Etwas über Kunstbesitz

Mit einem Kunstwerk, das Du ganz besitzest, wirst Du gewiß einmal in einer merkwürdigen Stunde Deines Lebens eine bedeutungsvolle geheimnisreiche Zwiesprache gehalten haben, in der Euer Beider Seelen sich klar und voll gegeneinander erschlossen. Solch eine Stunde erst gibt Deinem Besitz die letzte Weihe. Blickst Du hierauf zurück, so lächelt Dir zum Dank dafür eine kleine wohltuende Wahrheit entgegen: Dein Kunstwerk hat Dich selber zum Künstler gemacht.

Es sind ganz gewiß noch nie soviel Kunstwerke in der Welt gewesen wie heutzutage; und noch nie hat man sich so schlecht darauf verstanden, ein Kunstwerk im wahren Sinne des Wortes zu besitzen. Gekauft und verkauft wird ja genug, oder vielmehr viel zu viel. Der Kunstmarkt zeigt sich von ciner Unruhe befallen, daß jegliche Stetigkeit darüber verloren geht. Jedoch wirklich „besessen“ wird viel zu wenig. Man besitzt nur, um wieder loszuwerden; um eine günstige Konjunktur abzuwarten, bei der man seine hundert bis tausend Prozent verdienen kann. Dies ist nicht etwa bloß bei Kunsthändlern so der Fall (deren gutes Recht es ist); nein, recht häufig auch bei Kunstliebhabern und Sammlern (auf die es ein immerhin eigentümliches Licht wirft). Kurz heraus: das Kunstwerk ist heute ein Börsenpapier, mit dem man spekuliert.

Und dies sollte nicht sein. Vielleicht ist nichts so sehr imstande, das wahre und echte Kunstgewissen einer Zeit so von Grund auf zu depravieren wrie ein solcher Zustand. Ein tief beschämender Zustand, wie ich meine. Er muß mit derZeit die wahre Andacht zum Kunstwerk bis zur Hoffnungslosigkeit vernichten. Und doch nennt sich unsere Epoche, mehr eitel als stolz, ein Kunstzeitalter.

Nein, meine Herrschaften, wir werden niemals ein Kunstzeitalter haben, wenn wir es nicht wieder lernen, Kunstwerke zu „besitzen“. Es genügt nicht, daß Kunstwerke massenhaft erzeugt werden. Daß sie den Markt und die Häuser wie eine Hochflut überschwemmen. Daß sie bei mondänen Veranstaltungen, die sich Kunstausstellungen schelten lassen, zu tausenden aufmarschieren.

Daß sie in Leitartikeln, Zeitschriften, Broschüren, Monographien und kostbaren Prachtwerken taxiert, analysiert, publiziert und zelebriert werden. Daß sie überhaupt in einem nie dagewesenen Maße von sich reden machen. Dieses alles genügt nicht. Oder vielmehr, es kann in jeder Hinsicht völlig entbehrt werden. Aber Eines tut not: daß Menschen da sind, die mit einem Kunstwerke zu leben wissen. Menschen, die sich mit einem Kunstwerke bis zu liebevoller Intimität, ja bis zur Selbsthingabe durchdringen. Kurz Menschen, die einem Kunstwerk das Leben spenden.

Ein jedes Kunstwerk, das wirklich da sein soll, wird zweimal erzeugt. Einmal in der Seele seines Schöpfers. Und das andere Mal in der Seele des echten Genießers. An sich ist es ja ein totes Ding. Irgend ein Gegenstand, der nicht dazusein braucht. Ein verschleiertes Bild zu Sais. Ein harrendes Mauerblümchen. Aber dann kommt der Ritter, der es liebt; der Weise, der es enthüllt: und es fängt plötzlich an zu blühen, zu leben — dazusein. Und das ist es, was ich sagen wollte. Nur Den kann ich einen Kunstbesitzer nennen, der ein Kunstwerk als solch ein verliebter Liebhaber sein eigen heißt. Der ihm einen Teil seiner Seele schenkt und dafür des Kunstwerks Seele zurück empfängt. Der derart innig mit einem Kunstwerke vermählt ist, daß er eine spekulative Entäußerung desselben als Schmach und Treubruch empfinden würde. Gibt es solche Leute heutzutage noch? Ich fürchte, sie sind zu zählen.

So ist also der echte Kunstbesitzer nicht in erster Linie ein Sammler. Vielleicht sind sogar Sammler die schlechtesten Kunstbesitzer. Im günstigsten Falle sind sie ihre eigenen Galeriedirektoren, Beamte und Verwalter ihrer auf* gestapelten Sammlungen, die für sie ein Prunkobjekt sind. Ganz andere Gesichtspunkte werden leitend als die der Liebe zum einzelnen Kunstwerk. Etwa der Wunsch nach irgendwelcher Vollständigkeit. Man will z. B. die wichtigsten und namhaftesten altniederländischen Meister des 15. Jahrhunderts in Probestücken beisammen haben. Oder man will sämtliche Kupferstiche Dürers, möglichst in „erstklassigen “ Exemplaren und Zuständen, bei sich vereinigen. Oder man legt Wert darauf, sei es Meißener Porzellane oder sonst irgendwelche Produkte eines lokalen Kunstfleißes in solcher Menge zusammenzubringen, daß man rivalisierenden Sammlungen immer um ein paar Dutzend oder hundert Nummern vorausbleibt.

Ich wüßte nicht, wodurch sich derlei Sammler etwa von Rennstallbesitzern unterschieden. Höchstens, daß der Rennstallbesitzer, weil er für lebende Wesen verantwortlich ist, mehr „Herz“ haben muß als der Magazinierer toter Kunstnummern. — Im allgemeinen kann man, was den Sammler angeht, sagen : je kleiner die Sammlung, desto großer die Möglichkeit echten Kunstbesitzes; je umfangreicher, museumsähnlicher, desto hoffnungsloser. Und ferner dünkt mich irgend ein närrischer Kauz und Sonderling, der sich alte Schwarten zusammenkauft und selig darauf schwört, es seienlauter Rembrandts und Rubens, lieber und verehrungsw ürdiger als ein millionenreicher Großkaufherr, der sich seine „Erwerbungen“ für teueres Geld von den ersten Kunstautoritäten auf ihre Echtheit untersuchen und bestätigen läßt und sie dann irgendwohin an die Wand hängt, um die Bilder kaum je wieder anzublicken.

Mag der Erstere eine komische Figur sein, ein verblendeter Tor und nichts weniger als ein Kunstverständiger, so besitzt er doch immer die Gnade der Liebe, die für sein intimes Empfinden Wunder herbeizaubert und Rauschzustände schafft. Der Andere aber, mag er auch seine Kennerschaft amtlich bescheinigt erhalten und rigoros jedes Falsum oder auch bloß Dubiosum von seiner Schwelle weisen oder ausmerzen, er bleibt doch ewig ein draußenstehender Banause, der zur Kunst nicht die geringsten Beziehungen hat, weil er Kunst nicht in sich zu erleben versteht.

Es kommt also jedenfalls garnicht auf die Massenhaftigkeit, ja nicht einmal auf die Kostbarkeit des Kunstbesitzes an, damit unsere Kulturforderung erfüllt werde, sondern lediglich auf die innere Beziehung zwischen Besitzer und Kunstwerk. Natürlicherweise wird diese Beziehungum so wertvoller, je gewiegter und tiefer das ästhetische Urteil ist, durch das sie hergestellt wurde. Lind zweifellos kann die Fähigkeit zu künstlerischem Erleben bis ins Ungeahnte wachsen, wenn Jemand das unermeßliche Glück hat, ein wahrhaft großes Kunstwerk sein eigen zu nennen, und hierdurch dessen täglichen Umganges gewürdigt zu werden.

Überhaupt ist es wichtig und für Besitzer von kaum berechenbarem Vorteil, sich von Kunstwerken erziehen zu lassen. Welcher Weg einer gewaltigen Läuterung, wenn jemand durch tägliche, intime Andacht und Betrachtung von einem Kunstwerk derart empor-geführt wird, daß er die anfängliche bloß dumpfe Neigung langsam überwindet und zurückläßt und sich aus dem Reiche ahnenden Instinktes zu der seltenen Höhe vollkommenen und idealen Begreifens und hierdurch einer abgeklärten Kunstliebe erhebt. Aber selbstverständlich kann es, schon aus materiellen Gründen, nur den Allerwenigsten beschieden sein, an der Hand eines zu eigen gewordenen Meisterwerkes solch dantischen Weg emporzuwandeln und ganz in die und hierdurch schön. Es wird nie im Wege stehen, noch das Auge beleidigen. Es wird vielmehr, wenn es nicht mehr als ein unentbehrliches Alltagsgerät ist, durch taktvolle Unauffälligkeit sich unterordnen und den Raum freimachen für die Wirkung wirklich wertvollen und künstlerischen Besitzes. Dieser darf ins Auge fallen und soll es sogar. Er hat das Recht und die Aufgabe , einem in sich geschlossenen und harmonischen Raum den edleren und stärkeren Akzent zu verleihen. Er soll den Mittelpunkt bilden, auf dem unser Auge ruht, an dem unser Sinn sich ergötzt.

Vor allem aber sollte jeglicher Kunstbesitz so gewählt sein, daß ein feiner Menschenkenner, der durch die Wohnung ginge, aus dem Schmuck der Wände und der rhythmischen Anordnung der Räume bündige und sichere Rückschlüsse auf die Charakterart der Bewohner ziehen könnte. Dabei wird ein individuell gewähltes Kunstwerk dennoch niemals indiskret wirken oder durch plumpe Deutlichkeit verletzen.

Denn es wird von den inneren Beziehungen zu den Bewohnern nie mehr verraten, als was eine feingestimmte Seele zu ahnen vermag. Kunstwerke plaudern nicht aus, sondern verbreiten eine seelische Atmosphäre, eine Atmosphäre von harmonischer Wohlgestimmtheit, an der teilzunehmen man jeden feineren Besucher ein-laden darf. IhrLetztes und Feinstes aber werden sie stets nur uns selber verraten — dann nämlich, wann wir in Wahrheit uns rühmen dürfen, ihre echten und seelisch verbundenen Besitzer zu sein. Mit einem Kunstwerk, das Du ganz besitzest, wirst Du gewiß einmal in einer merkwürdigen Stunde Deines Lebens eine bedeutungsvolle geheimnisreiche Zwiesprache gehalten haben, in der Euer Beider Seelen sich klar und voll gegeneinander erschlossen. Solch eine Stunde erst gibt Deinem Besitz die letzte Weihe. Blickst Du hierauf zurück, so lächelt Dir zum Dank dafür eine kleine wohltuende Wahrheit entgegen: Dein Kunstwerk hat Dich selber zum Künstler gemacht.

F.S.

Bildverzeichnis:
Erich Erler-Tulpengarten
Hans Unger-Eisläuferin
Hans Unger-Spanisches Mädchen
Hans Unger-Theben
Walter Püttner-Blumen
Walter Püttner-Gemälde

Siehe auch:
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Krieger-Denkmäler
Lebenswerte der Kunst
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem
Quellen des Behagens
Sascha Schneider-Bildhauer und Maler
Die Wiener Plastik und Malerei
Vom Vorstellen und Gestalten des Kunstwerks
Anton Hanak-Bildhauer
Hermann Geibel-Bildhauer
Ausstellung Richard Teschner-Wien 1920
Gaston Béguin