Europa und die Ostasiatische Kunst

„Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“ Dies Wort, das Goethe vor rund hundert Jahren in seinem West-Östlichen Divan schrieb, und bei dem er an die Kulturbeziehungen des nahen Orients dachte, will allmählich auch für den Kulturausgleich zwischen Europa und dem fernen Orient, der China, Japan und Indien umfaßt, Geltung gewinnen. Es hat lange gedauert, bis die europäischen Künstler und Kunstliebhaber erkannten, welche Werte der ferne Osten seit Jahrtausenden aufgespeichert hat, und es hat vielleicht der Wendung unseres eigenen Schaffens zum Expressionismus bedurft, um uns den ganzen Reichtum jener Kunst zu enthüllen, die nie um der Naturtreue willen den Willen zum Stil verleugnete. Nun wir ihn kennen und wissen, wieviel wir von Ostasien lernen können, darf uns natürlich die Verfeindung mit Japan, die von diesem gewollt ward, und mit China, das zur Gegnerschaft mit uns gezwungen wurde, nicht abhalten, das Schöne zu heben und zu verehren.

Schon das achtzehnte Jahrhundert beschäftigte sich eine geraume Zeit voll lebhafter Anteilnahme mit ostasiatischer oder wenigstens mit chinesischer Kunst. Allein es war fast ausschließlich das Kunstgewerbe, was entzückte und reizte. Wurde doch auch nicht mehr in Europa bekannt. Jenem technisch so glänzend veranlagten Zeitalter, das den Luxus über alles liebte, und dem die Feinheit der künstlerischen Kultur innerstes Bedürfen war, wurde das chine-sischePorzellan mit seinem vollkommen schönen Material, seinem Formenreichtum und seinem köstlichen Dekor eine Offenbarung.

Ihr danken wir die Blüte des europäischen Porzellans. Allein um ein tieferes Verständnis des ostasiatischen Schaffens, um ein Kennenlernen der großen Kunst Chinas mühte man sich nicht. Man verwendete, was man brauchen konnte, und faßte die „Chinoiserien“ als Spiel, als Mode auf. Der Klassizismus mit seiner einseitigen Hinneigung zu der Kunst des klassischen Altertums verlegte der ostasiatischen Kunst dann weiterhin den Weg zur europäischen Kunst. —

Erst in den Tagen des Impressionismus, als die Handelsbeziehungen mit Japan lebhafter wurden, und als dieses Reich sich anschickte, seine alte Kultur gegen die unsere umzutauschen, wandte man sich aufs neue Ostasien zu. Diesmal aber war es zunächst nicht China, das uralte große Stammland östlicher Kunst, sondern das leichter zugängliche, gefälligere Japan, aus dem man frische Anregungen bezog. — Pariser Künstler aus dem Kreise Manets und Degas’ waren die ersten, die japanische Holzschnitte sammelten und in eifrigster Bewunderung studierten.

Dabei geschah etwas Seltsames. Was zunächst sosehr an den Schöpfungen des Ostens entzückte, war die Schärfe der Naturbeobachtung, mit der die europäische denWett-bewerb nicht aufnehmen zukönnenschien.

Allein sie ist nicht das Wichtigste. Die Sicherheit der Stilgebung, der organische Aufbau der Formen, die Vollendung des Kunstwerks zu einer kleinen , in sich geschlossenen Welt sind es, die der ostasiatischen Kunst vor allem ihre starke Wirkung verbürgen. Sie lernte man gleichsam nur unter der Hand kennen.

Nachdem man sie aber einmal erfaßt hatte, gab man sich ganz dem neuentdeckten Zauber hin. Man studierte die Linienführung , spürte ihrem Rhythmus nach, achtete auf die Verteilung der Massen, auf das Spiel der Farben, und nicht zuletzt auf die Art, wie das Geistige, das der Künstler aus-drücken wollte, zu völligem Aufgehen in der Form gezwungen ward. — Und wiederum machte man eine schwerwiegende Entdeckung. Je tiefer man sich in das Kunstschaffen des fernen Ostens versenkte, desto mehr verschob sich das ursprüngliche Werturteil. Die Maler und Kunstliebhaber Europas hatten sich zuerst auf die japanischen Holzschnitte und kunstgewerblichen Erzeugnisse geworfen. Bald aber merkten sie staunend, daß die bewunderten Kunstfertigkeiten aus dem Lande des Mikado verblaßten vor den Werken, die China, das weite Reich, das sich freiwillig vor aller Welt absperrte, hervorgebracht hatte.

Die chinesische Kunst ist Kunst aus ersterl land. Jene des Inselreichs ist — mit Ausnahme der frühen — abgeleitete und dankt ihr Bestes dem großen Nachbarauf dem Festland, der freilich längst sich an dem ererbten Besitze genügen ließ, instinktiv vor der Berührung mit der europäischen Kultur zurückschreckte und mühsam aufgespürt werden mußte, indessen Japan, die kommende Weltmacht,alle Tore den technischen und materiellen Fortschritten des Westens öffnete, um mit ihrer Hilfe zu herrschen. Wir haben hier eine ganz ähnliche Erscheinung vor uns wie bei der Neuentdeckung und Wiederbelebung der antiken Kunstkultur in den Zeitaltern der Renaissance und desKlassizismus. Während damals aber fast vier Jahrhunderte vergingen , bis man die originale Kunst der Griechen scheiden lernte von der gröberen, abhängigen Kunst der Römer, vollzog sich hier der Umschwung binnen weniger Jahrzehnte. Zugleich machte man die Erfahrung, daß vor allem in China, aber auch in Indien, Siam, weniger wohl in Japan, eine große, monumentale Kunst geherrscht hatte, und wandte sich immer mehr ab von der einseitigen Bewunderung lediglich der kunstgewerblichen Leistungen, ohne diese freilich darum geringer zu schätzen.

Hatte man noch vor wenigen Jahrzehnten die Kunsterzeugnisse des fernen Ostens zusammen mit nur ethnographisch und kulturgeschichtlich wichtigen Dingen in Völkerkundemuseen untergebracht, so beginnt man neuerdings gerade auch in Deutschland eigene Museen für ostasiatische Kunst zu errichten — ich erinnere an die wundervolle öffentliche Sammlung in Cöln — oder in Galerien mit Gemälden und Bildwerken besondere Abteilungen anzulegen, wie Osthaus dies in Hagen getan hat. Große Kunsthandlungen widmen sich ihr allein. Sonderausstellungen, wie sie z. B. der Salon Caspari in München nicht lang vor dem Krieg mit altchinesischen Bildnissen veranstaltete, bringen dem Publikum das fremde Schaffen näher, und eigene Zeitschriften und Bücher, von sachkundigen Forschern geschrieben, vermitteln eingehendere Bekanntschaft damit.

Und trotzdem dürfen wir sagen, daß wir erst am Anfang eines Austausches der Kunstkulturen stehen, bei der die europäische nur zu gewinnen hat, wenn sie sich von Nachahmung frei zuhalten weiß. Allerdings stehen einem tieferen Verstehen nicht wenige Hindernisse im Wege. Zunächst ist die Gefühls- und Gedankenwelt des fernen Ostens so völlig anders geartet, daß eine unmittelbare Einfühlung in die Kunst, darinnen jene ihre Versinnlichung findet, nicht ganz leicht ist. Vor allem gilt dies von der so eigenwilligen, bewußt abgeschlossenen Welt der Chinesen, während wir in den arischen Indern zwar sehr entfernte, aber doch immerhin Stammverwandte begrüßen können.

Allein gerade der Europäer, der als Schaffender oder Genießender die letzte Wandlung unserer eigenen Kunst im Innersten miterlebt, vermag die Verschiedenheit des Geistigen, das sich in den Schöpfungen des Ostens ausdrückt, von dem Geistigen, das ihn selbst erfüllt, über der großen Gemeinsamkeit zu vergessen, daß hier wie dort Künstler am Werke waren und sind, denen es vor allem auf Ausdruck ankommt, und die wissen, daß einzig das Form gewordene Geistige im Kunstwerk eine lebendige Sprache spricht.

Ein weiterer Grund, weshalb dem Europäer das Verständnis ostasiatischer Kunst erschwert bleibt, liegt in der, allerdings für die meisten beim besten Willen kaum zu behebenden, Unmöglichkeit, sich einen Begriff von den architektonischen Leistungen zu machen- Malerei und Plastik stehen ja in einem sehr fühlbaren, oft bis zur Abhängigkeit gesteigerten Verhältnis der Wechselwirkung mit der machtvollsten und herrischsten unter den drei Schwesterkünsten, der Baukunst. Nur wenigen Deutschen war der Anblick der Bauten Chinas, Indiens und Japans vergönnt und wird auch in Zukunft nur wenigen vergönnt sein. Photographien und Mappenwerke, deren es einige mustergültige — namentlich in englischer Ausgabe — gibt, sind doch nur ein mangelhafter Notbehelf.

Allein soviel zeigen sie immerhin, daß die Großzügigkeit der chinesischen Auffassung und die reiche Phantastik der indischen sich enthüllen. Beschränkung auf wenige, aber ungemein sprechende Motive bei der Anlage im Großen — starke Betonung der konstruktiven Gliederung — strengste, systematische Über- und Unterordnung herrschender und dienender Glieder — feinster Linienreiz, der sich von allem Spielerischen fernhält — ver-schwenderischerReichtum bei allen Einzelheiten, die auf Betrachtung aus der Nähe angewiesen sind: Das alles sind Eigenschaften, die auch auf bloßen Abbildungen chinesischer Bauten deutlichst erkennbar sind.

Denselben Vorzügen begegnen wir an den chinesischen Bildwerken, Malereien und kunstgewerblichen Dingen aller Art, wobei noch der besonders ausgeprägte Sinn, jedem Stoffe durch die Weise seiner Behandlung seine letzten Schönheitsgeheimnisse zu entlok-ken, hervorgehoben werden muß. Dabei hat die chinesische Kunst kaum geringere Wandlungen durchgemacht als die europäische. Die statuarische Ruhe mancher Bildwerke erinnert an unsere romanische Kunst, andere scheinen in ihrer Bewegtheit den Schöpfungen der Gotik oder des Barocks verwandt. Epochen herben, erdenfernen Schaffens, betontester Stilreinheit wechseln mit anderen, die — etwa der europäischen Renaissancekultur entsprechend — Fülle der Formen, sinnlich weltliche Heiterkeit lieben und ihre Gebilde mehr den Erscheinungen der sichtbaren Wirklichkeit nähern.

Niemals aber hat die chinesische Kunst — und die indische wie die japanische gingen bis zur Schwelle der Neuheit mit ihr eines Schrittes — die Natur so getreu wiedergegeben, daß die Geschlossenheit des Formenorganismus durch das Eindringen fremder Elemente gesprengt wurde. Eben in diesem Maßhalten bei der Aufnahme naturalistischer Einzelheiten darf Chinas, Siams, Indiens und Japans Schaffen als vorbildlich gelten. Die Ursache ist nicht zuletzt darin zu suchen, daß der Ostasiate ein getreues Zeichnen, Malen oder Modellieren nach der Natur nicht kennt. Er beobachtet die Natur unermüdlich, zähe und scharf.

Aber solange er beobachtet, verhält er sich nur aufnehmend. Die schöpferische Arbeit verrichtet er fern dem Objekt nach dem Bilde, das er in seiner von Formen erfüllten Seele vorgestaltet hat. Der Chinese gar, der heute freilich von den Reichtümern zehren muß, die vergangene Jahrhunderte aufgehäuft haben, lernt nach erprobten Musterbüchern Form um Form, bis er auch das reichste Gebilde, gleichsam mit leichtestem Federzuge schreibend, auswendig wiederzugeben befähigt ist. Chinas Kunst ist noch am besten vor dem Zerfall bewahrt geblieben. Jene im Reich der aufgehenden Sonne muß fast als zerstört gelten. Sie ging zugrunde, als sie sich die „Fortschritte“ des europäischen Kunstschaffens zu eigen machte, als sie jenem traditionsbaren, schrankenlosen Naturalismus erlag, von dem unsere eigene Kunst sich erst in unseren Tagen und unter schweren Kämpfen befreit.

DR. HANS HILDEBRANDT

Verzeichnis der Abbildungen:
Alt-China-Bronze-15.Jahrhundert
Alt-Indisch-Buddha-15.Jahrhundert
Alt-Japan-Göttin der Musik mit Flöte-15.Jahrhundert
Alt-Japan-Grabstein-16.Jahrhundert
Alt-Japanische-Stoffpuppen-Musikantengruppe-17.Jahrhundert
Buddha-Göttin
Tibetanische-Bronze-Göttin-Buddha-15.Jahrhundert

Siehe auch:
Münchener Kunstausstellung-Glaspalast 1927
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Modernes Sammlertum
Zur Neuaufstellung des Völkerkunde-Museums in München
Friedrich Stahl