Einzelbilder aus der vorgalieischen Zeit.

Nicolaus Cusanus.

Es ist merkwürdig, daß der erste Philosoph mit einem Anstrich von Modernismus trotz aller anderweitigen Voraussetzungen nicht ein Italiener, sondern ein Deutscher war: Nicolaus Cusanus, der im Jahre 1401 in Kues an der Mosel geboren wurde. Er brachte es während eines äußerst bewegten Lebens bis zum Bischof von Brixen. Er ist der Vater des europäischen Zweifels. Berühmt sind seine Bücher von der „Docta ignorantia“ (gelehrte Unwissenheit) und seine „Dialoge über die Idioten“ von 1450. Nicolaus Cusanus bedient sich bald einer begrifflichen Dialektik, bald versucht er populäre Bilder zu bringen, immer wieder aber gerät er schließlich in einen mystischen Schwung und versucht die entwickelten Gegensätze aufzulösen. Man kann ihn als den ersten freisinnigen Katholiken bezeichnen. Er bietet dem Menschen des 20. Jahrhunderts unmittelbar nichts, bot aber den Theologen in der vorgalileischen Zeit die erste Stufe für den Fortschritt. Für uns ist bemerkenswert, daß er als der erste Beobachter von Sonnenflecken gilt und auch als der erste Anreger einer Kalenderverbesserung. Seine philosophischen und theologischen Ausführungen waren für ihre Zeit höchst modern, fanden aber gleichwohl, dem Charakter jener Epoche entsprechend, durchaus keine Bekämpfung, noch viel weniger wurde von seiten der Kirche in jener Epoche etwas gegen den Neuerer unternommen. Und doch hat Cusanus Ansichten geäußert, die zu Galileis Zeit als schwere Ketzerei betrachtet worden wären. So sagt er beispielsweise, daß Gott und Welt dasselbe seien (ganz wie die Monisten im 20. Jahrhundert). Auch der Mensch, meint er, ist in gewissem Sinne unendlich, denn er trägt alles, was im Universum vorhanden ist, in seiner Weise in sich, seine Seele enthält Abbilder der Welt vom beschränkten menschlichen Standpunkte aus und die menschliche Seele ist eine Art rekapitulierender Darstellung des Kosmos. Der Mensch ist also ein Mikrokosmos.

Den Fortschritt gegenüber den rein religiösen Schriftstellern müssen wir vor allem darin erblicken, daß zwischen Gott und Welt Vergleiche und Beziehungen gesetzt werden, während für Thomas von Aquino beispielsweise das menschliche und göttliche noch total verschiedene Welten sind. Ein nicht geringer Teil der geistigen Arbeit der hervorragendsten Forscher des 15. und 16. Jahrhunderts geht auf Anregungen durch Nicolaus von Cusa zurück.

Der Grund aber, um dessentwillen wir Nikolaus von Cusa als ersten der Vorläufer Galileis anführen müssen, ist folgender: Nikolaus von Cusa bestreitet, daß die Fixsterne Lichtpünktchen seien, die an einer Kugelschale haften. Er hält die Welt für unendlich und erfüllt mit Sternen. Dieser Mann, der als Kardinal der römischen Kirche starb, erklärt, daß die Welt gar keinen Mittelpunkt habe und infolgedessen auch die Erde nicht in diesem Mittelpunkt stehen könne. Er hält die „Sphäre“ für einen Unsinn, denn, so fragt er, „was sollte denn außerhalb dieser Sphäre sein?“ — Die Gedanken des Cusaners fanden zunächst nur bei wenigen Menschen Verständnis. Gleichwohl wirkten sie langsam durch die Jahrhunderte hindurch. Man kann nicht glauben, daß die kosmologischen Spekulationen des Bischofs von Brixen dem Kopernikus, dem Bruno oder Galilei unbekannt geblieben seien.

Die italienischen Philosophen vor Galilei.

Während das frühe Mittelalter die Philosophie der heidnischen Griechen als ketzerisch abgelehnt hatte, kam es im späteren Mittelalter mehr und mehr dazu, daß die Schriften des Aristoteles zu einer Art Ergänzung der Bibel wurden. Mehr als 200 Jahre blieb Aristoteles und seine Naturlehre die einzige und unbestrittene Quelle der italienischen Naturforschung. Mit der sich ausbreitenden Renaissance gelangten aber zwei modernisierende Richtungen innerhalb der aristotelischen Lehre zur Geltung. Einerseits versuchte man eine naturalistische Auslegung im Sinne des Alexanders von Aphrodisias (um 200 n. Chr.), während andere sich auf die pantheistische Einstellung des arabischen Gelehrten Averroös stützten. Der Streit spitzte sich gelegentlich auf eine merkwürdige Einzelfrage zu: ob die persönliche Seele eines Menschen unsterblich sei? — Petrus Pomponatius schrieb im Jahre 1516 eine nicht üble Abhandlung, worin die individuelle Seele als sterblich erklärt wird. Im andern Lager kämpfte aber die Mehrheit der Philosophen und dort stand die Autorität der Kirche.

Mehrheit und Minderheit aber waren sich in der Art des wissenschaftlichen Betriebs insofern einig, als Gründe und Gegengründe weder auf dem naturwissenschaftlichen Weg (wie wir heute sagen würden) der Erfahrung, noch auf dem Weg des originellen Denkens gefunden wurden. Vielmehr war im Lager der Philosophie um jene Zeit ganz allgemein das Verfahren dieses, daß man die zu verfechtende Meinung durch möglichst viele Stellen aus den Schriften des Aristoteles zu beweisen suchte. Konnte man sich auf solche Weise nicht mehr helfen, so griff man schließlich zur Bibel. Wir bezeichnen diese Epoche als Scholastik und sehen heute im 20. Jahrhundert mit einem mitleidigen Lächeln auf die Menschen und das Zeitalter herab. Nicht immer waren die Fragen derartig wie die oben erwähnte von der Unsterblichkeit der Seele, sondern häufig genug entbrannte der Streit um Fragen, von denen wir heutzutage nur sagen können, daß sie Dummheit und Unsinn, wenn nicht geradezu Wahnsinn sind. Darüber möge man in dem Buch von Max Kemmerich: „Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit“ nachlesen.

Bei der Beurteilung dieser unendlich öden und sinnlosen scholastischen Schriften muß man sich aber als denkender Abendländer ehrlich ausmalen, wie etwa in weiteren 300 Jahren durch die dann lebende Generation unserer Urenkel unsere heutigen philosophischen, psychologischen und juristischen Schriften beurteilt werden. Ob nicht etwa jene, die um 2227 leben, sich über den ungeheuer dummen Wust von tonnenweise hergestellter sinnloser „wissenschaftlicher“ Literatur wundern werden, den die Gegenwart produziert? Ich halte es hierin durchaus mit Fr. Paulsen, dem ausgezeichneten Geschichtsschreiber des höheren Unterrichts, der auf diesen Punkt mit vornehmer aber nicht mißzuverstehen-der Deutlichkeit hinwies. Ich bin überzeugt, daß eine spätere Zeit unsere heutige „Wissenschaft“ vielfach genau so beurteilen wird, wie wir die „Scholastik“.

Für uns ist es wichtig zur Kenntnis zu nehmen, daß noch in der Zeit Galileis diese scholastische Richtung durchaus die herrschende war und daß die Beeinflussung des philosophischen Denkens durch naturwissenschaftliche Forschungen erst lange nach Galilei, nämlich erst im 19. Jahrhundert begann. Noch Kant ist so gut wie unberührt von Naturwissenschaft, ist rein spekulativ und metaphysisch. Sein Jugendwerk über Kosmologie ist eine Ausnahme im Rahmen seiner übrigen Werke.

Cardanus.

Der Mailänder Arzt Hieronymus Cardanus (1501—76) gehört zu den typischen Gestalten jener Zeit. Ein hervorragender Heilkünstler*), ein glänzender Mathematiker, war er gleichwohl ein höchst abergläubischer und phantastischer Mensch. Er stellt als erster (soviel ich weiß) die Frage über das Gleichgewicht auf der schiefen Ebene und erkennt die Wagrechte und Senkrechte als Grenzfälle. Da ihm die Idee vorschwebt, es müsse eine gesetzmäßige Beziehung zwischen der Kraft und der Neigung auf der schiefen Ebene bestehen, so rät er auf die Proportionalität zum Winkel (statt zum Sinus des Winkels). Bekannt ist auch, daß er die Auflösung der Gleichungen 3. Grades nach Angaben von Tartaglia durchgeführt hat. Cardanus ist ein rechter Renaissancemensch. Grenzenlos kühn in der Philosophie, zitterte er vor jedem üblen Vorzeichen und kehrte sofort nach Hause zurück, wenn ihm morgens beim ersten Ausgang eine Katze über den Weg lief. Er beschäftigte sich mit dem Auslegen von Träumen (was ja im 20. Jahrhundert wieder viele Leute tun) und widmete sich der Magie und der Zauberei. Wenn er 100 Jahre später geboren worden wäre, so wäre er nicht auch 100 Jahre später gestorben, da er im Zeitalter Brunos und Galileis sicherlich vorher verbrannt worden wäre. Mit Experimenten hat er noch nicht das Geringste zu tun, aber er bekämpft frisch und mutig die Scholastik. Besonders merkwürdig sind seine mechanischen Schriften durch die kulturhistorisch recht interessanten Mitteilungen über mechanische Kunststücke und Apparate. Die Wärme ist für ihn kein Element, sondern eine besondere Eigenschaft der Körper, die Kälte aber faßt er als Abwesenheit von Wärme auf. Für „fürstliche Reisesessel“ erfand er die nach ihm benannte Gelenk-Vorrichtung.

*) Immerhin: nach zeitgenössischer Meinung!

Niccolo Macchiavelli.

Man weiß nicht, ob man den berühmten Florentiner als den ersten Staatsphilosophen der neuen Zeit oder als den letzten politischen Dogmatiker des Mittelalters bezeichnen soll. Nimmt man aber ohne Rücksicht auf seine Ansichten über Staat und Moral den Patriotismus des Mannes zur Richtschnur, so muß man ihn wohl als einen modernen Menschen ansehen, denn der Patriotismus ist eine moderne Krankheit. Macchiavelli wird einigermaßen mit Recht als Atheist in Anspruch genommen. In seinem Buche: „Vom Fürsten“ stellt er Grundsätze auf, wie ein Fürst handeln soll. Als Höchstes, sagt Macchiavelli, muß die Macht und Unabhängigkeit der Nation, die Größe und Einheit Italiens vorschweben. Dafür ist Haupthindernis der Kirchenstaat und das Papsttum. Es gilt, die Hindernisse zu erwägen und die möglichen Mittel zur Beseitigung dieser Hindernisse zu betrachten.

Wenn ein Leser im 20. Jahrhundert Verständnis für Macchiavelli erlangen will, so muß er unbedingt eine Karte des damaligen Italiens neben sich hinlegen. Wir bringen eine solche hier, bemerken aber, daß eine Anzahl kleinerer und kleinster staatlicher Gebilde darauf nicht verzeichnet sind. Doch sieht man auf unserer Karte, daß sich quer über den Leib Italiens der Kirchenstaat mit Rom, der ewigen Stadt erstreckte. Macchiavelli war eine Zeit lang Staatssekretär in Florenz und hat persönlich mancherlei meist recht schwere Schicksale erlebt, vermutlich wurde er sogar gefoltert. Seinen Ruhm hat er, wie mir scheint, im wesentlichen von derartigen drastischen Abhandlungen wie im 18. Kapitel des erwähnten Buches erworben: „inwiefern der Fürst sein Wort zu halten hat“. Macchiavelli hält sich nicht mit theoretischen, moralischen Erwägungen auf, sondern er stellt sozusagen experimentell fest, daß zu seiner Zeit die treulosen Fürsten es weiter gebracht haben als die redlichen. Chiron, der Lehrer des ersten der Helden Homers, sei halb Tier, halb Mensch gewesen. Jeder große Mann müsse bald nach der Art der Menschen kämpfen, bald nach der Sitte der Tiere. Und als Tier müsse er je nach Umständen wie ein Löwe oder wie ein Fuchs sein. Die Menschen sind alle sehr schlecht, überall gibt es nur Pöbel. Diese Schlechtigkeit der Menschen macht Untreue und Wortbruch notwendig. Wegen der Dummheit der Menschen wird der geschickt angestellte Treubruch mit Erfolg gekrönt. Der Fürst muß sich beliebt und gefürchtet machen beim Volk. Nur möge er dafür sorgen, daß, wenn er zum Heil des Vaterlandes zu üblen Mitteln greifen muß, der Erfolg ihn auch rechtfertigt. Immer dann, wenn der Fürst gegen Treue und Redlichkeit zu handeln gezwungen ist, muß er aufs genaueste dafür Sorge tragen, daß ihm in den Augen des Volkes der Schein dieser Tugenden bleibe. Denn der Pöbel urteilt immer nur nach dem äußern Schein und nach dem Erfolg der Unternehmung. Auch Moses mußte die Neidischen und Widersetzlichen töten und in gleicher Weise ist der Prophet Savonarola zugrunde gegangen. Weiter sagt Macchiavelli „Gott ist der Freund der Starken“ (uns Menschen des 20. Jahrhunderts liegt noch die neuere Fassung in den Ohren: „Gott ist mit den stärkeren Bataillonen …“). Die vornehmste aller Tugenden ist Tatkraft. Die Religion wird in der Regel als eine Anleitung zu Müßiggang und Demut betrachtet und ist der Entwicklung zu politischer Tüchtigkeit abträgig. Durch die Kirche und wegen des gottlosen Lebenswandels der Priester sind die Italiener irreligiös geworden. (An dieser Stelle sagt Macchiavelli, was wir schon erwähnt haben: je näher an Rom, desto weniger fromm sind die Menschen.)

Macchiavelli hat einen großen Einfluß auf die Gebildeten aller Völker ausgeübt, namentlich aber auf die Italiener selbst. Ich meine, auch heute wirkt seine empirische Staatsmoral vor allem in Italien selbst nach. Sicherlich war auch Galilei sehr von Macchiavelli beeinflußt, und die Schreiben des großen Gelehrten, in denen sein grenzenloser Respekt vor der Macht des Fürsten und der hehren Aufgabe des Monarchen zum Ausdrucke kommen, dürfen wir nur zum Teil als zielbewußte Höflichkeit auffassen. Galilei war Zeit seines Lebens ein Fürstendiener und gehorsamer Knecht gegen seinen Großherzog und gegen den Papst — obgleich doch sein Lebenswerk einer Aufgabe gewidmet war, die das Ansehen der Autoritäten erschütterte.

Thomas Morus.

Im Vergleich mit Macchiavelli erscheint der biedere Engländer Thomas Morus als ein höchst „moralischer“ Mensch. Er hat auf das Geistesleben der galileischen Epoche insofern einen bedeutenden Einfluß ausgeübt, als er teils unmittelbar durch seine Utopie, teils durch seine Einwirkung auf Thomas Campanella und Giordano Bruno die italienische Geisteswelt mit dem Gedanken der Toleranz bekannt machte. Zwar ist auch Macchiavelli tolerant, aber bei ihm spielt die ganze religiöse Frage nur eine höchst nebensächliche Rolle, während Thomas Morus ihr in seinem Bild eines Zukunftsstaates eine eingehendere Darstellung widmet. Obgleich Morus (1478—1535) seine Gedanken in wesentlicher Hinsicht Plato entlehnt, so ist er doch wegen mancher dem Altertum ganz fremden Problemstellung wichtig. Aber nicht nur als Vorkämpfer für religiöse Toleranz, sondern in striktem Gegensätze zu Macchiavelli ist Thomas Morus der Verfechter einer Art Naturmoral und zugleich der Vertreter kommunistischer Gedanken. „Die Natur“, sagt Morus, „fordert alle Menschen auf, sich gegenseitig zu helfen.“ Bemerkenswert erscheint uns auch, daß Morus die Jagd als eine der freien Menschen unwürdige Beschäftigung ausschließlich den Metzgern reserviert, weil es sich hier um das Schlachten von Vieh handle. „Die Utopier“, sagt Morus, „sind der Meinung, daß die Liebe zur Tötung der Tiere der Hang einer bereits verwilderten Seele sei.“ — „Überall“, sagt Morus, „wo das Eigentumsrecht herrscht, wo man alles mit Geld mißt, wird von Billigkeit und gesellschaftlichem Wohlbefinden nie die Rede sein können. Sie müßten es denn billig finden und einen Staat vollkommen nennen, wenn das öffentliche Vermögen einer handvoll Leute zur Beute wird, während die Masse im Elend lebt.“ Dieser Mann wurde aber keineswegs etwa als Kommunist oder lauer Christ bestraft, sondern sein König ließ ihn hinrichten, weil Morus sich der Ehescheidung des Königs widersetzte.

Mit der Utopia des Morus beginnt eine eigenartige Gelegenheitsliteratur, die von Zeit zu Zeit in immer neuen Formen auftaucht, nämlich die Phantasien über den Zukunftsstaat. Die unmoderne Denkweise des Zeitalters von Thomas Morus kann man an dem Umstand erkennen, daß in seinem Staat Utopia die Sklaverei als etwas ganz selbstverständliches, also ohne jede nähere Begründung eingeführt ist. Um das zu verstehen, sei darauf hingewiesen, daß zu gleicher Zeit und auch noch viel später in Italien die Sklaverei mehr oder minder offen betrieben wurde. Der berühmteste Sklavenniarkt war Venedig und um das Jahr 1500 zahlte man für eine junge, schöne Türkin etwa 70 Skudi.

Nikolaus Kopernikus. (1473—1543.)

Der junge Nikolaus Kopernikus erhielt eine gründliche und sehr gelehrte Ausbildung. Er studierte zuerst Medizin und Mathematik, nachher ging er über Wien, wo er ein Semester hörte, nach Bologna, um dort bei dem berühmten Astronomen Dominicus Maria Novarra Astronomie zu hören. Um 1500 finden wir ihn in Rom, wo er selbst Vorlesungen hält. Zwischenhinein hatte der beneidenswerte Jüngling die Stelle eines Domkapitulars zu Frauenburg erhalten, ein Ereignis, das ihm ein sorgenfreies Leben ermöglichte, ohne ihm irgendwelche Pflichten aufzuerlegen. Erst von 1505 an hält sich der Vielgereiste und Hochgelehrte ständig in seiner Heimat auf. Mehrmals vertritt er sein Domkapitel bei den preußischen Landtagen. Über sein Leben ist im übrigen sehr wenig zu berichten. Er wurde unsterblich durch sein Werk und die daraus geflossene Anregung, die er der Nachwelt überließ. Man muß annehmen, daß sich bei seinem ruhigen und vorurteilslosen Nachdenken über die Bewegung der Planeten in ihm selbst die Überzeugung herausgebildet hatte: die Erde kann nicht das Zentrum der Welt sein! Vielleicht kommt auch noch eine Anregung durch Novarra hinzu. Sicher ist er durch antike Schriftsteller, von denen er den Aristarch allerdings nicht erwähnt, befruchtet. So stellt er also die Sonne ins Zentrum der Welt, worin die Fixsterne allerdings inbegriffen sind. Diese sind ihm (wie auch noch dem berühmten Hegel) nur Lichtpünktchen am Firmament.

In diesem kopernikanischen System sind noch eine ganze Reihe von Unstimmigkeiten enthalten. Vor allem ist darauf hinzuweisen, daß Kopernikus den Planeten genaue Kreise zuweist. Die wirklichen Beobachtungen, mit denen sich Kopernikus wahrscheinlich nicht sehr eingehend befaßt hat, machen aber eine derartige Annahme unhaltbar. Doch diese Schwierigkeit war es nicht, die das kopernikanische System in den Augen der Nachfahren als zweifelhaft erscheinen ließ. Es war vielmehr die Meinung, daß eine derartige Verschiebung der Erde während ihrer einjährigen Umlaufszeit um die Sonne unbedingt eine Veränderung im Anblick der Sternenwelt von der Erde aus ergeben müßte. Diese Schwierigkeit zu beheben ist erst Bessel durch die Entdeckung der Parallaxe 1838 gelungen.

Ich glaube nicht, daß es wahr ist, was man allgemein angegeben findet: Kopernikus habe wegen der Gefahr, die mit der Veröffentlichung eines solchen Werkes verbunden gewesen wäre, sein Buch erst zum Druck gegeben, als er sein Ende herannahen fühlte. Damals war man noch nicht so unduldsam, zumindest nicht im katholischen Lager. Die Worte, in die Luther seine Ablehnung kleidete, verdienen es, unseren heutigen gläubigen Protestanten in Erinnerung gerufen zu werden. „Der Narr“, sagte der Prophet von Wittenberg, „will die ganze Kunst Astronomie umkehren“. Luther sah nur dumme Aufschneiderei im Werke des Kopernikus.

Kopernikus hat übrigens die alte Ptolomäische Lehre keineswegs radikal verlassen. Obgleich er nämlich kein sehr genauer Beobachter war, so wußte er doch, daß die Planeten ungleichmäßig schnell um die Sonne laufen. Da er aber der Meinung war, den Wandelsternen seien genaue Kreise und gleichförmige Bewegung zuzubilligen, so mußte er sich entschließen, die Sonne selber exzentrisch anzunehmen! Auch Galilei blieb auf diesem Standpunkt, ohne sich um die großen Neuerungen des Kepler zu kümmern, stehen. Aber weder Kopernikus noch Galilei sind im übrigen genauer auf diese heikle Sache eingegangen. Auch heute noch, 300 Jahre nach jener gärenden Zeit, finden wir in unseren Schulbüchern keineswseg den naturwissenschaftlich wichtigen Kern dieser geistigen Umstellung herausgeschält, die von den kräftelos denkenden Gelehrten Kopernikus und Galilei zu dem deutschen Gelehrten hinführen, der die Sonne nicht als geometrische Figur in den Brennpunkt der Ellipse stellte, sondern als Quelle der Bewegung. Das ist die von Kepler gebrauchte Ausdrucksweise.

Giordano Bruno.

Die ergreifendste Gestalt unter allen Geisteshelden jener Zeit ist die des zu Nola 1548 geborenen Giordano Bruno. Mehr als irgendein anderer zeigt er sowohl in seinem persönlichen Wesen wie in seinen Schriften und nicht zuletzt in seinem Lebensschicksal den zwiespältigen Charakter der Zeit. Wir haben eine graphische Darstellung seiner Wanderungen durch Europa gezeichnet und geben dazu hier eine von unserem Standpunkt gesehene kurze Beschreibung seines Lebens und Wirkens. Im Dominikanerkloster zu Neapel empfing Bruno die Weihen seines Ordens. Hier beschäftigte er sich mit Philosophie und Theologie, machte sich aber bald anrüchig. Sein nach offener Aussprache verlangendes Temperament, sein lebhafter Geist, sein durchdringender scharfer Verstand machten ihm das Zusammenleben mit den auf Gehorsam und Demut eingestellten Ordensbrüdern unmöglich. Wer sich mit religiösen Dogmen intelligent und ehrlich beschäftigt, kann sie natürlich nur ablehnen. So kam Giordano Bruno im Laufe seiner Entwicklung zu einem sehr viel radikaleren Standpunkt als ihn beispielsweise die Reformatoren vertraten.

Bruno floh mit 28 Jahren nach Rom, um der Inquisition von Neapel zu entgehen. Über Genua und Venedig wandte er sich schließlich nach Genf, wo er 1579 ankam. Er hoffte in der reformierten Stadt eine passende Beschäftigung finden zu können. Calvin, der 1564 gestorben war und der ein tyrannisches, geradezu wahnsinniges Regiment ausgeübt hatte, hinterließ eine von Frömmigkeit und Beschränktheit triefende Stadt. Ein Feuergeist wie Bruno konnte hier unmöglich existieren. Hatte man in Neapel in 130 Artikeln Anträge wegen Häresie erhoben, so würden die Genfer in kurzer Zeit 1000 Punkte gefunden haben, um diesen unleidlichen Menschen auf den Scheiterhaufen zu bringen! Bruno mußte neuerdings fliehen.

Er wandte sich nach Toulouse, wo zu jener Zeit eine der größten europäischen Universitäten blühte. Dort erlangt Bruno den Grad eines Doktors der römischen Theologie und wurde Professor der Philosophie. Im Jahre 1581 treffen wir ihn in Paris. Dort hält er Vorlesungen und findet großen Beifall. Es wird berichtet, daß er als Exkommunizierter eine ihm angebotene Professur nicht annehmen konnte. Großen Ruhm erwarb er sich durch eine dem König Heinrich III. gewidmete Schrift „Die Schatten der Ideen“. Die „große Kunst“, um die es sich hierbei handelte, wurde vielfach als Magie betrachtet, obwohl es sich nur um systematische Gedächtnisübungen handelte. Übrigens findet man in diesem Buche auch die früheste Urkunde der eigentlichen Philosophie Brunos. Als ein Bild von Licht und Schatten erläutert der entlaufene Mönch das Verhältnis zwischen unseren Gedanken und den Dingen. Dabei gerät Bruno in eine Art idealistischen Monismus hinein: alles ist einheitlich, weil aber die Erkenntnis des Menschen nicht die Wahrheit selbst, sondern nur das in der menschlichen Seele entstehende Abbild erfaßt, so leben wir nicht in der Welt der Ideen selber, sondern im „Schatten der Ideen“. Eine wundervolle, auch dem Menschen des 20. Jahrhunderts durchaus zusagende Mystik, die zudem noch als sehr gescheit bezeichnet werden muß.

Mehrere Jahre verbringt er teils in England, teils in Frankreich, wo er zwischen Lorbeeren und polizeilichen Ausweisungen hin- und herschwankt. In London verfaßt er sein lateinisches Hauptwerk: „De immenso“ und außerdem das berühmteste seiner Werke, das auch von großem Einfluß auf Galilei und Kepler war: „La cena de le ceneri“, das Abendmahl am Aschermittwochstage. In diesem letzteren Werk wird in Form eines Gespräches während des Mahles das kopernikanische Weltsystem auseinandergesetzt. Jedoch gibt Bruno dabei eine derartige Erweiterung und kühne Ausgestaltung, daß sowohl Galilei wie Kepler in manchen Punkten noch dahinter Zurückbleiben. Auf alle Fälle enthält diese Schrift ganz wesentliche Ausführungen, die sich später in Galileis Dialog „Über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme“ finden. Beispielsweise widerlegt Bruno schon den alten Einwand, daß durch die Rotation der Erde ein beständiger Sturm der Luft in entgegengesetzter Richtung eintreten müßte. (Ätherwind!) Bruno sagt, daß ja auch die Luft zum Erdkörper gehöre und die Rotation mitmache. Der große Fortschritt von Kopernikus zu Bruno besteht darin, daß für Bruno die Fixsterne ebenfalls Sonnen sind, während sie für Kopernikus eine unphysikalische, geradezu geometrische Natur hatten.

Das Gespräch am Aschermittwochabend und das lateinisch geschriebene Buch De Immenso enthalten in der Tat eine so kühne und vernünftige Kosmologie, daß man sagen kann: Bruno ist seiner Zeit um mehr als 5 Generationen voraus gewesen. Von Paris wandte sich der ruhelose und stets verfolgte Philosoph über Marburg, wo er nicht lehren durfte, nach Wittenberg. Er bequemte sich dort dazu, als Protestant zu gelten und Luthers Werk über alle Maßen zu loben. Die dortige Geistlichkeit sah ihn aber scheel an und verleidete ihm das Leben und Lehren. Nach einem vergeblichen Versuch, beim Kaiser in Prag eine Stellung zu finden, reiste er über Wittenberg nach Helmstedt, wo eine neue Universität gegründet worden war. Seine Schrift: „Die Austreibung der triumphierenden Bestie“ wurde um dieses Titels willen unbesehen als eine Verhöhnung des Papsttums betrachtet und öffnete ihm an den protestantischen Universitäten Tür und Tor. Aber Bruno meinte damit den allgemeinen Kampf, den jeder Mensch gegen das Tierische in sich führen müsse. In Helmstedt unterlag der geniale Italiener der dummen Zanksucht eines lutherischen Pastors. Der Superintendent Boethius exkommunizierte ihn vor versammelter Gemeinde und der Rektor Hofmann ließ ihm keinen Schutz angedeihen.

Bruno wandte sich nach Frankfurt am Main. Er arbeitete mehrere Monate lang im Karmeliterkloster außerhalb der Stadt an seinen Werken. Hier traf ihn ein Italiener Mocenigo, der ihn nach Venedig einlud. Zwischenhinein war Bruno als Hauslehrer in Zürich tätig gewesen. Mocenigo wollte, wie es scheint, nicht nur Unterricht im allgemeinen sondern insbesondere eine Einführung in die Magie haben. War doch in jenen Zeiten das berühmte Lehrbuch der Magie: die „Magia naturalis“ des Porta (1538—1615) in aller Leute Hände. Aus den dunkeln Andeutungen und schwerverständlichen Ausführungen dieses Buches konnten wenige klug werden, obgleich alle Leser das Gefühl hatten, daß hier ungeheure Schätze und Kenntnisse verborgen lägen.

Zu seinem Unglück folgte Bruno dieser Einladung nach Venedig. Mocenigo wurde enttäuscht, denn Giordano Bruno zeigte wenig Interesse für diese naturwissenschaftliche Mystik. Da denunzierte Mocenigo seinen Lehrer bei der venezianischen Inquisition und diese verhaftete den entflohenen Mönch. Wenige Monate zuvor hatte Bruno in Padua geweilt, wo er ebenfalls Vorträge hielt und Privatunterricht gab. Hätte der Unglückselige eine Ahnung von dem verworfenen Charakter des Mocenigo gehabt, so wäre ihm hier Gelegenheit geboten gewesen, mit rückkehrenden deutschen Studenten durch Tirol nach Deutschland zu entkommen. Es beweist die Harmlosigkeit des Mannes und sein stolzes und gutes Gewissen, daß er wieder nach Venedig zurückkehrte.

Kurze Zeit nach seiner Abreise aus Padua traf dort Galileo Galilei ein, um an dieser Universität seine ruhmreiche Laufbahn zu beginnen. Nach einigen Sträuben lieferte die Republik Venedig den Giordano Bruno dem römischen Stuhl aus. In Rom blieb Bruno 8 Jahre lang im Kerker. Was der Grund dieser langen Haft war, ist zur Stunde noch nicht genau bekannt. Auch die kürzlich erfolgte Veröffentlichung von Dokumenten der Inquisition, die der Sekretär der vatikanischen Bibliothek, Monsignore Carusi besorgt hat, bringt nicht das geringste Licht (Giornalo critico della Filosofia, 1926, S. 122). Wir erfahren nur, was wir in ungefähren Zügen schon vorher wußten, nämlich, daß Bruno, der zunächst zur Unterwerfung völlig ‚bereit war, sich schließlich weigerte, in gewissen Fragen der Abendmahlslehre die von ihm gewünschten Erklärungen abzugeben. Bruno richtet ein langes Schreiben an den Papst (es ist bis heute noch nicht veröffentlicht!), was ihm aber gar nichts nützt: man verlangt Unterwerfung! — Am 17. Februar 1600 wurde der standhafte und geniale Märtyrer der Denkfreiheit in Rom verbrannt. Das Volk wird dem Schauspiel mit Vergnügen beigewohnt haben, war doch die Denkart jener Zeit durchaus darauf aus, die Ketzer und Freigeister als Werkzeuge des Teufels zu verdammen. Der deutsche Renegat Schopius berichtet höhnisch:

„Hoffentlich sieht er auf dem Wege zur Hölle die Welten, die er sich, eingebildet hat!“

Bruno starb für die europäische Geistesfreiheit. Sein Tod war ein erschütterndes Zeichen für alle die, die seines Geistes waren. So schrecklich wirkte jenes furchtbare Strafgericht, daß man auf viele Jahrzehnte, ja Jahrhunderte hinaus seinem Namen kaum je begegnet. Beispielsweise erwähnt Galilei, der doch unverkennbar durch den Nolaner Mönch beeinflußt war, diesen Namen niemals, und Kepler selten genug, meist ablehnend. Kepler glaubte nicht an die Vielheit planetarischer Systeme. Und zwar ist es bei dieser Nichterwähnung von Brunos Namen durch katholische Autoren keinesfalls der Wunsch, sich fremde Lorbeeren anzueignen — wie es sonst bei Galilei und seinen Zeitgenossen vielfach Brauch war — sondern es ist dies unverkennbar der Ausfluß einer großen und berechtigten Vorsicht. Denn anderseits erwähnt Galilei wiederholt und mit größter Achtung den Namen des Kopernikus, der in jener Zeit noch keineswegs auf dem Index stand.

Benedetti. (1530—90.)

Halb Vorläufer, halb Zeitgenosse, hat Johann Baptista Benedetti den größten Einfluß auf die Entwicklung der Mechanik und auf Galilei gehabt. Zwar erwähnt Galilei selbst den großen Venezianer nur nebenbei. Aber wir wissen, daß die Werke Benedettis dem Mazzone, Galileis älterem Freund und Lehrer, genau bekannt waren. Auch wissen wir aus einem Briefe Galileis, daß dieser mit Mazzone in Pisa lange Diskussionen hatte, ln den Werken Mazzones aber wird Benedetti stets mit größter Ehre erwähnt, des Galilei aber wird in keiner Weise gedacht. Freilich starb Mazzone bereits im Jahre 1598.

Benedetti hatte eine ziemlich weitgehende Kenntnis des Trägheitsgesetzes, und zwar sowohl für den Fall der Ruhe wie auch für die Bewegung. Von großer Wichtigkeit für die damals stattfindende Loslösung von Aristoteles ist aber folgende Überlegung. Benedetti erklärt, daß ein geworfener Stein durch die Luft durchaus nicht angetrieben, sondern in seiner Bewegung nur gehindert werde. Ferner behauptet er, daß alle Körper einer Art, z. B. Eisen, wie auch ihr Gewicht sei, aus gleicher Höhe in gleicher Zeit herabfallen. Man muß sich daher wundern, daß er von Galilei nicht erwähnt wird. Anderseits darf nicht verschwiegen werden, daß Benedetti selbst seine Kenntnisse vielleicht einem viel älteren Schriftsteller verdankt, dem Philiponos, dessen Aristoteles-Kommentar im Jahre 1536 als Neudruck in Venedig in griechischer Sprache erschien. Dieser Philiponos, der im 6. Jahrhundert gelebt hat, wird gelegentlich einmal von Galilei erwähnt, allerdings nur, um einen Tadel zu empfangen. Um einen raschen Überblick über einige uns interessierende Ausführungen, die von Philiponos über Benedetti zu Galilei gelangten, zu bekommen, betrachten wir die Ausführungen des Aristoteles über den freien Fall. Der große Grieche lehrt:

1. Die schweren Körper fallen in dem Verhältnis schneller, in dem sie größer und schwerer sind.

2. Je dünner das Medium ist, das der Körper beim Fallen durchläuft, desto rascher bewegt er sich.

3. Mit dem geworfenen Körper wird gleichzeitig die ihn bewegende Luft mitgerissen und diese Luft ist es, die den Körper in seiner Flugbahn erhält. Die Luft hält ihren erreichten Zustand eine Zeitlang bei und schiebt dadurch den im Wurf befindlichen Körper vor sich her.

Gegen diese Ausführungen erhebt nun Philiponos entschiedenen Widerspruch. Besser als durch jeden logischen Beweis, sagt er (ich folge hier Wohlwill), läßt sich durch den Augenschein in glaubwürdiger Weise zeigen, daß zwei schwere Körper, die in großem Maße voneinander verschieden sind und gleichzeitig aus der gleichen Höhe hcrabfallen, beinahe gleichzeitig unten ankommen, so daß nur ein kleiner Unterschied in bezug auf die Zeiten stattfindet. Gegenüber dem zweiten Punkt betont Philiponos und mit ihm in ähnlicher Weise Benedetti folgendes:

Die Luft ist bei der Bewegung durchaus kein Antriebsmittel, sondern ein bloßes Hindernis. Im leeren Raum ist also keineswegs, wie Aristoteles behauptet, die Fallgeschwindigkeit unendlich groß. Hier tritt besonders erstaunlich eine ziemlich klare Vorstellung vom Trägheitsbegriff zutage. Die Bewegung, sagt Philiponos, dauert so lange, bis die abgegebene Kraft zu Ende ist.

Benedetti war ein frühreifes Genie, er war überdies ein Autodidakt und man darf schon aus dem letzteren Grunde glauben, daß er mehr geleistet hat, als nur den Philiponos abzuschreiben. Mit 23 Jahren veröffentlichte er 1553 eine kleine Schrift: „Demonstration gegen Aristoteles und alle Philosophen“, von der man nur sagen kann, daß sie auf einem viel höheren Niveau steht, als das was Galilei noch mit 30 Jahren dachte. Benedetti fügt den Überlegungen des Philiponos noch jene Gedanken hinzu, die sich auf das archimedische Prinzip beziehen. Er betrachtet also, wie man heute sagen würde, als treibende Kraft der Bewegung nicht schlechthin das Gewicht, sondern das um den Auftrieb verminderte Gewicht. Immerhin kommt er auch noch nicht zu jenem endgültigen richtigen Satz, daß alle Körper gleich schnell fallen, den Galilei als 42 jähriger Mann mehr als ein halbes Jahrhundert später findet. Bei Benedetti wie bei Galilei findet sich die dem heutigen Denken ganz fremde Anschauung, daß die einem Körper mitgeteilte Bewegung von Natur aus und ohne irgendein weiteres Hinzutun abklinge.

Benedetti ist, soviel mir bekannt, der erste der den Fall eines Körpers durch einen Schacht bis zu den Antipoden hindurch bespricht. Er kommt ganz richtig auf die pendelnde Bewegung, weiß aber natürlich von der östlichen Abweichung noch nichts. Galilei war solchen Spekulationen durchaus abgeneigt. Diese Pendelbewegung hängt übrigens physikalisch eng mit der planetarischen Bewegung zusammen. Man kann beweisen, daß die Schwingungsdauer ebenso groß ist wie die Umlaufszeit eines an der Oberfläche kreisenden Trabanten.

Für die Erde beträgt diese Zeit lh 23m, natürlich bei Außerachtlassung des Luftwiderstandes und der Rotation. Für die Sonne ist diese Zeit 6h 40m und dies wäre also die kürzeste mögliche Umlaufsdauer eines Planeten in unserem Sonnensystem. Benedettis Schüler Bali hielt 1619 gegenüber Galilei, der die Kometen als Lichterscheinungen an irdischen Dünsten auffaßte, die Annahme für diskutabel, daß es sich um ähnliche Körper wie die Planeten handle. Derselbe Baliani war es auch, der den Satz von der Trägheit klarer ausgesprochen hat, als es Galilei 1638 möglich war. Freilich war er dabei von dem Florentiner Mathematiker geleitet, aber immerhin darf als sicher betrachtet werden, daß auch ohne Galilei die Schule des Benedetti die Mechanik sehr gefördert hätte.

Die einzelnen Abschnitte:
Galileo Galilei
Das erwachende Europa in der Zeit vor Galilei.
Einzelbilder aus der vorgalieischen Zeit.
Galileis Werdegang
Galileis Zeitgenossen
Galileon Galilei : Die Sonnenflecken
Verbot des Heliozentrischen Systems.
Kepler und Galilei im Vorhof des Gravitationsgesetzes.
Galileo Galilei : Die Kometen des Jahres 1618.
Galileo Galilei letzte Lebensjahre.
Galileo Galilei : Der Prozeß.

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