Friedrich der Große und Voltaire

Friedrich der Große und die Musik Friedrich der Grosse als Volkswirt Friedrich II. (Preußen)-Der Alte Fritz Friedrich der Grosse als Kronprinz Friedrich der Grosse, eine Einleitung


Friedrich der Große sah in fast allen Dingen das Wesentliche, das machte ihn groß. Als junger Mann schon suchte er sich ein klares Bild von der Welt zu machen, das „Welträtsel“ zu lösen. Seit Deutschlands Kultur aber durch den Dreißigjährigen Krieg zu Tode getroffen, hatte es die geistige Führung Europas verloren, England und Frankreich, jedes national geeint, politisch mächtig, waren damals die geistigen Führer: englische Naturforscher, französische Philosophen begründeten die Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts. Voltaire aber, der Locke und Newton in Frankreich bekannt gemacht, Voltaire, der englische und französische Kultur vereinte, Voltaire, der umfassendste und klarste Geist, den Frankreich hervorgebracht, Voltaire war der erste Fackelträger seiner Zeit.

Am 8. August 1736 schrieb Friedrich ihm zum erstenmal. Er war damals noch Kronprinz von Preußen, jedoch durch seine leidvolle Jugend ein in Europa schon bekannter Mann. Er machte auch französische Verse, beherrschte sein lebelang die französische Schriftsprache weit besser als die deutsche und nahte sich Voltaire als Schüler — in der Philosophie, der Poesie und dem Allgemeinwohl. Er betont, daß Voltaire der Fackel der Wahrheit folgt, um der Allgemeinheit zu dienen, und unterzeichnet „votre affectionné ami Fédérie“.

An jenem 8. August traten zwei der bedeutendsten Menschen, zwei der größten Arbeiter, zwei der gewaltigsten Diener der Menschheit in Berührung. Es ist ein großer Gedenktag.

Seitdem begann ein reger Briefwechsel zwischen Rheinsberg, wo Friedrich, und Schloß Cirey, wo Voltaire bei der Marquise du Chátelet lebte, Hauptgegenstand der Briefe bilden philosophische Fragen. Beide waren Deisten, sie glaubten beide an einen Gott, der ihnen logisch und moralisch gleich unentbehrlich schien; beide waren überzeugt, daß der Mensch mit seinen menschlichen Kräften Gott nur ahnen, nicht aber erkennen kann; beide waren daher Gegner des starren Dogmas, einer unduldsamen Kirche und verlangten, daß die Menschen, die das Welträtsel ja doch nicht endgültig lösen können, sich gegenseitig in der Verschiedenheit ihrer Lösungen dulden, sie forderten die Toleranz oder, wie Friedrich es später ausdrückte, daß jeder nach seiner Fasson selig werden könne.

Friedrich war der sehr viel Jüngere, er zählte vierundzwanzig Jahre, Voltaire zweiundvierzig; an Geistesschärfe war Friedrich ihm aber gewachsen, ja, überlegen, bekehrte er doch Voltaire mit der Zeit zum folgerichtigen Determinismus. Sehr bald wünschte Friedrich, Voltaire zu besitzen, ihn bei sich zu sehen, sei es zu Besuch, sei es auf die Dauer, und er hat dieses Ziel mit der ihm eigenen Zähigkeit verfolgt und auch erreicht. Ein Haupthindernis auf seinem Wege war Voltaires Freundschaft mit der Marquise du Chätelet. In diesem Punkt haben Voltaire und Friedrich sich nie verstanden, denn hier waren sie wesensverschieden. Voltaire — darin Goethe gleich — bedurfte weiblichen Einflusses zu seiner Entfaltung, er ist sogar einer der wenigen Großen, die geistig bedeutende Frauen zum innigsten Verkehr suchten; Friedrich hat dieser Ergänzung völlig entbehrt, diese Seite gar nicht entwickelt. Hier ist Voltaire der Reiche, Warme, Friedrich der Kühle, Dürftige. Er suchte daher Voltaire auf jede Weise von der Freundin zu trennen, Voltaire aber, der als Charakter so viel Geschmähte, blieb unerschütterlich fest, Treue in der Freundschaft, auch der Frau gegenüber, war ein philosophischer Grundsatz, der dem frühreifen Knaben schon in der Socióte du Temple eingeprägt worden war.

Unter den schwierigsten Umständen hielt Voltaire an der Marquise fest, der Tod nur konnte ihn von ihr scheiden. Friedrich, der seine Gemahlin (sie waren freilich „verheiratet worden“) ganz in kühle Ferne schob, hat diese unverbrüchliche Treue nie begriffen.

Der Kronprinz von Preußen freilich — was konnte er Voltaire bieten? Er war in der Hand seines Vaters, der Frankreich doch nur als ein mit Bibel und Stock um sich schlagender Barbar erschien. Was sollte Voltaire in dem wilden, kalten Preußen? Da war es leichter, wird man sagen, bei der Marquise in dem angenehmen Cirey, dem zivilisierten Frankreich bleiben.

Friedrich aber wurde schon im Juli 1740 König von Preußen, das änderte die ganze Lage, und einem praktischen Philosophen wie Voltaire, einem Philosophen, der seine Lehre gern in die Tat umsetzte, mußte selbst ein so kleines und entferntes Land wie damals Preußen als eine unschätzbare Versuchsstation für Aufklärung und Toleranz erscheinen.

Auf der ersten Besuchsreise durch seine weitverstreuten, zerrissenen Lande traf Friedrich sich mit dem verehrten, bewunderten Lehrer; es war am 11. September 1740 im Schloß Moyland bei Kleve. Ein unwirtliches Schloß; Friedrich lag fiebernd auf dem Bett, von einer dürftigen Kerze erhellt — da trafen sich die beiden Genies und bezauberten einander. Im November 1740 besuchte Voltaire den König dann zum erstenmal in Berlin, im August 1743 kam er ein zweites Mal und dann erst am 18. Juni 1750 wieder, damals aber zu ständigem Aufenthalt bei seinem Freunde Fédéric.

Jedesmal hatten beide Männer sich an ihrer Unterhaltung, ihrer geistigen Bedeutung entzückt; jedesmal wurde Voltaire mit Geschenken und Ehren überhäuft; jedesmal hatte Friedrich versucht, ihm die Rückkehr nach Frankreich abzuschneiden; jedesmal Voltaire, mit Friedrich diplomatische Verhandlungen zu pflegen. In beiden letzten Punkten hatten beide gleichen Mißerfolg.

Von 1744 bis 1747 waren Friedrichs Aussichten, Voltaire für sich zu gewinnen, am geringsten, denn in jener Zeit schien sich der französische Hof Voltaire zuzuneigen. Er wurde Gentilhomme de la Chambre du Roi, Hofhistoriograph, besaß die Gunst der Marquise Pompadour und übte Elinfluß auf den König von Frankreich, das mußte ihn ja noch weit mehr locken, als den König von Preußen philosophisch zu beraten.

Um ihn von Frankreich zu lösen, dazu bedurfte es herbster Enttäuschungen am französischen Hofe, der Überzeugung, daß er hier stets als ein gefährlicher Mann gelten werde, und es bedurfte dazu auch des Todes der Marquise (1749).

In den Grundfesten seines Wesens und Lebens erschüttert, begab er sich am 18. Juni 1750 zu Friedrich nach Berlin.

Der große Mann braucht überall viel Boden, sagt Lessing, viele, zu nah gepflanzt, zerschlagen sich nur die Äste. Dieses weise Wort gilt von Voltaire und Friedrich in Berlin, Potsdam und Sanssouci (1750 bis 1753). In der Umgebung des Königs fand Voltaire viele Landsleute, er kam als der Größte und erregte Neid und Mißgunst; er war selbst hochbedeutend, aber auch sehr eitel und verletzlich; trotz seiner sechsundfünfzig Jahre steckte er voller Streiche und Teufeleien, sei es auch nur, um sich durch die Übermacht seines Witzes gegen die Übermacht des Königs zu verteidigen, den er in seinem Freunde Federic nun kennen lernte, und die jener ins Treffen führte, weil er der Fehden, Bänke, Bosheiten seiner Schöngeister und Philosophen nicht anders Herr zu werden wußte.

Nein, sie ist nicht erbaulich, diese Zeit der räumlichen Nähe Voltaires und Friedrichs. Beide sind sie menschlich, allzu menschlich, beide zeigen sie ihre kleinen Seiten, und Voltaire, früher der hochverehrte, bewunderte Lehrer und Führer, der aber unerlaubte Geldgeschäfte trieb und unerlaubte Satiren veröffentlichte, mußte sich von dem einstigen Jünger auf die Finger klopfen lassen wie ein ertappter Schulbube. Das war unerträglich. So taten sie das einzig Richtige, sie trennten sich, eine Form huldvoller Entlassung ward gefunden, und Voltaire reiste der französischen Grenze zu.

Er war gegen Friedrich sehr aufgebracht; als dieser ihm in Frankfurt nun noch seine Oeuvres de Poesie abfordern ließ, brach Voltaire, durch rohe Behandlung gereizt, in wütenden Zorn aus. Die Freundschaft zwischen beiden schien völlig zerbrochen, und der Briefwechsel schweigt auf lange Zeit.

Aber — sie hatten einander doch einmal liebgehabt, sie wußten im Grunde doch immer, welch zwei gewaltige Kerle sie waren, und in den Stürmen des Siebenjährigen Krieges, als Friedrich entschlossen ist, an der Spitze seiner Truppen zu sterben, schreibt ihm Voltaire: „Wer nur ein König ist, mag den Verlust seiner Staaten als großes Unglück empfinden, ein Philosoph aber bedarf keiner Staaten.“ .

Friedrich antwortet:

„Je dois, en affrontant l’orage Penser, vivre et mourir en roi.“

So waren sie wohl verschiedener Meinung, aber sie standen seitdem wieder in Freundschaft zueinander, jeder ein siegreicher Herrscher auf eigenem Grund, jeder ein Fürst des Geistes, jeder ein großer Arbeiter, ein unermüdlicher Diener der Menschheit. An allen geistigen Großtaten des greisen Voltaire, an allen ihm bereiteten Ehrungen nahm Friedrich Anteil, sie bleiben im Verkehr, bis Voltaire 1778 seine Augen schließt, sie haben allen Groll vergessen: es sind versöhnte Schatten, die uns in Sanssouci begegnen. Und wie sie sich in der ihnen nötigen Entfernung Gerechtigkeit erweisen, so soll auch die Nachwelt beiden mit Ehrfurcht nahen: selbst ihre Zwistigkeiten sind noch lehrreich und originell; vorbildlich aber sind sie in ihrer Klarheit, Arbeit, öffentlichen Dienstbarkeit. Sie waren beide große Diener einer großen Pflicht.

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal
Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen
Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.
Die Not ruft den Erneuerungs willen des Volkes wach.
Martin Luther, der Reformator.
Volkskämpfe im Schatten der Reformation.
Der Kampf deutscher Fürsten gegen Kaiser und Papst.
Glaubenskämpfe in anderen Ländern Europas.
Am Glaubensstreit geht das Reich zugrunde.
Der Dreißigjährige Krieg (1618—1648).
Randstaaten werden Weltmächte.
Ein neues Deutschland ersteht.
Um die Herrschaft über Europa und die Welt.
Wiedergeburt und Befreiung des deutschen Volkes.
Das deutsche Volk will die Einheit.
Bismarck errichtet das neue Reich.
Das Reich unter Kaiser Wilhelm II.
Im Weltkrieg unbesiegt.
Die Schmach von Versailles und die Republik.

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