Frankreich deutsch gesehen – Die Stadt (Östliche Hälfte)


Paris bedeutet für Frankreich viel, viel mehr als Berlin für Deutschland; denn es ist von alters her und im weitesten Sinne die Hauptstadt des Landes. Es umschliesst mit seinen Mauern nicht nur das zentrale politische Leben des Landes, sondern bildet auch den geistigen und kulturellen Mittelpunkt Frankreichs und des französischen Kolonialreiches in Uebersee. Ausser Paris spielen auch andere Städte des Landes wie Lille, Le Havre, Bordeaux, Marseille usw. eine Rolle in Wirtschaft, Handel und Verkehr. Kulturell werden sie jedoch von der überragenden Bedeutung der Landeshauptstadt überstrahlt. Paris zählte schon im 13. J. 120 000 Einwohner, anfangs des 18. J. bereits 500 000 und war schon längst Weltstadt, als Berlin erst nach der Gründung des Zweiten Reiches in die Reihe der Weltstädte einzurücken begann. Paris ist eine fast unübersehbare Stadt, da Innenstadt, Aussenbezirke, nähere und weitere Vororte ohne Zwischenraum unmerklich ineinander übergehen.

Von den Grosstädten der Welt hat keine eine so geprägte Form wie Paris. Das gründet sich auf die Baugesinnung des einzelnen, der sich willig den Absichten der jeweiligen Stadtsehöpfer unterordnete, ohne dabei seine Selbständigkeit aufzugeben. Regierungsseitig wurden Plätze bestimmten Charakters geplant. Die Bevölkerung folgte in ihren Bauten dem gegebenen Stil (Concordeplatz, Vendômeplalz, Vosgesplalz u. a.). Die Strassen machen durchweg einen geschlossenen Eindruck. Die übliche Zerrissenheit der Grosstadtstrasse, bewirkt durch Balkone, Loggien, Lücken und dergl.m., durch verschiedenes Baumaterial und sich widersprechende Farbtöne fällt in der Hauptsache fort. Das französische Haus ist durch die Art seiner Fenster, die grundsätzlich bis auf den Fussboden reichen, bestimmt. Da die so nach der Strasse zu entstehenden Oeffnungen durch schwarze Eisengitter geschützt werden, lässt sich mit deren Hilfe das Gebäude architektonisch gut gliedern. Die Wagerechte herrscht. Das Romanische gibt also den architektonischen Charakter, betont durch die Baumreihen der Strassen, die dem Süden fremd sind. Die Einheitlichkeit des Ganzen wird durch das gleiche Baumaterial, den Kalkstein gesichert, der auch die Farbtöne einheitlich wirken lässt.

Wie fast jede Grosstadt, so entwickelte sich auch Paris nach Westen. Früher lag der Mittelpunkt von Paris auf dem Place des Vosges. Später verlagerte sich der Schwerpunkt zum Place de l’Opera hin, und heute schlägt das Herz von Paris am Piace de !a Concorde. Dieser schönste und grösste Platz von Europa spielt eine Polle in der Geschichte von Paris und damit von Frankreich. Im 16. J. war hier das Ende der Stadt. Erst im 18. J. legte Gabriel, der Baumeister Ludwigs XV., den Platz in seinem gegenwärtigen Grundriss an. Mitten auf der weiten Fläche stand das Denkmal des königlichen Bauherrn. Es wurde das erste Opfer der französischen Revolution. Am Nordrande des Platzes errichtete der Baumeister Gabriel zwei schöne Paläste im klassischen Stil, die für die Gäste des königlichen Hauses bestimmt waren. Später diente der auf der rechten Seite stehende Palast als Marineministerium. Am Tage der deutschen Besetzung von Paris, am 14. Juni 1940, ging auf diesem Gebäude die deutsche Reichskriegsflagge hoch.

Gegenüber dem Marineministerium steht das Hotel Crillon, eine der besten Gaststätten von Paris. Hier wurden die Diplomaten empfangen. Zwei von ihnen haben die Geschichte Europas stark beeinflusst. Der eine war der Präsident Wilson von Nordamerika, einer der Hauptschuldigen am Unglück Europas. Der andere kam kurz vor dem Kriege im Dezember 1938 hierher. Es war der Reichsaussenminister von Ribbentrop, der im letzten Augenblick Europa vom Abgrund zurückreissen und vor dem drohenden Kriege retten wollte. Ein bedeutender Diplomat, man könnte sagen, der Vertreter der Diplomatie des 19. J., der Herzog von Talleyrand, starb in dem Hause am Place de la Concorde, das ihm gehörte. Von seinem Sterbebette aus blickte er (1838) noch einmal auf die etwa 60 000 qm grosse Fläche, auf der sich die entscheidenden Ereignisse der Grossen Revolution, die ihn selbst grossgemacht, abgespielt hatten.

An der Ecke der Avenue Gabriel leuchtet hell das neue Gebäude der amerikanischen Botschaft auf. Auf der anderen Seite der Häuserzeile steht neben dem Marineministerium der Palast der Rothschilds. Dort lebte das Familienoberhaupt der jüdischen Bankierfamilie, die seit den Tagen des Zusammenbruchs Napoleons I. in fast jedem europäischen Staate mit ihrem Gelde herrschte, bis der Nationalsozialismus diese verhängnisvolle Macht zerbrach.

Auf dem Platz stehen acht Denkmäler der grössten Städte Frankreichs, u.a. das Denkmal der Stadt Strassburg. Die goldenen Buchstaben auf dem Sockel haben ihren Sinn verloren, denn Strassburg ist wieder deutsch. Bis zum Ende des Weltkrieges war das Denkmal schwarz umflort. Nicht weit von diesem’Städtestandbild ragte in der Zeit der Grossen Revolution die Guillotine, das Fallbeil auf, das von einem Arzt namens Guillotin erfunden wurde, um die Todesqualen der Verurteilten abzukürzen. 2830 Personen wurden hier enthauptet, unter ihnen König Ludwig XVI. Auch die Königin Marie-Antoinette liess hier ihr Leben. Sie schaute, ehe ihr Kopf blutend in den Korb mit Sägespänen rollle, noch einmal slolz in die Runde. Vielleicht erinnerte sie sich der Zeit, wo sie als junge Thronfolgerin nach Frankreich gekommen war. An ihrem Hochzeitstage war auf dem Place de la Concorde bei einem ihr zu Ehren abgebrannten Feuerwerk eine Panik ausgebrochen. Mehr als 100 Menschen waren dabei umgekommen. Von den berühmten Revolutionären sind Danton und Desmoulins auf dem Place de la Concorde enthauptet worden. Danton verlangte vom Henker, dass sein Kopf dem Volke gezeigt werde, da er es wert sei.

Dieser Platz trank so viel Blut, dass die Erde ringsum sich dunkel färbte. Man musste die Guillotine an einer anderen Stelle des Platzes aufbauen. Madame Roland, die denkwürd ige Erinnerungen an die ersten Revolutionstage aufgezeichnet hat, rief, als sie zur Guillotine geführt wurde, schmerzerfüllt aus :

« O Freiheit, wieviele Verbrechen wurden in Deinem Namen begangen! ».

Das grosse Tor zu den Tuilerien-Gärten könnte man auch das « Tor der Abschiede » nennen. Heinrich III. floh aus seinem Schloss durch dieses Tor (1588). König Louis-Philippe begab sich in den Revolutionstagen von 1848 durch dieses Tor zu der rettenden Droschke, die auf ihn wartete. 22 Jahre später verliess eine bildschöne Frau nach dem französischen Zusammenbruch von Sedan durch dieses Tor ihren Palast, um nach England zu fliehen. Es war die Kaiserin Eugenie. Viele Jahre später, als sie schon sehr alt war, kam Eugenie incognito zurück und pflückte hier eine Blume. Der Parkwächter, der die Kaiserin nicht kannte, wies sie zurecht. Sie antwortete :

« Entschuldigen Sie, ich träumte, es wären meine Blumen ».

In der Mitte des Platzes erhebt sich kühn und schlank der Obelisk von Luxor. Er wurde 1836 in Gegenwart von 50 000 Parisern aufgestellt, die alle gespannt darauf warteten, dass er wieder Umfallen würde. Dieser Monolith ist eines der drei Prachtstücke, die Mehemet Ali, Vizekönig von Aegypten, drei Grossmächten schenkte. Welche Bewandtnis es mit einem solchen Monolithen in den alten Sagen hat, lässt sich schwer ermitteln. Höchstwahrscheinlich stellt dieser Steinriese die versteinerten Strahlen der Sonne dar. Die Hieroglyphen auf der Säule beschreiben das Leben des Königs Ramses II. von Aegypten. Am 6. Februar 1934 pfiffen auf Befehl des Innenministers Maschinengewehrkugeln um diese Säule, als Frontkämpferverbände gegen Daladier, den damaligen Ministerpräsidenten, und gegen die verjudete Freimaurerdemokratie demonstrierten. Mehr als zwanzig Opfer blieben blutend auf dem Asphalt liegen. Alljährlich bringen ihre Hinterbliebenen am 6. Februar zu dieser Stätte tragischer Erinnerungen Blumen und Sträusse. Daladier wurde zu der Mordtat von dem Abgeordneten Leon Blum aufgehetzt. Als der Jude Blum den Eindruck hatte, dass Daladier auf Frontkämpfer nicht schiessen lassen würde, höhnte er : « Warum warten Sie eigentlich noch mit dem Schiessen? ». Dafür musste Daladier zurücktreten.

Die beiden Springbrunnen des Platzes, die von Hittorff, einem Kölner, stammen, versinnbildlichen das Seewasser und Flusswasser. Die Rue Rcyaäs führt vom Place de la Concorde zur Madeleine-Kirche. Durch diese Strasse wurde König Ludwig XVI. zum Schafott geführt. Hier hatte man auch einen letzten Versuch zur Befreiung des Königs unternommen.

Die von je sehr vornehme Geschäftsstrasse wurde wegen ihrer guten Restaurants von Politikern und Schriftstellern gern besucht. Ihre Glanzzeit erlebte sie während der Weltausstellung von 1900, als Scharen von Schaulustigen, darunter viele Russen, Millionen von Goldfranken für Kleider, Schmuck und Kunstgegenstände in den Kaufläden der Rue Royale ausgaben.

Die Madeleme-Kirche wirkt auf uns wie ein edler griechischer Tempel. Sie ist zwar in der Grundauffassung dem Parthenon nachgebildet, aber die ursprüngliche Echtheit fehlt. Sie ist die einzige Kirche in Paris, die keine Fenster, keine Glocken und keine Türme hat. Ludwig XV. liess den Grundstein dazu legen, weil Madame de Pompadour zu ihm sagte :

« Es gibt soviele Magdalenen durch Ihre Schuld, Majestät, dass man schon eine Kirche für sie bauen müsste ».

Napoleon wollte die Kirche zu einem Tempel des Ruhms machen. Ihrem eigentlichen Zwecke, dem Gottesdienst, wurde sie aber erst 1842 übergeben. So erfüllte sich, wenn auch spät, doch noch das in Frankreich übliche Sprichwort : « Ce que femme vcut, Dieu le veut » (Frauenwunsch ist Gotteswunsch). In dem von drei Kuppeln überwölbten Schiff steht rechts vom Eingang eine Marmorgruppe, die die Vermählung der Heiligen Jungfrau darstellt. Das Kunstwerk stammt von Pradier. Links die Gruppe von der Taufe Christi gestaltete die Meisterhand des Bildhauers Rude. In der Figurengruppe Marochetti s am Hochaltar ist die Legende von der « Täglichen Himmelfahrt » der Heiligen Magdalena festgehalten.

Von der Madeleinekirche erstreckt sich vier Kilometer lang der Kranz der inneren Boulevards breit und geräumig durch die Stadt. Ihrer ursprünglichen Anlage nach gehen diese Prachtstrassen schon auf das Zeitalter Ludwigs XIV. zurück. Uebrigens verdankt das Wort « Boulevard » der deutschen Sprache Herkunft und Geltung. Es ist von dem deutschen Wort Bollwerk abgeleitet.

Im Zuge der grossen Boulevards – der Innenstadt liegt der Place de Opera mit der unter Napoleon III. von Garnier erbauten Oper. Der venezianische Prunkstil des Gebäudes gilt als vorbildlich. Die Innenausstattung wirkt überladen. Sieben Bogen führen zur Einganghalle im Erdgeschoss. Die Aussen-fläche des Gebäudes ist mit Bildwerken reich geschmückt. Besonders schön wirkt hier die Gruppe « Der Tanz » von Carpeaux, voll von Uebermut, Taumel, Temperament. Das Opernhaus ist eines der grössten Theater der Welt. Es wurde nach dem Sturz Napoleons III. eröffnet (1875). Als die Kaiserin Eugenie einmal den Baumeister fragte, was für einen Stil er gewählt habe, erwiderte Garnier : « Das ist der Stil Napoleons III. Sind Eure Majestät damit nicht zufrieden? » Die Kaiserin blieb die Antwort schuldig. Man nennt den Stil seitdem « Second Empire ».

In der Rue de la Paix, einer eleganten Geschäftsstrasse, glitzern und funkeln die Auslagen der Schaufenster von den Erzeugnissen der Goldschmiede und sonstigen Luxusgewerbe. Der Place Vendôme unweit der Rue de la Paix macht mit seinem Rund von wunderbaren Häusern den geschlossensten Eindruck des reinen französischen Barocks. Nach Plänen Mansarts, des Baumeisters Ludwigs XIV., geschaffen, bilden diese Gebäude eine wahrhaft königliche Kulisse für die inmitten des Platzes aufragende Säule, deren Spitze eine andere Statue Napoleons trug als heute. Die Säule wurde aus dem Erz von 1200 Kanonen gegossen, die Napoleon den Russen, Preussen und Österreichernabgenommen hatte. Sie will die Trajanssäule von Rom nachbilden. Die Basreliefs am Säulenumgang verherrlichen den Feldzug von 1805. Bei jedem Wechsel der Verfassung oder des Regierungssystems wurde die Statue auf der Säule ausgewechselt. Die jeweils Symbol bildende Figur wurde auf den luftigen Sockel gehoben, ein Ausdruck der Unbeständigkeit französischer Regierungen im Systemzeitalter. Immer die Säule selbst ein ruhender Pol in der Erscheinungen Flucht. Als die Kommune 1871 Feuer an die Stadt Paris legen wollte und der Louvre ein Opfer der Flammen zu werden drohte, riet der berühmte Maler Courbet zum Sturz der Vendôme-Säule, um die Wut der Menge dadurch abzulenken. Courbets Rat wurdebefolgt und so der Louvre gerettet.

Der Platz trägt seinen Namen nach einem Palast, den der Herzog von Vendôme hier bewohnte. In einem der Häuser des Place Vendôme starb der Komponist Chopin. An dem Gebäude, in dem heute das Justizministerium untergebracht ist, fesselt der Flügel am Nordwestbogen des Platzes unseren Blick: das Hotel Ritz. Hier wohnten der Reichsmarschall Göring und der Reichsaussenminister von Ribbentrop, als sie in Paris waren.

Durch die Rue St.-Honoré grösst das gedrungene Profil von St.-Roch, ein bestrickendes Beispiel Pariser Barockarchitektur. Die Kirche wurde zwischen 1653 und 1740 nach Plänen von Lemercier gebaut. An der Freitreppe der Kirche und in den benachbarten Strassen liess Napoleon I. Kanonen auffahren, um den Aufstand der Royalisten vom Oktober 1795 niederzukämpfen. So wurde die Kirche, die Royalisten geschaffen hatten, zum Mittel revolutionärer Wende und zum Fluche für die Reaktion.

Die Rue St.-Honoré schneidet den Place du Théátre Francais.

Das gleichnamige Theater hatte seine erste Heimstätte auf dem linken Ufer der Seine. Ludwig XIV. schuf mit dieser Bühne das erste Nationaltheater Europas überhaupt. Hier wurden und werden die klassischen Dramen der Blütezeit, die Frankreich unter dem Sonnenkönig kulturell und politisch erlebte, gespielt. Der Gedanke zu dieser Stiftung kam von dem grossen Dichter Moliére, nach dem das Theater auch Maison de Moliére genannt wurde. Von dieser Weihestätte der französischen Dichtkunst, die von Moliére , Racine und Corneille Impulse von Ewigkeitswirkung empfing, gingen Antriebe für die gesamte europäische Geistesentwicklung aus. Napoleon verwandelte diese Staatsbühne in einer Genossenschaft der Darsteller. Eine Verordnung aus Moskau vom Winter 1812 bezeugte die Kunstbeflissenheit des Staatsmannes Napoleon. Gegenüber dem Bühnenhause befindet sich das Café Régent, wo Napoleon als junger Artillerieoffizier Schach zu spielen pflegte. Nicht weit von liier erinnert ein anderer Platz an die Glanzzeit Napoleons.

Auf dem Place du Carrousel wölbt sich der kleine Siegesbogen zur Erinnerung an die Schlacht von Austerlitz, in der Oesterreich zusammenbrach. Wie heute, so benutzte England schon damals europäische Völker, die sich betören Hessen, als Degen gegen die jeweils stärkste Macht auf dem Festlande. England lockte Oesterreich ins Netz und opferte es für britische Zwecke, um sich der tödlichen Bedrohung durch eine französische Landung in England zu entziehen. Auf demselben Platz, der so vieie Erinnerungen an Napoleon hegt, setzte die Dritte Republik ihrem Begründer, dem Juden Leon Gambetta, ein Denkmal. Die Dritte Republik blieb in der Folgezeit eine dauernde Bekräftigung der vernichtenden Wühlarbeit, die in politischer und kultureller Hinsicht mit Gambetta begann.

Am Place du Carrousel enden die Tuilerien-Gärten, diesich, von Terrassen an der Seine und an der Rue ds Rivoli flankiert, in breiter Ausdehnung vom Place de la Concorde bis um Louvre erstrecken. Mit ihren Alleen, gepflegten Blumenparketts und exotischen Sträuchern tragen diese Gärten den Charakterdes Weltstädtischen, doch zahllose Standbilder und Steinplastiken Instiken wirken starr und ausdruckslos. Was irgendwo in Paris keinenPlatz mehr fand oder abgelehnt wurde, kam in diesen Gärten unter. Schöpfer des weiträumigen Parkgeländes war derGartenbaumeister der klassischen Zeit, Le Nôtre. Ihm verschwingt auch die Querachse, die vom Louvre zum Etoile hinaufschwingt und einen der nachhaltigsten Eindrücke vom heutigen Paris vermittelt, ihre Entstehung. Die Tuilerien-Gärten galten einmal als der « carrefour », als der Schnittpunkt weltpolitischer Entscheidungen. Hier lustwandelten Ludwig XIV., Napoleon I., Napoleon III. u.a. mit den Gesandten fremder Grossmächte und griffen in das Geschick Europas ein. Die parlamentarische Republik der Freimaurer und Juden verstand es nicht, ins Erbe einer grossen Vergangenheit zu hüten. Als ein melancholischer Zeuge ereignisreicher Tage mutet der Tuilerien-Palast uns an. Catharina von Medici, die Witwe Heinrichs II. vonFrankreich, begann 1564 mit dem Bau dieses Palastes, der französischen Herrschern als Wohnung diente. Ludwig XVI. wurde 1789 von den Aufständischen hierher gebracht. 1792 erstürmten Jakobiner das Schloss. Sie plünderten es und steckten es teilweise in Brand. Napoleon I. liess sich in den Tuilerien nieder, die auch von den Königen Ludwig XVIII. und Karl X. bewohnt wurden. Nach den Umwälzungen von 1830 und 1848 setzte Baumeister Visconti den Tuilerien-Palast instand. Napoleon III. bezog ihn. Der Palast wurde 1871 von der Kommune eingeäschert. Stark umgebaute Nebengebäude bilden den heutigen Pavillion de Marsan und den Pavillon de Flore.

Vom Place du Carrousel fällt der Blick ostwärts auf den Louvre, eines der bedeutendsten Wahrzeichen der Stadt Paris und nach Anlage und Ausführung einer der gewaltigsten Herrschersitze der Welt. König Franz I. (16. J.), der tapfere Gegner Karls V., hielt hier Hof mit Künstlern und Gelehrten der Zeit. Von diesem französischen König an datiert die grosse Epoche der französischen Renaissance in Schrifttum, Baukunst undPlastik. Montaigne, Rabelais, Pierre Lescot brachen führend dieser Kullurbewegung Bahn. Frankreich erhielt damals wertvolle Anregungen von der italienischen Renaissance, von Leonardo da Vinci und Benvenuto Cellini, die ihrerseits wieder von den Flamen und Niederländern befruchtet wurden (van Eyck). Die ältesten Teile des Louvre-Palastes entstanden im 12. J. um einen Turm herum, der zugleich Festung und Gefängnis war. Catharina von Medici und Heinrich II. überliesscn italienischen Künstlern die weitere Ausgestaltung. Unter Ludwig XIII. und XIV. bekam der Palast sein heutiges Gesicht. Hier wurde die Losung zur Ermordung des Admirals Coligny und seiner protestantischen Freunde ausgeheckt und ausgegeben (Bartholomäusnacht von 1572). Mehr als 20 000 Adelige protestantischen Bekenntnisses, Sprösslinge bester französischer Familien, wurden damals uferloser Herrschsucht geopfert, ein furchtbarer Aderlass fränkisch-nordischen Blutes. Er hat seine Parallele nur in den Schreckenstagen der französischen Revolution, die das Werk der Ausmerzung nordischer Rassenelemente fortführte. Das Schicksal rächte diesen barbarischen Akt. Hundertfünfzig Jahre französischer Geschichte führten das Land von Erschütterung zu Erschütterung in das Chaos des Juni 1940. Man rottet nicht ungestraft germanische Blutträger aus.

Napoleon I. machte aus dem Louvre eine Sammlung kriegerischer Beutestücke, die er von seinen Feldzügen in Italien und Aegypten nach Paris mitbrachle. Diese Trophäen bildeten den Grundstock für die heutige orientalische Abteilung des Louvre-Museums, das in seiner jetzigen Raumgestaltung von Visconti, dem Baumeister Louis-Philippes wie Napoleons III., ersonnen wurde. Zu Beginn des englischen Krieges von 1939 wanderten die Kunstschätze des Museums nach Mittelfrankreich.

Vom südöstlichen Tor des Palastes fällt der Blick auf die Kirche St.-Germain-l’Auxerrois, eine der merkwürdigsten und ältesten Kirchen von Paris. Da, wo eine alte Kapelle stand, erhebt sich heute ein Bauwerk der Spätgotik, das mit seinen krausen Formen und verwickelten Wölbungen einen weiten Platz überragt. Die Kirche ist ein Schulbeispiel für die im « style flamboyant » sich aussprechende Ueberladenheit später Gotik im Renaissance-Zeitalter. Vom Turm dieser Kirche gaben die Glocken das schrille Sturmzeichen zur blutigen Bartholomäusnacht.

Vom linken Ufer der Seine blinkt das Kuppeldach des Institut de France herüber. Es erinnert an die Glanzzeit französischen Königtums unter dem Sonnenkönig. Das Institut war eine Stiftung des Kardinals Mazarin und wurde vorübergehend als Erziehungsanstalt für junge Edelleute benutzt. Seit Napoleon I. wurde es Sitz für die gelehrte Körperschaft, die man als Institut de France bezeichnet. Fünf sogenannte Akademien gehören dazu, darunter die Academie Franchise, gegründet von Kardinal Richelieu. Vierzig « Unsterbliche » bildeten die gelehrte Körperschaft, die sich durch Zuwahl ergänzte. Auch berühmte Generale und verdiente Staatsmänner wurden in den Rat der « Unsterblichen » berufen. Die Dritte Republik der parlamentarischen Geschäftemacher bekam es fertig, den sinnvollen Grundgedanken sinnvollen Grundgedanken zu verfälschen und aus der « Academie » eine Altersversorgung für Gelehrte, Künstler und Staatsmänner zu machen, die der Republik ergeben waren. Die feierliche Aufnahme in die Academie Francaise gestaltete sich zu einem rein gesellschaftlichen Ereignis, das in der Dritten Republik immer mehr verflachte und veräusserlicht wurde. Die Boulevardpresse tat das Ihrige , den festlichen Vorgang sensationell auszuschlachten. Die Freimaurer in der Macht brauchten eine wissenschaftliche Instanz, deren weltweiter Ruf für System-Propaganda im Auslande eingespannt werden konnte. Jedenfalls waren die Fäden, die zwischen den « Unsterblichen » und der internationalen Freimaurerei gesponnen wurden, stets sehr eng.

An beiden Ufern der Seine haben Strassenbuchhändler ihreVerkaufstände aufgeschlagen. In Holzkästen sind hier Bücher für jeden Geschmack und jede Börse aufgestapelt. Man darf stundenlang in alten Büchern, Bildern und Stichen herumwühlen, bis man etwas nach seinem Geschmack gefunden hat. Auch wenn man weilergeht, ohne etwas zu kaufen, macht das nichts aus.Bei schlechtem Wetter und während der Nachtstunden schützt die Bücher ein verschliessbarer Deckel. Die doppelte Reihe von Ständen an den beiden Flussufern passt so recht in die betont geistige Atmosphäre der Stadt und unterstreicht das einmalige Gepräge einer Musenstadt, in der geistiges Leben geschätzt, und seit 2000Jahren gepflegt wird.

Die Pont-Neuf (neue Brücke) lädt zu einem Besuch der Insel Cité ein, wo das Justizgebäude steht, und zwar an der Stelle des alten Schlosses, das französische Könige bis zum Jahre 1431 bewohnten. Hier hielten sie nach altem fränkischen Thingrecht Gericht. Nach der Französischen Revolution tagten sogenannte Volksgerichte mit jüdischen Anwälten und feilen Geschworenen, die mit verteilten Rollen eine traurige Komödie spielten. Aus dem germanisch-fränkischen Recht wurde die gewundene und geschraubte Kasuistik gerissener Paragraphenreiter, aus dem bewährten Recht der Ahnen ein Zerrbild sozialer Gerechtigkeit, dem die Formel von der Gleichheit aller Volksgenossen als Mäntelchen diente.

Im Hofe des Justizpalastes fesselt uns die Sainte-Chapelle. Sie gehört zu den kostbarsten Schätzen mittelalterlicher Baukunst in Frankreich; Pierre de Montereau erbaute sie zwischen 1245-48 auf Befehl Ludwigs des Heiligen als königliche Schlosskapelle. Sie ist der Ausdruck reifster Gotik und gehört  zweifellos zu dem Erlesensten und Erhabensten, was dieser Stil hervorgezaubert hat. Die Bauzeit von drei Jahren bedeutete für die Epoche eine Spitzenleistung. Die von Ludwig dem Heiligen zurückgekaufte Dornenkrone wurde in der Kapelle aufbewahrt. Wahrscheinlich stammt sie aus der Reliquienfabrik von Ragusa, wo man den Wunderglauben gewerblich ausbeutete. Die wertvollen Glasfenster aus dem frühen Mittelalter liess man bei Beginn des englischen Krieges in Sicherheit bringen. Der obere Teil der Kapelle war für den König und den Hof bestimmt, der untere für die Dienerschaft. Bei diesem Spitzenwerk klassischer Gotik wetteiferten Handwerker aller europäischen Länder und Völker mit ihrem Können. Die Kirchenbaukunst des Mittelalters war gesamteuropäisch ausgerichtet. An der Uhr des Justizpalastes, der ältesten Strassenuhr von Paris, zweigt vom Boulevard du Palais eine Uferstrasse nach Westen ab : der Quai de l’Horloge. Neben den Türmen des alten Königspalastes auf diesem Quai führen Stufen zur Conciergerie hinab. Hier wurde Marie-Antoinette bis zu ihrer Hinrichtung gefangen gehalten. In der dumpfen Enge des Verlieses sollte sie die Not des geknechteten Volkes empfinden. Vor und nach ihr bangten fast 3000 Verurteilte hier der Stunde entgegen, wo sie ein Schinderkarren zur Guillotine fuhr. Die 13 Girondisten, die von hier den letzten Gang zum Richtplatz antraten, sangen auf dem Wege dahin die Marseillaise. Immer schwächer wurde der Gesang am Richtplatz, bis er auf den Lippen des letzten Girondisten erstarb. Selbst die Guillotine arbeitete den revolutionären Machthabern nicht mehr schnell genug. So wurden einmal Hunderte von Insassen der Conciergerie in den Hof hinausgetrieben, in die « Cour des Femmes », um hier im Massenverfahren abgeschlachtet zu werden (September 1792). Am Brunnen des Damenhofes wuschen die gefangenen Aristokratinnen ihre Wäsche. Mancher politische Massenmörder teilte am Ende das Los seiner Opfer und wartete in der Conciergerie auf seine eigene Hinrichtung, z. B. Danton. Auch Robespierre, der von einem Unteroffizier angeschossen war, verbrachte hier schwerverwundet seine letzte Nacht.

Von der Conciergerie ist es nicht weit bis zu den Ruinen des einst von Julian Apostata (Julian dem Abtrünnigen) bewohnten Herrscherpalastes. Schon damals, im 4. nachchristlichen Jahrhundert, genoss Paris den Ruf einer Grosstadt, die längst die sagenhafte Winzigkeit des auf der Insel Cité gegründeten Fischerdorfes « Lutetia Parisiorum » überwunden hatte. Mitten auf dem Boulevard St.-Michel, genannt « Boul’Mich », leuchteten dem fremden Besucher die gewaltigen Quadern des stattlichen Kaiserpalastes entgegen, der von Constantius Chlorus erbaut wurde. Hier Hess sich Julian von seinen Legionen zum Kaiser ausrufen. Auch die ersten fränkischen Könige regierten hier, bis sie aus Sicherheitsgründen auf die Insel Cité übersiedelten. Aus römischer Zeit sind nur die Thermen erhalten. Der Saal für kalte Bäder misst 20 m in der Länge und 18 m in der Höhe. Man kann sich hieraus eine Vorstellung von der gewaltigen Ausdehnung des Kaiserpalastes machen. Aus einer Inschrift in römischer Sprache geht hervor, dass der Schiffbau im damaligen Paris stark betrieben wurde (Nautae Parisiaci). Mit den Thermen vereint ist das Muses de Cluny, in dem besonders Goldschmiedeerzeugnisse aus der Merowingerzeit das Auge des Kundigen entzücken. Eine Arbeit aus dem Jahre 1000, das « Baseler Antipendium », verdient Beachtung.

Das Musée de Cluny säumt den Boulevard St.-Michel, der in sanfter Steigung zum Jardin du Luxembourg hinaufführt. Rechter Hand lädt das Theátre Odeon zum Besuche ein. Als eines der vier Staatstheater von Paris trat es gern in Wettbewerb mit der Comedie Francaise, war aber im ganzen auf denselben klassischen Spielplan wie sein älterer Nebenbuhler abgestimmt.

Im Jardin da Luxembourg gefällt besonders die Fontaine de Medicis, die Salomon de Brosse entwarf. Sie ist ein Musterbeispiel reifer Renaissancekunst. Mitten im Park steht das Gebäude des Senats. Aus den vornehmen Gärten bezog der Senatspräsident alljährlich die ersten saftigen Birnen, die er als Hausherr dem Staatspräsidenten weiterzureichen pflegte. Die breiten Alleen des Parkes säumen Denkmäler der französischen Königinnen. In dem von Maria von Medici, der Witwe Heinrichs IV., nach italienischem Vorbild erbauten Palast wurde in der Zeit der grossen Revolution ein Gefängnis eingerichtet. Aber schon 1793 erkor das Direktorium den Palast zu seinem Sitz. Napoleon 1. wohnte hier als Konsul, bis er in die Tuilerien übersiedelte. Napoleon III. überliess den Palast den Senatoren als Tagungsort. In dem kleinen Palais du Luxembourg, das an den westlichen Seitenflügel des Hauptgebäudes angrenzt, residierte ursprünglich Richelieu. Hinter dem Palast stellt die Obser-vatire (Sternwarte).

Hier wird an einer Reihe von Säulen Anschauungsunterricht über die Bedeutung des Meridians von Paris erteilt. Die Säulen sind in gerader Linie hintereinander aufgestellt. Das sich seit der französischen Revolution als Ideenträger eines neuen Europa fühlende Paris wollte auch geographisch als Mittelpunkt des Weltgeschehens angesehen werden. Der Versuch misslang. Wieder einmal kam England Frankreich zuvor. Der Meridian von Greenwich wurde als Ausgangspunkt für die geographische Einteilung der Erdoberfläche gewählt.

Das Panthéon ist eine Weihestätte, eine Gedenkhalle, wo die grossen Männer der Nation begraben werden. Ursprünglich stand hier eine kleine Kirche, die der Heiligen Genoveva, der Schutzpatronin von Paris, geweiht war. 1791 wurde der aus dem Jahre 1764 stammende Tempelbau eine Grabstätte. So wollte es damals die konstituierende Versammlung der Revolutionäre. Der monumentale Unterbau des Pantheons, der den Grundriss eines griechischen Kreuzes hat, wird von einer gewaltigen Kuppel überragt. Sie ist ein Wahrzeichen der Stadt. Unter dieser Kuppel veranschaulichte der Physiker Foucault die Achsendrehung der Erde durch seinen berühmten Pendelversuch (1851). Den ungeheuren Dom stützen kolossale Pfeiler. Fresken und Gemälde schmücken die Wände und schildern kriegerische Leistungen und Werke des Friedens aus der französischen Königsgeschichte. Bildwerke und Statuen verewigen Redner und Feldherren der Revolution und Restauration. In der Gruft ruhen « grosse » Männer Frankreichs. Bezeichnend für die Wandelbarkeit des staatlichen Lebens in Frankreich war die Art, wie mit den sterblichen Ueberresten von Nationalhelden umgesprungen wurde. Mehr als einmal wurde ein « Unsterblicher » aus der Gruft entfernt, weil neue Regierungen andere Idole für die Heldenverehrung brauchten. Z. B. wurden die sterblichen Hüllen von Marat, Voltaire und Mirabeau schon wenige Jahre nach ihrer Beisetzung einfach wieder hinausbefördert. Auch ein Denkmal für alle Soldaten, die je für Frankreich gefallen sind, ist vorhanden. Die Wandgemälde von Puvis de Chavanlies mit Episoden aus dem Leben der Heiligen Genoveva sind besonders beachtenswert. Der Maler rief mit diesen Schöpfungen eine Revolution in der Kunst hervor. Alle Wandgemälde tragen Titelinschriften. Von dieser Regel sind lediglich die Darstellungen aus dem Leben der Jungfrau von Orleans ausgenommen. Hier wurden die Inschriften mit Rücksicht auf die englischen Besucher entfernt. Denn Frankreich ergab sich seit 1904 bestimmenden Einflüssen von England her (Entente Cordiale). Ein Standbild in der östlichen Nische des Gebäudes versinnbildlicht die französische Revolution. In der Mitte wird Frankreich dargestellt, rechts davon die Volksarmee des zweiten Revolutionsjahres, links die berühmtesten Revolutionäre im Augenblick, wo sie schwören, Frankreich eine neue Verfassung geben zu wollen. Wir sehen Robespierre, Danton und den an Körperlänge alle anderen Figuren symbolisch überragenden Mirabeau. Mirabeau wäre der einzige gewesen, der das Königtum in Frankreich noch hätte retten können. Auch eine Gedenktafel für den grössten französischen Flieger des Weltkrieges, Guynemer, prangt im Pantheon. Die politisch konsequent links ausgerichtete Ruhmeshalle lässt Napoleon nicht als Kaiser gelten, sondern nur als General.

Hinter dem Pantheon befindet sich die Kirche St.-Etienne-du-Mont, eine der malerischsten von Paris. Ihre Baugeschichte zieht sich über das ganze 16. J. hin und kennzeichnet den Versuch, die heimische Gotik mit dem Renaissaneestil zu verschmelzen. Das Ergebnis war die Entwicklung einer « französischen Renaissance », wie sie auch in einigen Privatbauten des 15. und 16. J. in Paris erhalten ist. Das reine Renaissanceportal der Kirche wurde im Anfang des 17. J. hinzugefügt. Im Innern zieht uns der berühmte, den Chor abschliessende Balkon (Lettner), der einzige dieser Art in Paris, in seinen Bann. Er ist von seltenem Kunstwert und in Architektur und Dekoration eines der edelsten Zeugnisse französischen Renaissancestils. Die Chorkapelle der Kirche birgt den Sarkophag der Heiligen Genoveva. Revolutionäre von 1789 raubten die Mumie und verbrannten sie.

Die Wand der Universitätsbibliothek an dem Place du Pantheon trägt die Namen international anerkannter Gelehrter, darunter zahlreiche deutsche Denker und Forscher. Der Bezirk der Kirche St.-Etienne war die Wiegenstätte der alten Universität von Paris und des « Quartier Latin » (Lateinisches Viertel). Schon in römischer Zeit strömte hier die lernbeflissene Jugend aller Herren Länder zusammen.

Die Sorbonne. Das Hauptgebäude der Universität umfasst nur einen Teil der Fakultäten. Denn unter dem Sammelbegriff Sorbonne versteht der Pariser eine grosse Zahl von Instituten und Forschungsstätten, die über das ganze Quartier Latin verstreut sind, z. B. die juristische, medizinische und pharmazeutische Fakultät. Unter Ludwig dem Heiligen stiftete Robert de Sorbon die nach ihm benannte Sorbonne als Theologenschule. Europas bedeutendste Köpfe lehrten in der Folgezeit an dieser Stätte der Weisheit, darunter auch deutsche Gelehrte und Philosophen, z. B. Albertus Magnus, ein schwäbischer Grafensohn, und Meister Ekkehard von Köln. Thomas von Aquino, der führende Denker des Abendlandes in mittelalterlicher Zeit, verkündete hier die Grundsätze seiner Religionsphilosophie. Damals bildete Europa noch eine geistige und kulturelle Einheit im Zeichen der christlichen Gemeinschaftsidee. England aber untergrub planmässig durch seine unerwünschte Einmischung in die Angelegenheiten des Kontinents seit dem 14.J. diese Einheit des Abendlandes.

Die Kirche der Sorbonne stammt aus dem 17. J. : Kardinal Richelieu hat sein Denkmal hier als Bauherr und Stifter. Wir haben in ihr eines der eindrucksvollsten Beispiele einer Kuppelkirche im sogenannten Jesuitenbarock. Italienische Einflüsse sind unverkennbar. Das Kuppelgemälde schuf Philippe de Champaigne.

Die kleine Basilika-Kirche von St-.-Julien-le-Pauvre ist eine der ältesten der Stadt. Seit dem 19. J. gehört sie der griechisch-katholischen Gemeinde in Paris. Der Ursprung des winzigen, aber interessanten Baues geht jedoch in das 6. J. zurück. Später diente die Basilika als Universitätskirche. In ihr haben die Studenten den Rektor gewählt, was nicht immer ohne Blutvergiessen abging. Zuweilen wurde die Kirche regelrecht von den Studenten, die keinen Platz mehr in ihr fanden, aber für ihren Kandidaten stimmen wollten, belagert. In der Frühzeit der Geschichte dieser Kirche fand bereits ein Massenmord statt. Ein Jude, der sich taufen liess und bei dem König Chilperich in höchsteigener Person Pate stand, hatte einen anderen Günstling des Königs erschlagen. Mit seinen Dienern und Soldaten zog sich der Jude in die Basilika zurück. Des Königs Soldaten umzingelten den Bau. Sie verkündeten, dass jeder, der sich in der Kirche befinde, das Leben verwirkt habe und die Kirche in Flammen aufgehen werde. Da packte den Juden die schlotternde Angst. Feige liess er seine Diener und Gefolgsleute im Stich und rettete sich auf ein Schiff, das an dem nahen Seineufer ankerte und schleunigst davonfuhr. Die anderen aber kamen um.

Die Kirche St.-Julien-le-Pauvre liegt der Ile de la Cité gegenüber. Eine alte Brücke über den Seinearm führt auf den berühmten « Place du Parvis Notre-Dame ». Den Blick auf die Kathedrale gerichtet, hat man im Rücken das Hauptpolizeigebäude, rechts das Denkmal Karls des Grossen und seiner beiden Paladine Roland und Olivier, links das ehrwürdige Krankenhaus Hotel-Dieu. Schon in der Römerzeit seit Julius Cäsar war die Insel Cité , die Keimzelle von Paris, ein befestigter Platz. An der Stelle, wo jetzt Notre-Dame uns entzückt, stand ein römischer Tempel. In der Mitte des Platzes befindet sich eine Bronzeplatte mit dem Pariser Stadtwappen. Die Platte wird « Kilometer-O » (Null) genannt. Von hier aus wird die Länge der Strassen von ganz Frankreich berechnet, im Gegensatz zu Deutschland, wo die Entfernung von einer Stadt zur anderen gemessen wird. Das hat seine Vorteile und Nachteile. Der Vorteil besteht darin, dass man stets weiss, wie weit man von Paris entfernt ist, dagegen weiss man dann noch lange nicht, wie weit es etwa von Lyon nach Bordeaux ist : ein einfaches Beispiel, dass Paris eigentlich Frankreich bedeutet. Paris stellt alle anderen Städte Frankreichs in den Schatten. So gross sie auch sein mögen, sie gelten nur als arme Verwandte von Paris.

Von dieser Messmarke am Notre-Dame-Platz dehnt sich Paris in ziemlich regelmässiger Kreuzform aus. Wurde der Festungsgürtel der Stadt zu lästig und eng, so verwandelte man ihn in schöne, breite Avenuen und zog einen neuen Festungsgürtel in angemessener Entfernung um die neuen Bezirke. So entstanden die berühmten Boulevards. Das Departement Seine, als Gross-Paris, zählte im Jahre 1939 rund 4,8 Millionen Einwohner. Auf die eigentliche Innenstadt entfielen nur 2,8 Millionen. Man misst diesen Teil der Stadt nach dem letzten Festungsgürtel, der 1870 noch verteidigt und später abgetragen wurde. So kommt man auf eine Länge von 15 km von einem Ende zum anderen und auf einen Umfang von 35 km. Als diese « Zone » 1921 der Spitzhacke zum Opfer fiel, wurde Paris durch den Verkauf der Grundstücke eine der reichsten Städte der Welt.

Beim Anblick von Notre-Dame hat man das befreiende Gefühl vom Sieg des Menschen über die Materie, über den Stein. Dieser Sieg entkeimt dem Ursprung des gotischen Stils. Bis zu diesem geistesgeschichtlich denkwürdigen Zeitpunkt meisterte die Baukunst nicht das Objekt. Ungeheure Massen von Stein und Kaum wurden aufgeboten, um eine kleine Basilika zu errichten. Die Mauer musste eine gewisse Dicke erreichen, die Fenster waren schmal und niedrig, so dass nur wenig Licht in die Kirche drang. Der gotische Stil, der sich damals als Ausdruck nordwesteuropäischer Gesittung bildete, war gerade so gut in Deutschland wie in Frankreich und England heimisch geworden. Dieser Stil ermöglichte eine ausserordentliche Bauhöhe mit verhältnismässig wenig Steinmaterial und auf verhältnismässig kleinem Kaum mit dem Streben in die unendliche Höhe. Dadurch wurde den Fenstern Licht zugeführt. Später schmückte man die hohen, schmalen Fenster mosaikartig und in bunten Farben aus. Es entwickelte sich ein hochstehendes Gewerbe, das seine Geheimnisse hatte und zu wahren wusste : die Glasmalerei aus dem 13. J., die man bis heute noch nicht nachmachen kann. Der Bau von Notre-Dame, der 1163 begonnen und erst 1375 vollendet wurde, entfachte die Baulust in ganz Europa. Die Kirche bekam plötzlich zentrale Bedeutung für die auch gewerblich aufblühende Stadtkultur. Die Kirche musste im Mittelpunkt der Stadt errichtet werden. Das ganze Leben des Städters stand in engster Beziehung zu der heimatlichen Kirche. Die Kirchenbehörde führte das Geburtsregister. Sie besorgte das Aufgebot der Ehelustigen. Da es noch keine Schulen gab und die Leute meist nicht lesen noch schreiben konnten, erklärte man die biblische Geschichte mit Hilfe von Steinplastiken. Manchmal führte man mit diesem Anschauungsunterricht auch die Pflichten des Bürgers oder Bauern vor. Solche Plastiken bietet Notre-Dame in stolzer Menge. Am Nordeingang sehen wir den Tierkreis dargestellt und für jeden Monat ein anderes Relief, das dem Bauern zeigt, was er in diesem Monat zu tun hat. Die Kirche oder die Freitreppe der Kirche wurde auch als Bühne benutzt. Hier gab man die berühmten Mysterienspiele. Urteile der kirchlichen Gerichtsbarkeit wurden auf der Treppe verlesen. So erklärt es sich, dass fast in jeder Stadt die Kirche, die man baute, zu geräumig war. Manchmal hat die Entwicklung der Stadt dieses Missverhältnis ausgeglichen. Aber gerade in Frankreich gibt es sehr kleine Städte, deren allzugrosse Kathedrale wie ein Wasserkopf wirkt. Wir dürfen freilich nicht vergessen, dass bei einem Kirchenbau fast alle Gewerbe Beschäftigung fanden. Ganze Geschlechterfolgen lebten im Mittelalter von einem Kirchenbau. Wenn die Kirche gebaut war, so suchten die Handwerker Beschäftigung in einer anderen Stadt und trugen so ihre Sitten, Gewohnheiten und Baugeheimnisse durch die Lande. Man kann nicht behaupten, der gotische Stil sei an ein bestimmtes Land oder an eine bestimmte Nation gebunden. Ganz Nordwesteuropa setzte sein Bestes daran, um diesen Stil zur Blüte zu bringen. Die Entstehungsgeschichte von Notre-Dame ist nicht nur mit der Geschichte von Paris auf das engste verflochten, sondern auch mit der Geschichte von ganz Frankreich und bis zu einem gewissen Grade mit der von Europa. König Ludwig VII. liess auf einem Feldzuge gegen den Grafen von Champagne in einer Kirche 1300 wehrlose Flüchtlinge verbrennen. Um diese Blutschuld zu büssen, liess der König Notre-Dame von Paris bauen. Die Schöpfer der Kathedrale sind fast alle unbekannt. Nur einige Namen sind der Nachwelt überliefert, wie die des Pierre de Montereau und Jean de Chelles. Zwei Jahrhunderte vergingen über dem Bau. Trotzdem wurde an dem Originalentwurf kaum gerüttelt. Darum ist auch der Gesamteindruck von Notre-Dame so geschlossen, so harmonisch, obwohl das Bauwerk erst im Zeitpunkt der reifen Gotik vollendet werden konnte. Notre-Dame wurde später die Trau-Kirche der französischen Könige. Damit erklärt es sich, dass der Schmuck des Chores mit dem gotischen Stil eigentlich nichts gemein hat. Das erste Holzgestühl wurde unter Ludwig XIV. aufgestellt. Zwei Logen wurden für den König und die Königin gezimmert. Nur Personen fürstlichen Geblüts durften sich auf die Stühle setzen. Nach siegreichen Feldzügen trug man die eroberten Fahnen in die Kirche von Notre-Dame. Als der Renaissancestil seinen Siegeszug durch Europa anzutreten begann, wurde Notre-Dame etwas vernachlässigt. Man unterliess die notwendigsten Instandsetzungen. Die Revolution von 1789 leistete in dieser Hinsicht das Unglaublichste. Sämtliche Standbilder wurden beschädigt und dann nicht mehr ausgebessert. Robespierre machte aus der Kathedrale einen weltlichen Tempel der Vernunft, die symbolisch als Göttin auf den Altar gehoben wurde. Eine bekannte Schauspielerin musste diese Göttin verkörpern. Napoleon I. liess sich in Notre-Dame mit seiner ersten Gattin Josephine krönen. Er nahm die Krone aus der Hand des Papstes Pius VII. und setzte sie sich selbst auf das Haupt. An Napoleons Krönungstage war die Kirche in einem solchen Zustand des Verfalls, dass man Teppiche legen musste, um die schlimmsten Schäden zu verdecken. Die Folgezeit liess Notre-Dame noch mehr verkommen. Die Wende führte erst Victor Hugo mit seinem berühmten Roman «Der Glöckner von Notre-Dame» herbei. Diese Dichtung erweckte das Bewusstsein von der Schönheit des gotischen Stils und von der religiösen Geschlossenheit Europas im Mittelalter. So ging man endlich mit Ernst und Eifer an die Wiederherstellung der Kathedrale. Unter der kundigen Hand von Viollet-le-Duc gewann Notre-Dame die Gestalt (1864), die sie noch jetzt besitzt. Man hat Viollet-le-Duc den Vorwurf gemacht, dass er den gotischen Stil nicht richtig empfunden habe. Es ist ein müssiger Streit um Worte. Richtig daran ist, dass Notre-Dame ursprünglich einfacher und schmuckloser war. Ganz abwegig ist die Behauptung, dass die Kathedrale unfertig dastehe, weil sie flache Türme habe. Notre-Dame ist nicht die einzige Kirche, die mit solchen Türmen gebaut wurde, wie die Kirche in Reims beweist. Es st wohl anzunehmen, dass in der Sturm- und Drangperiode des gotischen Stils zwei Schulen um den Vortritt rangen, die eine Schule, die den romanischen Stil nicht ganz aufgeben wollte (und von dieser Schule stammt der Baumeister von Notre-Dame), und die andere, die sich vom romanischen Stil abwandte und den gotischen Stil aus sich selbst heraus weiterentwickelte bis zu seiner äussersten Steigerung im Kölner Dom mit seinen Türmen. In den Tagen der Revolution von 1830, die die Bourbonenherrschaft hinwegfegte, hissten die neuen Herren die Trikolore auf den Türmen von Notre-Dame. Mit dieser Flaggcn-hissung war der Sieg der Revolution entschieden.

Gegenüber der Ile de la Cité steht auf dem rechten Seineufer das Hötel-de-Ville (Rathaus). Es ist als italienischer Renaissancebau des 16. J. bemerkenswert. Der Erbauer hiess Boccador. 1871 verwüstete die Kommune das Gebäude und brannte es nieder. 1876 erstand es in neuem Glanze. Stets war das Rathaus ein Herd der Unruhe. Robespierre wurde hier schwer verwundet und dann in die Conciergerie eingcliefert. Sein Tod zog den Schlusstrich unter die Revolution. Am Südteil des Rathauses steht ein Denkmal für Etienne Marcel, den ersten Bürgermeister von Paris. Man sagt, dass er den ersten Volksaufstand in Paris geschürt und geleitet habe (14. J.).

Der Freiplatz vor dem Rathaus hiess ursprünglich Place de Greve (Streikplatz). Denn hier versammelten sich die Schilfer, wenn sie nicht arbeiten wollten. Auch Hinrichtungen wurden auf diesem Platz vorgenommen. An der Stelle, wo jetzt das Theätre du Chatelet seine Pforten öffnet, stand einst ein grosses Gefängnis, das sogenannte Chatelet. Neben diesem Gefängnis erhob sich eine Kirche, die 1793 in der Revolutionszeit eingeäschert wurde. Nur ein Turm blieb erhalten, der Turm St.-Jacques. Er war berüchtigt, weil er als Asyl für Verbrecher diente. Pascal führte hier physikalische Experimente durch.

Die Insel St.-Lcuis erhielt ihr heutiges Gesicht in Frankreichs Glanzperiode unter dem Sonnenkönig und erwuchs aus einer Verbindung der ehemaligen Inselchen Notre-Dame und Ile-aux-Vaches (Kuhinsel). Dem entspricht die Bauanlage des Stadtteils, der von dem äusseren Uferdamm zwei sieh senkrecht kreuzende Strassendurchbrüche vorschickt. Mehr noch als auf der Insel Cité bildete sich auf der Insel St.-Louis jene eigenartige Prägung eines dörflichen Lokalpatriotismus, der sich dem benachbarten «Quartier» (Stadtviertel, Bezirk) gegenüber mit Nachdruck behauptet und ganz Paris eigen ist. So pflegt z. B. der Pariser seine Einkäufe vornehmlich im eigenen « Quartier » zu tätigen, und nur ausnahmsweise Waren aus anderen Stadtteilen oder Warenhäusern der Stadtmitte zu beziehen. Zahlreiche, teilweise unter Denkmalschutz stehende Paläste aus dem 17. und 18.J. schmücken das Inselquartier und tragen noch den Schimmer einer glänzenden Haus und Hofhaltung der einstigen Besitzer.

Die Pont de Sully führt zurück zum rechten Ufer, wo im Zuge der Rue de Rivoli nach Osten der Place des Vosges liegt. Der Platz war Brennpunkt des Verkehrs unter Heinrich IV. und Ludwig XIII. Hier traf sich damals die elegante Welt, die das aristokratische «Quartier Marais » bewohnte. Der Platz ist ohne Frage einer der eindrucksvollsten von Paris und bezaubert den Besucher durch Geschlossenheit der Anlage und durch Einheitlichkeit des Stils. Bote Backsteinziegel geben den alten Adelspalästen ein heiter beschwingtes Aussehen, dein die Erdgeschossarkaden eine ernste, gravitätische Note einfügen. An diesen Bauten brach man zum ersten Mal mit dem Brauch, behauene Felssteine zu verwenden. Seinen Namen erhielt der Platz erst im Jahre 1799 zu Ehren des Departement Vosges, das alle anderen Departements durch Pünktlichkeit der Steuerzahlung beschämte. Der Dichter Victor Hugo bewohnte hier ein Haus, das jetzt als Victor Hugo-Museum eingerichtet ist.

300 m südöstlich vom Place des Vosges ölFnet sich wieder eine weite Freifläche : der Place de Sa Bastilie. Hier stand im spätmittelalterlichen Paris (1382) die am weitesten nach Osten vorgeschobene Festungbaslion. Später als Staatsgefängnis verwendet, beherbergte die Bastille berühmte Gefangene. Die Bastille war immer besser als ihr Ruf. Die Staatsgefangenen sassen hier in einer Art Ehrenhaft. Sie durften ihre eigenen Diener und Möbel mitbringen und die Kost aus der Stadt beziehen. Als die Bastille am 14. Juli 1789 von den Revolutionären gestürmt wurde, befanden sich im Gefängnis nur sieben «Opfer der Tyrannei». Die Legende hat aus diesen sieben viele Hunderte gemacht. Der Kommandant der Bastille, Launay, hielt die Feste mit nur dreissig Schweizern und tötete und verwundete etwa 100 Belagerer. Einen Augenblick rang Launay mit dem Vorhaben, die Festung in die Luft zu sprengen. Aber schliesslich gab er dem Drängen der Belagerer nach und öffnete gegen das Versprechen freien Abzuges das Tor. Als Launay und seine Leute ins Freie hinaustraten, wurden sie bis auf den letzten Mann niedergemetzelt. Nach der Erstürmung der Bastille nahm die Revolution den bekannten verhängnisvollen Lauf. Freimaurer und Juden, die den Aufstand angezettelt hatten, führten ihn weiter bis zum bitteren Ende. Freimaurer und Juden blieben in der Folgezeit, wenn auch meist hinter der Kulisse, die eigentlichen Herren Frankreichs. Was französische Geschichtsschreiber des 19. J. ahnungs- und instinktlos als einen .Sieg der Freiheit und Vernunft priesen, war in Wirklichkeit nichts anderes als die Entfesselung niedrigster Leidenschaften. Glänzende Losungen schmückten die Fassade.

Dahinter tobten sich Hass und Neid aus. Die Revolution entartete. Wirtschaftliche Verelendung, soziale Unterdrückung und politische Entrechtung blichen nach wie vor das Los der Werktätigen und verurteilten sie zu einem Sklavendasein. Einen Schritt weiter auf dein Wege, der in das Chaos des Zusammenbruchs von 1940 führte, tat die Dritte Republik. Sie erklärte den 14. Juli zur Erinnerung an den Sturm auf die Bastille zum Feiertag der Nation. Früher beging man den Geburtstag Napoleons I. (15. Aug.) als Nationalfest. Aus den Trümmern des von der Menge in Brand gesteckten Bastillc-gebäudes baute man die Pont de la Concorde. An der Stelle der alten Feste schwingt sich die Juli-Säule empor. Sie erinnert an die Opfer der Julirevolution von 1830. In die Säule eingeschrieben sind die Namen der Opfer.

Die Linie der grossen Boulevards schneidet den Place de la République, der den Mittelpunkt eines sehr bevölkerten Arbeiterviertels bildet. Die Anfänge des Platzes gehen auf die Zeit Napoleons III. zurück. Vorher stand hier eine alte Bastion des Stadttores, die Porte du Temple. Die zwölf Reliefs am Sockel des Standbildes der Republik schildern Ereignisse der republikanischen Geschichte. Den Reliefs kommt ebensowenig Kunstwert zu wie dem Löwen mit der Urne, der das allgemeine Stimmrecht versinnbildlicht.

Die grossen Boulevards werden in ihrem Zuge durch das erregende Querstück zweier Tore unterbrochen, die sich als Reste früherer Stadtmauern in das moderne Paris hinüberretteten : die Porte St.-Martin und die Porte St-.-Denis. Die Mauern, zu denen die Tore gehörten, liess Ludwig XIV. schleifen. Die Tore selbst verwandelten sich in Triumphbögen nach römischem Muster und blieben Zeugen einer grundstürzenden Aenderung des Stadtbildes, die sich unter Ludwig XIV. und Colbert vollzog. Beide Tore verherrlichen die Kriege Frankreichs gegen Deutschland und Holland. Von der Ruhmeshöhe des grossen Jahrhunderts stürzte die Dritte Republik in den Abgrund der Tragödie von 1940. Richelieus Plan einer Verewigung des Zwiespaltes unter den deutschen Stämmen scheiterte endgültig an Adolf Hitler.

Von den grossen Boulevards biegt die Rue Vivienne zum Place de la Bourse (Börsenplatz) ab. Mit dem Bau der Börse wurde unter Napoleon I. begonnen. Bemerkenswerter Weise lieferte ein römischer Tempel das Vorbild für den Aufriss; denn hier sollten das Geld und der Reichtum angebetet werden. Nicht gern hört man in Pariser Bürgerkreisen den wahren Grund für die Rückkehr Napoleons aus Aegypten. Die Erschütterung des französischen Kredits und die Geldentwertung nach den Revolutionsjahren verstärkten im französischen Bürgertum, das die herrschende soziale Schicht wurde, das Sehnen nach stabilen Verhältnissen in Wirtschaft und Währung. Um seine Machtstellung durch Erraffen von Geld und Besitz zu stützen, schaute sich das Bürgertum nach einem Garanten um. Dieser Garant schien Napoleon I. zu sein. Darum beschloss die Besitzerschicht Napoleons Rückkehr aus dem Feldzuge in Aegypten. Napoleon fügte sich, und mit seinem Erscheinen in Paris begann das Land finanziell zu gesunden. Er selbst sicherte sich für diesen Dienst den Anspruch auf die Kaiserkrone. Aber schon nach wenigen Jahren sah sich der Korse gezwungen, die Geister, die ihn gerufen hatten, zu beschwören und den Einfluss der Logen und ihres Judenanhanges zu verwünschen. Heute steht die Börse mit ihrer internationalen Kundschaft nicht mehr im Brennpunkt wirtschaftlicher Vorgänge und Entscheidungen. Die Börse ist aus einer Herrin zu einer Dienerin der Wirtschaft geworden. Das prägt sich auch in dem jetzt wieder ruhigeren und gleichmassigen Gang der Börsengeschäfte aus. Die neue Börsengesetzgebung hat die « Pieds Humides » (nasse Füsse) abgeschafft. Darunter verstand man die Makler und Spieler, die auf der Freitreppe des Börsentempels nicht notierte Aktien handeln mussten, deren Wert besonders schwankte.

Unweit der Börse lockt in der Rue de Richelieu ein seltener Schatz von Büchern und Urkunden der Bibliotheque Nationale. Das breitausladende Staatsgebäude hat das Hotel Mazarin ersetzt. Ein Teil des ehemaligen Richelieu-Palastes ist in der Galerie Mazarin erhalten geblieben. Mehr als 4 Millionen Bücher und Handschriften werden hier verwahrt und für Studienzwecke ausgeliehen. Begründer der Sammlung war der französische König Karl V. mit dem Beinamen « der Weise », der im letzten Drittel des 14. J. wertvolle Handschriften zusammentrug. Auch die Urkunden und Prozessakten aus der Jeanne d’Arc-Zeit (Jungfrau von Orleans) sind hier vorhanden.

Die Rue des Petits-Champs führt zur Banque de France. Die Emissionsbank der französischen Nation bewohnte ein prachtvolles Palais, das Francois Mansart 1635 für einen Hofkavalier baute. Die sogenannten «Mansardendächer» verdanken ihm ihren Namen. Die Banque de France wurde 1800 unter Napoleon I. ins Leben gerufen. Mit der Zunahme von Geldvorräten wuchs dieses zentrale Noteninstitut über die benachbarten Häuserblocks hinaus. Napoleon gab der Bank ein vernünftiges und zweckmässiges Verwaltungsstatut. Danach wurden berufene Vertreter der schaffenden Stände in das Verwaltungsdirektorium gewählt, die sogenannten « Regents de la Banque». Napoleon hielt auf strenges Innehalten der Satzung. Nach seinem Sturze aber machte sich jüdischer Einfluss in der Verwaltung bemerkbar, der mit der Familie Rothschild die Oberhand gewann und das Wirtschaftsleben Frankreichs nahezu beherrschte. Ja, französische Regierungen entblödeten sich nicht, nach dem Weltkriege 1914-18 dem jüdischen Bankhause Lazard, das sogar gegen den Franken arbeitete, Vertretungsbefugnisse im Verwaltungsdirektorium einzuräumen. Die vertrauensselige Nachsicht den Juden gegenüber beschleunigte den Zusammenbruch von 1940.

In der Rue de Rivoli weckt das Standbild des Admirals Coligny vor der kalvinistischen Kirche Temple de l´Oratoirc Erinnerungen an die Verfolgung der Protestanten in Frankreich. Coligny, der anerkannte Führer der Protestanten, wurde an der Stelle, wo das Denkmal steht, verwundet. Von hier aus schleppte er sich blutend in sein Haus und empfing am nächsten Tage König Karl IX., den die Königin und der Herzog von Anjou begleiteten. Der König sagte zu Coligny :

«Die Wunde ist für Euch, der Schmerz und die Beleidigung sind für mich. Aber ich werde Euch so rächen, dass man ewig daran denken soll.»

Vierundzwanzig Stunden später war der König anderen Sinnes. Seine Mutter Katharina von Medici wusste ihn umzustimmen und den Mord an dem verwundeten Coligny und den Hugenotten anzustiften. In der Nacht vom 23./24. August 1572 wurde der Admiral in seiner Wohnung überfallen und erstochen. Die Leiche des grossen Soldaten wurde zum Fenster hinaus auf die Strasse geworfen. Der Herzog von Guise, Colignys Todfeind, lief herbei, erkannte die Leiche, schmähte sie und wandte sich dann wieder seinem Mordwerk zu. Wie Karl IX., so forderten seine Nachfolger die Einheit des Bekenntnisses in Frankreich. Nur so glaubten sie die nationale Geschlossenheit gewährleisten zu können. Auf Karl IX. folgten Heinrich III. und Heinrich IV.

Der junge Heinrich IV. meldete nach dem Tode seines Schwagers Heinrich III. seine Rechte auf den Thron an. Er trat zum katholischen Glauben über und erklärte : « Paris ist eine Messe wert. » Heinrich IV. schloss die Epoche der Religionskriege in Frankreich mit dem Edikt von Nantes ab (15. April 1598). Das Edikt verhiess vollkommene Gewissens- und Glaubensfreiheit und schenkte den Protestanten alle bürgerlichen Rechte und Privilegien, deren sich die Katholiken erfreuten. Etwa hundert Städte des Landes erlangten Bürgschaft für die freie Ausübung des reformierten Bekenntnisses, darunter La Rochelle und Montpellier. Trotzdem konnte sich der Protestantismus in Frankreich von dem Schlage der Bartholomäusnacht nie mehr ganz erholen. Unter den Nachfolgern Heinrichs IV. wurden die Protestanten verfolgt. 1685 hei sogar der letzte Rest von Glaubensfreiheit in Frankreich dem Eifer der Gegenspieler zum Opfer. Das Edikt von Nantes wurde aufgehoben. Damit erfüllt sich der Lieblingsgedanke des Kardinals Richelieu, der die Einheit der Nation und des Glaubens forderte, um das protestantische Deutschland bedrücken zu können. Der Auszug der französischen Reformierten begann. Sie kamen auch nach Brandenburg und Süddeutschland. In Berlin gibt es heute noch eine französische Gemeinde, deren Mitglieder, die sogenannten Hugenotten, sich ihres Ursprungs bewusst sind und die Ueberlieferungen der Familie treu hüten und pflegen.

Das Baltikum:
Das Balten-Gebet
Baltikum-Die ersten Freikorps
Litauen war ehemals mächtige europäische Großmacht
Baltikum-11. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Das Baltikum wird zerstückelt
Das Ende Alt-Livlands
Rußlands Dauerprobleme mit seinen Ostseeprovinzen
Der Untergang des Deutschen Ritterordens
Und immer wieder russische Grausamkeiten
Das Baltikum zwischen Bolschewisten und Zaristen
Der Erste Weltkrieg im Baltikum
Deutsche Truppen im Baltikum-Abwehrkämpfe gegen die Roten
Baltikum-Die Landeswehr
Das Baltenregiment
Das Baltikum und seine wechselnden Staatsformen
Baltikum-Das Ende der deutschen Dominanz