Eingeborenen-Bilder aus Kamerun : Die Wute

In unserer Jugend lasen wir schaudernd von den Greueltaten der Negerkönige von Dahome und Aschanti an der Guineaküste  und bewunderten die Taten der Franzosen und Engländer, die in schweren Kämpfen dem blutigen Regiment dieser afrikanischen Despoten ein Ende machten. Aber von dem Gegenstück der Aschanti in der deutschen Kolonie Kamerun, den Wute, und den heissen Kämpfen, die deren Zähmung erforderte, haben wir wenig gehört. Und doch können sich die Taten unserer Kolonialpioniere neben denjenigen der Engländer und Franzosen sehen lassen.

Leider sind eigentlich nur die Kämpfe Wissmanns in Ostafrika in der Heimat näher bekannt geworden. Was Morgen, Dominik unter fast schwierigeren Verhältnissen in Kamerun geleistet haben, wissen daheim nur wenige. Und doch gehört z. B. die Geschichte der Niederwerfung der Wute zu den interessantesten Episoden unserer an fremdartigen Geschehnissen gewiss nicht armen Kolonialgeschichte.

Der Sanaga, der grösste Strom Kameruns, bildet auf seinem Mittellauf die Völkerscheide zwischen den von Südosten eingewanderten Bantunegern und den von Norden vorgedrungenen Sudannegern. Dass das Zusammentreffen beider Völker blutige langjährige Kämpfe mit sich gebracht hat, ist klar. Sie konnten vielfach erst durch unser Dazwischentreten beendigt werden, meist nur durch Waffengewalt.

Jenseits des Sanaga treten uns zuerst die Wüte entgegen. Teilweise liegen ihre Wohnsitze allerdings auch noch am Südufer dieses Flusses. Sie sind einst von den Fulbe oder Fullah nach Süden gedrängt worden und sollen unter den schwächeren Bantustämmen übel gehaust haben. Noch in neuerer Zeit veranstalteten sie ausgedehnte Sklavenjagden, bis ihnen unter deutscher Herrschaft das Handwerk gelegt wurde. Es war nicht ganz leicht, mit ihnen fertig zu werden, und zu ihrer Zähmung waren scharfe Kämpfe unter Morgen und Dominik notwendig. Ihre mit Wall und Graben befestigten Städte wurden damals zerstört, sind aber inzwischen teilweise wieder aufgebaut worden.

Schon im Jahre 1890 versuchte der Stationschef von Jaunde, Morgen, den damaligen Oberhäuptling der Wute, Ngilla, zur Anerkennung der deutschen Herrschalt zu zwingen. Aber die Wüte standen noch auf der Höhe ihrer Macht und die deutschen Streitkräfte waren noch zu schwach, sodass Morgen sich darauf beschränken musste, das wilde Volk von weiterem Vordringen über den Sanaga abzuhalten. Bei dieser Demonstration blieb es aber nicht; die fortdauernden Raubzüge der Wüte machten schliesslich eine endgültige Niederwerfung Ngillas notwendig. Im Jahre 1899 wurde die Ngillastadt unter Major von Kamptz gestürmt, wobei sich der jüngst verstorbene Major Dominik besonders auszeichnete und sein Ansehen als Kriegsmann in Kamerun begründete. Die Wute unterwarfen sich und haben im grossen und ganzen seither Ruhe gehalten. Dies mag ihnen allerdings reichlich schwer gefallen sein, und man musste fortgesetzt vor ihnen auf der Hut sein, denn der Neger ist, wie wir häufig am eigenen Leibe schmerzlich erfahren mussten, unberechenbar. Und bei einer so wilden und dabei selbstbewussten Gesellschaft, wie die Wute sind, war erst recht Vorsicht vonnöten. Aber inzwischen ist eine Zwingburg zu ihrer Beherrschung gebaut worden, die Station Joko. Es wird ihnen also nachgerade klar geworden sein, dass die schönen Zeiten der Sklavenraubzüge und Menschenschlächtereien endgültig vorbei sind.

Die Wute — erzählt Dominik in seinen Erinnerungen von 1905*) — sitzen in drei über das Land verteilten Sippschaften mit den Städten Ngilla, Ngutte, Wenke und Mango zusammen. Sie haben lange Zeit in einer losen Abhängigkeit von Tibati gestanden Dass Tibati einen dauernden Einfluss auf die starken Wutes behielt, hat seinen Grund darin, dass letztere in den Haussahändlern Abnehmer für ihre Sklaven fanden, diese Haussas wieder aber nur mit der Erlaubnis Tibatis zu den Wutes gelangen konnten.

Wer einmal in seinem Leben zu Ngilla oder Ngutte geht, hiess es auf dem grossen zentralafrikanischen Markt in Kano, wird entweder aufgefressen oder hat, wenn er heimkehrt, für sein Leben genug verdient. Und nach den blühenden Haussasiedlungen zu schliessen, die sich, solange die Schreckensherrschaft der Wutes dauerte, im Anschluss an deren Hauptstädte gebildet hatten, ermangelte dieser innerafrikanische Börsenwitz nicht der Wahrheit. Ngilla ist manchmal wenig säuberlich mit den zu ihm gekommenen Haussa verfahren und mancher hat seinen Kopf bei ihm gelassen.

Auch mit seinen eigenen Leuten, wenigstens den Sklaven, machte Ngilla kurzen Prozess; wenn es ihm einfiel, wurden Hunderte an einem Tag hingerichtet. Morgen erzählt z. B., dass dieser Despot einmal seine sämtlichen Weiber gezwungen hat, zur Erzielung eines Gottesurteils Gift zu trinken, weil sie eines Vergiftungsversuchs an ihrem Herrn und Gebieter beschuldigt waren. Die grössere Hälfte der armen Weiber, die Schwächeren, nach Ngillas Ansicht die Schuldigen, erlag dem Gift.

Sämtliche Wutes sind Kannibalen, wenn sie es in dieser grausigen Gewohnheit auch nicht so weit gebracht haben wie die Makas im oberen Njonggebiet. Letztere machen planmässig Menschen fett, um sie zu schlachten, und verkaufen ihre Eltern, wenn diese alt und arbeitsunfähig geworden sind, an Stammesgenossen wie überständige Rinder, während die Wutes sich im allgemeinen auf den Genuss des Fleisches ihrer erschlagenen Feinde beschränken, dem sie eine gewisse Kraft zuschreiben, den Mut und die Unerschrockenheit des Siegers zu heben.

„Auch jetzt noch — erzählt Dominik weiter — hielt Ngane, der Häuptling, mit dem wir abends beim Durrahbier zusammensassen, auf alte Wutesitte. Nur in gebückter Haltung mit zu Boden geschlagenen Augen durften sich seine Leute ihm nähern, und zwei Mädchen knieten vor ihm, um ihm die Bierschalen zu reichen. Noch tanzten die Wutemänner, nur mit einem Rindenschurz bekleidet, mit den Waffen in der Hand unter sich. Die Haare, hatten sie kunstvoll geflochten, oft eine nickende Krone roter Papageienfedern auf dem Kopf, das lange Schweit über die Schulter, den mannshohen Büffelschild mit wallenden schwarzen Pferdeschweifen verziert in der Linken und ihre fünf Wurfspeere in der Rechten; sie sprangen unter schrillen Schreien, vom Bier halb berauscht, sich einander zum Kampf herausfordernd, wie vom Teufel besessen umher.

Dazu dröhnten die Pauken, schallten dumpf die langen Elfenbeinhörner. Daneben die Weiber, tiefschwarz mit spitz gefeilten Zähnen, fast nackt wie die Männer, diese gewisser-massen zum Kampfe anfeuernd. Das Bild dieser wilden, tobenden Menschen beim Schein der flackernden Feuer verfehlte auf die Kameraden, die es zum ersten Male sahen, nicht den Eindruck, den ein kriegerisches Spiel, in dem Kraft und Gewandtheit zum Ausdruck kommen, auf Männerherzen stets ausüben wird.

Ich sah mich in stiller Wehmut, im Geist in vergangenen Tagen neben dem alten Ngilla sitzen, sah die Tausende vor mir, die damals, triefend vom Blut Geladener, mit dem sie sich beschmiert haten, vor ihrem Häuptling tanzten, hörte ihren frenetischen Jubel, wenn Ngilla selbst zum Speer griff und ihr Siegestaumel so gross wurde, dass sie, ohne des Gastfreundes zu gedenken, aus heiseren Kehlen dem Häuptling zuschrien: Ngilla (Elefant), alheri (Allmächtiger) — wie sie es von den Haussa-Lobsängern gehört hatten — und: „Ngilla kann den Weissen töten.“ Das war damals ein rohes Kriegervolk; eine grausame Schar wilder Sklavenjäger; auf der Höhe ihrer Macht, auf der Höhe, stolz, unbesiegt.“

Unsre Bilder machen die kriegerischen Eigenschalten der Wüte durchaus glaubhaft, und man bezweifelt keinen Augenblick, dass diese Leute noch vor nicht zu langer Zeit der Menschenfresserei gehuldigt haben. Charakteristisch sind ihre riesigen Lederschilde. Früher, als Feuerwaffen noch nicht verbreitet und Speer, Bogen und Pfeile bei den Eingeborenen ausschliesslich gebräuchlich waren, bildeten diese Schilde sicherlich einen güten Schutz. Die riesigen Bogen, mit denen sie die langen Pfeile bis zu 150 Schritt weit schiessen, liessen sich hinter diesen Schilden trefflich handhaben. Die Schilde sind so stark, dass sie nicht nur gegen  Pfeile und Speere, sondern sogar gegen Geschosse aus Feuersteingewehren schützen. Daneben sind die Wute mit Lanzen und Haumessern bewaffnet.

In neuerer Zeit unter deutscher Herrschaft ist das Abhängigkeitsverhältnis der Wute zum Emir von Tibati natürlich geschwunden. Schon in den neunziger Jahren hatte Ngilla versprochen, seine Beziehungen zu Tibati abzubrechen, was ihm aber nicht so rasch gelang. Jetzt gehört auch das Tibatireich der Geschichte an, wie überhaupt die Machtverhältnisse in Nord-Kamerun sich völlig verändert haben. Jetzt sind wir die Herren. Und wenn es auch noch in einigen Landschaften angestammte Herrscher gibt, so sind sie doch nur Strohmänner. Der Hauptort, zugleich die Residenz des Oberhäuptlings der Wute, ist gegenwärtig Ndumba, nördlich vom Sanaea.

WelcheRolle die Wute später in unserer Kolonialwirtschatt spielen werden, lässt sich heute noch nicht absehen. Arbeiten haben sie bis jetzt noch nicht gelernt, dazu sind die Sklaven da und im Notfall die Weiber. Vorläufig wird es sich darum handeln müssen, sie ihre kriegerischen Eigenschaften vergessen zu machen und an geordnete Verhältnisse zu gewöhnen.

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