Frauenerziehung in China

Unter den vielen verschiedenen Neuerungen, die die Regierung Chinas in den letzten Jahren vorgenommen hat, ist das Schulwesen, soweit es die männliche Jugend betrifft, dahin gefördert worden, dass die Notwendigkeit geordneter Schulverhältnisse allmählich ins Bewusstsein der grossen Allgemeinheit übergeht, wenn schon die tatsächlich obwaltenden Verhältnisse noch lange keinen praktischen Beweis hierfür liefern und von irgend einem Idealzustand noch nicht die Rede sein kann.

Trotzdem geht man in China rüstig auf dem Wege der Reform vorwärts, und so hat die Zentralregierung in neuester Zeit ihr Interesse einem Gebiete zugewendet, das ganz besonders der Neuorganisation bedarf, dem Mädchenschulwesen. In China ist bislang die Erziehung der weiblichen Jugend völlig vernachlässigt worden.

In der chinesischen Gesellschaftstheorie nimmt die Frau eine Stellung ein, die viel höher ist als in allen ausserchristlichen Kulturkreisen. Eine persönliche Wertung des einzelnen Individuums besteht allerdings nicht. Das vereinigt sich nicht mit der chinesischen Anschauung, die ausschliesslich Staats- und Familienzusammenhang ins Auge fasst. Ihre volle Würdigung findet die Frau in der Gesellschaft daher nur als Gattin und Mutter. Die chinesische Tradition hat eine Menge Beispiele von dem Einfluss der Frau. „Wie den heiligen Kaisern im Altertum“, sagt Hi Scheng, „ihre Gemahlinnen als treuste Gehilfinnen zur Seite stehen und als solche der Ehren ihrer Gatten teilhaftig werden, so ist auch der unheilvolle Einfluss verführerischer Schönheit im Verein mit moralischer Verworfenheit ein beliebtes Thema der chinesischen Legende. Nichts zeigt die verhältnismässig freie Stellung der Frau im chinesischen Altertum besser als die entzückenden Liebeslieder, die aus alter Zeit überliefert sind, und die ein ganz anderes Bild von den Beziehungen der Geschlechter ergeben, als man es in China zu finden gewohnt ist.“

Die Einrichtung des Systems der Nebenfrauen änderte hieran nichts; diese Einrichtung stellte ursprünglich nur eine Korrektur der Verhältnisse dar, indem die kinderlose Frau durch Zulassung einer ihr gehörigen Dienerin als Nebenfrau wenigstens indirekt für die Nachkommenschaft sorgte, damit ebenfalls indirekt die Familientradition wahrte und den Mann der Pflicht enthob, seine Gattin verstossen zu müssen. Den Konkurrenzkampf zwischen Mann und Frau ums tägliche Brot kannte man nicht. Das ist erst ein Produkt der modernen Zeit. Hingegen hatte der Chinese eine klare Vorstellung, welchen Anforderungen eine vollkommene Frau bezüglich der Gemütsbildung, der ästhetischen und Häuslichen Fähigkeiten genügen musste.

Heute ist die Erziehung der chinesischen Weiblichkeit aufs gröblichste vernachlässigt. Möglicherweise hängen diese Zustände mit der moralischen Herabsetzung der Frauen zusammen, jedenfalls aber übt die Vernachlässigung der Mädchenerziehung eine sehr nachteilige Wirkung auf das gesamte Familienleben aus.

„Wer einen Einblick gewinnt in die Tiefen des moralischen Elends, wie es sich hinter den Mauern des chinesischen Hauses versteckt und nur dann und wann in grossen Ausbrüchen unglaublicher Verkommenheit zutage tritt, dem fällt es oft schwer, die so gerühmte Hochhaltung der Reinheit der Familie in Chira nicht für bare Lüge zu halten. In Wirklichkeit besteht diese Hochschätzung eines reinen Familienlebens allenthalben. Das Ideal hat seine verpflichtende Kraft nicht verloren.“

Wie aber soll eine Frau noch an Ideale glauben, wenn sie zum halbtierischen Wesen degradiert wird, wenn sie undurchdringlich von der Aussenwelt abgeschlossen ist? Sollte dieses Abgeschlossensein, das Eindringen schlechter Einflüsse hintanhalten, so ist mit diesem äusseren Zwange das Gegenteil erreicht worden, wo sich, wie z. B. auf dem Lande, eine Isolierung nicht streng durchführen lässt, dort ist die Verderbnis erschreckend tief eingefressen. Man hat also in China zur Erhaltung der Reinheit des Hauses den verkehrtesten Weg gewählt, den man nur wählen konnte. Nicht die Ehe, nicht die Errichtung äusserlicher Schranken kann die Korruption, der die moralisch haltlose chinesische Frau verfallen ist, aufhalten, sondern lediglich geistige und moralische Festigkeit, die ihnen die Erziehung gibt, muss sie so kräftigen, dass die Frauen Versuchungen Widerstand entgegenzusetzen vermögen. Bei solchen Verhältnissen ist es kein Wunder, dass in China die häusliche Erziehung der Kinder durch die Mutter ganz fehlt. Die Folge davon ist, dass sich die schlimmen Charaktereigenschalten bei den Kindern rasch herausbilden. Sie werden trotzig und eigenwillig, die Eltern haben keine Autorität über sie, sondern müssen ihnen zu Willen sein oder sich durch Vorspiegelung von Unwahrheiten der Erfüllung von Wünschen und Forderungen ihrer Kinder entziehen. So hat sich die Tatsache herausgebildet, dass „ein Kind beruhigen“ gleichbedeutend ist mit „ein Kind betrügen“. Es ist also eigentlich zu bewundern, dass aus den kleinen Chinesen überhaupt brauchbare Menschen werden können.

In Erkenntnis dieser trostlosen Verhältnisse haben sich die Missionen schon seit langer Zeit die Erziehung der weiblichen Jugend in China zur Aufgabe gemacht. Aber mit welch unsäglichen Schwierigkeiten hatten sie zu kämpfen! Von dem Gesichtspunkt ausgehend, dass ihre Tochter früher oder später doch in eine andere Familie eintreten werde, wollten die Ellern nur in den allerseltensten Fällen etwas für sie tun und brachten den Missionaren nur Misstrauen entgegen. Aber die zähe Ausdauer der Missionare ist belohnt worden. Das frühere Misstrauen schwindet mehr und mehr, dafür aber ist der Zulauf zu den Missionsschulen ein so starker, dass die Schülerinnen oft nicht beherbergt werden können.

Die chinesische Regierung hat endlich die Notwendigkeit einer planmässiget Mädchenerziehung erkannt, und es ist entschieden ein grosser Fortschritt, dass sie der Lösung der Mädchenschulfrage nähergetreten ist.Wünschenswert wäre, dass sie sich einerseits die Erfahrungen der Missionen hierbei zunutze macht, andererseits aber auch, dass letztere soviel Selbstlosigkeit bezeigen möchten, um die Regierung in jeder Weise zu unterstützen, damit eine gedeihliche gemeinschaftliche Arbeit den weiblichen Bewohnern Chinas zum Segen gereichen kann.

Winkler.

Weiteres aus der Reihe „Kolonie und Heimat“
Eine Straussenfarm in Deutschland
Wie der Neger in Togo wohnt
Deutsche Diamanten
Zur Frauenfrage in den deutschen Kolonien und andere Bekanntmachungen
Die Landesvermessung in Südwestafrika
Bilder aus dem Norden von Deutsch-Südwest: Namutoni
Koloniale Neuigkeiten
Deutschland, England und Belgien in Zentralafrika
Das Deutsche Institut für ärztlich Missionen in Tübingen
Bilder von der afrikanischen Schutztruppe
Die Kolonien in der Kunst
Der Handelsagent in Deutsch-Afrika
Bierbrauerei der Eingeborenen in Afrika
Samoanische Dorfjungfrau
Losso-Krieger aus dem Norden von Togo
Allerlei aus dem Leben des Togonegers
Ostafrikanisches Obst
Ostafrikanische Küstenbilder
Tabakbau und Tabakverarbeitung in Havanna
Die französische Fremdenlegion
Kamerun : Totentanz der Küstenneger
Ein Rasseproblem
Blick in eine Wanjamwesi-Siedlung bei Daressalam
Der Botanische Garten zu Berlin als Zentralstelle für koloniale Landwirtschaft
Die Kirchen in Daressalam
Das Meer und seine Bewohner : Seevögel
Sie riss das Gewehr an die Backe, zielte einen Augenblick und schoss . . .
Wie man in Afrika in der Regenzeit reist
Auf den Diamantenfeldern von Lüderitzbucht
Die Diamanten-Regie des südwestafrikanischen Schutzgebiets in Berlin
Bilder aus der ostafrikanischen Vogelwelt
Vom Deutschtum im Ausland (Chile)
Medizintanz der Baias in Kamerun
Hamburg als Hafenstadt
An der Trasse der Bagdadbahn
Die Baumwollfrage
Die Mischehen unter fremden Rassen
Das Haar
Deutsches Leben in Deutsch-Südwest Afrika
Unteroffiziere der Schutztruppe in Südwest-Afrika feiern Weihnachten
Wenn der Buschneger den ersten Weissen sieht …
Berittene Spielleute des Sultans Sanda von Dikoa
Ein Morgenpirschgang in Ostafrika
Die Kilimandjaro-Bahn
Die Aufgaben der deutschen Frau in Deutsch-Südwestafrika
Kolonie und Heimat : Rückblick und Ausblick
Prosit Neujahr!
Wie die Ponapeleute entwaffnet wurden
Goldgewinnung an der Goldküste
Eingeborenen-Bilder aus Kamerun : Die Wute
Wie schafft man sich gesundes Blut?
Bilder aus der Tierwelt Südafrikas
Totengebräuche auf den Salomons-Inseln
Fünfundzwanzig Jahre Deutsch-Ostafrika
Eine Reise durch die deutschen Kolonien
Neues aus dem Innern von Neu-Guinea
Der Nord-Ostsee-Kanal
Bilder aus der Kameruner Vogelwelt
Die landwirtschaftliche Ausstellung in Keetmanshoop
Herero-Mann Deutsch-Südwestafrika
Die Straussenzucht in Südwestafrika
Kolonie und Heimat erscheint von jetzt an wöchentlich.
Die deutsche Frau in der Südsee
Die Ölpalme

One Comment

  1. […] Weiteres aus der Reihe „Kolonie und Heimat“ Eine Straussenfarm in Deutschland Wie der Neger in Togo wohnt Deutsche Diamanten Zur Frauenfrage in den deutschen Kolonien und andere Bekanntmachungen Die Landesvermessung in Südwestafrika Bilder aus dem Norden von Deutsch-Südwest: Namutoni Koloniale Neuigkeiten Deutschland, England und Belgien in Zentralafrika Das Deutsche Institut für ärztlich Missionen in Tübingen Bilder von der afrikanischen Schutztruppe Die Kolonien in der Kunst Der Handelsagent in Deutsch-Afrika Bierbrauerei der Eingeborenen in Afrika Samoanische Dorfjungfrau Losso-Krieger aus dem Norden von Togo Allerlei aus dem Leben des Togonegers Ostafrikanisches Obst Ostafrikanische Küstenbilder Tabakbau und Tabakverarbeitung in Havanna Die französische Fremdenlegion Kamerun : Totentanz der Küstenneger Ein Rasseproblem Blick in eine Wanjamwesi-Siedlung bei Daressalam Der Botanische Garten zu Berlin als Zentralstelle für koloniale Landwirtschaft Die Kirchen in Daressalam Das Meer und seine Bewohner : Seevögel Sie riss das Gewehr an die Backe, zielte einen Augenblick und schoss . . . Wie man in Afrika in der Regenzeit reist Auf den Diamantenfeldern von Lüderitzbucht Die Diamanten-Regie des südwestafrikanischen Schutzgebiets in Berlin Bilder aus der ostafrikanischen Vogelwelt Vom Deutschtum im Ausland (Chile) Medizintanz der Baias in Kamerun Hamburg als Hafenstadt An der Trasse der Bagdadbahn Die Baumwollfrage Die Mischehen unter fremden Rassen Das Haar Deutsches Leben in Deutsch-Südwest Afrika Unteroffiziere der Schutztruppe in Südwest-Afrika feiern Weihnachten Wenn der Buschneger den ersten Weissen sieht … Berittene Spielleute des Sultans Sanda von Dikoa Ein Morgenpirschgang in Ostafrika Die Kilimandjaro-Bahn Die Aufgaben der deutschen Frau in Deutsch-Südwestafrika Kolonie und Heimat : Rückblick und Ausblick Prosit Neujahr! Wie die Ponapeleute entwaffnet wurden Goldgewinnung an der Goldküste Eingeborenen-Bilder aus Kamerun : Die Wute Wie schafft man sich gesundes Blut? Bilder aus der Tierwelt Südafrikas Totengebräuche auf den Salomons-Inseln Fünfundzwanzig Jahre Deutsch-Ostafrika Eine Reise durch die deutschen Kolonien Neues aus dem Innern von Neu-Guinea Der Nord-Ostsee-Kanal Bilder aus der Kameruner Vogelwelt Die landwirtschaftliche Ausstellung in Keetmanshoop Herero-Mann Deutsch-Südwestafrika Die Straussenzucht in Südwestafrika Kolonie und Heimat erscheint von jetzt an wöchentlich. Die deutsche Frau in der Südsee Die Ölpalme Frauenerziehung in China […]

    3. Oktober 2016

Comments are closed.