gewaltig, daß man an das Westwerk bedeutender romanischer Kirchen erinnert wird. (S. Corvey S. 50.) Ein kleiner Dachreiter gibt auch hier oft einen freundlichen Ton. Ein besonders eindrucksvolles Bild der Art gibt uns der Dom in Havelberg. Die riesige, trotzige Stirnfläche wird durch ein verhältnismäßig kleines Portal kaum geöffnet. Nach oben hin tritt eine gewisse Lockerung ein. Die Fläche nimmt hier einige schön verteilte Fenster auf. Ein recht breiter Mittelteil steigt mit diesen über ein Paar quadratische Schullern hinauf. Sein breites Walmdach klingt in der rhythmischen Wiederholung der flankierenden Sclulterdächer leise ab. In der Spitze eines lustigen Dachreiters findet die pyra-midische Auflockerung des mächtigen Werkes seine Vollendung.

An der Jakobikirche in Thorn (11) wird der Gegensatz, der durch die Querstellung eines breiten Turmes gegeben ist, durch ein doppeltes Walmdach in der Richtung des Kirchendaches aufgehoben. Einen flachen Doppelwalm trägt auch der quadratische Turm der Marienkirche in Danzig (I). Die Schnittlinie der beiden inneren Dachflächen liegt hier weit über dem Turmrand. Beide Firste sind in der Mitte durch eine schmale Plattform verbunden. Als ein Tor mit Walmdach ist noch die „Roßpforte“ in Tangermünde neben der Stephanskirche zu nennen.

Als dritte Form ist das geknickte Walmdach, das uns vom niederdeutschen Kübbungs-haus her vertraut ist, anzuführen. Wir finden es z. B. auf dem breiten Turm des schönen Güstro-wer Domes (12), auf den Türmen der Mecklenburger Kirchen von Recknitz und Bütow bei Malchin und auf dem Dom der Marienburg. Unter einem solchen Dach erscheinen die Turmgiebel gekappt. Es bildet ein Mittelding zwischen Sattelund Walmdach. In allen hier genannten Fällen verläuft der First des Turmdaches quer zu dem des Kirchendaches. Auf dem Turm zu Recknitz steigt es besonders steil empor.

Text aus dem Buch: Türme und Tore von Flandern bis zum Baltikum, Verfasser: Lohf, Paul.

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