Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Einleitung

Vergleichende Betrachtung der bildenen Künste

Band I

ERSTES BUCH

DER KAMPF UM DIE MALEREI

Es gibt wieder mal etwas Neues, wir haben wieder mal eine neue Kunst, etwa die einundzwanzigste seit Achtzehnhundert, wenn man nur die Hauptströmungen rechnet. Um sich unseren ausgearbeiteten Sinnen bemerkbar zu machen, waren besondere Dinge nötig, es bedurfte energischer Reize, um uns aus dem gewissen schlummerhaften Interesse wachzurütteln, mit dem wir seit zwanzig Jahren nachgerade jede neue Richtung pflichtschuldigst zu begrüßen gewohnt sind.

Die letzte hat einen Kniff für sich: sie „kommt“ nicht wie die andern alle, sie nötigt nicht zum mehr oder weniger versteckten Futurum; sie ist da, im Indikativ Präsens. Sie ist so schnell gekommen, daß man nicht mal ein Schlagwort für sie finden konnte, sie hat nicht mal einen Namen, und merkwürdigerweise ist sie doch überall bekannt. Schon darum muß sie mehr sein als eine Modesache, etwas anderes auch als eine der vielen Richtungen, eines der vielen Parteiprogramme, deren Aufglühen und Abglühen die Welt zusah, ohne aus den Angeln zu kommen, und von deren Wichtigkeit sich der bedauerliche Bürger nie zu überzeugen vermochte. Sie ist wichtig, weil sie in der Tat die Welt verändert, das, was uns als Welt erscheint, die Straße, das Haus, das Zimmer. Sie greift frech in die private Allheimlichkeit hinein, reißt die scheußliche aber gewohnte Rokokotapete von den Wänden, nimmt dem Familienvater den Renaissancestuhl unter dem Leibe fort, auf dem er seit 1870—71 friedlich gesessen, entzieht ihm den persisch-slowakisch-slavonischen Teppich, der seine Pantoffeln wärmte, und gibt dafür neue Dinge; Dinge, die durchaus nicht zu den alten gemütlichen Erbstücken passen, die auf einmal alles auf den Kopf stellen, Ausgaben verlangen an Geld, Verstand, Zeit und wer weiß was, aber die auf einmal da sind wie selbstverständlich, da sein müssen. Es spielt eine gewisse unwiderstehliche Notwendigkeit dabei mit. Diese moderne Bewegung ist nicht in den Ateliers und nicht an dem Tische des zukunftschwangeren Kritikers entstanden, und sie setzt sich auf andere Weise durch als die mehr oder weniger bestimmten Postulate der Zunft. Sie ist eine Forderung der Zeit, wägbarer, rein materieller Verhältnisse, und die Notwendigkeit, aus der sie folgt, ist mit jener deutlicheren verwandt, die den Fortschritt der unserer Zeit eigentümlichen äußeren Wertfaktoren diktierte. Wie sich in all den Wissenschaften, deren Anwendung für unser Leben praktischen Wert besitzt, von einem gegebenen Zustand aus Erweiterungen nach ganz bestimmten Richtungen hin folgern lassen; wie man bei der Erfindung der Lokomotive, der Photographie, des elektrischen Lichtes, bei der Entdeckung der Bazillen und der vielen wichtigen Theorien, die unsere Physik und Chemie in unserer Zeit bereichert haben, auf tausenderlei Umgestaltungen unseres öffentlichen und privaten Lebens schließen konnte, deren Vollzug nur eine Frage der Zeit war und ist, und die nicht nur die materielle Grundlage unseres Daseins, sondern auch alle wichtigen idealen Faktoren des Lebens verändern: so mußte sich auch schließlich einmal in der Kunst diese neue Zeit unmittelbar ausdrücken. Man sprach schon lange von einer modernen Kunst, seit einem Jahrhundert etwa, und vermutlich hat man auch schon früher davon gesprochen; moderne Maler brachten moderne Gegenstände auf die Leinwand, die neue Anekdote in vielerlei Form; andere faßten den Zeitbegriff tiefer, man fing an zu begreifen, daß es nicht im Stoff allein liegen konnte, sondern im Mittel; die Anschauungsform wurde modern; der Impressionismus zeigte, wodurch sich das Auge des heutigen auszeichnet; man reinigte und verdichtete die physiologische Seite der Malerei und Skulptur bis zum äussersten. Aber das Prinzip blieb; man versuchte innerhalb des Rahmens alles, was nur denkbar war, aber man rüttelte nicht an dem Rahmen.

Und jetzt kehrt sich die Sache um. Die Zeit, die man auf so verschiedene Art zu beleben suchte, ist wach geworden; sie kommt zu den Bildern, nachdem die Bilder bisher immer vergeblich versucht haben, zu ihr zu kommen. Sie hält sich nicht mit Redensarten auf, sie diskutiert nicht, sie ist ein rohes Scheusal, gewohnt, über Leichen zu schreiten. Und sie rüttelt an dem feinen Holzrahmen des Bildes, an dem glänzenden duftigen Bau, in dem es von Farben schillert, in dem ein wunderliches Volk geheimnisvolles Wesen treibt; und an die goldene Pforte, die wie ein Heiligtum galt, pocht der sachliche, uniformierte Scherge: Aufgemacht, im Namen derZeit! — Zu erwarten wäre, daß sich alles gegen den Eindringling auflehnt, daß man, mit all den Idealen bewaffnet, die das Völkchen im Allerheiligsten bewahrt, dem Feind entgegentritt in der ganzen Hoheit der verletzten Würde. Nichts von alledem geschieht! Die Tür öffnet sich, wie sich jede Tür öffnet, und ganz ohne dramatische Momente vollzieht sich eine Wendung, die der künstlerischen Entwicklung in unserer Zeit, ja unserer ganzen Kultur eine neue Richtung gibt.

Diese Wendung scheint uns eingehende ästhetische Betrachtung zu verdienen. Nicht was sie bringt. Was die moderne dekorative Bewegung bisher gegeben hat, sind größtenteils Hoffnungen, und sie bedürfen keiner literarischen Bestätigung. Wir finden im Gegenteil, daß man schon zu viel Wesens mit einer Sache treibt, die noch kaum geboren ist und stiller, ernstester Arbeit an sich selbst, weniger der großen Propaganda bedarf, die in bester Absicht für sie gemacht wird. Es ist damit mancherlei Unheil angerichtet worden. Dem schaffenden Künstler wurde das Lob zuweilen ein wenig voreilig gespendet, und da der Ehrgeiz nicht immer in der Tiefe steckte, hielt sich mancher für vollendet, der kaum angefangen hatte. Das Publikum seinerseits nahm Spielereien für ernst; es ließ sich davon abschrecken und bildete sich an dem Stammeln des Kindes ein Urteil über die Sprache des Erwachsenen, verwarf, wo überhaupt noch nicht zu diskutieren war. Oder es kaufte diese ersten Skizzen einer neuen Kunst, die nur für den Urheber selbst von Wert waren, und verdarb sich den neuen Geschmack, anstatt ruhig zu warten, bis würdigere Bildungselemente vorhanden waren. Der Gedanke war das Schöne an der Sache, der Standpunkt, daß es in einer respektablen Kultur nicht auf die Ausbildung einzelner Luxuserscheinungen, sondern auf die Harmonie des Ganzen in erster Linie ankomme, daß es ein Nonsens sei, schöne Bilder an die Wände zu hängen und die Wände selbst und alles übrige vollkommen zu vernachlässigen. Man merkte auf einmal den groben Gegensatz zwischen dem ungeheuren geistigen und materiellen Aufwand für die schönen Künste, die durchaus nicht von allen schön, ja nicht einmal interessant befunden und von den wenigsten verstanden wurden, und dem Niedergang der Architektur und aller Gewerbe, der rohen Geschmacklosigkeit des ganzen Volkes.

Die Fehler, die in dieser Ueberhastung begangen wurden, sind nicht zu bedauern, denn sie waren nicht zu ändern. Sie sind die unvermeidliche Folge aller Revolutionen; es war nötig, daß die Notwendigkeit einer Aenderung der Masse ins Bewußtsein drang; es mußten materielle Vorbedingungen geschaffen werden, wenn nicht die ganze Bewegung Theorie bleiben sollte.

Und das ist das Wundervolle an ihr: die Schnelligkeit, mit der man vorging, der Mangel alles Theoretisierens, während der Kult der reinen Künste zu einer papiernen Masse, zu einem Wust von Literatur, einem Sprungbrett für die possierlichsten Uebungen des literarischen und bürgerlichen Größenwahnsinns und Protzentums geworden war. Etwas Reines steckte darin, sehr viel Gesundes, vor allem etwas ganz und gar Modernes, und darüber übersah man, was unrein, ungesund und unmodern daran blieb.

Auch wir wollen uns hier nicht mit dieser Scheidung aufhalten und die üble Arbeit des kritischen Nachrichters üben, der, da er hier mit dem Beile nicht arbeiten darf, wenigstens mit der Elle nachweist, daß die Begeisterung im Einzelnen um so und so viel zu weit ging.

Was wir möchten, wäre, der Begeisterung Tiefe geben, daß sie aushält und mächtig wird. Harmonie war die grosse Losung, die den Künstler aller Länder begeisterte. Daran wollen wir uns halten und versuchen, neue Harmonien nicht zu schaffen, sondern zu zeigen; vor allem die eine, den Zusammenhang der Künste mit dem Leben. Denn dieser war es ja, der verloren zu gehen drohte.

Es wäre unserer Kultur nicht damit gedient, wenn die Einsicht in den Irrtum, alle unsere künstlerischen Bedürfnisse in der Malerei und Skulptur auf Kosten des Übrigen zu konzentrieren, lediglich dahin zielte, die Bilder und Skulpturen zu verringern. Wir haben uns selbst im Anfang, als es galt, den Zögernden Mut zu schaffen, zu dem gefährlichen Ruf hinreißen lassen: Weg mit den Bildern. Es handelt sich darum, festzustellen, wie das gemeint ist.

Ob es erstrebenswert ist, zu der bilderlosen Zeit zurückzukehren, ist nicht ganz leicht zu entscheiden; ob es jemals dazu kommt, diese Frage scheint uns an sich des Interesses zu entbehren. Worauf es jedenfalls ankommt, ist, die künstlerischen Güter zu behalten, die wir bisher auf dem Wege der Bilderkunst empfangen haben. Dies heischt der Selbsterhaltungstrieb aller auf Oekonomik gerichteten Kultur. Aber zweifellos kann das Ziel einer vernünftigen Kultur nicht lediglich in der Ausbildung einzelner Luxuserscheinungen gipfeln, ja man kann so weit gehen, lieber einzelne Höhepunkte auszuschließen, wenn dadurch das Gesamtniveau gesteigert werden kann. Eine Kunst, die prinzipiell nur für wenige da ist, ist dem Verfall bestimmt.

Aber hier heißt es, klären und scheiden; bevor wir wenden, erkennen, wo wir waren. Wir behaupten, daß es kein Zufall ist, der den Gang der Kulturen bestimmt, daß die Reaktion, die wir jetzt erleben, genau die Momente finden mußte, aus denen sie entstand: die einseitige Entwicklung der Malerei, die einseitige Entwicklung unserer Ästhetik, um eine anderseitige, eine vielseitige Wendung, wie sie uns hoffentlich bevorsteht, zu vollbringen, und daß in dieser sich die Kostbarkeiten jener wiederfinden müssen, daß nichts umsonst ist, was jemals der erleuchtete Geist erschaffen hat.

Daraus muß eine neue Kunstgeschichte werden, die mehr von Aesthetik handelt, als von Kunst, mehr nach Kultur trachtet, als nach Malwissenschaft, die den Sehwinkel weiter faßt als bisher. Eine wundervolle Aufgabe, denn sie wird dem neuen Menschen dienen, dem Kind dieses jungen Jahrhunderts, das wir schon heute in tausend Hoffnungen wiegen, dem klaren Lichtmenschen, der das besitzen wird, um das wir überall kämpfen. Die Aufgabe ist für uns viel zu schwer; wir sehen noch nicht, wir ahnen und wünschen nur. Daher kann es sich in diesen flüchtigen Aufzeichnungen nur um Tastversuche handeln, um Andeutungen von Zusammenhängen, die uns besonders wertvoll für neue Aufgaben erscheinen. Es ist unvermeidlich, dass unsern schwachen Mitteln vieles entgehen wird, aber wir streben auch nichts weniger als Wissenschaft an. Es ist mehr an eine Art Gymnastik gedacht, die den Leser nicht lehren soll, ebenso zu empfinden, sondern überhaupt zu empfinden.

Es mag zweifelhaft sein, ob unsere Bilderkunst bleibenden Wert hat; was aber ganz bestimmt nicht bleibt, sind unsere Bildergeschichten. Unsere kultivierteren Nachkommen werden für ihre Beziehungen zur Kunst keine Wissenschaft brauchen; ja sie werden in unseren Kunstgeschichten Hokuspokus und Profanien sehen und den Professor dieser Wissenschaft für so etwas wie den Medizinmann der Indianer halten. Man wird die Kunst erst lieben, wenn man nicht mehr von ihr spricht, wenn sie etwas Selbstverständliches geworden und die Beschäftigung mit ihr so mit unseren alltäglichen Bedürfnissen verwachsen sein wird, wie die Pflege unseres Körpers.

Text aus dem Buch: Entwickelungsgeschichte der modernen Kunst : vergleichende Betrachtung der bildenen Künste, als Beitrag zu einer neuen Aesthetik, Author: Meier-Graefe, Julius.

Siehe auch:
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Vorwort

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  1. […] auch: Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Vorwort Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Einleitung Die Träger der Kunst Früher und Heute Traditionen Die Entstehung des […]

    6. März 2016
  2. […] auch: Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Vorwort Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Einleitung Die Träger der Kunst Früher und Heute Traditionen Die Entstehung des Malerischen Die Blüte der […]

    6. März 2016
  3. […] auch: Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Vorwort Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Einleitung Die Träger der Kunst Früher und Heute Traditionen Die Entstehung des Malerischen Die Blüte der […]

    7. März 2016

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