El Ghazi Kemal Pascha

Die Jahrhunderte alte Eifersucht zwischen England und Frankreich, die nur ungefähr 40 Jahre lang geruht hatte, hat ihren neuen Kristallisationskern gefunden. Nach der Niederlage der Mittelmächte Europas scheint nun die Zersetzung der siegreichen Staaten ebenfalls zu beginnen. Die strategisch, ökonomisch und politisch vielleicht wichtigste Stelle der aussereuropäischen politischen Kombination ist die Türkei bezw. ihr altes und noch jetzt von ihr gehaltenes Gebiet, eine Ländermasse, durch die die längst geplante Algier-Port-Said-Sudan Bahn führen soll, zu der alle anderen, bis jetzt vor handenen Bahnen, die Kap-Kairo, Hedschas-, Libanon-, Bagdad-Bahn nur Zubringerbahnen sein werden.

Palästina, Anatolien, Syrien und die Küste des Marmara-Meeres sind Schlüssel-, Deckungs- und Sicherungspunkte zum Ausbau dieses Systems. England setzte sich nach dem Waffenstillstand mit einem grossen Uebergewicht an Machtmitteln in Konstantinopel fest, auf diese Weise die Dardanellen und den Bosporus beherrschend und gegen Sowjet-Russland eine Barre errichtend, das nun den Weg zu einer Verbindung RusslandTürkei versperrt fand. Mittlerweile war es aber für Russland doch möglich, selbst auf dem Umweg über die neuen, den Weg ebenfalls versperrenden Kaukasus-Staaten, wie Georgien usw. eine aktive Unterstützung der Türkei herzustellen, wodurch gleichzeitig deren Durchtränkung mit bolschewistischen Ideen vorbereitet wird.

Auf diese Weise findet heute eine Bedrohung der westeuropäischen Kultur statt. Da aber Frankreich ebenfalls bestrebt ist, das Gebiet dieser Drei-Erdteil-Ecke an sich zu reissen, so unterstützte es die sich gegen den Friedensvertrag von Sevres auflehnende Angora-Türkei ebenfalls mit Kriegsmaterial, um die englische Politik zur Bescheidenheit zu zwingen und gleichzeitig von Syrien aus, wo sein Einfluss von jeher sehr stark war, seine Machtsphäre zu vergrössem und sich selbst in das Erdteilverbindende-Bahnnetzgebiet hineinzuschieben.

Und der türtische Führer Kemal Pascha siegte und damit siegte auch die französische Politik m Orient. Es ist nun nur eine Frage der Weiterentwickelung dieser Dinge, ob England und Frankreich eines Tages ebenso aneinander geraten werden, wie Deutschland nit England zum Teil nur der Bagdadbahn wegen aneinandergeriet. In diesem Falle vürde die Türkei wahrscheinlich verstärkt und vergrössert wieder erstehen, gleichzeitig vürde die Bolschewisierung der Welt grosse Fortschritte machen, denn die Türkei und Russland hätten wieder gemeinsame Grenzen. Und was bolschewistische Ideen am mittelländischen Meer mit seinem so regen Verkehr bedeuten, vermag man sich leicht vorzustellen, ebenso eine Ausbreitung des Sovjetgedankens am Persischen Golf auf der Strecke nach Indien. Es wäre der Anfang vom Ende Europas, ein Ende, an dem Russland das grösste Interesse hätte.

Der wahrscheinliche Wegbahner dieser Entwickelung am Mittelländischen Meer und eventuell am Persischen Golf und an der indischen Grenze ist Kemal Pascha, eine Willensnatur konzentriertester Art. Es ist möglich, dass er die eben geschilderte Epoche einleitet oder erst möglich macht, und dass die Weltgeschichte ihn einmal zu den ganz Grossen zählt, die nicht nur eine Epoche schufen, sondern sie auch mit ihrem Geiste zu füllen vermochten. Das Genie ist oft weniger genial als mutig, und die Furchtlosigkeit, Konsequenzen zu ziehen, da, wo es nötig ist, ist oft allein ausschlaggebend zur Erreichung bestimmter Ziele, die die Welt für eine zeitlang anders orientieren. Beim Willens- und beim Tatmenschen kommt es weniger auf den Weg, als auf das Ziel an, wenn auch berücksichtigt werden muss, dass der, der den Weg nicht kennt, nicht zum Ziele kommen kann. Und festgefügt scheinende Zustände werden vom Willensmenschen nach seinen Wünschen zur Einleitung der neuen Epoche geändert.

Dieser eigene Wunsch des Willensmenschen kann dem einer grossen Gemeinschaft, in der er sich bewegt, nicht entgegengesetzt sein. Was seine Brust bewegt, bewegt auch die der Umwelt um ihn, die ihm Gefolgschaft leistet, weil er von Anfang an mit einem Mehr zu ihr kam: einem Mehr an Wissen, an Kombinationskraft, an Erfahrung und nicht zu allerletzt an Erfolgen aus früherer Zeit. Eine solche Natur ist Kemal Pascha. Auf ihn blickt heute die Türkei und vielleicht der ganze Islam mit hoffenden Augen, und er trägt bereits den Ehren-und Beinamen „El Ghazi“, der Sieger.

Der Weltkrieg ist noch lange nicht zu Ende. Auf Kosten der besiegten Staaten wollten sich alle siegreichen Länder die grösstmöglichen Vorteile verschaffen. Und es scheint gar kein Witz der Weltgeschichte zu sein, sondern blutiger Hohn, dass Europa, das heute schon keinen einheitlichen Begriff mehr darstellt, auch als Kraftreservoir im ganzen verwundbar geworden ist und von aussen her gestürzt werden kann, nachdem die Zersetzungserscheinungen im Innern, wie falsche Grenzziehungen, künstliche Herstellung der Hungersnöten durch Geldentwertung rasend schnelle Fortschritte gemacht haben.

Und Kemal Pascha, der heutige türkische Volksheld, besiegte die Griechen, die England vorschob, den französischen Einfluss in Anatolien und Syrien zu paralysieren. Er besiegte damit England selbst, bietet Europa Trotz, hat die Kraft, Friedensverträge umzustossen, Bedingungen aufzustellen und sich mit Russland offen zu verbünden.

Kemal Pascha ist heute 50 Jahre alt. Seine Wiege stand in Saloniki, dem geistigen Unruhe- und Neuschöpfungsherde der Türkei. Er machte den „Verfassungsfeldzug“ gegen den verfassungsfeindlichen Sultan Abdul Hamid mit, war eine der Hauptstützen beim Wiederaufbau der Türkei nach dem Balkankriege 1912, und sowohl als Vorwaltungsbeamter wie als Soldat gleich gut verwendbar. Alles in Anatolien bejbelt ihm heute zu und sieht in ihm seinen Abgott.

Was an dem Kopf des türkischen Führers zuerst ins Auge fällt, sind siechende blaue Augen, die alles zu durchdringen scheinen,, blondes Haar und ein kleiner, ganz kurz geschnittener Schnurrbart. Kemal ist ein Mann von mittlerer Grösse. Gewöhnlich trägt er keine Uniform, sondern einen Sportanzug im englischen Stil, dicke Kniestrümpfe und auf dem Haupt einen auffallend grossen „Kalpak“ aus Astrachanpelz. Seine Befehle werden blindlings befolgt. Er regiert das Land mit eiserner Hand, die jedoch in einem Sammethandschuh steckt.

Alles geht ruhig und glatt. Sein Wille ist Gesetz. Er spricht wenig, es sei denn, dass man auf ein Thema kommt, das ihn interessiert. Unermüdlich fleissig, arbeitet er eigentlich ohne Unterbrechung, er versteht die europäischen Verhältnisse bis in alle Einzelheiten, was um so auffälliger ist, als er nur eine rein militärische Ausbildung erhalten hat, nämlich auf der Kriegsschule in Konstantinopel. Er machte den Tripolisfeldzug mit. Seine beste Leistung war jedoch die Verteidigung von Gallipoli, die Liman von Sanders veranlasste dem jungen General das Kommando einer Armee anzuvertrauen.

Nachher war er an der Front in Palästina, wo er aber gegen die gewaltige Uebermacht der Feinde nichts ausrichten konnte. Nach dem Waffenstillstand war er Generalinspektor der türkischen Armee in Kleinasien. Als die Alliierten Konstantinopel besetzten, rief er sein Volk zu den Waffen. Kemal ist ein Patriot reinsten Wassers. Er hat nur ein Ziel: Freiheit und Unabhängigkeit, die Türkei für die Türken. Er will Frieden, aber nur einen ehrenvollen Frieden, dessen er sich nicht zu schämen braucht.

Siehe auch:
Vergesst die deutsche Sprache nicht!
Schwarze Schande-Weisse Schmach
Pommern – das Land am Meer
Was ist des Deutschen Vaterland?
Bismarck und seine Hunde
Die neuen Reichsmünzen
Paul von Hindenburg
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Gedanken über die Zukunft des Deutschtums in Amerika
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
Deutschland und der Weltfriede
Vaterland vor der Wiedergeburt
Das Schicksal der deutschen Kolonien
Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
Krupp-Werk in Friedens-Arbeit
Die Wolkenburgen der neuen Welt
Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit
Jerusalem die Heilige Stadt
Die Schwarzen Truppen in Deutschland
Schiffsmodelle als Zimmerschmuck
„Bismarck“-„Majestic“- der Meeresriese
Quer durch das neue Deutschland
Quer durch das neue Deutschland II
Quer durch das neue Deutschland III
Klein-Amerika in Ostpreussen
Die Hallo-Mädchen
Nach Palästina
Eine Hamburger Überseewoche
Kinder aufs Land
August Thyssen-Der Senior der Grubenbarone
Deutsche Wolkenkratzer
Wachaufahrt
Das Deutsche Haus in St. Paul – Ein Denkmal deutschen Strebens
Die Briefmarke einst und jetzt
Deutschlands grösster Dampfer
Schweres Schiffsunglück in Hamburg
Das deutsche Ausland-Institut zu Stuttgart
Die oberschlesische Tragödie
Die Deutschen Kampfspiele
Der Kampf um Memel
die Lüge als Fundament, von Versailles bis Haag
Die „Weise Frau“
Das Telephon, sein Erfinder und sein Verbesserer
Salzburg, die Mozartstadt
Das erste deutsche Arbeiter-Turn- und Sportfest in Leipzig
Alte Sitten in der Schweiz
Berliner Hoch-und Untergrundbahn
Die ersten Deutschen in Südamerika
Das neue grosse Mannheimer Krankenhaus
Berliner Wohnungselend
Die deutschen Schuster amerikanischer Präsidenten
vom Münchener Oktoberfest
Die „Matrosenfabrik“ auf Waltershof
Segler der Lüfte
Ein Wettrennen im Draht-Telegraphen-Wettstreit-International
Die Mutter der Teddy-Bären
Ein deutsches Spielzeug
Zentrale „China“
Die Wahrheit über die Rote Armee
Stuttgarts neuer Bahnhof und seine Umgebung