Etwas aus der chinesischen Spruchweisheit

Es ist interessant, zu beobachten, wie eine ganze Reihe chinesischer Volksworte und Sinnsprüche mit solchen des Abendlandes übereinstimmen. Viele natürlich weichen wiederum von unseren Ansichten sehr ab, ja stehen vielleicht im krassesten Gegensatz zu unseren abendländischen Anschauungen und Sitten! Dies ist natürlich durch die Charakterverschiedenheit der Völkerrassen bedingt. Tatsache ist aber, dass die chinesische Spruchweisheit nicht nur mehr entwickelt ist als bei uns, sondern dass die chinesischen Sprichwörter dem Volke auch viel geläufiger sind, als dies im Abendlande der Fall ist. Es erklärt sich dies wohl ganz einfach daraus, dass erstens die Chinesen eine Jahrtausende alte Literatur besitzen, deren Studium bei ihnen im Vordergründe steht und ferner, dass es der Orientale überhaupt liebt, sich in bilderreichen Sinnsprüchen und Gleichnissen auszudrücken.

Uns unverständlich, ja oft brutal erscheinend, ist die Stellung der chinesischen Frau. Gerade dies erinnert uns daran, dass wir es mit einem heidnischen Volke zu tun haben, dem trotz einer alten hochentwickelten Kultur die Segnungen des Christentumes fremd sind. Den Platz, den der Frau bei uns das Christentum erst angewiesen hat, räumt ihr die chinesische Religion nicht im entferntesten ein! Das uns entwürdigend dünkende (was jedoch von ihr keineswegs als solches empfunden wird) — Verhältnis der chinesischen Frau kommt daher auch in vielen Sprichwörtern klar zum Ausdruck. So sagt eines, welches schon die Verlobte über ihr Los aufklärt:

„Die Familie des Bräutigams erhebt das Haupt (= befiehlt), die der Braut senkt es zur Erde nieder (= gehorcht)!“

Noch greller wird das Eheverhältnis von jenem Worte beleuchtet:

„Im Bette Mann und Frau, — ausserhalb desselben -Gäste!“

Oder:

„Stirbt der Mann, dann muss die Frau drei volle Jahre trauern; stirbt die Frau, so denkt der Mann nur 100 Tage an sie!“

Ein anderes Sprichwort sagt von ihrer Schmeichelsucht;

„Wenn der Mann auf die Stimme, die vom Kopfkissen herkommt, das erstemal auch nicht hört, so wird er doch zum zweiten Male darauf hören.“

Und von ihrer Klatschsucht heisst es:

„Des Weibes Mund kennt im Reden kein Mass“,

während man von ihrer Putzsucht sagt;

„Ein geschminktes Weib ist die Wurzel alles Uebels!“

Schliesslich werden die lieben Verwandten vom Volksmunde kurz und treffend charakterisiert;

„Verwandte in der Ferne sind wahre Verwandte; Verwandte in der Nähe — keine.“

In vielen chinesischen Sprichwörtern zeigt sich die grosse Kluft zwischen Herrschern und Beherrschten. So heisst es im Volksmunde:

„Lasset uns bei Lebzeiten den Gerichtshöfen und dem Yamen fernbleiben.“

Denn, so heisst es weiter, es kostet stets reichlich, was in folgendem ausgedrückt liegt:

„Beamte werden den, der Geschenke bringt, nie prügeln lassen “

Ein anderes sagt:

„Wo Geld vorangeht, stehen alle Tore offen“,

was besagen will, dass man gar nicht erst ins Yamen gelassen wird, wenn man nicht „schmiert“. Von der Gerechtigkeit sagt ein Wort: „Ein Mandarin hat zehn Arten, einen Prozess zu schlichten“; wie es ihm aber geht, wenn er ehrlich bleibt, drückt der Volksmund sarkastisch aus: „Ein unbestechlicher Mandarin reitet ein mageres Pferd!“

Unserem „Kleider machen Leute“ entspricht etwa „Wer Geld hat, kann öffentlich erscheinen; wer aber keine Kleider hat, darf sich nicht aus dem Hause wagen“. Und was wir ausdrücken wollen mit: „Was du dir einbrockst, musst du auch ausessen“, sagt der Chinese viel kürzer mit: „Selbst angezettelt, selbst tragen!“ Unserm „Sich mit fremden Federn schmücken“ entspricht wohl das chinesische: „Seht, Li trägt den Hut von Tschang“.

Sehr bezeichnend geisselt ein Sprichwort die Macht des Geldes:

„Hat einer Geld, so wird er um drei Generationen älter angesehen, hat er keines, dann gilt er um drei Generationen jünger.“

Oder:

„Ist einer arm, dann fragt niemand nach ihm, selbst wenn er mitten auf belebtem Markte wohnt; ist einer aber reich, so kommen die entferntesten Verwandten zu ihm, selbst, wenn er tief im Gebirge wohnt.“

Lieber den Segen des erworbenen Geldes lautet ein Spruch:

„Das im Yamen verdiente Geld vergeht so rasch wie ein Schiff. Das durch Handel verdiente Geld bleibt sechzig Jahre und das durch Ackerbau verdiente — ewig.“

Dass der chinesische Volksmund aber nicht nur seine Weisheit in kurzen Sprichwörtern ausdrückt, sondern ja auch gerne in kleine witzige Erzählungen hällt, sei mit nachfolgendem bewiesen:

„Es war einmal ein Mann, der, wenn er mit Leuten über sich und das Seinige sprach, die verächtlichsten Ausdrücke brauchte und grösste Bescheidenheit heuchelte.*) Eines Tages lud dieser Mann einen Freund zu einem Gastmahl ein. Als der Mond plötzlich hinter den Wolken hervortrat, schaute der Freund hinauf und sprach erfreut: „Ach wie schön glänzt doch heute abend der Mond!“ Da legte jener Mann, der den Freund eingeladen hatte, schnell die Hände zum Grusse zusammen und sprach: „Heissen Dank, dass Sie den Mond doch nicht gar zu verächtlich finden! Es ist ja nur — der armselige Mond über meiner elenden Hütte !“

*) Bekanntlich fordert die chinesische Höflichkeit, über alles, was sich auf den Sprechenden bezieht oder ihm gehört, nur in niederen Ausdrücken zu reden. Auf die Frage nach der „werten Herrin Gemahlin“ spricht der gebildete Chinese von „der gemeinen Hausbewohnerin“. Oder „mein verächtlicher Name ist Tschang*. „Mein vergeblich verlebtes Alter ist 60 Jahre.“ Fragt man nach dem Alter „des werten Herrn Sohn“, so bekommt man zur Antwort etwa: „Mein kleiner Hund ist 15 Jahre alt!“

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